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Bäuerliche Landwirtschaft - unser Zukunftsmodell

02.03.2013 - 10:00 bis 16:30


Die Agrarpolitik wird zur Zeit in den Medien heftig diskutiert, vor allem vor dem Hintergrund der Verteilung der Agrargelder für die nächsten sieben Jahre ab 2014. Der Weltagrarbericht sagt deutlich aus, dass nur bäuerliche Landwirtschaft zur Sicherung der Welternährung beiträgt.

Welche Landwirtschaft wollen wir in Zukunft? In diese Frage mischen sich vermehrt viele gesellschaftliche Gruppierungen ein, sie alle wollen, dass in Zukunft  keine Steuergelder in nicht gewollte Agrarstrukturen fließen. 

Der Fachkongress diskutierte über die Definition einer bäuerlichen Landwirtschaft im Gegensatz zur industriellen Produktion sowie über Strategien für ihre Inwertsetzung in einem zunehmend globalisierten Warenverkehr.

Der Vortrag von Konrad Schmid, Ltd. Ministerialrat im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, zeigte deutlich, dass Positionen, die an der bäuerlichen Landwirtschaft orientiert sind, bisher noch nicht ausreichend zum Ministerium „durchgedrungen“ sind. Die von ihm vorgestellten gängigen Strategien wie Senkung der Produktionskosten und betriebliches Wachstum oder die Diversifizierung ohne ausreichende Berücksichtigung des erhöhten Arbeitszeitbedarfs der Bauernfamilien zeigten, dass hier eher die altbekannten Wege empfohlen werden. Zudem setze die 
bayerische Staatsregierung „mehr auf Anreize, als auf ordnungsrechtliche Regelungen“, was sich bisher als nicht ausreichend erwiesen hat. In der Diskussion mit dem Publikum wurden seine Darstellungen denn auch fundiert kritisiert. Der massive Rückgang landwirtschaftlicher Betriebe auch in Bayern (104.000 Betriebe haben innerhalb der letzten 20 Jahre ihre Hoftore
geschlossen) wurde in seinem Vortrag nur gestreift. Die AbL-Geschäftsführerin Gertraud Gafus betonte daher: „Sowohl aus volkswirtschaftlicher, als auch aus ökologischer Sicht muss es im Interesse der bayerischen Staatsregierung sein, möglichst viele Höfe zu erhalten.“

Isabella Hirsch, Bäuerin und 2. Vorsitzende der AbL-Bayern sowie Beraterin in der landwirtschaftlichen Familienberatung der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, referierte über die Arbeitsbelastung und finanzielle Situation in landwirtschaftlichen Betrieben. "Viel Arbeit, wenig Geld“ - das war ihr Fazit. In ihrem eindrucksvollen, sehr persönlichen Vortrag vermittelte die Referentin ihre Erfahrungen zum Zusammenhang von betrieblichen Wachstum und familiärem Zusammenleben. Der erste Wachstumsschritt erfolgte mit der Aufstockung von 20 auf 50 Milchkühe, ganz getreu des propagierten Mottos „Wachsen oder Weichen“. Neben ihrer Arbeit auf dem Hof habe sie in Schichtarbeit auch in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester gearbeitet. Mit dem 2. Wachstumsschritt zu einem fremdfinanzierten 80-Milchkuhstall sei die Arbeitsbelastung trotz der modernen Hilfsmittel so groß geworden, dass eine Reflektion der Situation aufgrund der permanenten Überlastung kaum noch möglich gewesen sei. Die außerlandwirtschaftliche Tätigkeit stellte sie ein, als zur betrieblichen Tätigkeit noch die häusliche Altenpflege hinzukam. Der Preisdruck auf dem Milchsektor führte dann auch zu finanziellen Problemen. Durch den konstanten Rationalisierungs- und Produktionsdruck habe der Wert der Lebensmittel stark abgenommen. Isabella Hirsch zitierte Matthias Binswanger „Freie Märkte führen zur Befreiung ganzer Regionen von ihren Bauern“. Erst nach zwei Krankheitsfällen und zunehmenden familiären Spannungen fiel die Entscheidung für einen Wandel und die Aufgabe der Milchviehhaltung und die Umstellung auf extensive Rinderhaltung. Hirsch forderte abschließend die anwesenden Bäuerinnen und Bauern auf, sich konkret die Frage zu stellen „Lebe ich um zu arbeiten, oder arbeite ich, um zu leben“ und entsprechend zu handeln.

Prof. Dr. Dr. h.c. Alois Heißenhuber vom Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues an der TU München-Weihenstephan stellte in seinem Vortrag 
„Visionen und Lösungsansätze für eine zukunftsfähige bäuerliche Landwirtschaft“ die Forderung auf, klar zu definieren, was nicht mehr als bäuerliche, sondern als industrielle Landwirtschaft bezeichnet werden muss und aus dem Rückschluss die bäuerliche Landwirtschaft zu identifizieren. Gerade Brunners Ministerium müsse hier zu klaren Aussagen kommen und nicht weiterhin alle bayerischen Betriebe per se als bäuerlich bezeichnen. Er gab hierfür einige klare Kriterien an, die sich vor allem am Umgang mit den natürlichen Schutzgütern orientieren, aber auch soziale Aspekte einschließen. In diesem Sinne müsse bäuerliche Landwirtschaft immer als multifunktionale oder nachhaltige Landwirtschaft gekennzeichnet sein. Er zeigte eindrückliche Bilder u.a. aus der Provinz Almeria in Spanien, wo die Landschaft unter Plastik-Planen liegt, unter denen auf ausgelaugtem Boden, genährt durch Kunstdünger und beladen mit Pestiziden, Tomaten für den Export produziert werden. Die Arbeiter in diesen „Exzessen intensivierter Landwirtschaft“ leben mehr oder weniger als Sklaven in Slums, sagte Prof. Heißenhuber. Aber auch in bayerischen Schlachthöfen gibt es Lohndumping: derzeit werden die polnischen Arbeiter durch noch billigere Arbeitskräfte aus der Ukraine ersetzt und der Tariflohn für Erntehelfer liege bei 6,35 €. Er forderte die Politik auf, eine nachhaltige Landbewirtschaftung durch deutlich strengere gesetzliche Regelungen herbeizuführen, eben nicht nur auf die „freiwilligen Anreize“ zu setzen, die Dr. Schmidt favorisiere. So sei die Dünge-Verordnung nicht mehr als ein „Papiertiger“, es bestehe in der BRD ein massiver Stickstoffüberschuss auf den Flächen. Auch die Cross-Compliance-Auflagen seien zu lasch, gerade hinsichtlich des so wichtigen Bodenerosionsschutzes (Schlaggrößen auf erosiven Hanglagen). Die Lebensmittelbranche sei die einzige, die in einem Hochlohn- und Preisland wie der BRD versuche, mit Dumping und Weltmarktpreisen zu punkten – auf Kosten der Bauern. Prof. Heißenhuber lobte abschließend die Anstrengungen des EU Agrarkommissars Ciolos, befürchtet aber, dass EU-Parlament und die Agrarminister der Länder gegen ihn arbeiten und versuchen, seine Vorschläge zu verwässern.

Gerard Choplin aus Brüssel war 25 Jahre lang Koordinator der in 1962 gegründeten europäischen Bauernbewegung. Seit 1994 hätten die internationalen WTO-Handelsregelungen zu liberalisierten Märkten und Freihandel den Rahmen der Agrarpolitik weltweit bestimmt - die heutige GAP könne aber gerade deshalb bei den globalen Ernährungskrisen keine schlüssige Lösung anbieten. Gleichzeitig habe die Geschwindigkeit des Verschwindens von Bauernhöfen dramatisch zugenommen. Während in 2003 alle drei Minuten ein Bauer in der EU aufgegeben hat, war es in 2012 einer je 30 Sekunden. Choplin wies an einigen Beispielen auf die Berufskollegen in Ländern außerhalb Europas hin, die einen noch deutlich schwereren Stand haben (Stichwort Landgrabbing und staatliche Willkür). Mit der hochsubventionierten Produktion in der EU können die dortigen Kleinbauern nicht konkurrieren. Nötig seien deswegen weltweite politische Entscheidungen, die die Ernährungssouveränität gewährleisten, Dumping verbieten und garantieren, dass Lebensmittel nicht unter ihren Entstehungskosten exportiert werden dürfen. Oberste Priorität müsse die Ernährungssicherung der eigenen Bevölkerung sein, nicht die Exportorientierung, z.B. beim großflächigen Sojaanbau in Südamerika. Trotz der ernsten Situation für viele Kleinbauern machten seine Berichte zur internationalen Zusammenarbeit in der Via Campesina Mut, weltweite bäuerliche Solidarität engagiert umzusetzen.

ReferentInnen

Gerard Choplin
25 Jahre Koordinator der Europäischen Bauernbewegung

Prof. Dr. Dr. h.c. Alois Heißenhuber
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues, TU München-Weihenstephan

Isabella Hirsch
Bäuerin, 2. Vors. AbL-Bayern, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Familienberatung der ev. Kirche

Konrad Schmid
Ltd. Ministerialrat Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Leiter der Abteilung für Grundsatzfragen der Agrarpolitik   

Veranstaltungsort
Scheyern, Klosterschenke, Schyrenplatz 1, 85298 Scheyern


Partner

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)


Art der Veranstaltung
Kongress



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