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Kleine Hände - großer Profit

17.10.2017


Kinderarbeit in unserer Warenwelt

Kinderarbeit ist international verboten. Trotzdem schuften Millionen Kinder unter den unwürdigsten Bedingungen für unsere Produkte, zum Beispiel für Schmuck, Teppiche und Natursteine. Der Kinderarbeitsexperte Benjamin Pütter ist über 80-mal durch Indien gereist, das Land mit den meisten Kinderarbeitern. Anhand von Bildern berichtete er von Mädchen und Jungen, die teilweise bereits mit fünf Jahren ganztags arbeiten müssen, er prangerte die Machenschaften skrupelloser Firmenchefs an und deckte auf, warum auch wir unwissentlich noch immer Produkte aus Kinderarbeit kaufen.  

Indien ist ein Land mit unbegrenzten Gegensätzen. So steht das mit 2 Milliarden Euro gebaute teuerste private Wohnhaus der Welt in Mumbai und gleichzeitig leben hier fast 850 Millionen Menschen in totaler Armut. Einem halben Prozent der Bevölkerung gehört ca. die Hälfte des Landes, hinzu kommen 2%, die ein weiteres Viertel besitzt.

Obwohl Indien die Kinderrechtskonvention der UN von 1989 unterschrieben hat, gibt es ausbeuterische und gesundheitsschädigende Kinderarbeit in großem Ausmaß. Pütter zeigte Bilder von Kindern, die Räucherstäbchen herstellen und sich dabei täglich verätzen durch die Chemikalien, die zur Haltbarmachung benötigt werden, von Jungen und Mädchen, denen beim Zigarettenrollen krebsauslösende Inhaltsstoffe in die Körper gelangen. Auch gab es Bilder von Kindern, die 6-9000 Knoten knüpfen pro Tag in einer Teppich-Firma und deren Hände blutig und zerschunden sind.

Manche arbeiten auch auf Müllhalden; sie sortieren – für ca. 40 Cent pro Tag – Glas und Papier. Dabei tragen sie keine Schuhe, so dass Verletzungen jeglicher Art entstehen, durch die dann Giftstoffe in die kleinen Körper gelangen.

Auch werden Mädchen als Hausangestellte genutzt, die – gegen einen geringfügig höheren Tageslohn – gerne auch als Sexopfer missbraucht werden.

Für Erwachsene, die in bedenklichen Situationen arbeiten, gibt es in Indien jährliche Reihenuntersuchungen – für Kinder nicht, da es ja offiziell keine Kinderarbeit gibt!

Schlimm ist auch die Arbeit in den Steinbrüchen. So sind die dort Arbeitenden zum einen einer permanenten heftigen Feinstaubbelastung ausgesetzt. Zum anderen gibt es oftmals große Verletzungen durch herumfliegende Splitter (durch das Behauen der Steine), durch den Umgang mit Arbeitsgeräten, für die viele Hände viel zu klein sind oder die schwere Hörschäden hervorrufen. Nicht selten sind die Kinder mit 15 Jahren bereits taub. Bei unangekündigten Besuchen wurden in sieben von acht Steinbrüchen Kinder bei der verbotenen Arbeit angetroffen. Schutzkleidung gibt es nicht, die Lebenserwartung liegt bei ca. 30 Jahren. Da die Granitplatten häufig auch auf deutschen Friedhöfen benutzt oder als Küchen- und Gartenplatten verkauft werden, müsste über das Verhalten der Käufer Einfluss genommen werden.

Etliche Jungs und Mädchen befinden sich in einer sogenannten Schuldknechtschaft – ein anderes Wort für Sklaverei. Oftmals haben die Eltern oder Großeltern Geld aufgenommen, das verbrecherisch mit 20% pro Tag (!!) verzinst wird, so dass sehr schnell eine große Schuldensumme entsteht. Diese Art Geldhandel ist zwar verboten. Da die meisten der Betroffenen jedoch weder lesen noch schreiben können, gibt es kaum Gegenwehr. Wenn es doch zu einer Anzeige mit einem Gerichtsverfahren kommt, werden solche Schuldscheine i.d.R. sofort außer Kraft gesetzt.

Was kann getan werden?

Aus Sicht von Benjamin Pütter ist ein Verbot von Kinderarbeit ohne Hilfe zynisch! Es müssen Eltern und Kindern Alternativen angeboten werden. Nach einer Aktion zur Befreiung, die nur mit einem großen Vorlauf und unter Zuhilfenahme von Polizei und Behörden funktionieren kann, muss es Angebote geben für die Familien. Dazu gehören eine gute, kostenlose Schulbildung mit staatlichen Lehrkräften sowie ein kostenloses Mittagessen. Außerdem ist eine schulbegleitende Berufsausbildung wichtig. In Frage kommen Berufe wie Schneider*innen oder Fahrradmechaniker*innen. Für die Eltern müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, die ohne großen Kapitaleinsatz auskommen, damit nicht die nächste Schuldenfalle droht.

International sollte es mehr Aufklärung geben sowie Lobbyarbeit stattfinden. Hilfreich war die Verleihung des Friedensnobelpreises 2014 an den indischen Kinderrechts- und Bildungsrechtsaktivisten Kailash Satyarthi, mit dem Pütter seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Die Verleihung dieses wichtigen und aufsehenerregendes Preises gab – zumindest vorübergehend der Diskussion zum Thema einen Aufschwung.

Jede/r kann auch im privaten Bereich etwas tun, z.B. durch den Verzicht auf „Haribo Goldbären“, die – damit sie nicht zusammen kleben - in Brasilien mit einer „Wachsschicht“ versehen werden, die bei der Herstellung gesundheitsschädlich ist. Oder kein „nutella“ essen; die Haselnüsse werden in der Türkei von Kindern unter unwürdigen Bedingungen bearbeitet.

Auch Handys spielen eine große Rolle; so gehört z.B. der Abbau von Coltan im Kongo zu den Arbeiten, bei denen Kinder menschenunwürdig und unrechtmäßig zur Arbeit gezwungen werden, durch die sie frühzeitig altern und sterben.

Pütter schlug auch vor, Apps – wie etwa „Fair Fashion?“ - zu nutzen, um beim Einkaufen einen Überblick zu bekommen, ob das jeweilige Geschäft fair gehandelte Waren verkauft oder eben nicht. Wenn viele Konsument*innen sich solcher Möglichkeiten bedienen, wächst dadurch der Druck auf die entsprechenden Firmen, seine Hersteller gut zu kontrollieren und damit mittelfristig widerrechtliche Kinderarbeit zu unterbinden.

ReferentInnen

Benjamin Pütter
Berater für die Bereiche Kinderrechte und Kinderarbeit beim Kindermissionswerk Die Sternsinger, Freiburg, Autor von Kleine Hände - großer Profit, 2017

Veranstaltungsort
München


Partner

Evangelische Stadtakademie München


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



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