Ich werde arbeiten bis zum Umfallen

Protokoll

Martha Paulke hat seit 32 Jahren einen eigenen Kosmetiksalon in Berlin. Sie arbeitet zehn Stunden am Tag - auf eine auskömmliche Rente kann sie trotzdem nicht hoffen.

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Der Avocado-Kosmetiksalon im Prenzlauer Berg, Berlin.

Ich arbeite von morgens bis abends, manchmal 10 Stunden am Tag, und das seit fast 40 Jahren. Ich bin 65 Jahre alt, in zwei Jahren könnte ich in Rente gehen, aber daran denke ich nicht. Denn von der Rente, die ich bekomme, kann ich nicht leben. Als Selbstständige konnte ich nie genug in die Rentenkasse einzahlen und auch nicht privat sparen. Ich werde also bis zum Umfallen in meinem Kosmetikstudio in Berlin arbeiten müssen.

Aber ich habe Glück: Ich arbeite gerne und ich kann mich einschränken, ich brauche nicht viel zum Leben, schon gar keinen Luxus. Das liegt vielleicht auch mit daran, dass ich aus dem Osten komme. Ich bin in Berlin-Pankow geboren, meine Eltern waren – wie die meisten Menschen in der DDR – nicht vermögend. Aber sie haben mir vorgelebt, dass man sich durchbeißen muss und das auch kann, wenn man es will oder dazu gezwungen ist. Sie haben mir beigebracht, dass ein Leben ohne Reichtum reich sein kann, mit Freunden, mit Kindern, mit einer Arbeit, die Spaß macht. Und sie haben mich gelehrt, dass man flexibel sein muss, um nicht unterzugehen.

Aufbruch nach dem Mauerfall 1990

Als die Mauer fiel, hatte ich schon einen Teil meines Erwachsenenlebens hinter mir und war einigermaßen krisenerprobt. So hatte ich in den 80er Jahren mein Pädagogikstudium abgebrochen, weil ich merkte, dass ich das, was später als Lehrerin politisch von mir verlangt wurde, nicht leisten konnte. Ich hätte jeden Tag lügen müssen, und das wollte ich nicht. So bin ich Kosmetikerin geworden. Bis zur Wende habe ich in einem großen staatlichen Kosmetik-Betrieb gearbeitet und schon wenige Monate nach dem Mauerfall eine kleine Drogerie in einem Ostberliner Kiez übernommen.

Das fand ich großartig, jetzt konnte ich das verkaufen, wonach ich mich als Ostfrau immer gesehnt hatte: Kosmetik, die nicht schlecht und billig war, so wie in der DDR. Allerdings merkte ich schnell, dass die Nivea-Creme im Einkauf teurer war als im Verkauf. Ich konnte sie aber nicht teurer machen, weil es im Kiez im Handumdrehen Billigdiscounter gab, in denen sämtliche Artikel viel billiger waren als bei mir. Die Leute im Osten haben nach der Einführung der D-Mark genau darauf geschaut, wie teuer etwas ist.

Ich musste mir etwas Neues einfallen lassen, flexibel sein – und machte aus der Drogerie kurzerhand einen Jeans-Laden. Bis auch der nicht mehr lief und ich meinen Kosmetiksalon direkt gegenüber eröffnete.

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Martha Paulke in ihrem Salon im Berliner Prenzlauer Berg, Berlin.

Das ist der Laden, den ich seit 32 Jahren bis heute betreibe. Er hält sich am längsten hier im Kiez, in allen anderen Geschäften gab es mindestens einen Inhaberwechsel, in den meisten aber viel mehr. Aus einem Blumenladen wurde ein Café, aus einer Postfiliale ein Keramikgeschäft, aus einem Restaurant ein Zahnarzt.

Heute läuft mein Salon, man kennt mich hier, mittlerweile kommen die Kundinnen und Kunden auch aus anderen Bezirken her. Der Anfang allerdings war sehr, sehr schwer. Nicht nur, dass ich den Laden vom Boden bis zur Decke ausbauen musste, ich musste alles komplett selber finanzieren, ohne Kredit. Für einen Kredit war ich weder solvent genug noch hatte ich irgendwelche Sicherheiten. Als ich das erste Mal den Laden im Erdgeschoss betrat, war es nur ein großer Raum mit einem riesigen Loch im Boden, das direkt in den Kohlenkeller darunter führte, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Aber ich dachte: Das ist deine Chance, die musst du nutzen! Ich habe Wände eingezogen, eine Heizung eingebaut, tapeziert, den Laden eingerichtet. Immer nach und nach, mit dem Geld, das ich gerade hatte. Als der Laden nach Monaten endlich fertig ausgebaut und eingerichtet war, musste das Geschäft aber auch erst einmal anlaufen. Das war die nächste Hürde. Manchmal hatte ich nur eine Kundin am Tag, wenn ich Glück hatte, zwei oder drei. Um Miete, Strom und Gas bezahlen zu können, habe ich zweimal die Woche abends in einer Arztpraxis geholfen: putzen, aufräumen, Bürokram.

Selbständig, zwei Kinder, Sorge-Arbeit

Nebenbei habe ich zwei Kinder großgezogen. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen: Habe ich genügend Zeit für sie? Aber die Sorgen waren unbegründet, wie ich heute ruhigen Gewissens sagen kann. Aus meinen Söhnen sind nicht nur großartige junge Männer geworden, sondern auch solche, die ihr Leben mit eigenen Unternehmen im Griff haben. Sie haben eigene Familien, ich bin zweifache Großmutter.

Nebenbei habe ich auch Lehrlinge ausgebildet. Drei junge Frauen haben bei mir das Praktikum ihrer Kosmetikausbildung geleistet, eine von ihnen hat danach sogar eine Zeitlang bei mir gearbeitet. Mittlerweile hat sie ihr eigenes Kosmetikstudio. Bevor ich die Möglichkeit hatte, eine Kollegin zu bezahlen, war ich immer allein im Laden, jeden Tag zehn Stunden. Neben den kosmetischen Anwendungen – von Augenbrauenzupfen über Fußpflege bis hin zu Massagen – musste ich noch die Buchhaltung machen, putzen, die Geräte desinfizieren. Morgens bin ich mit dem Auto in den Großmarkt gefahren, um Kosmetik und Putzmittel einzukaufen.

Bis heute biete ich meine Dienste für weniger Geld an als andere Kosmetikstudios. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, mehr zu nehmen. Denn viele meiner Kundinnen sind selbst Alleinerziehende und Alleinverdienerinnen oder Solo-Selbstständige, die haben auch nicht viel. Ich weiß ja, wie es ist, hart zu arbeiten und mit wenig Geld auskommen zu müssen. Das habe ich jeden Tag im Kopf, und das vergesse ich schon gar nicht, wenn ich behandle.

Ich vermute, dass es einem Großteil meiner Kundinnen am Ende ihres Lebens genauso geht wie mir: Sie werden arbeiten müssen, bis es tatsächlich nicht mehr geht.

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Dieser Artikel erschien zuerst hier: www.boell.de