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Die Rolle(n) der Frau im Islam

25.04.2018 - 19:30


Streifzüge durch Iran, Mali und Pakistan


Was prägt, jenseits von Medienklischees, die Stellung der Muslimin im 21. Jahrhundert? Geschlecht, Religion und Kultur verbinden sich in jedem Land anders, sagt die Buch-Autorin Charlotte Wiedemann

 
Nach der inhaltlichen Einführung von Silvia Bauer (Bild links) hatte Charlotte Wiedemann durch eine Bilderschau über ihre Erfahrungen in drei (muslimisch geprägte) Ländern berichtet, deren soziale Realität unterschiedlicher kaum sein könnte. Iranerinnen, Malierinnen und Pakistani verbindet allerdings eines: Überall kämpfen Frauen um Gleichstellung, oft mit mehr Erfolg, als wir denken.

Die in der Präsentation porträtierten Frauen waren in unterschiedlichen Bereichen tätig: unter anderem auch beim Militär und in der Politik. Anfänglich wurde über die Situation der Frauen in Mali erzählt, wo das Thema der Genitalverstümmelung sehr relevant ist. Frau Wiedemann hat die Situation in einen internationalen Kontext gesetzt. Sie stellte fest: würde Saudi Arabien eine Kampagne gegen die nicht im Koran vorgeschriebene Genitalverstümmelung starten, so hätte das auch Auswirkungen auf Mali.

Die Situation in Pakistan ist sehr spannend: Frauen müssen zwar in vielen Regionen eine Burka tragen, sind aber politisch relativ stark repräsentiert. Nicht nur ist die ehemalige Premierministerin Benazir Bhutto noch sehr stark in der Erinnerung der Bürger*innen präsent, sondern es wurde 2001 eine Quote eingeführt, wonach 33% der Gemeinderät*innen Frauen sein müssen. Auch zum Thema Bildung ist die Lage in Pakistan beachtenswert: zwar können mehr als die Hälfte der Pakistanerinnen nicht lesen und schreiben, aber die Hälfte der Studierenden sind Frauen. Fazit: wenn Frauen die Möglichkeit haben, ihre Situation zu verbessern, tun sie das.

Im Iran ist die Situation noch progressiver. Athletinnen spielen beispielsweise eine wichtige Rolle auch im internationalen Vergleich. So hat exemplarisch die Rugby Frauen-Nationalmannschaft letztes Jahr gegen Deutschland gewonnen. Vor der Revolution war natürlich die Situation besser, es gab bereits die ersten Richterinnen, die aber nach der Revolution nicht mehr arbeiten durften, weil „der Islam keine Richterin vorsieht“. Die Geburtenrate ist geringer als in Frankreich und mehr Frauen als Männer studieren (es betrifft natürlich nur die Eliten, aber immerhin sind 60% der Studierenden Frauen).
Das Land ist also voller Widersprüche: Angeblich gibt es mehr Ingenieurinnen im Iran als in den USA, aber die Arbeitslosenquote unter ihnen ist sehr hoch. Die Situation der Frauen im Iran ist auch abhängig vom Wohnort: auf dem Land ist das Durchschnittsalter, in dem man heiratet, 24 Jahre, während es in Teheran 31 ist (vor allem aus Mangel an Geld und Wohnraum).
Heutzutage gibt es in Iran eine Menge frauenfeindlicher Gesetzte, trotzdem haben die Frauen Rollen und Orte für sich geschaffen. Ein Bild zeigte zum Beispiel eine Zeitungsredaktion, in der die für Atomdiplomatie zuständige Person eine Frau ist; wenn Frauen also in einer Redaktion arbeiten, übernehmen sie wichtigere Rollen auch im Vergleich zu Deutschland. Im politischen Bereich dürfen Frauen seit kurzem auftreten und waren sehr erfolgreich auch weil die männlichen Gegenkandidaten nicht gegen eine Frau verlieren wollten und deshalb ihre Kandidatur zurückgezogen haben.

Fazit der gesamten Diskussion war, dass hauptsächlich die sozialen Verhältnisse (Bildung vs. Analphabetismus, Reichtum vs. Armut, Stadt vs. Land) und die regionalen Prägungen des Islams die unterschiedlichen Positionen der Frau in der Gesellschaft beeinflussen. Man darf also nicht die Situation der Frauen in islamisch-geprägte Staaten pauschal vergleichen, weil an manchen Stellen die Situation ähnlich ist wie im „Westen“ oder sogar besser. Ein letzter Punkt war dafür sehr beeindruckend: Deutschland und Pakistan haben aktuell einen ähnlichen Prozentsatz an Frauen im Parlament.

ReferentInnen

Charlotte Wiedemann
Journalistin und Autorin mit dem Schwerpunkt Islamische Lebenswelten. Über Iran schrieb sie u.a. für die Zeit, Geo, NZZ und Le Monde Diplomatique

Moderation: Silvia Bauer, Kulturwissenschaftlerin, Leiterin von CINEMA IRAN, München

Veranstaltungsort
München, Lost Weekend, Schellingstr. 3


Kosten
5,- Euro


Partner

Evangelische Stadtakademie München


Art der Veranstaltung
Vortrag



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