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Online-Lesung

Mittwoch, 09. Februar 2022 19.00 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Online-Lesung

Paradise City - Zoë Beck

Die Gewinnerin des Politikkrimipreises 2021 der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg liest aus ihrem Zukunftsthriller.

Worum geht's in Paradise City, Zoë Beck? 

Transkript aus dem Interview, zum Audio

Zoë Beck In Paradise City geht es um Liina, das ist eine Investigativjournalistin, könnte man sagen, die wird auf eine Recherche geschickt zu einem Thema, das sie erstmal total langweilig findet, die soll in die Uckermark fahren und da ist angeblich ein Vorfall mit Schakalen gewesen und sie denkt sich so "Chef, was soll denn das, das ist ja total, das ist ja, dafür bin ich ja total überqualifiziert." Aber während sie sich noch so ärgert, merkt sie dann vor Ort, dass an dieser scheinbar banalen Geschichte doch eine ganze Menge mehr dran ist und ihr Interesse ist dann auch geweckt; und als sie dann zurück kommt, nach Hause, da hatte ihr Chef, der auch noch nebenher von so einer ganz großen, ganz geheimen Story gesprochen hat, der hatte einen sehr, sehr, sehr merkwürdigen Unfall und da merkt Liina, dass sie jetzt wirklich in was reingeraten ist, was noch sehr viel größer wird.

In Paradise City geht's aber außerdem noch darum, dass wir eine Welt haben, in ein paar Jahrzehnten von jetzt entfernt, vielleicht so in 100 Jahren oder nicht ganz hundert Jahren - da sind die Küsten schon deutlich überschwemmt, also ich habe den Meeresspiegel um 2 m ansteigen lassen. Das hieße dann beispielsweise für Bremen, dass dort die Nordseeküste jetzt direkt vor der Haustür ist. Ich habe also den Klimawandel schon deutlich fortschreiten lassen, ich habe Flora und Fauna ein bisschen geändert, aber ich habe auch komplett eine Gesellschaft mir ausgedacht, die vor allen Dingen ein Ziel hat - nämlich - gesund zu sein, glücklich zu sein, gesund zu sein und ansonsten möglichst wenig gestört zu werden. Es sind nämlich in dieser Zeit von unserer Gegenwart bis zu erzählten Zeit einige Pandemien durch´s Land gegangen, einige wirklich schwere Krankheiten, die sich ausgebreitet haben; deshalb jetzt die Bevölkerung wirklich sehr froh ist darüber, gesund zu sein und auch eine sehr, sehr gute gesundheitliche Versorgung zu haben - und an der Stelle muss ich dazu sagen, dass ich das Buch deutlich vor der Corona-Pandemie geschrieben habe - was nun aber zur Folge hat, dass eine sehr gründliche Überwachung der einzelnen Personen stattfindet und diese sehr gründliche Überwachung hat natürlich dann auch einiges zufolge, was man vielleicht nicht so gerne mag. Einerseits ist so eine gründliche Überwachung eine tolle Sache, man weiß sehr früh, ob man auf dem Weg ist, eine Krankheit zu bekommen und kann auch sehr früh dann geheilt werden. Auf der anderen Seite gibt man natürlich alles von sich preis im Sinne von - alles - und auch darum soll es gehen.


Wie kommt es, dass es doch noch Menschen wie Liina gibt, die hinterfragen, anders denken, etwas bewegen wollen, Zoë Beck?

Transkript aus dem Interview, zum Audio

Zoë Beck Liina ist eine Person, die sich mit so einigem in dieser Gesellschaft nicht abfinden kann, unter anderem, sie arbeitet ja als Investigativjournalistin oder als Rechercheurin, also sie macht eigentlich den Faktencheck und dann merkt sie, dass so viele Dinge einfach nicht stimmen, dass man einfach, ja, Aussagen genau auf den Grund gehen muss, dass Fakten sehr viel wichtiger sind als irgendwelche Erzählungen, egal, wie toll diese Erzählungen und wie logisch diese Erzählungen klingen mögen, Fakten sind definitiv erstmal die Grundlage, so denkt sich das Liina, und sie muss also wirklich die Sachen erstmal überprüfen und sich auch mit eigenen Augen angucken und daraus macht sie dann eben ihre Berichte, ihre Beiträge, die ziemlich oft gegen das gehen, was die Staatspresse oder der Staatsfunk in dieser Gesellschaft, in diesem Land, dann verbreitet hat. Staatsfunk ist ungefähr das Gegenteil von den öffentlich-rechtlichen Medien, die wir haben. Öffentlich-rechtliche Medien sind ja eben unabhängig von Regierungen, sie sind vor allen Dingen erstmal sich selbst und der Wahrheit und den Fakten verpflichtet, also die Unabhängigkeit ist ja natürlich sehr wichtig, die Unabhängigkeit der Medien besteht nicht mehr in der Gesellschaft, die ich erzähle und deshalb versucht Liina eben zusammen mit ihrem Team, zusammen mit der Firma, Agentur, für die sie arbeitet, da wieder der Wahrheit dann doch zur Geltung zu verhelfen. Das wird nicht gerne gesehen und vor allen Dingen aber, und das fand ich eigentlich den schrecklicheren Gedanken, ist es den meisten Leuten egal, die freuen sich, wenn sie was hören, was eben ins Weltbild passt, die freuen sich, wenn sie was hören, das einfach gute Nachrichten sind, weil die haben so wirklich die Schnauze voll von schlechten Nachrichten, die haben jahrzehntelang nur schlechte Nachrichten gehört, immer irgendwelche Katastrophen, es war immer irgendwie Alarm und jetzt ist eigentlich alles gut, die wollen auch nichts anderes hören. Liina ist noch relativ jung und das versteht sie nicht und da sagt sie sich auch, das kann doch nicht sein, dass die Leute sich so einlullen lassen und so abschirmen von dem was wirklich um sie herum passiert, warum machen die nicht einfach die Augen auf? 


Wenn es allen gut geht, ist doch allen geholfen, oder nicht, Zoë Beck?

Transkript aus dem Interview, zum Audio

Zoë Beck Die Frage ist immer zu welchem Preis geht es den Leuten gut und sehr viel Idylle und sehr viel Utopie hat natürlich dann auch immer ein gewissen Preis und natürlich sind die Dinge meistens nicht so perfekt wie sie im ersten Moment scheinen - das heißt, wenn wir jetzt eine Gesellschaft haben, in der es vermeintlich allen gut geht, dann muss man natürlich im nächsten Schritt fragen, was haben die denn dafür bezahlt und womit haben sie denn dafür bezahlt und in unserem Fall haben sie natürlich mit, na ja, ich würde gar nicht mal sagen mit Freiheit bezahlt, sie können ja eine ganze Menge machen, also da ist  ja doch durchaus viel möglich, aber sie zahlen natürlich mit ihren Daten, mit ihren Gesundheitsdaten und auch da könnte man doch sagen: Ist doch super, dann hat man viel mehr Datengrundlage, auch für weitere wissenschaftliche Forschung, ja, und auf der anderen Seite ist es aber dann doch so, dass da Algorithmen programmiert wurden, die von einer Norm-Persönlichkeit ausgehen, also, die definiert, was Gesundheit ist und die das vielleicht ein bisschen zu eng definiert und darüber wollte ich z. B. nachdenken, was bedeutet Gesundheit im psychischen oder physischen Fall, was bedeutet Gesundheit, was bedeutet das Recht dann auch darauf, mal nicht immer ganz fit zu sein. Ich rede jetzt nicht von ansteckenden Krankheiten, das nicht, das ist eine andere Sache, aber das betrifft jetzt nicht nur beispielsweise mich selbst, aber habe ich dann nicht selber das Recht zu entscheiden, ob ich ein paar Tage durchhänge oder nicht und wann werde ich aussortiert aus so einer Gesellschaft und darum ist es vielleicht doch nicht so das ganz große Glück, was dort passiert, weil die Rechengrundlage dann vielleicht nicht ganz so durchdacht war, als man die Algorithmen für diese Gesellschaft programmiert hat.


Zur Autorin

geboren 1975. Schule und Studium in Deutschland und England. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Amanda Lee Koe und James Grady), Verlegerin (CulturBooks), Synchronregisseurin für Film und Fernsehen. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschen Krimiautor*innen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis, ausgezeichnet.


Zitate aus dem Buch

"So entstehen Verschwörungstheorien und Fake News", sagt Özlem. "Weil man ein Gefühl hat. Weil man möchte, dass Dinge zusammenpassen. Weil sie einem in den Kram passen."

Natürlich zahlt niemand für Nachrichten. Die meisten Leute scheint es nicht zu interessieren, ob wirklich stimmt, was berichtet wird. Es lügen doch sowieso alle. Wir können es ohnehin nicht ändern. Wozu im Dreck wühlen, wenn es uns doch gut geht. Der Mensch glaubt sowieso nur, was er glauben will.

Niemand geht ohne Smartcase raus. Mit dem Smartcase bezahlt man, es dient als Personalausweis, sämtliche Zugangsberechtigungen – ebenso wie die Bereiche, für die man gesperrt ist – sind darauf gespeichert, die Gesundheitsdaten sind darüber im Notfall abrufbar, einfach alles. Das Smartcase ist ein flexibler Körperteil, und seit gefühlten Ewigkeiten reden Tech-Konzerne davon, dass es bald komplett unter der Haut verschwindet.

Es fehlt ihnen an nichts, weil sie daran glauben, dass es ihnen an nichts fehlt, und Freiheit ist ein viel zu abstraktes Konzept, außerdem kann sich frei bewegen, wer nichts zu verbergen hat. Ihre Religion sind die Fake News der Regierung, und die Fake News wissen immer auf alles eine Antwort, wo also ist das Problem?

Die App weiß genau, welche Tabletten man nimmt. Sie weiß, wie man sich ernährt. Ob man Alkohol trinkt oder Drogen nimmt. Sie speichert alles und meldet es an das zuständige medizinische Zentrum.

 

Rezension


Zur Autorin

geboren 1975. Schule und Studium in Deutschland und England. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Amanda Lee Koe und James Grady), Verlegerin (CulturBooks), Synchronregisseurin für Film und Fernsehen. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschen Krimiautor*innen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis, ausgezeichnet.


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Veranstalter/in
Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg
Sprache
Deutsch
Teilnahmegebühren
kostenlos