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Kopenhagen – ein politischer Reisebericht

01.10.2015


Wenn eine Stadt den Titel „europäische Umwelthauptstadt“ trägt, dann sagt dies noch nicht automatisch etwas über die Lebensqualität in dieser Stadt aus. Bei Kopenhagen, Titelträgerin im Jahr 2014, ist das anders: Die dänische Hauptstadt bemüht sich seit Jahren konsequent um Umweltschutz und Nachhaltigkeit und kann auf echte Erfolge verweisen.

Peter Gack und Gerd Rudel, die im Juni eine Bildungsreise nach Kopenhagen geleitet hatten, schilderten ihre Eindrücke und stellten einige vorbildhafte Projekte vor.  Im Mittelpunkt standen dabei die Verkehrspolitik (hier vor allem die Radverkehrsförderung), Energie und Klimaschutz sowie Stadtentwicklung.

Die Rahmenbedingungen für die Entwicklungen in Kopenhagen sehen so aus:  Die dänische Hauptstadt hat 580.000 Einwohner/innen, rund eine Million Menschen wohnen in der Region. Es gibt 79.000 Studierende und 350.000 Arbeitsplätze in Kopenhagen, was zu erheblichen Pendler-Aufkommen (170.000 täglich!) führt. Und Kopenhagen ist attraktiv und zieht 1.000 neue Einwohner/innen an - pro Monat wohlgemerkt.

Grüne Welle für die Radler: durch LED im Fahrbahnbelag angezeigt

Was in Kopenhagen sofort auffällt: ALLE fahren Rad: zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, zu jedem Zweck! Und das nicht, weil die Kopenhagener so umweltbewusst wären, sondern weil sie es als schnell, einfach, billig und bequem empfinden. Die Voraussetzung hierfür ist einfach: es gibt eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur: 

  • breite Radwege, die bequemes Nebeneinanderfahren und Überholen ermöglichen und auch Platz für Lastenräder bieten;
  • Radwege im Grünen abseits der Straßen: schnell, bequem, angenehm;
  • ein umfassendes Radwegenetz mit „Rad-Highways“ für besonders schnelles Vorankommen - auch in die Vororte;
  • Das Radfahren wird so bequem und sicher gemacht wie nur möglich - durch  Extra-Licht an Kreuzungen in der Nacht, „Grüne Welle“ für Räder, Abfalleimer am Rad-Highway, Fahrradbrücken für schnelle Verbindungen zwischen den Stadtteilen.

Vestervolgade: vom Blech befreit

Beeindruckend ist der Umgang mit dem öffentlichen Raum: Die Bereiche, in denen Fußgänger/innen und Radler/innen Priorität eingeräumt wird, haben seit der ersten Einrichtung einer Fußgängerzone im Jahr 1962 deutlich zugenommen. Und zwar nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Stadtteilen. Überall wurden Plätze dem (Auto-) Blech entrissen und in attraktive Plätze umgestaltet, die zum Verweilen, Flanieren oder auch nur zum Schauen einladen.

Hinsichtlich der Verkehrspolitik lässt sich festhalten: Wer den Rad- und Fußverkehr wirklich fördern möchte, muss entsprechende Infrastruktur-Angebote machen. Diese kosten Geld und werden in aller Regel zu Lasten des Autoverkehrs gehen. Ab einer bestimmten Größenordnung braucht der Radverkehr eine separate Infrastruktur. Die Ergebnisse einer solchen Verkehrspolitik, die in Kopenhagen zu besichtigen ist, sind beeindruckend.  Es gibt nur 177 Kfz pro 1000 EW, auf jeden Privat-PKW kommen fünf Räder! Der Weg zum Arbeits- oder Ausbildungsplatz in Kopenhagen wird zu 45% mit dem Rad, zu 27% mit dem ÖPNV, zu 5% zu Fuß und nur zu 23% mit dem Auto zurückgelegt - und darin sind auch alle Pendler/innen enthalten. Wer in Kopenhagen selbst wohnt, legt diesen Weg sogar zu 63% mit dem Rad zurück. Auf den meist befahrenen Rad-Routen sind pro Tag über 40.000 Radler/innen unterwegs. Die Kopenhagener legen 1,3 Mio. km per Rad PRO TAG zurück.

Sanierter Innenhof in Vesterbro

Das Thema Stadtentwicklung diskutierten Gack und Rudel am Beispiel der Stadtteile Vesterbro, Nørrebro und Ørestad. In Vesterbro  wurde das größte Stadterneuerungsprogramm der dänischen Geschichte umgesetzt, bei dem Staat und Kommune Sanierungskosten (Dach und Fassade) zu 100 % förderten. Mit insgesamt über 500 Mio. Euro und in engem Dialog mit den Bewohner/innen wurde aus dem ehemaligen Glasscherbenviertel ein familienfreundlicher Stadtteil mit einem hohen Anteil von Genossenschaftlseigentum und viel Mitbestimmung. Vorbildlich sanierte Innenhöfe, die Attraktivierung des öffentlichen Raums und die mittlerweile entstandenen Cafés, Bars, Restaurants und Designerläden (v.a. auf dem ehemaligen Schlachthof-Gelände) haben Vesterbro inzwischen zu einem der angesagtesten Kopenhagener Stadtteile werden lassen. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist allerdings eine deutliche Gentrifizierung: die ärmsten Bevölkerungsschichten wurden verdrängt, jetzt dominieren  Akademiker und die „kreative Klasse“, es gibt deutlich weniger Arbeitslose und weniger Einwanderer als in anderen Teilen Kopenhagens.

Grüne Oase mitten in der Stadt: Urban Gardening in Nørrebro 

Auch  Nørrebro war einmal ein innenstadtnahes Arbeiterviertel, in dem Sanierungsprojekte der 70er Jahre zu massiven Auseinandersetzungen mit der Wohnbevölkerung führten und letztlich scheiterten. Es gab einen starker Zuzug von Migrant/inn/en  und Probleme mit Drogenhandel und Kriminalität.  Nørrebro ist auch heute immer noch sehr multikulturell, mittlerweile aber auch bei Studierenden und jungen Familien sehr beliebt. Es gibt dort sehr viele, oft ökologisch orientierte Start-ups. Kommunale Projekte wie die Gestaltung des Superkilen-Platzes oder das "urban gardening" fördern den Umbau  des Stadtteils. Einige Straßen wie die Jægersborggade haben es auf diese Weise bereits geschafft, vom Kriminalitätsbrennpunkt zur Touristenattraktion zu avancieren.

Ørestad, Kopenhagens jüngster Stadtteil,  ist eine der Reaktionen auf den starken Bevölkerungszuwachs. Auf einem ehemaligen Militärgelände in verkehrsgünstiger Lage auf der Insel Amager gelegen (Nähe zum Flughafen, zur Øresund-Bahnlinie und –Autobahn), bietet dieser neue Stadtteil im Grünen (am Meer, zwischen Naturschutz-Gelände und landwirtschaftlichen Nutzflächen) große Entwicklungschancen: 20.000 EW, 60.000 Arbeitsplätze, 20.000 Studierende und Schüler/innen soll es hier nach der Fertigstellung geben. Im Gegensatz zu anderen Stadtteilen lag die Quartiersentwicklung und Bautätigkeit dort weitgehend in privater Hand. In den 90er Jahren hatte der in Europa um sich greifende Neoliberalismus mit seinen Privatisierungsstrategien nämlich auch im (ehemaligen) Sozialstaat Dänemark Fuß fassen können. Diese marktorientierte Stadtentwicklung sorgte in Ørestad zwar für etliche architektonische Highlights - doch diese blieben oftmals ohne Bezug zum öffentlich Raum. Ansonsten dominiert eher architektonische Beliebigkeit. Die optimale Kapitalverwertung steht eindeutig im Vordergrund: Die Shopping-Mall „Field‘s“, das größte Einkaufszentrum in Skandinavien, verstößt sogar eigentlich gegen dänisches Recht! Urbanität im öffentlichen Raum dagegen: Fehlanzeige. 

Architektonisch durchaus beeindruckend: 8-Haus in  Ørestad

Aus Sicht der Referenten muss deshalb aus der Entwicklung in Kopenhagen der Schluss gezogen werden, dass Stadtplanung in kommunaler Hand bleiben muss und die Partizipation der Bewohner/innen eine wesentliche Erfolgsvoraussetzung ist. Kommunale Planung muss den Rahmen für zivilgesellschaftliche und ökonomische Initiativen schaffen. Eine rein marktorientierte Planung nützt jedoch nur der Kapitalverwertung, nicht aber den Menschen.

Große Anstrengungen unternimmt Kopenhagen auch im Bereich des Klimaschutzes. Dies nicht zuletzt im eigenen Interesse, denn Starkregen-Ereignisse führen in einer vom Wasser umgebenen Stadt rasch zu katastrophischen Folgen. So ist der Bau von groß dimensionierten Regenwasserbecken und die Anlage von umfangreichen Retentionsflächen eine echte Selbstschutzmaßnahme. Ergänzt werden diese durch die Maßnahmen zur CO2-Reduktion in allen denkbaren Bereichen: in der Strom- und Wärmeproduktion, bei der Mobilität, in Sachen Energieeffizienz usw. Die Stadtverwaltung geht dabei selbst mit gutem Beispiel voran:  Alle kommunale Neubauten haben hohe Energiestandards, die städtischen Fahrzeuge sind mit Alternativantrieb ausgerüstet. Der Stromverbrauch für die Straßenbeleuchtung  wird halbiert und 60.000 qm Solarfläche sollen auf existierenden kommunalen Gebäuden installiert werden. Besonders vorbildlich ist die Versorgung mit Bio-Lebensmitteln in den kommunalen Einrichtungen: Bereits 2013 war dies zu 79% der Fall, im Laufe des Jahres 2015 sollen 90% erreicht werden. Dass die ambitionierten Ziele (Klimaneutralität bis zum Jahr 2025!) auch erreicht werden, dazu tragen nach den Eindrücken von Gack und Rudel nicht zuletzt  die motivierten und fachlich gut ausgebildeten Mitarbeiter/innen in der Verwaltung und bei den Stadtwerken bei, die sich mit den Zielen identifizieren.

Alle Fotos: © Gerd Rudel

Viele weiterführende Links und etliche Literaturhinweise sind im Rückblick auf die eigentliche Reise zu finden. Bitte klicken Sie hier!

ReferentInnen

Peter Gack
GRIBS-Geschäftsführer, Stadtrat, Bamberg

Dr. Gerd Rudel
Politologe, Bildungsreferent, Petra-Kelly-Stiftung, Bamberg

Veranstaltungsort
Bamberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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