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Die Zukunft der Energiewende

18.04.2013 bis 19.04.2013


Herausforderungen und Perspektiven

Veranstaltungen in Schweinfurt und Landshut - ein zusammenfassender Rückblick

Das Fazit von Dr. Gerd Rosenkranz war eindeutig: Die Energiewende ist machbar, sie wird etwas kosten und sie ist ein Generationenprojekt. Aber das Projekt Energiewende ist keine Investition auf Kosten zukünftiger Generationen, sondern sie wird sich auszahlen und das Leben zukünftiger Generationen enorm erleichtern. Wir fassen die Ergebnisse der Veranstaltungen im folgenden Bericht kurz zusammen.

Rosenkranz erläuterte in Schweinfurt und Landshut in seinem kenntnisreichen Vortrag Herausforderungen und Perspektiven der Energiewende. Demzufolge stehen wir am Beginn des zweiten Solarzeitalters. Während das erste den größten Teil der bisherigen Menschheitsgeschichte eingenommen und bis etwa zum Jahr 1800 gedauert hat, sei das daran anschließende fossile Zeitalter nur von kurzer Dauer. Es habe zwar einen enormen Entwicklungs- und Wachstumsschub für die Menschheit gebracht, müsse aber jetzt von einem Zeitalter abgelöst werden, das das auf auf Wind- und Sonnkraft basiert.  

Auch wenn im Rahmen der Energiewende auch die Mobilität und die Wärmeversorgung eine wichtige Rolle spielen, dort aber von einer echten Wende noch nicht einmal ansatzweise die Rede sein kann, ist die Stromerzeugung von entscheidender Bedeutung: "Wenn beim Strom die Wende nicht gelingt, dann scheitert die Energiewende insgesamt." 

Rosenkranz räumte auf mit Lügen und Halbwahrheiten, die die gegenwärtige Diskussion bestimmen. So sind es keineswegs die erneuerbaren Energien (EE) und die sog. EEG-Umlage, die für den steigenden Strompreis sorgen. Im Gegenteil: An der Strombörse führt der wachsende Anteil von EE-Strom sogar zu sinkenden Preisen. Doch die gesenkten Kosten werden von den vier großen Energiekonzernen nicht an die Verbraucher weitergegeben. Und auch am Steigen der EEG-Umlage sind die EE ebenfalls nur teilweise „schuld“. Deren Höhe hängt nämlich nicht nur von den eigentlichen Förderkosten ab. Viel stärker ins Gewicht fallen laut Rosenkranz die Ausnahmeregelungen, mit denen die energieintensive Industrie entlastet wird. Rosenkranz: „Ich habe Verständnis für die Klage mittelständischer Unternehmen, die knapp unter der Privilegierungsgrenze liegen, denn die trifft die gestiegene Umlage besonders hart.“ 

Dieselbe Bundesregierung, die die Energiewende ausgerufen habe, bedient sich – so Rosenkranz – einer perfiden Strategie, um sie jetzt zu hintertreiben: Sie bürdet den BürgerInnen, aber auch Teilen des Mittelstandes höhere Lasten auf als notwendig und entlastet im Gegenzug die großen Industrien.

Bei der gegenwärtigen Strompreisdebatte, die eigentlich eher eine Ablenkungs- und Diskreditierungsdebatte sei, muss auch bedacht werden, dass nur 2,34% der Konsumausgaben privater Haushalte für Strom anfallen. Angesichts dieses relativ marginalen Wert dürfen - so Rosenkranz - eventuell tatsächlich auftretende finanzielle probleme in ökonomisch schwachen Haushalten nicht mit den Mitteln der Energiepolitik gelöst werden. Diese sozialen Probleme müssten mit sozialpolitischen Maßnahmen angegangen werden, betonte Rosenkranz.

Wesentliches Ziel der Energiewende ist es laut Rosenkranz, den Atomausstieg zu vollziehen und gleichzeitig die Klimaziele zu erreichen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Trotz stetig wachsender Zunahme der EE wird es weiter notwendig sein, Speicherkapazitäten auszubauen und auch effiziente und flexibel einsetzbare Gaskraftwerke vorzuhalten, um den Ausgleich zwischen Stromnachfrage und Stromerzeugung sicherzustellen. Diesbezüglich völlig kontraproduktiv nannte es Rosenkranz, wenn derzeit neue Kohlekraftwerke mit entsprechendem CO2-Ausstoß gebaut würden, weil die Emissionszertifikate zu Schleuderpreisen erhältlich seien. Rosenkranz forderte eine neues Preissystem, das nicht nur die Lieferung von Kilowattstunden honoriere, sondern auch die Bereitstellung der notwendigen Leistung für den Bedarfsfall. Nur so könne verhindert werden, dass hocheffiziente, moderne Gaskraftwerke stillgelegt würden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Die Energiewende ist und bleibt ein Generationenprojekt. Sie kann nur als „Gemeinschaftsprojekt“  Ethikkommission) gelingen. Dieses Gelingen ist aber politisch noch längst nicht gesichert. Die Energiewende ist technisch und ökonomisch machbar und attraktiv. Doch wir stehen derzeit noch am Anfang der Entwicklung. Wenn die Energiewende in Deutschland scheitert, wird kein anderes Industrieland ein ähnliches Experiment starten. Auch deshalb darf sie nicht scheitern

Das Podium in Schweinfurt von links nach rechts: Dr. Gerd Rudel (Petra-Kelly-Stiftung, Moderation), Dr. Gerd Rosenkranz, Rafiq Iqbal, Udo Rumpel

Udo Rumpel, Geschäftsführer von zwei Bürgerwindrädern im Landkreis Schweinfurt, sieht das finanzielle Engagement der Menschen, die sich dort für die Energiewende engagiert haben, und die ohnehin relativ kleine Rendite dieser Windräder durch die aktuelle Politik der Bundesregierung massiv gefährdet. Er forderte verlässliche Rahmenbedingungen für solche Investitionen, wenn das Motto „Energie in Bürgerhand“ ernstgenommen werden soll.

Ähnlich argumentierte in Landshut Wolfgang Ebermann, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Erlbach Energiegenossenschaft. Das Ziel seiner genossenschaft sei es, die Energiewende aktiv mitzugestalten. Sie wolle sich in allen feldern engagieren, auch wenn derzeit der Schwerpunkt bei der Photovoltaik liege. Ebermann kritisierte, dass die derzeitige Regierung mit ihrer Politik große Unsicherheiten geschaffen habe und forderte eine gerechte Verteilung der Kosten der Energiewende. 

Auch der grüne Landtagskandidat Rafiq Iqbal, selbst beruflich in der Energiebranche tätig, unterstützt die Forderung nach "Energie in Bürgerhand" auch im Hinblick auf die Stromnetze: „Stromnetze gehören in Bürgerhand und in die  Hand der Kommunen.“ Iqbal betonte auch die Vorbildwirkung Deutschlands: „Wenn Deutschland die Energiewende nicht schafft, dann wird es damit auch global nicht klappen.“ 

Dr. Thomas Gambke, grüner Bundestagsabgeordneter aus Landshut, wies darauf hin, dass der Wärmesektor bei der Energiewende nicht vergessen werden dürfe. Auch hier habe die Bundesregierung versagt, weil sie die Finanzierung von Wärmeeffizienzmaßnahmen über einen Energiesparfonds nicht umgesetzt habe. Beim Strom forderte Gambke eine Differenzierung des EEG, das künftig die jeweiligen Standortbedingungen der Anlagen berücksichtigen müsse: "Es kann nicht sein, dass eine Off-shore-Windkraftanlage genauso gefördert wird wie eine Anlage im Binnenland mit wesentlich geringerer Windausbeute."

Einig waren sich die Diskutanten über die Bedeutung der Energiewende für die regionale Wertschöpfung. Wenn die Energie „vor Ort“ erzeugt wird, bleibt das Geld in der Region. Dass es beim Bau neuer Windräder oder Speicherkraftwerke zu Konflikten zwischen Natur- und Umweltschutz auf der einen und der Energiewende auf der anderen Seite kommen könne, darf – so Gerd Rosenkranz – nicht unterschlagen werden. Die Ablösung der katastrophenträchtigen Fossil- und Atomenergien durch erneuerbare Energien wird zu einer tiefgreifenden Transformation der Natur- und Kulturlandschaft führen. Dabei sei in jedem Einzelfall eine Güterabwägung notwendig, um zu Lösungen zu kommen, die auch von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden.

Gerd Rosenkranz erwartet von der derzeitigen Regierung nichts mehr in Sachen Energiewende. Es sei auch besser, wenn die Regierung nichts mehr mache. Denn was sie mache, sei falsch: "CDU/CSU und FDP können es nicht". Von Parteien, die sich noch vor kurzem mit Händen und Füßen gegen die Energiewende gewehrt hätten und sie als Illusion bekämpft hätten, sei auch nicht anderes zu erwarten.

 
Zahlreiche interessierte Besucher/innen am zweiten Veranstaltungsabend in Landshut

Weiterführende Informationen und Links:

Bericht über die Veranstaltung in Schweinfurt in der "Mainpost"

Bericht (PDF-Datei) über die Veranstaltung in Landshut in der "Landshuter Zeitung"

Gerd Rosenkranz: Das sabotierte Jahrhundertprojekt. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2012, S. 101-110

Claudia Kemfert: Mythen in der energiepolitischen Debatte. In: Cicero, 18. März 2013

Die Präsentation von Gerd Rosenkranz können Sie als PDF-Datei bei uns bestellen.

Kontakt:
Dr. Gerd Rosenkranz
Leiter Politik & Presse, Deutsche Umwelthilfe e. V. (DUH),
Hackescher Markt 4
Mail: rosenkranz@duh.de
Fon: 030/2400867-0
Internet: www.duh.de

ReferentInnen

Dr. Gerd Rosenkranz
Leiter Politik und Presse der Deutschen Umwelthilfe e. V., Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Atomkraft und erneuerbare Energien

Udo Rumpel
Geschäftsführer von zwei Bürgerwindrädern, Biobauer

Rafiq Iqbal
Dipl-Ing., Key Account Manager für Erneuerbare Energien und Elektromobilität, Lantagskandidat von B90/DIE GRÜNEN im Landkreis Kitzingen

Dr. Thomas Gambke
MdB, Mitglied im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages, stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie sowie im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgeabschätzung

Wolfgang Ebermann
Erlbach Energie eG

Veranstaltungsort
Schweinfurt (18.04.) und Landshut (19.04.)


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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