Rohstoffabbau und Infrastrukturprojekte verschärfen die Klimakrise im Amazonas

Analyse

Anfang 2026 traten bei einer Testbohrung im Becken der Amazonas-Mündung mehrere tausend Liter Bohrflüssigkeit aus. Das Vorhaben, vor der Küste Amapás und Parás Erdöl zu fördern, ist sinnbildlich für Brasiliens rohstoffgetriebenes Entwicklungsmodell, das weiterhin auf großflächige Agrar-, Energie- und Infrastrukturprojekte setzt.

Obgleich die Klimakrise dringenden Handlungsbedarf signalisiert, wird die Amazonasregion weiterhin als Raum betrachtet, der erobert, besiedelt und wirtschaftlich ausgebeutet werden soll. Diese Vorstellung, dass der Amazonas ein zu erschließendes Territorium ist, samt der Ausbeutung seiner natürlichen Ressourcen und Biodiversität, prägte über Jahrzehnte hinweg politische Strategien und Entwicklungspläne verschiedener brasilianischer Regierungen. Dies war die Überzeugung hinter dem Programm „Marsch nach Westen” von Präsident Getúlio Vargas während der Zeit des „Estado Novo“ („Neuer Staat", 1937–1945). Später wurde sie von Präsidenten Juscelino Kubitschek aufgegriffen, der mit dem Bau der rund 2.000 Kilometer langen Fernstraße zwischen Belém und Brasília, die Ausweitung der landwirtschaftlichen Grenze in den Mittelwesten und der endgültigen Integration des brasilianischen Nordens in den nationalen Markt und das nationale Entwicklungsmodell anstrebte. Diese Straße wurde zum geopolitischen Symbol der brasilianischen Moderne - ein Modell, das auch von den Militärregierungen nach 1964 übernommen wurde, die den Ausbau langer Verkehrsachsen mit Programmen zur Kolonisierung und nationalen Integration verbanden. Diese staatlichen Entwicklungsstrategien führten zu weitreichenden Eingriffen im Land und veränderten die Muster menschlicher Besiedlung im Amazonasgebiet ebenso wie die wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Region. Programme wie das Nationale Integrationsprogramm (Programa de Integração Nacional), das Großprojekt Carajás (Programa Grande Carajás), [Anmerk. d. R.: ein regionales Entwicklungsprojekt im Osten der Amazonas-Region, u.a. mit dem Abbau von mineralischen Rohstoffen in der Carajás-Mine) sowie die Initiativen Polamazônia und Polonoroeste waren Ausdruck dieser Politik. Unterstützt durch steuerliche Vorteile, die gezielt die Ausweitung von Viehzucht, Agrarproduktion, Holzeinschlag und die Erschließung großer Bergbaukomplexe begünstigten. 

Wasserkraft im Amazonas: Staudammbau, soziale Konflikte und Umweltfolgen

Seit den 1960er-Jahren wurden in der Amazonasregion zahlreiche Großstaudammprojekte realisiert. Während die Energieerzeugung für verschiedene Zwecke essenziell ist, ist es unerlässlich, die Entwicklung von Technologien voranzutreiben, die möglichst geringe soziale und ökologische Auswirkungen haben. Die Amazonasregion beherbergt die größte Ansammlung von Groß-Staudämmen in Brasilien; diese zeichnen sich durch umfangreiche Finanzierung, die schnelle Veränderungen in den Gebieten, in denen sie gebaut werden und tiefgreifende soziale und ökologische Folgen aus. 

Der Bau von fünf Wasserkraftwerken im Xingu-Becken war bereits in den 1980er Jahren geplant. 1989 mobilisierten sich indigene Gemeinschaften der Region gegen den Bau und richteten das „Treffen der indigenen Gemeinschaften des Xingu” aus. Damals erlangte die Indigene Yuíre Kayapó große Bekanntheit, da sie dem damaligen Direktor von Eletronorte, José Antônio Muniz Lopes, ihre Machete drohend ins Gesicht hielt.

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Zu den bekanntesten Großprojekten zählen Tucuruí (1984) und Belo Monte (2016) im Bundesstaat Pará, Balbina (1989) im BundesstaatAmazonas, Jirau (2013) und Santo Antônio (2016) im Bundesstaat Rondônia sowie Lajeado (2002) im Bundesstaat Tocantins. Alle diese Projekte wurden unter heftiger Kritik von sozialen Bewegungen und Umweltorganisationen realisiert, die auf die schwerwiegenden sozial--ökologischen Folgen in den unterschiedlichen Phasen ihrer Umsetzung aufmerksam machten.

Zu diesen Auswirkungen zählen die Zwangsumsiedlung sozialer und ethnischer Gruppen, die massive Zuwanderung von Arbeitskräften in die Baugebiete, ein drastischer Anstieg der Arbeitslosigkeit nach Abschluss der Bauphasen sowie eine Vielzahl von arbeitsrechtlichen Klagen und eine wachsende Belastung der öffentlichen Dienstleistungen. Hinzu kommen Entwaldung, Veränderungen für Flora und Fauna, die etwa Nahrungsketten verändern, und die Verschlechterung der Wasserqualität und der natürlichen Fließverhältnisse von Gewässern. Wissenschaftliche Gutachten haben wiederholt die soziale, ökologische und technische Tragfähigkeit von Projekten wie Belo Monte und Balbina infrage gestellt – zwei der symbolträchtigsten Staudämme. Zahlreiche Protestbewegungen formierten sich, angeführt von indigenen Gemeinschaften, Quilombola, Flussanrainer*innen und ländlichen Bevölkerungsgruppen. Obwohl die von der Staatsanwaltschaft bestätigten Auflagen für den Bau rechtlich anerkannt wurden, wurden sie in vielen juristischen Verfahren missachtet – um der Erteilung von Umweltgenehmigungen nicht in die Quere zu kommen.

Agrarfront, Sojaexpansion und Landraub: Die wachsende Macht der Konzerne

Die Amazonasregion ist ein zentraler Ort an dem die Interessen großer Konzerne in den Produktionsketten für Getreide, Fleisch und Erz zusammenlaufen. Er hat sich zu einem der bedeutendsten Exportkorridore für landwirtschaftliche und mineralische Rohstoffe in Brasilien entwickelt. Der Sojaanbau breitet sich in allen Bundesstaaten Amazoniens weiter aus und beschleunigt die Landnutzungsänderung in hohem Tempo. Zugleich ist ein deutlich wachsendes nationales und internationales Interesse zu beobachten, Landflächen für die großflächige Getreideproduktion zu sichern, da sie auf zukünftige Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen (z. B. Soja) spekulieren. Diese Dynamik erhöht den Druck auf den Markt für Grundstücke, fördert spekulative Landkäufe und befeuert insbesondere den Landraub, d.h. die illegale Aneignung von Land auch grilagem genannt.

Laut einer Untersuchung von InfoAmazonia, basierend auf Daten der Umweltsekretariats von Pará (SEMAS), stieg die Zahl der Umweltbußgelder im Umkreis der geplanten Ferragrão-Eisenbahn massiv an: Während zwischen 2005-2012 noch 2.389 Bußgelder verhängt wurden, stieg die Zahl nach Beginn der Machbarkeitsstudie im Zeitraum von 2014 bis 2022 auf 6.972 Bußgelder.

Die umfangreichen öffentlichen und privaten Investitionen in Infrastrukturprojekte konzentrieren sich auf Transport, Häfen, Umladestationen, Straßen, Eisenbahnen und Schlachthöfe. Das neue Programm zur Beschleunigung des Wachstums (PAC 3) folgt weiterhin der entwicklungspolitischen und modernisierungsorientierten Logik früherer Politiken. Eines dieser Projekte, die Ferrogrão-Eisenbahn (EF 170), durchquert indigene Gebiete und andere Schutzgebiete, um insbesondere den Transport landwirtschaftlicher Güter zu erleichtern. Angesichts der Größe des Projekts, der hohen staatlichen Finanzierung und die Gefahr Konflikte zu erzeugen, aufgrund der diverser Interessensgruppen – ist es entscheidend, die durch das Vorhaben verursachte Entwaldung zu kontrollieren. Dafür müssen Raumordnungsprozesse in der Region gestärkt werden und insbesondere die Teilhabe und die Kontrolle durch die betroffenen Gemeinschaften gewährleistet werden.

Im Jahr 2023 fordert das Xingu+ Network, die technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Machbarkeitsstudien zur Ferrogrão-Eisenbahn sowie die sozio-ökonomischen Studien neu zu bewerten. Dabei wurde die Bedeutung des Rechts auf freie, vorherige und informierte Zustimmung (FPIC) als Voraussetzung für eine echte Beteiligung an Entscheidungsprozessen deutlich gemacht.

Petrobras legte Berufung gegen eine Entscheidung der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA ein, die eine Analyse zu den Auswirkungen des Projekts auf indigene Völker gefordert hatte. Ungeachtet dieser ökologischen Bedenken versteigerte die Nationale Erdölagentur (ANP) im Juni 2025 Konzessionen für die Offshore-Förderung von Erdöl, sowie in geringen Mengen von Gas. Im Becken der Amazonas-Mündung (Bacia da Foz do Amazonas) wurden dabei 40 Prozent der angebotenen Blöcke versteigert.

Schließlich ist auch die laufende Erdölerschließung im Oberen Amazonasbecken sowie an der Atlantikküste der Bundesstaaten Pará und Amapá zu erwähnen. Im November 2024 befand sich das Projekt nach einer Phase der Erkundung und Prospektion in der Auktions- und Konzessionsphase. Die Verschiebung geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen, besonders im Vorfeld der COP30, inmitten weltweit zunehmender Extremwetterereignisse und der dringenden Notwendigkeit von einer globalen Energiewende, werfen wichtige Fragen auf: Kann die Förderung von Erdöl an der Amazonas-Mündung fortgesetzt werden, ohne eine irreversible Umweltzerstörung zu riskieren, inmitten eines sich beschleunigenden Klimakollapses? Welche Rolle sollte Brasilien in der internationalen Klimapolitik künftig einnehmen? 

Wir sollten die derzeitige Infrastrukturpolitik für die Amazonas-Region hinterfragen, die sich weiterhin auf Großprojekte fokussiert. Diese Politik, die auf einem hegemonialen (und nicht nachhaltigen) Entwicklungsmodell beruht, hat in den letzten Jahrzehnten die Entwaldung und zahlreiche Konflikte hervorgebracht. Um die dringend notwendige Energiewende im Amazonas voranzubringen, braucht es jetzt Akteure, die politisch Verantwortung übernehmen. Entscheidend ist, alternative Modelle nachhaltiger und gerechter Entwicklung in den Mittelpunkt zu stellen.

Übersetzt und redigiert von Julia Ziesche und Rebecca Müller


Der Beitrag erschien zuerst in der portugiesischsprachigen Ausgabe des Amazonas Atlas: https://br.boell.org/pt-br/atlas-da-amazonia 
Hier gelangen Sie zur englischsprachigen Ausgabe des Atlas: https://br.boell.org/en/2025/06/10/brazilian-amazon-atlas


Dieser Artikel erschien zuerst hier: www.boell.de