Kollektive Feministische Führung: Wie man sich das “ich, ich, ich” abgewöhnt

Wenn Worte zu Modewörtern werden, sollten wir uns fragen, ob der Status quo etwas vereinnahmt, das darauf abzielt, den Status quo zu verändern. Dieser Artikel ist ein Versuch, feministische Führung in dem zu verankern, was die Autorin(nen) als ihre Essenz ansehen: transformative kollektive Macht für das Gemeinwohl der gesamten Natur. Diese kollektive Ausarbeitung ist nur möglich dank der vielfältigen, tiefgreifenden Erfahrungen, Kämpfe, Weisheiten, Kenntnisse, Analysen und Visionen, die aus der Praxis, den Dokumentationen und Dialogen von Gruppen, Organisationen, Bewegungen und kollektiven Räumen auf der ganzen Welt hervorgehen.

Lesedauer: 11 Minuten

Der Status Quo und Kooptation

Um zu den strukturellen Wurzeln des Mainstream-Führungsparadigmas und -narrativs vorzudringen, müssen wir das Gesamtbild betrachten: die gegenwärtige hegemoniale, westlich dominierte Gesellschaft, die auf einem (neo-)kolonialen kapitalistischen und neoliberalen patriarchalen System basiert, das alle Formen von Diskriminierung, Gewalt, Unterdrückung und Dominanz umfasst. Dieses hegemoniale System strebt danach, das gesamte Weltsystem zu beherrschen, und ein Kernaspekt dieses Systems dreht sich um Individualismus und Wettbewerb.

Lasst uns zunächst feststellen, was feministische Führung nicht ist: Es geht weder darum, dass Frauen Firmenbosse werden, noch um starke inspirierende Führer*innen, die den Wandel anführen oder vorantreiben; es geht auch nicht darum, Charisma zu zeigen, und es geht nicht nur um Frauen.

Das Schwierigste an der Diskussion über feministische Führung im Mainstream und in institutionellen Narrationen ist das Risiko, dass sie auf eine individualistische, neoliberale Weise formuliert wird. Wir argumentieren, dass das Wesen feministischer Führung - wobei Führung als die Fähigkeit verstanden wird, Veränderungen zu bewirken - der kollektive Aspekt ist. Es geht um kollektive, transformative Macht und Ko-Kreation - nicht um ein nettes "Add-on" zur patriarchalen Form von Führung und Macht, die weithin vorherrscht. Und, was sehr wichtig ist, es sollte nicht nur mit Frauen als Führungspersönlichkeiten übersetzt werden - bei feministischer Führung geht es um jeden, und insbesondere um Identitäten, die strukturell marginalisiert und unterdrückt wurden, die eine Schlüsselrolle bei der Mitgestaltung spielen.

“Eine transformative feministische Führung erkennt die Führungskapazitäten jedes Einzelnen in einem Veränderungsprozess an, denn Führung bedeutet, sich für diesen größeren Wandel zu engagieren, die Verantwortung dafür zu übernehmen und auf eigene Weise dazu beizutragen". Wenn man Feministische Führung in einen individualistischen Rahmen einbettet, der typisch für das neoliberale patriarchalische System, die Strukturen und das Narrativ ist, entzieht man ihr ihre transformative Kraft.

Das wollen wir nicht zulassen! Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir Geschichten über feministische Führung stärken um diese Kooptation zu vermeiden, denn für uns gilt: Feministische Führung = Kollektive Feministische Führung.

Bei feministischer Führung geht es um den Aufbau kollektiver Führung und Macht, so dass es keine Dynamik von Anführer*in/Anhänger*in, Protagonist*in/Zuschauer*in, Heldenpolitiker*in/Wähler*in usw. gibt. Dieses Paradigma des "Prominenten/Helden/Inspirationsführers" muss angegangen werden, da es einer feministischen Zukunftsvision zutiefst zuwiderläuft.

“Führung” ist an sich schon ein heikles Wort. Das gilt auch für “Macht”. Wir haben uns bewusst für diese Worte entschieden, da sie weithin verwendet und instrumentalisiert werden, und wir sehen in der kollektiven feministischen Führung ein Instrument, um ihre Bedeutung und Praxis zu verändern.

Wenn eine Sache versucht, den Status Quo radikal zu verändern, so riskiert es, vom Status Quo kooptiert zu werden. Und wenn etwas radikal transformativ ist, erfordert es einen tiefen, inneren Wandel, kollektives Umdenken, und kollektive Verantwortung und Ausdauer. Dieser Wandel beginnt im Inneren, indem wir an uns selbst arbeiten; Sie entwickelt sich im gemeinschaftlichen Lernen und in der gemeinschaftlichen feministischen Führungspraxis innerhalb feministischer Räume und innerhalb existierender Strukturen, wodurch sich die Art und Weise, wie Führung ausgeübt und wahrgenommen wird, verändert; und sie setzt sich darin fort, Strukturen dahingehend zu verändern, dass sie für eine kollektive feministische Führungsvision und für die Aufrechterhaltung ihrer Praxis geeignet sind, die auf einer tiefen Ebene der Organisation, des Vertrauens, der kollektiven Verantwortlichkeit und der kollektiven Fürsorge beruht.

Warum wir kollektive feministische Führung brauchen

Die gegenwärtige Krise von Demokratien steht in Zusammenhang mit der Ausbreitung polarisierender Politik, personenbezogener und egozentrischer politischer Führung und zentralistischer Macht, sowie die Entstehung nationaler, populistischer und anti-feministischer organisierter Mobilisierungen. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit starker, nachhaltiger, dezentralisierter und widerstandsfähiger sozialer Bewegungen immer deutlicher. Dezentralisierung ist nicht nur für kollektive Ermächtigung, Rechenschaftspflicht und Zusammenarbeit notwendig, sondern auch, um kollektiven Schutz angesichts zunehmender Gegenreaktionen und polarisierter Gesellschaften zu gewährleisten.

Wir sind der Meinung, dass die bestehenden dominanten demokratischen Regierungssysteme in solche umgewandelt werden müssen, die sich auf kollektiv, pluralistisch und dezentral organisierte Gemeinschaften zum Wohle der gesamten Natur konzentrieren, und ein zentraler Aspekt dafür ist kollektive feministische Führung. Wir müssen also die Bedeutung, die Praxis und das Narrativ der Macht verändern. Wir müssen das “Wir” aufbauen.

Um es mit Audre Lorde zu sagen: Wir können die "neue" Welt nicht mit den derzeitigen Mitteln des Systems von Wettbewerb und Unterdrückung aufbauen. Wir können uns nicht von egozentrischen "politischen Führern" zum Wandel inspirieren lassen; der Wandel muss von "unten" kommen, von der Basis, von dem, was und wie wir lernen, von der Schaffung kollektiver Geschichten des Wandels und der Transformation. Aus der "inoffiziellen" Geschichte wissen wir, dass transformative systemische Veränderungen auf diese Weise geschehen - durch Bewegungen, kollektive Arbeit, langfristige, nachhaltige Arbeit durch kleine Zusammenschlüsse, aber die Mainstream-Narrative macht das immer wieder zunichte, und uns werden immer wieder "Idole", "Ikonen" und "die breite Masse" vorgehalten.

Wir müssen die grundlegende Bedeutung unserer kollektiven Macht, Verantwortlichkeit, Vernetzung, gegenseitige Abhängigkeit und kollektiven Fürsorge wieder in den Vordergrund rücken und gemeinsam Strukturen und Narrative aufbauen, die andere ermutigen, Verantwortung zu übernehmen und sich verschiedenen kollektive Räumen anzuschließen. Wir müssen uns radikal und strukturell von dem systemischen neoliberalen Führungsnarrativ lösen und heilen, das festlegt, wer oder was Wert hat, was Erfolg ist und wer Erfolg hat, so wie es von den dominanten Medien und insbesondere den sozialen Medien erzeugt und aufrechterhalten wird.

Das bedeutet auch, dass wir uns vom neoliberalen Narrativ des persönlichen Erfolgs lösen müssen, von den Maßstäben, die uns direkt oder indirekt unter Druck setzen, der Jüngste, der Mutigste, der Erste usw. zu sein. In diesem egozentrischen Belohnungssystem (basierend auf Ego, Knappheit, Anerkennung, (sichtbare und unsichtbare) Erwartungen an das Individuum und Selbstverwirklichung) wird das Individuum in den Vordergrund gestellt und anerkannt; nicht die Wirkung, nicht die Sache, sondern die Person. Dieses Narrativ erzeugt und erhält Dominanz, Wettbewerb und Unterdrückung aufrecht - all das, was wir als Feminist*innen gemeinsam abbauen müssen.

Um dieses System zu überwinden, schafft kollektive feministische Führung eine andere "Art und Weise"; die Bedeutung, Strukturen und Prozesse rund um Führung und Macht, die auf anderen Prinzipien basieren - feministischen Prinzipien.

Wie wir kollektive feministische Führung aufrechterhalten können

Der Aufbau einer kollektiven feministischen Führung bedeutet nicht, dass die individuelle Machtausübung, Rechenschaftspflicht und Verantwortung ignoriert wird, ganz im Gegenteil. Eine der Schlüsselelemente der kollektiven feministischen Führung ist die Entwicklung von gegenseitigem Vertrauen und Transparenz sowie ein gewisses Maß an Koordination und Organisation. Kollektive feministische Führung bedeutet nicht, dass es an Struktur mangelt. Um sie in der Praxis aufrechtzuerhalten, liegt der Schwerpunkt auf der kollektiven Verantwortung und Rechenschaftspflicht, die Widerstandsfähigkeit zu stärken, und jeder übernimmt eine bestimmte Rolle, die seiner Energie, Talenten und Leidenschaften entspricht. Die Rollen sind klar aufgeteilt und miteinander verbunden, es gibt Entscheidungshilfen und -prozesse, ein Gleichgewicht zwischen der Verantwortlichkeit gegenüber dem Auftrag/Ziel/Gemeinwohl und der kollektiven Förderung, sowie einen Anspruch auf radikale Ehrlichkeit, um Konflikte anzusprechen und zu lösen.

Kollektive feministische Führung ist unerlässlich, um gemeinsam eine feministische Zukunft zum Wohle der gesamten Natur aufzubauen. Wenn wir alle kollektiv auf feministische Weise führen, bildet dies die Grundlage für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung, Gewalt und Diskriminierung. Es wäre naiv zu behaupten, dass man ganz frei von ungleichen und unterdrückerischen Machtdynamiken wäre, aber die gemeinsame Rechenschaftspflicht und Maßnahmen, um diese in Grenzen zu halten und zu thematisieren, sind der Kern. Es bedarf beharrlicher und kontinuierlicher Arbeit, um andere Umgangsformen zu verankern - durch die wir das hegemoniale Paradigma abbauen können - und uns als Wesen wahrzunehmen, die Teil eines Kollektivs sind. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass wir gemeinsam feministische Räume schaffen, die diese Praxis unterstützen können.

Wir müssen uns vor Augen halten, dass dies nichts Neues ist; Diese Art der Organisation wurde bereits auf der ganzen Welt auf vielfältige Weise praktiziert, insbesondere in Bewegungen und Gemeinschaften. Es geht darum, zu lernen, teilen, sich anzupassen, aufzubauen, mitzugestalten und Praktiken zu verbinden und darum, Wege zu finden, durch die wir unsere unterschiedlichen Kontexte in Bezug zueinander setzen können. Es ist keine abstrakte Theorie, die umgesetzt, angekündigt oder benannt wird. Es ist eine "Art und Weise”, die in der Praxis verwurzelt ist.

Radikales Lernen von der ganzen Natur

Uns allen wurde bestimmt auf die eine oder andere Weise gesagt, dass diese Vision nicht aufgehen kann, oder? Den Skeptikern sollte es genügen zu sagen, dass das derzeitige hegemoniale individualistische Führungsparadigma von Menschen konstruiert und in ein Status quo eingebettet wurde, und alles, was einmal aufgebaut wurde, kann auch transformiert werden! Es erfordert viel Mut und Bescheidenheit, und die Lehren aus vorkapitalistischen Gemeinschaften, indigenen Gemeinschaften, transformativen Bewegungen, dezentralisierten Gruppen, selbstorganisierten und selbstverwalteten Gemeinschaften, Bewegungen aus vielen verschiedenen Kontexten weltweit und anderen Lebewesen in der Natur sind so umfangreich und vielfältig, dass wir einfach nur unsere Herzen öffnen und uns selbst herausfordern müssen, um zu lernen und Gelerntes zu teilen, ohne zu dominieren, auszugrenzen oder zu kooptieren.

Es ist möglich, und es ist in verschiedenen Kontexten, mit verschiedenen Herangehensweisen und Erfahrungen bereits umgesetzt worden. Wir können so viel von anderen Lebewesen in der Natur lernen. Zugvögel sind ein gutes Beispiel, wie wir in dem Buch Emergent Strategy von Adrienne Maree Brown erfahren: "Der Formationsflug der Stare besteht aus einem Schwarm, der sich synchron zueinander bewegt, klare, konsistente Kommunikation betreibt und kollektive Führung und ein tiefes, tiefes Vertrauen an den Tag legt. Jeder einzelne Vogel richtet seine Aufmerksamkeit auf seine sieben engsten Nachbarn und sorgt so für den Zusammenhalt und die Synchronität eines größeren Schwarms (manchmal mehr als eine Million Vögel)." -Sierra Pickett.

"In der Natur arbeitet alles zusammen. Es gibt Kolibris und Blumen, die so gut aufeinander abgestimmt sind, dass sie einander zum Überleben brauchen. Wie dynamisch, lebendig und erfolgreich könnte unsere Bewegung sein, wenn wir uns so koordiniert und kollektiv aufbauen würden?" -Karissa Lewis

Wir lernen von anderen Lebewesen in der Natur, wie sie sich organisieren und kollektiv gedeihen, wobei Lebewesen, die von einem einzelnen Anführer geleitet werden und in wettbewerbsorientierten und individualistischen Machtstrukturen organisiert sind - einschließlich des Menschen - zunehmend ums Überleben kämpfen. Die Art und Weise, wie wir die hegemoniale Gesellschaft organisiert haben, führt zur Zerstörung der Erde - einschließlich der Zerstörung unserer Verbindung mit uns selbst, miteinander und mit der gesamten Natur.

Die COVID-19-Pandemie und ihre Auswirkungen haben all das noch verdeutlicht - dass wir Gemeinschaft und Zugehörigkeit brauchen. Es ist jetzt noch offensichtlicher geworden, dass eine gerechte und gleichberechtigte kollektive feministische Zukunft eine dringende Realität ist, die wir gemeinsam - in der Praxis, sofort, und Schritt für Schritt - aufbauen müssen. Wir sind der Überzeugung, dass feministische Demokratien, die sich auf kollektive feministische Führung und Macht stützen und in ihrer Form und Umsetzung plural sind, möglich sind.


Aus dem Englischen übersetzt von Caroline Bertram

Dieser Artikel wurde von Lucy Richmond, Kim Kaborda, Ria Ryan, Giulia Meneghetti und Giulia Bruzzone überarbeitet; er basiert auf ihren Arbeiten und enthält Texte, die kollektiv ausgewählt wurden; die Analysen und Erkenntnisse in diesem Artikel sind das Ergebnis der kollektiven Arbeit aller Mitglieder des Feminist Hiking Collective.

Das Feminist Hiking Collective und Srilatha Batliwala haben vor kurzem eine Initiative mit dem Titel “From Me to We” (dt.: Vom “Ich” zum “Wir”) gestartet. Die Initiative ist ein kollektiver und wiederkehrender Prozess, der die miteinander verwobenen Praktiken kollektiver feministischer Führung beschreibt und auf einer kreativen Landkarte zusammenführt und veröffentlicht; Beiträge werden jährlich durch eine offene Ausschreibung gesammelt. Wir möchten jede*n von Euch dazu einladen, mehr über diese Initiative zu erfahren und möglicherweise einen Beitrag einzureichen oder diesen Aufruf über Eure Bewegungen, Gruppen und Gemeinschaften zu verbreiten - wir haben derzeit Webseiten in Englisch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch und Beiträge können in all diesen Sprachen eingereicht werden.

Wir möchten den Gruppen, Kollektiven, Netzwerken, Organisationen und Bewegungen, deren Arbeit unsere Überlegungen und unsere Praxis kollektiv inspiriert und begründet hat, unsere tiefe Dankbarkeit aussprechen: JASS, CREA, FRIDA The Young Feminist Fund, Iniciativa Mesoamericana de Mujeres Defensoras de Derechos Humanos (IM-Defensoras), Movimiento de Mujeres Indígenas por el Buen Vivir, AWID, FAMM Indonesia und viele mehr.

Dieser Artikel wurde zuerst von der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlicht.