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Kritik der Grünen Ökonomie

07.04.2016


Wege globale Krisen sozial zu meistern

Die ökonomischen und ökologischen Grundlagen eines allgemeinen Wohlstands sind in Gefahr, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Vor diesem Hintergrund will das Konzept der „Grünen Ökonomie“ ein neues Leitbild anbieten, das vor allem auf technologischen Lösungen und Effizienzsteigerungen basiert.

Der Ausgangspunkt aller Überlegungen der wichtigen Protagonisten der Grünen Ökonomie – Weltbank, UNEP, OECD etc -  ist: Business as Usual ist keine Option. Grüne Ökonomie will deshalb auch aus dem fossilen „business as usual“ aussteigen. Diese zunächst gute Botschaft wird mit einer weiteren ebenfalls scheinbar optimistischen verknüpft: Die Wirtschaft kann weiter wachsen, Wachstum kann grün werden. Grüne Ökonomie will gar zum Motor für mehr Wachstum werden. Genau das macht das Leitbild der Grünen Ökonomie aus der Sicht von Barbara Unmüßig problematisch und kritikwürdig: Unter dem Banner eines positiv besetzten Begriffs wird suggeriert, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, mit einem effizienteren, ressourcenschonenden und grünen Wachstumsparadigma weitgehend erhalten bleiben kann. Die Grüne Ökonomie verspricht also: wir steuern mit grünem Wachstum um - und alles wird gut. 

Dieses Versprechen kann aber nur machen, wer bewusst Komplexität reduziert, stark an die Wunder des Marktes und der technologischen Innovation glaubt und gleichzeitig reale Machtstrukturen im ökonomischen wie politischen Kontext vollkommen ignoriert. Die Grüne Ökonomie ist deshalb keine realistische Zukunftsoption, sondern vielmehr ein Glaubens- und Ausblendungsprogamm. Vielfach nämlich sind die "planetarischen Grenzen" überschritten, die Ökosysteme am "Kippen". Die ökologischen Krisen sind zudem nicht von den sozialen zu trennen. Sie hängen eng zusammen. Ressourcen und Emissionsverbrauch ungleich: 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen über 80 Prozent aller Ressourcen. Beim Einkommen ist dies noch extremer: Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften hat sich massiv verschärft. Sieben von 10 Menschen leben in Ländern, in denen die Kluft zwischen Arm und reich größer ist als vor 30 Jahren.

Innovation für mehr Effizienz führt nicht automatisch zu weniger Ressourcenverbrauch und Emissionen. Der sog. Rebound-Effekt beschreibt, dass Effizienzgewinne zwar zu Ersparnissen führen, sie aber andernorts zu anderen Ressourcenintensiven Ausgaben/Verhaltensweisen führen, die Einspareffekte wieder zunichte machen. Metastudien, die hunderte Einzelstudien zum Rebound-Effekt zusammenfassen und auswerten, kommen zum Schluss, dass Rebound-Effekte langfristig  mindestens 50% des Einsparpotenzials von Effizienzgewinnen aufzehren werden. Dazu gibt es sehr viel Beispiele.

Die Ideologie der Grünen Ökonomie erweckt den Anschein, als seien wachstumsfixierte technologische Innovationen die einzig mögliche Antwort auf die zentrale Frage, wie wir mit – weniger, anders und vielfältig – eine bessere Zukunft schaffen können. Eine absolute Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist und bleibt eine Illusion. Wir müssen effizienter, anders und weniger wirtschaften und konsumieren. Andere Mobilitätskonzepte als individueller Personalverkehr, weniger Flächenverbrauch, andere Landwirtschaft usw. Weniger Fleischkonsum wäre ein großer Einzelbeitrag für weniger Emissionen, weniger Flächenverbrauch, mehr Gesundheit und mehr globale Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung.

Als entscheidende Antwort auf die aktuellen Krisen reformuliert Grüne Ökonomie die Idee vom Primat der Ökonomie. Ökonomie sei die Währung der Politik geworden, sagen ihre Verfechter. Marktversagen soll durch noch mehr Markt korrigiert werden. Die Grüne Ökonomie will in den Markt hinein holen, was bislang nicht ökonomisiert war. Aus der Ökonomie bislang Ausgegrenztes wie Ökosystemdienstleistungen sollen zur handelbaren Ware werden.

Grüne Ökonomie will das Verhältnis von Natur und Ökonomie neu bestimmen. Ergebnis ist eine Neufassung des Naturbegriffs - und eben nicht eine Transformation der Wirtschaftsweise. Statt „Wirtschaft neu denken“ will die Grüne Ökonomie „Natur neu definieren“. Natur soll gemessen, erfasst, ökonomisch bewertet und verrechnet werden – auf Basis einer global abstrakten Währung: CO2-Äquivalenten. 

Damit werden die vielen strukturellen Ursachen der Natur- und Klimakrise unsichtbarer und bei der Suche nach Lösungen und Auswegen nicht mehr umfassend berücksichtigt. Die Konsequenzen eines solchen Ansatzes zeigen sich auch bei neuen Marktmechanismen für den Handel mit Biodiversitätszertifikaten. Sie organisieren die Zerstörung von Natur marktförmig statt sie zu verhindern. Grüne Ökonomie verkürzt die notwendige grundlegende Transformation aufs Ökonomische und erweckt den Eindruck, dass sie ohne größere Umbrüche und Konflikte umzusetzen sei. 

Barbara Unmüßig / Lili Fuhr / Thomas Fatheuer: Kritik der grünen Ökonomie. München 2015

ReferentInnen

Barbara Unmüßig

 (Foto:  Bettina Keller)

Politologin, langjähriges berufliches Engagement für internationale Gerechtigkeit und globalen Umwelt- und Klimaschutz: Redakteurin der nord-südpolitischen Zeitschrift „blätter des iz3w“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Aktion Dritte Welt e. V. in Freiburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin der GRÜNEN im Bundestag von 1985 bis 1990; Arbeit mit und für nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen.
Seit 2002: Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner

Evangelische Stadtakademie Nürnberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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