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Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

25.10.2017 - 19:30

Neben uns die Sintflut!?

Wie und warum wir über die Verhältnisse anderer leben

Prof. Dr. Stephan Lessenich (im Bild links) erläuterte zunächst die Grundthese seines Buchs: Die Lebensverhältnisse der Menschen in verschiedenen Weltregionen stehen in Beziehung zueinander, in einer Wechselwirkung. Diese „Relationalität“ der Lebensverhältnisse bedeutet für die kapitalistische Weltgesellschaft der Gegenwart: Die Lebensverhältnisse in den Ländern des globalen Nordens sind – jedenfalls für die große Mehrheit dort – gut, während es in den Ländern des globalen Südens darum mehrheitlich schlecht bestellt ist. Wir leben gut, weil wir von anderen leben – von dem, was andere leisten und erleiden, tun und erdulden. Die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder leben also nicht über ihre Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse anderer. Der Reichtum hierzulande beruht demnach auf doppelter Ausbeutung: hier und anderswo.

Externalisierung bedeutet dann in diesem Zusammenhang, dass die reichen hochindustrialisierten Gesellschaften die negativen Effekte ihres Handelns auf Länder und Menschen in ärmeren, weniger entwickelten Weltregionen auslagern. Mit dem Begriff der Externalisierung knüpft Lessenich bewusst an die Begrifflichkeit der Ökonomik („externe Kosten“) wie auch der Sozialpsychologie („Das eigene Bewusstsein und Selbstbild wird vor Beeinträchtigungen und inneren Konflikten geschützt.“) an. Gerade der zweite Aspekt ist wichtig: Die Voraussetzungen für die hiesigen Verhältnisse werden nicht erkannt und nicht anerkannt, sondern sie werden systematisch ausgeblendet. In seinem Buch gibt Lessenich eine Vielzahl von Beispielen für diese Externalisierungsstrategie. Am Veranstaltungsabend befasste er sich aus aktuellem Anlass (die Diskussion über das Verbot von Glyphosat) lediglich mit der Sojaproduktion in Argentinien. Denn dort wird Glyphosat in riesigen Mengen für die Sojaproduktion angewandt. Wobei der Monsanto-Konzern sowohl das gentechnisch veränderte Saatgut für die Sojaproduktion liefert als auch das Glyphosat, das alles vernichtet außer eben dieses gentechnisch veränderte Soja, das in Argentinien auf immensen Flächen angebaut wird. Soja (als Fleischvorprodukt) hat in Argentinien die traditionelle Rinderzucht weitgehend verdrängt. Der massenindustrielle und monokulturelle Anbau von Soja hat zudem Kleinbauern vertrieben und die Landflucht in die städtischen Agglomerationen verstärkt.

Dieser Sojaanbau ist insofern ein typisches Beispiel für die Externalisierungsstrategie, als er vor Ort, in Argentinien, eine Flächenaneignung darstellt für Produkte, die hier im globalen Norden nachgefragt werden (Fleisch). Die schädlichen Folgen dieses Agrarkapitalismus (ökologisch, sozial und politisch!) verbleiben aber dort. Und diese Folgen werden hier beim Fleischkonsum natürlich ausgeblendet, die Externalisierung der Kosten wird akzeptiert.  

Die erwähnten Aspekte der Externalisierung sind laut Lessenich auch deshalb von Bedeutung, weil sie auf zwei Ansätze für mögliche Gegenstrategien verweisen: Zum einen sei „klassische“ Kapitalismuskritik notwendig. Zum anderen müsse aber immer auch die große Bevölkerungsmehrheit mit ihren Alltagspraktiken bedacht werden, weil es eben diese Praktiken sind, die die Externalisierung stabilisieren. Wenn sich etwas ändern soll, dann müssen diese alltäglichen Handlungsweisen in Verbindung gebracht werden mit den gesellschaftlichen Strukturen, so Lessenich.

Für das gegenwärtige Stadium der Externalisierung ist nach Lessenich kennzeichnend, dass die Externalisierungseffekte „zurückschlagen“, dass deren soziale und ökologische Folgen also immer stärker auch in den reichen Industriegesellschaften sichtbar werden. Die Auswirkungen des Klimawandels und die Migrationsbewegungen seien hierfür die augenfälligsten Beispiele.

Auf die selbst gestellte Frage „Was nun? Was tun?“ wollte der Soziologe Lessenich keine politische Handlungsanleitung geben. Wichtig sei aus seiner Sicht zunächst und vor allem, die Verhältnisse so darzustellen, wie sie sind. Und klar zu sagen, dass wir von diesen Verhältnissen profitieren und sie durch unsere Alltagspraktiken mittragen. Es gehe jetzt darum, den „geheimen Gesellschaftsvertrag“ zu durchbrechen, auf dem diese Verhältnisse beruhen: nämlich dass diese Verhältnisse akzeptiert werden, solange es den darin agierenden Menschen gut geht und ihnen alles vom Leib gehalten wird, was diesen Zustand gefährdet. Dass dies derzeit immer weniger zu funktionieren scheint, erlaubt es laut Lessenich, von einer „Krise der Externalisierung“ zu sprechen. Immer mehr Menschen spüren offenbar, dass die gewohnten und lieb gewordenen Lebensverhältnisse ins Wanken geraten sind.

Auf den Punkt möglicher Handlungsoptionen in der Krise der Externalisierung konzentrierte sich auch die anschließende, sehr intensive Diskussion. Dabei wurde deutlich, dass produktive Umgangsweisen mit dieser Krise zur Voraussetzung haben, dass Analyse und Alltagspraxis ineinander greifen müssen. Nur wenn es gelingt, das eigene Leben individuell so weit wie möglich auf nachhaltige, ressourcenschonende Weise einzurichten und gleichzeitig für eine politische Änderung der Rahmenbedingungen einzutreten, kann strukturelle Veränderung erreicht werden. Um die notwendige Reduzierung des Ressourcenverbrauchs um ca. 80% zu erreichen, muss eine langfristige kollektive Strategie entwickelt werden, die auf einem intensiven politischen Diskurs und demokratischen Entscheidungen beruht. Individuelles Handeln (Lessenich: „konsumethisches Avantgardehandeln“) kann diese Kollektiv-Strategie zwar nicht ersetzen, spielt aber wegen des Vorbildcharakters dennoch eine wichtige Rolle.

Wer den gesamten Vortrag sehen und hören möchte, kann dies auf YouTube tun. Vielen Dank für das Video an unseren Kooperationspartner attac Bamberg.

ReferentInnen

Prof. Dr. Stephan Lessenich

Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Autor von „Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“
http://www.stephan-lessenich.de/

Veranstaltungsort
Bamberg


Partner


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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17.10.2017 - 19:30

Gibt es eine gerechtere Ökonomie?

Themenabend mit Christian Felber

Nicht erst seit der letzten Finanzkrise haben die meisten Menschen das Gefühl, dass sie von der Wirtschaft über den Tisch gezogen werden. Eine Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2010 zeigt, dass sich 88 % aller Bundesbürger eine bessere Wirtschaftsordnung wünschen. Wir haben den Erfinder der Gemeinwohl-Ökonomie eingeladen um ihn zu fragen: Wie kann eine gerechtere Ökonomie aussehen? 

Bankenrettung, Steueroasen für Reiche, Dieselskandal und kein Ende – das Wirtschaftssystem westlichen Zuschnitts kennt nur wenige Gewinner, aber unzählige Verlierer. In einer Zeit, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderdriftet, wünschen sich die meisten Menschen eine Wirtschaftsordnung, die sich nicht nur an der Gewinnmaximierung orientiert, sondern ethisches Handeln, sozialen Umgang und nachhaltiges Wirtschaften mit einbezieht. Unser jetziges Wirtschaftssystem steht auf dem Kopf. Das Geld ist zum Selbst-Zweck geworden statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle.

Die Gemeinwohl-Ökonomie zeigt, dass die Wirtschaft verändert werden kann, wenn Firmen Ziele wie Nachhaltigkeit, ethisches Handeln und sozialen Umgang in die Zielplanung mit aufnehmen. Diese am Gemeinwohl orientierten Ziele müssen aber definiert und kontrolliert werden. Firmen, die sich an die Gemeinwohlwerte halten, sollen von der Politik bzw. den Kommunen begünstigt werden (z. B. Gewerbesteuernachlässe).

Mehr zum Bündnis für Dachau finden Sie unter http://dubistdachau.blogspot.de/

ReferentInnen

Christian Felber
Philologe, Soziologe und Politikwissenschaftler, hat 2010 mit dem Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ die gleichnamige Bewegung angestoßen und ist seither Leiter des Internationalen Koordinationsteams. Die von ihm gegründete Bewegung umfasst derzeit 68 Regionalgruppen in 18 Ländern mit mehr als 2.000 unterstützenden Unternehmen.

Veranstaltungsort
Dachau, Ludwig-Thoma-Haus, Stockmann-Saal, Augsburger Str. 23


Kosten
Der Eintritt ist frei!


Partner

Bündnis für Dachau


Art der Veranstaltung
Bündnis-Themenabend: „Gemeinwohl-Ökonomie – die Zukunft gerechteren Wirtschaftens?“



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17.10.2017

Kleine Hände - großer Profit

Kinderarbeit in unserer Warenwelt

Kinderarbeit ist international verboten. Trotzdem schuften Millionen Kinder unter den unwürdigsten Bedingungen für unsere Produkte, zum Beispiel für Schmuck, Teppiche und Natursteine. Der Kinderarbeitsexperte Benjamin Pütter ist über 80-mal durch Indien gereist, das Land mit den meisten Kinderarbeitern. Anhand von Bildern berichtete er von Mädchen und Jungen, die teilweise bereits mit fünf Jahren ganztags arbeiten müssen, er prangerte die Machenschaften skrupelloser Firmenchefs an und deckte auf, warum auch wir unwissentlich noch immer Produkte aus Kinderarbeit kaufen.  

Indien ist ein Land mit unbegrenzten Gegensätzen. So steht das mit 2 Milliarden Euro gebaute teuerste private Wohnhaus der Welt in Mumbai und gleichzeitig leben hier fast 850 Millionen Menschen in totaler Armut. Einem halben Prozent der Bevölkerung gehört ca. die Hälfte des Landes, hinzu kommen 2%, die ein weiteres Viertel besitzt.

Obwohl Indien die Kinderrechtskonvention der UN von 1989 unterschrieben hat, gibt es ausbeuterische und gesundheitsschädigende Kinderarbeit in großem Ausmaß. Pütter zeigte Bilder von Kindern, die Räucherstäbchen herstellen und sich dabei täglich verätzen durch die Chemikalien, die zur Haltbarmachung benötigt werden, von Jungen und Mädchen, denen beim Zigarettenrollen krebsauslösende Inhaltsstoffe in die Körper gelangen. Auch gab es Bilder von Kindern, die 6-9000 Knoten knüpfen pro Tag in einer Teppich-Firma und deren Hände blutig und zerschunden sind.

Manche arbeiten auch auf Müllhalden; sie sortieren – für ca. 40 Cent pro Tag – Glas und Papier. Dabei tragen sie keine Schuhe, so dass Verletzungen jeglicher Art entstehen, durch die dann Giftstoffe in die kleinen Körper gelangen.

Auch werden Mädchen als Hausangestellte genutzt, die – gegen einen geringfügig höheren Tageslohn – gerne auch als Sexopfer missbraucht werden.

Für Erwachsene, die in bedenklichen Situationen arbeiten, gibt es in Indien jährliche Reihenuntersuchungen – für Kinder nicht, da es ja offiziell keine Kinderarbeit gibt!

Schlimm ist auch die Arbeit in den Steinbrüchen. So sind die dort Arbeitenden zum einen einer permanenten heftigen Feinstaubbelastung ausgesetzt. Zum anderen gibt es oftmals große Verletzungen durch herumfliegende Splitter (durch das Behauen der Steine), durch den Umgang mit Arbeitsgeräten, für die viele Hände viel zu klein sind oder die schwere Hörschäden hervorrufen. Nicht selten sind die Kinder mit 15 Jahren bereits taub. Bei unangekündigten Besuchen wurden in sieben von acht Steinbrüchen Kinder bei der verbotenen Arbeit angetroffen. Schutzkleidung gibt es nicht, die Lebenserwartung liegt bei ca. 30 Jahren. Da die Granitplatten häufig auch auf deutschen Friedhöfen benutzt oder als Küchen- und Gartenplatten verkauft werden, müsste über das Verhalten der Käufer Einfluss genommen werden.

Etliche Jungs und Mädchen befinden sich in einer sogenannten Schuldknechtschaft – ein anderes Wort für Sklaverei. Oftmals haben die Eltern oder Großeltern Geld aufgenommen, das verbrecherisch mit 20% pro Tag (!!) verzinst wird, so dass sehr schnell eine große Schuldensumme entsteht. Diese Art Geldhandel ist zwar verboten. Da die meisten der Betroffenen jedoch weder lesen noch schreiben können, gibt es kaum Gegenwehr. Wenn es doch zu einer Anzeige mit einem Gerichtsverfahren kommt, werden solche Schuldscheine i.d.R. sofort außer Kraft gesetzt.

Was kann getan werden?

Aus Sicht von Benjamin Pütter ist ein Verbot von Kinderarbeit ohne Hilfe zynisch! Es müssen Eltern und Kindern Alternativen angeboten werden. Nach einer Aktion zur Befreiung, die nur mit einem großen Vorlauf und unter Zuhilfenahme von Polizei und Behörden funktionieren kann, muss es Angebote geben für die Familien. Dazu gehören eine gute, kostenlose Schulbildung mit staatlichen Lehrkräften sowie ein kostenloses Mittagessen. Außerdem ist eine schulbegleitende Berufsausbildung wichtig. In Frage kommen Berufe wie Schneider*innen oder Fahrradmechaniker*innen. Für die Eltern müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, die ohne großen Kapitaleinsatz auskommen, damit nicht die nächste Schuldenfalle droht.

International sollte es mehr Aufklärung geben sowie Lobbyarbeit stattfinden. Hilfreich war die Verleihung des Friedensnobelpreises 2014 an den indischen Kinderrechts- und Bildungsrechtsaktivisten Kailash Satyarthi, mit dem Pütter seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Die Verleihung dieses wichtigen und aufsehenerregendes Preises gab – zumindest vorübergehend der Diskussion zum Thema einen Aufschwung.

Jede/r kann auch im privaten Bereich etwas tun, z.B. durch den Verzicht auf „Haribo Goldbären“, die – damit sie nicht zusammen kleben - in Brasilien mit einer „Wachsschicht“ versehen werden, die bei der Herstellung gesundheitsschädlich ist. Oder kein „nutella“ essen; die Haselnüsse werden in der Türkei von Kindern unter unwürdigen Bedingungen bearbeitet.

Auch Handys spielen eine große Rolle; so gehört z.B. der Abbau von Coltan im Kongo zu den Arbeiten, bei denen Kinder menschenunwürdig und unrechtmäßig zur Arbeit gezwungen werden, durch die sie frühzeitig altern und sterben.

Pütter schlug auch vor, Apps – wie etwa „Fair Fashion?“ - zu nutzen, um beim Einkaufen einen Überblick zu bekommen, ob das jeweilige Geschäft fair gehandelte Waren verkauft oder eben nicht. Wenn viele Konsument*innen sich solcher Möglichkeiten bedienen, wächst dadurch der Druck auf die entsprechenden Firmen, seine Hersteller gut zu kontrollieren und damit mittelfristig widerrechtliche Kinderarbeit zu unterbinden.

ReferentInnen

Benjamin Pütter
Berater für die Bereiche Kinderrechte und Kinderarbeit beim Kindermissionswerk Die Sternsinger, Freiburg, Autor von Kleine Hände - großer Profit, 2017

Veranstaltungsort
München


Partner

Evangelische Stadtakademie München


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



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30.06.2017

Die tödlichen Strukturen der Weltwirtschaft

Veranstaltungsreihe: Eine Welt ohne Visionen geht zu Grunde

Die Welt bebt. In vielen Regionen der Erde herrschen Krieg und Gewalt. Sie werden von großen Mächten und Waffenproduzenten geschürt. Die 50 reichsten Weltbürger haben so viel Geld wie 47 Prozent der Menschheit. Massenarmut, Kriege, Klimawandel und ein Welthandel im Dienste der Mächtigen treiben Millionen Menschen in die Flucht. Dort stoßen sie an die Grenzen der Reichen, die ihren Wohlstand abschotten. Dies Zustände lassen - so der Referent - Zweifel aufkommen, ob das bekannte Zitat von Friedrich Hölderlin noch Gültigkeit habe: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ 

Kessler widmete der Ursachenanalyse für diese und andere bedrohliche Tendenzen, in der Gewalt eine immer größere Rolle spiele, breiten Raum. Er nannte dabei vor allem folgende Aspekte: 

 

  • ungebändigter Kapitalismus nach Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“;
  • Abschaffung von Begrenzungen für das Kapital, Steuersenkungen, Reduzierung der Sozialleistungen;
  • Versechsfachung des Welthandels – Verzehnfachung der Finanzumsätze weltweit.

Diese Entwicklung habe aber auch positive Auswirkungen gehabt:

  • Vorteile für Deutschland als Exportland, 
  • Schwellenländer profitieren von der Industrialisierung
  • weniger Hungernde weltweit
  • Aufbruch zur Demokratie in vielen Teilen der Welt, z.B. beim "arabischen Frühling".
  • Es ergeben sich aber viele und dramatische Probleme weltweit:
  • riesige und weiter wachsende soziale Ungerechtigkeit
  • die Kluft zwischen Arm und Reich wächst durch den Finanz-Kapitalismus
  • Die Entwicklung „wie im Westen - so auf Erden“ hält unsere Erde nicht aus.
  • Viele Folgen zeigen sich: Klimaerwärmung, Fluchtbewegungen von Millionen als Folge, massive Umweltzerstörung für Rohstoffe, Kriege um Rohstoffvorkommen.
  • „Wie im Westen – so auf Erden“ bedroht Kulturen, Religionen und andere Lebensweisen, die dem „kapitalistischen Denken“ unterworfen werden. Die islamistische Gewalt kann auch, aber nicht alleine, darauf zurückgeführt werden.
  • Kampf aller gegen alle, Handelskriege, Aufrüstung von Schwellenländern.
  • Boom des Waffenhandels, wobei Deutschland kräftig mitmischt.

Die Folgen dieser Entwicklung treffen auch Deutschland und Europa:

  • Hass und Aggression gegen alles Globale, aber auch Europäische.
  • gegen alles Fremde, gegen Flüchtlinge, andere Meinungen.
  • Hassmails, „Lügenpresse“.

Ein Klima der Verrohung bedroht auch in Deutschland die Demokratie, Angst und Verzweiflung wachsen. Aber auch Zeichen der Hoffnung gibt es nach Ansicht des Referenten. Es seien jedoch zarte Pflänzchen, die unterstützt werden müssten:

  • Trotz Trump gibt es weiterhin ein Mehrheit für eine Fortsetzung der Klimaschutzpolitik.
  • Rechtsextremisten bekommen Absagen bei Wahlen in Europa.
  • Zivilgesellschaften stehen in USA und weltweit auf.
  • Seriöse und linksliberale Zeitungen in USA verzeichnen z.T. hohe Zuwächse.
  • Jüngere Menschen von 20 bis 40 engagieren sich zunehmend politisch.

 In den nächsten Jahren müsste nach Ansicht des Referenten folgende Themen in den Mittelpunkt gestellt werden:

  • Debatte über Gerechtigkeit in Deutschland
  • Es dürfe nicht nur gegen Rechtspopulismus geschimpft werden, sondern auch dem Bedürfnis nach Stärkung der sozialen Bindungen Rechnung getragen werden.
  • Diskussion über eine gerechte und nachhaltige Weltwirtschaft
  • Europa als Friedensregion mit aktiver Friedenspolitik statt Aufrüstung
  • Persönliches Verhalten prüfen bzw. verändern: fair gehandelte, ökologische, regionale Waren kaufen, Geld ethisch anlegen, neue Gemeinschaften wagen, Genossenschaften gründen, saubere Energien verwenden, bewusst essen, in die Politik einmischen bei Diskussionen und Demonstrationen.

ReferentInnen

Dr. Wolfgang Kessler
Wirtschaftwissenschaftler, Chefredakteur von ‚Publik-Forum’

Veranstaltungsort
Lindau


Partner

pax christi Augsburg


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



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22.06.2017

Krieg für Menschenrechte?

Veranstaltungsreihe: Eine Welt ohne Visionen geht zu Grunde

Das 2015 verabschiedete Weißbuch der Bundeswehr und zahlreiche weitere Strategiedokumente von NATO und EU bauen auf der Annahme auf, dass Menschenrechte mit militärischen Mitteln verteidigt werden können und müssen. Wenn deutsche Politiker wie Gauck oder Steinmeier von "Verantwortung" reden, dann meinen sie Militäreinsätze, während gleichzeitig die deutsche Regierung und ihre NATO-Verbündeten bei der UN die Verankerung eines "Menschenrechtes auf Frieden" blockieren.

Zur Frage, was der begriff der "Menschenrechte" eigentlich bedeutet, zitierte Claudia Haydt aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Vollversammlung der UN am 10. Dezember 1948 in Paris genehmigt und verkündet hat. Ihr Nachteil liege in ihrem bloßen Empfehlungscharakter ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit. Damit sind diese Rechte nicht einklagbar.

2.            Was machen die Vereinten Nationen/UN zum Schutz der Menschenrechte?

Hingegen ist das der Fall im Zivil- und Sozialpakt der UN, der 1976 verabschiedet und inzwischen von 160 Staaten (Stand 2013), unter ihnen die BRD  (die USA dagegen haben lediglich unterzeichnet!), ratifiziert wurde. Sie verpflichten sich damit zur Umsetzung der grundlegenden Menschenrechte aus der Allgemeinen Erklärung von 1948, im Sozialpakt z. B. der Rechte auf Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge. Wie gravierend es beim Recht auf Gesundheit an der Verwirklichung mangelt, machte die Referentin an den Folgen des Hungers und den typischen Armutskrankheiten Aids, Tuberkulose und Malaria sowie den vernachlässigten Tropenkrankheiten deutlich.

Sie forderte ein Recht auf Frieden und führte Deutschland innerhalb einer Liste der 20 friedlichsten Länder an 16. Stelle auf. Die 10 am wenigsten friedlichen: Syrien, Südsudan, Irak, Afghanistan, Somalia, Jemen, Zentralafrikanische Republik, Ukraine, Sudan, Libyen.

Der Begriff der „Schutzverantwortung“ beziehe sich lediglich auf Massenverbrechen wie Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ihre Frage: Kann man Krieg zur Verhinderung von Völkermord führen? Als Negativbeispiele nannte sie das Eingreifen französischer Soldaten in Ruanda und den Präzedenzfall Libyen.

Gegenwärtig würden Kriege mit dem Schutz vor Terrorismus – dahinter steht das Recht auf körperliche Unversehrtheit – begründet. Allerdings seien laut IPPNW zwischen 2001 und 2010 bei den Antiterrorkriegen im Irak, Afghanistan und Pakistan 1,3 Millionen Menschen getötet worden. Trotzdem würden im Namen der Menschenrechte weiterhin Kriege geführt, wo es eigentlich um den Zugang zu Rohstoffen gehe. In Afghanistan z.B. lockten die Lithium-Vorkommen, die man für die Elektromobilität benötige.

Ihre Hoffnung setzt die Referentin auf den „Treaty-Prozess“ des UN-Menschenrechtsrates, mit dem man sich seit 2014 auf den Weg zu globalen  Unternehmensregeln gemacht hat. Es geht dabei um ein internationales Menschenrechtsabkommen zu Transnationalen Konzernen und anderen Unternehmen, deren menschenrechtliche Verantwortung verbindlich geregelt werden soll.

ReferentInnen

Claudia Haydt
Religionswissenschaftlerin und Soziologin. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V., die 2011 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde.

Veranstaltungsort
Lindau


Partner

pax christi Augsburg


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



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06.06.2017 bis 09.06.2017

Orte guten Lebens in Bayern

Reise in eine lebenswerte Zukunft

Das "gute Leben" hat derzeit Hochkonjunktur - selbst die Bundesregierung hat ein umfangreiches Konsultationsprojekt dazu durchgeführt. Was "gutes Leben" aber konkret bedeutet, wird selten genau definiert. Klar ist: Eine intakte Umwelt, Gesundheit, nachhaltiges Wirtschaften, gerechtes Einkommen und menschenwürdige Wohnverhältnisse gehören mit Sicherheit dazu. 

Immer mehr Menschen, in zivilgesellschaftlichen Initiativen oder in der Kommunalpolitik, in Unternehmen, Genossenschaften oder Vereinen, engagieren sich mittlerweile dafür, ihre Visionen vom guten Leben ganz konkret, vor Ort, gemeinsam mit anderen, umzusetzen. Einige dieser Projekte und Initiativen besuchten wir auf unserer Bildungsreise, um die Vielfalt dieser Ansätze in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen kennenzulernen. 

Dieter Gewies (im Bild rechts), der bis 2014 18 Jahre lang Erster Bürgermeister der Gemeinde Furth (ca. 3.500 Einwohner*innen) im Landkreis Landshut war, erläuterte die kontinuierliche, sehr pragmatisch orientierte Politik, die ihm und dem Dorf 2014 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis eingebrachte. Das langjährig entwickelte Further Nachhaltigkeitskonzept ist in acht integrierte Nachhaltigkeitsfelder aufgeteilt und stellt die zentrale Richtschnur für alle Entscheidungen dar. Der Haushalt der Gemeinde wird durchgängig nach Nachhaltigkeitskriterien aufgestellt, verabschiedet und abgearbeitet. Umwelt- und sozialgerechte Beschaffung ist Grundlage für das Beschaffungswesen. 2011 wurde Furth mit dem Gütesiegel „Nachhaltige Bürgerkommune Bayern“ ausgezeichnet. Die starke Partizipation der Bürgerinnen und Bürger ist Teil einer bewusst angelegten Mitmach- und Anerkennungskultur. Sie ist Grundlage der Fortschritte im Nachhaltigkeitsbereich sowie bei notwendigen Investitionen z.B. im Bereich Energiewende und Innenentwicklung.

Schon 1999 wurde beschlossen, sich zu 100% mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Ein Hackschnitzelheizwerk, eine Biogasanlage sowie zahlreiche Sonnenkollektoren und PV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden und Privathäusern sorgen bereits heute dafür, dass über 80% der Strom- und Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Eine groß angelegt Gewässerrenaturierung, mit der die Sünden der Flurbereinigung behoben werden konnten, hat durch die Anlage von breiten Gehölzstreifen entlang der Bäche den positiven Nebeneffekt, dass auf diese Weise auch die Versorgung des Heizwerks mit heimischem Brennstoff gesichert werden konnte.

 

In der Dorfentwicklung setzt Furth auf Flächensparen und Innenentwicklung. Im Rahmen eines breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahrens wurden die Pläne für eine neue Dorfmitte entwickelt und umgesetzt. Realisiert wurde eine kleinteilige Struktur von Läden und Dienstleistern (siehe Bild oben links). Trotz großen Zuzugsdrucks betreibt Furth eine restriktive Baulandausweisung.

Ein Eckpfeiler für die Further Entwicklung ist der Schwerpunkt Bildung & Erziehung, für den ein Drittel des Gemeindeetats reserviert ist. Damit ist es der Gemeinde möglich, eine Betreuungsgarantie von 1. bis zum 14. Lebensjahr zu geben. Kinderkrippe, Kindergarten, Grundschule (alle integrativ bzw. inklusiv organisiert) sowie Mittelschule, Hort und Gymnasium befinden sich im Ort. Außerdem gibt es zwei Universitätsinstitute. 

Andreas  Horsche (im Bild ganz oben links), der seit 2014 als Nachfolger des aus Altersgründen nicht mehr kandidierenden Gewies sein Nachfolger im Amt des Bürgermeisters ist, setzt dessen Nachhaltigkeitspolitik konsequent fort. Ein Beispiel dafür ist die derzeit laufende Renaturierung des Further Baches (siehe Bild oben rechts) zwischen Punzenhofen und Obermünchen. Mit diesem Projekt werden gleich vier unterschiedliche Ziele realisiert: die ökologische Aufwertung des Gewässers, die Schaffung zusätzlicher Retentionsflächen, die Anlage eines Fahrradwegs parallel zur vielbefahrenen Straße sowie die Verlegung von Glasfaserkabeln zur Versorgung mit schnellem Internet. Eine vierfache Win-win-Situation sozusagen.

Kurzporträt von Furth (Präsentation als PDF-Datei)

Details: http://www.furth-bei-landshut.de/furth/nachhaltige-entwicklung/


„Tagwerk“, ein relativ kompliziertes Konglomerat aus Genossenschaft, Trägerverein und GmbH (siehe Folie 5 der Präsentation, die als PDF-Datei heruntergeladen werden kann), hat sich dem Motto „Bio aus der Region“ verschrieben. Wie Dr. Michael Rittershofer, der Geschäftsführer des Tagwerk e.V., ausführte, versteht es sich als regionales Netzwerk (siehe nebenstehende Karte), dem gute Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung genauso wichtig sind wie der achtsame Umgang mit der Natur und das solidarische Miteinander von Verbrauchern, Erzeugern, Händlern und verarbeitenden Betrieben. Von den bescheidenen Anfängen im Jahr 1984 bis heute (für 2017 erwarten Genossenschaft und GmbH einen Gesamtumsatz von etwa 8 Mio. Euro) wurde ein weiter Weg zurückgelegt. Ursprünglich setzte man ausschließlich auf regionale Produkte. Später folgte die Öffnung hin zum Vollsortiment, was aber auch für die Regionalprodukte einen deutlichen Schub brachte. Aber nach wie vor setzt Tagwerk auf regionale Produkte aus zertifizierten Betrieben und achtet auf kurze Transportwege und schonende handwerkliche Verarbeitung. Tagwerk kann vergleichsweise hohe Preise an die Erzeuger*innen zahlen. Und sehr wichtig: Für manche Anbieter*innen (mit kleinen oder unregelmäßigen Erzeugermengen, an denen die „großen“ Handelsmarken kein Interesse haben) ist Tagwerk die einzige verlässliche Abnahmealternative neben dem Direktvertrieb. Die regionale Orientierung ermöglicht es, direkte Kontakte zu den Erzeuger*innen herzustellen, Beziehungen zu knüpfen und Vertrauen zu schaffen. Auch für das Tierwohl sorgt Tagwerk – von der Haltung bis zur Schlachtung in der eigenen Öko-Metzgerei. Dies ist gegenüber der Zusammenarbeit mit einer konventionellen Metzgerei in der Vergangenheit ein wesentlicher Fortschritt. So können die Tiere vor der Schlachtung einige Tage ruhen, um den "Stress" zu verringern.

Tagwerk versteht seine Arbeit durchaus auch als politisches und gesellschaftliches Engagement: Dazu zählen Landschaftspflege im Sinne des Arten- und Naturschutzes auf Biohöfen, der Einsatz für eine Öko-Modellregion Isental oder für einen gentechnikfreien Landkreis Erding sowie die Beteiligung an der Demo „Wir haben es satt“. Auch die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz für das Unternehmen ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert.

Ob die Verschmelzung der GmbH und der Genossenschaft, die mit dem Umzug vom ländlichen Dorfen in das - nicht sehr ansehnliche - Gewerbegebiet in Garching einher ging, einen Wandel in der Grundorientierung von Tagwerk bringt (zum Beispiel im Sinne einer größeren Orientierung am „Markt“), muss wohl noch abgewartet werden.

Details: http://www.tagwerk.net/

Der Chiemgauer ist Europas wohl ältestes (seit 2003) und auch erfolgreichstes Regio-Geld. Immer mehr Menschen (derzeit etwa 3.200) bezahlen bei fast 600 mitmachenden Unternehmen in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein mit dem Chiemgauer. Der regionale Einkauf hat in mehrfacher Hinsicht positive Auswirkungen: er stärkt insbesondere die kleineren Geschäfte vor Ort, kurbelt die regionale Wirtschaft an und bringt zusätzliches Geld in die Kassen von Vereinen und Einrichtungen mit sozialen Zielen. Das Regio-Geld (das es mittlerweile auch als „eChiemgauer“ für die elektronische Zahlung gibt) versteht sich als Ergänzung des Euro um eine regionale Komponente. Und er zielt als „alternative Geldform“ darauf ab, dass die Kaufkraft gebunden wird und die Wertschöpfung in einer eigenen Region bleibt. Auch sollen lebendige Innenstädte und Dörfer, intakte Vereinsstrukturen und ein helfendes Miteinander gefördert werden.

Wichtiges Instrument dafür ist der sog. „Umlaufimpuls“: Die Verbraucher*innen müssen ihre Scheine alle drei Monate um drei Prozent mit Klebemarken aufwerten, wenn sie nicht vorher ausgegeben wurden. Das sorgt für einen schnellen Umlauf und fördert somit die regionale Geschäftstätigkeit. Und es wird verhindert, dass der Chiemgauer spekulativ gehortet wird.

Unternehmen, die beim Chiemgauer mitmachen, „belohnen“ den regionalen Einkauf mit drei Prozent, die dem Verein oder einem sozialen Zweck gutgeschrieben werden, die jedes Mitglied selbst festlegen kann. Rund 200 mitmachende Vereine profitieren davon. In den vergangenen Jahren konnten so mehr als 280 Vereine und Projekte mit einer Summe von insgesamt über einer halben Million Euro  gefördert werden.

Christophe Levannier (Bild oben) vom Chiemgauer-Trägerverein wies in seinem Vortrag aber auch darauf hin, dass das große Interesse am Chiemgauer weit über Deutschlands Grenzen hinaus in einem eigentümlichen Gegensatz zum begrenzten Interesse in der eigenen Region stehe: Der Prophet gelte offenbar nichts im eigenen Land, man werde vor Ort eher belächelt oder gar ignoriert. Angesichts der doch eng begrenzten Wirkung kann ein Regio-Geld zwar die regionale Wirtschaft unterstützen und Projekte fördern, wohl aber kaum die ihm zugedachte Rolle als Alternative zum herrschenden Geldsystem spielen.

Weitere Details:  http://www.chiemgauer.info/

Video „Fehler im Geldsystem“

Margrit Kennedy / Bernard Lietaer: Regionalwährungen. Auf dem Weg zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann-Verlag, 2004

Weitere Literaturhinweise: http://www.chiemgauer.info/informieren/lese-ecke-archiv/

Die Molkerei Berchtesgadener Land, die uns bei einer ausführlichen Betriebsbesichtigung von Sabine Fuchs präsentiert wurde, ist seit 1973 auch eine Bio-Molkerei (daneben wird aber immer noch und überwiegend konventionell erzeugte Milch verarbeitet) und damit eine der ersten überhaupt. Sie ist als Genossenschaft organisiert und verarbeitete im Jahr 2016 ca. 306 Mio. kg Milch. Davon waren 89 Mio. kg Bio-Milch. Sie erwirtschaftete damit einen Umsatz von über 200 Mio. Euro. Die Produkt-Palette umfasst Frischmilch, haltbare Milch, Milchmischgetränke, Joghurt, Fruchtjoghurt, Trinkjoghurt, Buttermilch, Fruchtbuttermilch, Kefir, Dickmilch, Speisequark (Topfen), Speisequarkzubereitung, Kräuter- und Fruchtquark, Schlagrahm, Sauerrahm, Schmand, Crème fraîche, Butter; laktosefreie Bio-Produkte. Die  Molkerei-Genossenschaft hat derzeit 1733 Mitglieder, davon sind 491 Bio-Bauern.

Die Molkerei verfolgt den Leitgedanken der Nachhaltigkeit und sieht im Genossenschaftsmodell die Möglichkeit, Herkunft, Nachhaltigkeit und Fairness als gesellschaftliche Werte glaubwürdig umzusetzen. Das kommt zum Beispiel in der seit 2010 verpflichtend für alle Genossenschaftsmitglieder erfolgenden natürlichen Fütterung der Kühe ohne Gentechnik zum Ausdruck. Ein weiteres Projekt, das in ähnliche Richtung zielt und vor allem den Antibiotika-Gebrauch auf ein absolutes Minimum beschränken soll, sind die von der Molkerei angebotenen Homöopathie-Schulungen für die Landwirte.

Auch in der Logistik arbeitet die Molkerei an umweltverträglichen Lösungen. Die Milch-LKWs müssen sowohl von konventionell wie auch von ökologisch wirtschaftenden Landwirten die tägliche Milchmenge einsammeln. Da der Großteil der Landwirte nur wenige Kühe hält und sie teils auf bis zu 1200 m Höhe ihren Hof extensiv bewirtschaften, sind dafür viele Einzelstrecken zurückzulegen. Da es sich um unterschiedliche Milchsorten handelt, sind die Tankwägen schrittweise mit sog. Trema-Systemen (Annahme von mehreren Milchsorten im Tankwagen) ausgestattet worden. Dadurch ist es möglich, auf einer Strecke getrennt voneinander konventionell erzeugte Milch, Naturland Bio-Alpenmilch und Demeter Bio-Alpenmilch zu erfassen, ohne unnötige Strecken zurückzulegen. So ließen sich die Touren zusammenfassen, unnötige Fahrstrecken vermeiden, Spritkosten einsparen und dadurch den CO2-Ausstoß verringern.

Details zu verschiedenen Projekten: https://bergbauernmilch.de/  

Eine Stippvisite führte uns zum „Haus der Berge“, dem Zentrum des Nationalparks Berchtesgaden, das uns von Hans Maltan vorgestellt wurde. Das Haus der Berge verbindet Informationszentrum, Bildungsarbeit und ein Außengelände, letzteres ist allerdings angemeldeten Teilnehmenden der Veranstaltungen des Bildungszentrums vorbehalten. Das – auch architektonisch ansprechende – Haus bietet vielfältige Möglichkeiten zur Vor- oder Nachbereitung eines Besuchs in Deutschlands einzigem Alpen-Nationalpark: die preisgekrönte Ausstellung „Vertikale Wildnis“, interaktive Informationen rund um das Schutzgebiet, ein Kino im Foyer mit Naturfilmen, wechselnde Ausstellungen auf zwei Ebenen sowie eine themenbezogene Bibliothek. Rund um das Haus können auf dem Panoramaweg die vier Haupt-Lebensräume des Nationalparks erlebt werden: Wasser, Wald, Alm und Fels.

Details: http://www.haus-der-berge.bayern.de/

Die Nationalparkgemeinde Ramsau bei Berchtesgaden ist das erste Bergsteigerdorf in Deutschland (seit 2015). Bergsteigerdörfer sind Vorzeigeorte, die sich aktiv für den sanften Tourismus und den Schutz der Alpen engagieren. Bergsteigerdörfer sind vorbildhafte regionale Entwicklungskerne im nachhaltigen Alpintourismus mit einer entsprechenden Tradition. Sie garantieren ein professionelles Tourismusangebot für Bergsteiger, weisen eine exzellente Landschafts- und Umweltqualität auf und setzen sich für die Bewahrung der örtlichen Kultur- und Naturwerte ein. Als alpine Kompetenzzentren setzen Bergsteigerdörfer auf Eigenverantwortung, Fähigkeit und Souveränität sowie umweltkundiges und verantwortungsvolles Verhalten ihrer Gäste am Berg.

Die Vorbildwirkung der Bergsteigerdörfer besteht auch darin, dass sie im Einklang und in selbstverständlicher Beachtung einschlägiger gesetzlicher Bestimmungen und Programme das Ziel der nachhaltigen Entwicklung im Alpenraum verwirklichen wollen.

Dennoch ist das Etikett „Bergsteigerdorf“, wie Fritz Rasp (im Bild links, daneben Jens Badura vom berg_kulturbüro) von der Tourist-Information Ramsau betonte, kein Marketing-Instrument. Es geht dabei eher um die Einheimischen, um ihren Bezug zum Ort und ihre Identifikation damit. Ramsau hat viel zu bieten, zu allererst natürlich die Natur, die Berge. Aber auch einen funktionierenden ÖPNV, eine Gastronomie, die auf regionale Produkte setzt (zum Beispiel über feste Abnahmeverträge mit den Landwirten). Und man stellt sich den Herausforderungen des Klimawandels, so waren immense Investitionen notwendig, um den Hochwasserschutz bei Starkregenereignissen zu gewährleisten.

Eine wichtige Rolle in diesem Konzept spielt dass berg_kulturbüro im Mesnerhaus. Es versteht sich als ein Raum für Initiativen und als eine Denkwerkstatt im Bereich alpenpolitischer und -kultureller Fragen. Es zielt darauf, regional relevante Themen wie auch grundsätzliche Fragen zur Kultur und Entwicklung des Alpenraums im Resonanzraum wissenschaftlicher, politischer und kulturell-künstlerischer Zugänge konkret vor Ort zur Diskussion zu stellen. Der direkte lokale Bezug zu den Menschen, der Kultur sowie der Landschaft und Natur wird dabei genauso als notwendige Voraussetzung gesehen wie die enge Vernetzung mit regionalen Gemeinden, der Biospährenregion Berchtesgadener Land, dem Nationalpark Berchtesgaden, den Alpinen Vereinen, alpenpolitischen Organisationen und weiteren auch internationalen Kooperationspartnern aus Wissenschaft und Kultur im Alpenraum.

Das berg_kulturbüro ist gleichermaßen Arbeits- und Entwicklungsraum, Dialogort und Bibliothek. Einerseits werden Projekte für den regionalen Zusammenhang konzipiert und durchgeführt – wie z.B. das Alpine Philosophicum Ramsau (Thema z.B.: „Brauchtum gestern und heute“), der monatliche berg_kulturstammtisch sowie weitere Kulturveranstaltung wie Lesungen. Andererseits werden Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich kultureller Wertschöpfung im deutschsprachigen Alpenraum vom berg_kulturbüro her initiiert und begleitet. 

Ganz bewusst versteht sich Ramsau als Modellbeispiel für andere Orte im Alpenraum – über die deutschen Grenzen hinaus.

Bergsteigerdorf: Wie sanfter Tourismus den Alpen hilft – Filmbericht im Bayerischen Rundfunk

Deutscher Alpenverein (Hrsg.): Ramsau b. Berchtesgaden. Nationalpark-Gemeinde am Fuße des Watzmanns. München 2015

Details: http://www.bergsteigerdoerfer.de/378-0-Bergsteigerdorf-Ramsau.html und www.ramsau.de

Michael Pelzer, der ehemalige langjährige (von 1990 bis 2014!) Bürgermeister von Weyarn, stellte dar, dass sich das umfassende Bürgerbeteiligungskonzept, das in Weyarn jetzt schon etliche Jahre praktiziert wird, aus der Suche nach neuen Wegen für die Gemeinde entwickelte. In einer Phase der Krise und Orientierungslosigkeit ging es darum, sich für ein Leitbild zu entscheiden. Die Frage „Wo wollen wir hin?“ wurde am Ende eines längeren Suchprozesses mit dem Leitbild „Ländliche Qualität erhalten!“ beantwortet. Selbstbewusstsein und Identität der Dorfgemeinschaft wurden in diesem Prozess wesentlich gestärkt.

Pelzer betonte die positiven Auswirkungen eines solchen Beteiligungsprozesses: Das politische Klima werde besser, das Vertrauen in die demokratischen Institutionen gestärkt und die Akzeptanz von Politikentscheidungen größer. Zudem könnten auf diese Weise Fehlplanungen und Fehlinvestitionen verhindert werden. Die konkrete Ausgestaltung des Beteiligungsprozesses sollte dabei die jeweilige Ausgangslage vor Ort berücksichtigen. Wichtig sei auf alle Fälle, die Eintrittsschwelle so niedrig wie möglich zu halten und eine professionelle Begleitung und Moderation des Beteiligungsprozesses zu gewährleisten. In Weyarn wird dies durch ein „Mitmach-Amt“ als Koordinationsstelle mit einer hauptamtlichen Mitarbeiterin getan. Information ist die Grundvoraussetzung für das Funktionieren von Bürgerbeteiligung: „Alle müssen alles wissen!“

Als ein konkretes Beispiel, wie ein solcher Beteiligungsprozess funktioniert, nannte Pelzer die Planung des neuen Schulgebäudes, bei dem die Schüler*innen von vornherein als entscheidender Bestandteil einbezogen wurden (z.B. mit Kindergemeinderatssitzungen). So konnten die Wünsche der Schüler*innen berücksichtigt werden, unrealisierbare Vorstellungen argumentativ bearbeitet und sogar Kosteneinsparungen gegenüber herkömmlichen Schulbauten realisiert werden.

Bertelsmann-Stiftung/Staatsministerium Baden-Württemberg (Hrsg.):  Partizipation im Wandel. Unsere Demokratie zwischen Wählen, Mitmachen und Entscheiden, Gütersloh 2014

Michael Pelzer/Theresia Benda: Nicht ohne meine Bürger. Eine Wegbeschreibung zur Bürgergesellschaft. In: Der Bayerische Bürgermeister 1/2009, S. 125-127

Details: http://weyarn.de/aktiv.htm

Satzung: http://weyarn.de/Gemeinde/Satzungen/Buergerbeteiligungssatzung.pdf

Heidrun Eberle von der Nachbarschaftsbörse am Ackermannbogen führte uns durch dieses neue Baugebiet, das auf dem Gelände der 1994 von der Bundeswehr aufgegebenen Kasernen entstanden ist. Das 36 ha große Gelände war von der Stadt München insgesamt aufgekauft worden und mit der bewährten „Münchner Mischung" überplant worden. Das heißt: zu je einem Drittel mit frei finanzierten Wohnungen, mit sozialem Wohnungsbau und dem Münchner Modell für Haushalte mit mittlerem Einkommen, die keinen Anspruch auf eine Sozialwohnung haben. Mittlerweile leben im Ackermannbogen rund 6700 Menschen, 27% davon sind Kinder und Jugendliche. Im Gebiet gibt es immerhin sechs Kita-Einrichtungen.

Das Quartier ist charakterisiert durch kompakte, weitgehend mehrstöckige Wohnbebauung (siehe die drei Bilder unten als Beispiel) mit großzügigen Grünanlagen und verkehrsberuhigten Bereichen. Etliche Projekte wurden von Baugemeinschaften und Wohnungsbaugenossenschaften realisiert, aber auch die stadteigenen Wohnungsbaugesellschaften waren dort aktiv. Im Quartier gibt es auch einige Pflegewohnungen für ältere Menschen und – in einem anderen Haus untergebracht – einen Pflegestützpunkt. Über das gesamte Viertel verteilt sind insgesamt 10 Gemeinschaftsräume, die für kulturelle Veranstaltungen, Partys oder Kurse genutzt werden (darunter auch einer, der von außen uneinsehbar ist und deshalb gern für Angebote genutzt wird, die sich an Muslimas richten). 

  

„Urban Gardening“ (Bild unten links) findet in einem 1000 Quadratmeter großen Garten statt, der von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Auch die Investitionen für den Bau der Wege und der Gartenlaube wurden von der Stadt im Rahmen der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme getragen. Die Ernte gehört denjenigen, die hier Arbeit investieren. Das Projekt wird von verschiedenen, durch die Nachbarschaftsbörse koordinierten Arbeitskreisen getragen. Der Garten ist jedoch offen für alle und nicht abgesperrt. Ob dies zu „Mitnahme-Effekten“ führen wird, muss sich noch erweisen.

 

Der Stadtplatz (Bild oben rechts) mit Einzelhandelsgeschäften und einem Brunnen (von Kindern gern als „Schwimmbad-Ersatz“ genutzt) als Mittelpunkt wird als Treffpunkt und Kommunikationsort schon gut angenommen.

Informationen der Stadt München zum Bauquartier 

Informationen zur Nachbarschaftsbörse und ihren Aktivitäten

Die wagnis eG ist eine junge Genossenschaft. Sie wurde im Jahr 2000 mit 21 Mitgliedern gegründet und verzeichnete Anfang 2017 bereits über 1.700 Mitglieder. Die Rechtsform Genossenschaft bedeutet Selbst- und Gemeinschaftsorganisation, Mitbestimmung und Selbstverwaltung. Sie ist demokratisch aufgebaut. Jedes Mitglied hat unabhängig von seinen eingezahlten Geschäftsanteilen eine Stimme, das höchste Organ ist die Mitgliederversammlung. Zweck der Genossenschaft ist die Förderung ihrer Mitglieder vorrangig durch eine sozial und ökologisch verantwortbare und sichere Wohnungsversorgung. Dementsprechend hat die Baugenossenschaft wagnis eG das Ziel, Wohnanlagen (links im Bild: das Projekt "Wagnis 1") zu realisieren, um gemeinschaftlich verwalteten Wohnraum dauerhaft zu sichern, sozial zu binden und der Spekulation zu entziehen. Nachbarliches Miteinander, generationenübergreifendes Wohnen, die Nähe von Arbeits- und Wohnort sowie ökologische Nachhaltigkeit sind wesentliche Ziele, wie Rut-Maria Gollan vom wagnis-Vorstand ausführte.

Wohnbaugenossenschaften stellen einen “Dritten Weg” zwischen den traditionellen Lösungen Eigentum und Miete dar. Typisch ist ihr Doppelcharakter als Wirtschaftsunternehmen einerseits und bewohnerorientierter Selbsthilfeeinrichtung andererseits. Das gesamte Projekt ist Gemeinschaftseigentum, in dem die Wohnenden "Mieter im eigenen Haus" sind. Sie besitzen ein lebenslanges Wohnrecht und zahlen auf Dauer günstige Mieten. Die Wohnungen sind keine Spekulationsobjekte, sondern bleiben langfristig und auch den Erben erhalten. Die Einlagen der Genossen bilden die wirtschaftliche Basis. Diese betragen etwa 30 Prozent des Gesamtinvestitionskapitals, darin enthalten sind auch die Finanzierungen für die Gemeinschaftseinrichtungen, an denen sich jeder hier wohnende Genosse beteiligt.

Rut-Maria Gollan erläuterte, dass jedes Projekt mit der Bildung einer Baugruppe beginnt, die über die wesentlichen Charakteristika des Baus (z.B.: Gemeinschaftsräume) beschließt. Ziel sei es, die Wohnräume auf das wirklich notwendige Maß zu beschränken und für andere Nutzungen (Werkzeuge, Hobby, Waschmaschinen, Gästezimmer usw.) gemeinschaftlich genutzte Räume vorzusehen. Aber natürlich müssen die Gebäude auf Dauer geplant werden und nicht nur für den Erstbezug. Deshalb gebe es auch eine große Bandbreite an Wohngrößen, die die Breite der Gesellschaft abbilden sollen. Barbara Uhl (im Bild) führte uns durch das Projekt „Wagnis 4“ an der Petra-Kelly-Straße (unten links: Blick vom Dachgarten in den Innenhof), das sowohl architektonisch überzeugte als auch durch einen wunderbaren Gemeinschaftsgarten auf dem Dach des Gebäudes (Bild unten rechts) beeindruckte.

 

 

Details: http://www.wagnis.org/ 

Das Projekt „Bellevue di Monaco” in der Müllerstraße 2-6 befindet sich im Glockenbach-Viertel, im „Zentrum der Gentrifizierung Münchens”, wie Vorstandsmitglied Matthias Weinzierl (Bild links) betonte.  Begonnen hatte das Projekt mit dem Protest gegen den geplanten Abriss der renovierungsbedürftigen Gebäude in der Müllerstraße 2-6 und das damit verbundene Verschwinden des angrenzenden Bolzplatzes. Dagegen hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet, die sich für den Erhalt aussprach und mit der Goldgrund-Gorilla-Renovierungsaktion auch Medienaufmerksamkeit bekam – nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung durch Prominente aus der Kulturszene. Die Abrisspläne wurden zurückgenommen. Und nach einer Ausschreibung verpachtete die Landeshauptstadt München die Häuser im April 2016 für die nächsten 40 Jahre an die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco, die Wohn- und Kulturzentrum für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge und interessierte Münchner im Herzen der Stadt München realisiert.

  

Die Entrümpelung wurde in Eigenleistung und mit ungeheurem Engagement von Freiwilligen geleistet. Momentan läuft die Renovierung der drei Häuser auf Hochtouren. Dabei kommen natürlich professionelle Handwerksbetriebe zum Zug, die sich aber verpflichtet haben, dabei auch Geflüchtete im  Rahmen ihrer Möglichkeiten einzusetzen. Gleichzeitig werden bereits diverse Veranstaltungen und Aktionen organisiert. In einem provisorisch hergerichteten Teil des Gebäudes findet schon jetzt ein vielfältiges Begegnungs-, Schulungs- und Kulturprogramm statt. Synergieeffekte gibt es mit der benachbarten Glockenbach-Werkstatt (Bürgerhaus), das Kurse anbietet und über Gastronomie und Biergarten verfügt. Nach der Fertigstellung soll das Bellevue di Monaco etwa 40 Menschen Unterkunft bieten sowie mit seinen Beratungsangeboten, seinen Veranstaltungsräumen und einem großen Kulturprogramm eine zentrale Anlaufstelle zum Thema Flucht und Migration sein.

Als „Tür zur Stadt“ wird das offene Info-Café (Bild oben rechts) an der Ecke Müller-/Corneliusstraße fungieren. Der Cafébetrieb (ohne Konsumzwang!) wird gemeinsam mit Flüchtlingen organisiert und umgesetzt. Es wird niedrigschwellige Informations- und Beratungsangebote für Geflüchtete geben, aber auch für alteingesessene Münchner, die Hilfe anbieten oder Kontakt suchen. Im Wohnhaus Müllerstraße 6 werden in zehn Wohnungen junge geflüchtete Menschen nach der Betreuung durch die Jugendhilfe in ein selbständiges Leben begleitet. Die Wohndauer für den einzelnen Jugendlichen soll ca. 2 Jahre betragen. Das Wohnhaus Müllerstraße 4 bietet in sechs Wohnungen Raum für Geflüchtete mit besonderem Bedarf, insbesondere für Familien. Intensivere Beratungsangebote, sowie Schulungen und Kulturveranstaltungen gibt es im Hinterhaus in den Kulturräumen der Müllerstraße 2. Die Kosten werden durch einen Zuschuss der Stadt München in Höhe von 1,2 Mio. Euro plus der gleichen Summe von diversen Stiftungen finanziert.

Wesentliches Anliegen der Bellevue-Sozialgenossenschaft ist es laut Weinzierl, die Flüchtlingsproblematik ins Zentrum zu stellen: ins Zentrum der Stadt und ins Zentrum des Interesses. Deshalb engagiert sich das Projekt neben der Renovierung auch mit Informationsveranstaltungen über Fluchtursachen, der Organisation von Hilfslieferungen und anderen politischen Aktivitäten.

Details: http://bellevuedimonaco.de/

Verena Salz führte uns durch die 2010 gegründete Textilfabrik „manomama“. Deren Personalkonzept beruht vor allem darauf, Personen, die als „unvermittelbar“ gelten, einen Arbeitsplatz zu bieten: Menschen mit Behinderung, Langzeitarbeitslose, Migrant*innen etc.  Alle, die in der Produktion arbeiten, erhalten einen Grundlohn von 10 Euro pro Stunde. Die Arbeitsverträge sind unbefristet, die Arbeitszeit (zwischen 6 und 22 Uhr) ist flexibel einteilbar. Manomama hat derzeit rund 150 Beschäftigte, fast ausschließlich in der Produktion. Der Vertrieb läuft hauptsächlich über das Internet (Web-Shop), daneben gibt es den Fabrikverkauf  und einen manomama-Laden in Augsburg. Außerdem gibt es Mitarbeiterinnen, die die Produkte mobil in ihrer Region verkaufen.

Die Produktion orientiert sich an den Kriterien: öko, regional und fair. Alle Rohstoffe, sofern verfügbar, kommen aus der Region. Dazu zählen Hanf, Leder, Schurwolle (von einem Augsburger Schäfer) und Viskose. Nur die Biobaumwolle kommt aus Tansania. Auch die Weiterverarbeitungsschritte wie Spinnen, Weben, Stricken und Ausrüsten sowie alle Zutaten (Reißverschlüsse, Knöpfe, Nähfäden etc.) werden im Umkreis von 300 Kilometer von Augsburg realisiert, in Ausnahmefällen auch in anderen bundesdeutschen Regionen (NRW oder Brandenburg). Außerdem orientiert sich die Produktion (rechts ein Bild der Produktionshalle) an strengen ökologischen Maßgaben. Auch auf Chemikalien, die selbst bei Biotextilsiegeln erlaubt sind, verzichtet manomama. Die bei der Produktion anfallenden Stoffreste werden recycelt und zu neuen Stoffen verarbeitet.

Ein wesentliches ökonomisches Standbein des Betriebs ist – neben der eigentlichen Kleidungsproduktion – die Herstellung von Stofftaschen.  Auch hier wird darauf geachtet, dass nur „korrekte“ Auftraggeber beliefert werden.

Details: https://www.manomama.de/

 

Das Grandhotel Cosmopolis ist ein "gesellschaftliches Gesamtkunstwerk" (im Sinne einer "sozialen Plastik" nach Joseph Beuys) im Augsburger Domviertel und will Akzente setzen für ein friedliches Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft. Die dringliche Aufgabe der Unterbringung von Asylbewerbern wird hier verknüpft mit kultureller Vielfalt und vor allem mit einem Angebot zur Teilhabe für alle.

Die Diakonie ist Hauseigentümerin und kümmert sich um die Flüchtlingsberatung. Sie hat die Kosten des Umbaus vorfinanziert. Die unterschiedlichen Teilbereiche des Gebäudes werden von zwei verschiedenen Parteien gemietet. Die Regierung von Schwaben ist Mieter der Hotelbereiche mit Asyl.
Der 2013 gegründete gemeinnützige Verein Grandhotel Cosmopolis e.V., der die Idee entwickelt hat, ist Mieter des Hotels ohne Asyl, der Gaststätte, der Ateliers und der Café-Bar. Das Haus diente früher als Altenheim und stand seit 2007 leer.

 

Verschiedene Menschen kommen hier unter: Gäste auf unbestimmte und unterschiedliche Zeit – es ist eine temporäre Heimat, die keine Unterschiede zwischen ihren Bewohnern macht: Hotelgäste mit und ohne Asyl, Künstler, Besucher, Personal, Handwerker. Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Motivationen und Berufen in verschiedensten Lebensumständen treffen zusammen und lassen sich vom Projekt und den Möglichkeiten inspirieren. Für Flüchtlinge – „Hotelgäste mit Asyl“ – sind auf drei Etagen jeweils neun Doppelzimmer und ein Gemeinschaftsraum bereitgestellt. Es wohnen hier überwiegend Familien, aber auch einzelne Frauen, Männer und Heranwachsende. Sie alle sind eingeladen, sich in das Projekt einzubringen, und viele tun dies auch. Die Zimmer im Bereich für Geflüchtete sind genauso groß wie die Hotelzimmer. Die Menschen, die darin – vorübergehend – leben, können ihre Bleibe selbst gestalten. Mit der Folge, dass Vandalismus im Cosmopolis ein echtes Fremdwort geblieben ist. Es gibt hier auch keinen „Sicherheitsdienst“.

Die Hotelgäste – „Hotelgäste ohne Asyl“ – sind am ehesten mit den Nutzergruppen eines großstädtischen Hostels zu vergleichen. Neben den 12 individuell von Künstlern gestalteten Doppelzimmern (ein Beispiel im Bild oben rechts) mit Waschgelegenheit gibt es im Erdgeschoss noch weitere Vier-Bett-Zimmer. Das Angebot richtet sich an internationale (Kultur-)Reisende, Künstler, Neuaugsburger. Die bei der Umgestaltung genutzten Möbel und Materialien stammen aus Spenden und Häuserräumungen. Nachhaltigkeit und Upcycling sind fester Bestandteil der Konzeption. Viele Menschen bringen ihre Erfahrung ein. Das Motto ist – so Peter Fliege (Bild oben links) -: „Nichts ist unmöglich!“

Bei der Renovierung und jetzt im Betrieb engagier(t)en sich sehr viele Freiwillige, die das Projekt so, wie es jetzt funktioniert, erst möglich machen. Dennoch sind natürlich auch feste Angestellte notwendig, um die Kontinuität des Betriebs zu gewährleisten. Gegenwärtig sind das 12 Angestellte, fünf Praktikant*innen, ein Auszubildender. Außerdem werden Sozialstunden im Cosmopolis abgeleistet. Aus Spenden wird die Rechtsberatung für Geflüchtete finanziert sowie Mikrokredite für Geflüchtete, die in ihre Heimatländer zurückkehren möchten.

 

Unsere Gruppe lässt sich das Essen im Grandhotel schmecken - kein Wunder angesichts des gut gelaunten Küchen-Teams.

Das Grandhotel versteht sich aber nicht als „Geflüchteten-Projekt“, sondern als ein gesellschaftlich relevantes Projekt, weil es sich mit Thematiken befasst, die für alle relevant sind.

Details: http://grandhotel-cosmopolis.org/de/

Angesichts der Vielfalt der Projekte, die wir auf unserer Reise besucht haben, fällt es schwer, ein allgemeines Fazit zu ziehen. Drei Punkte lassen sich dennoch festhalten:

1. Wir haben eine Vielzahl von Menschen kennen gelernt, die mit immensem Engagement daran arbeiten, in je verschiedener Weise dazu beizutragen, eine nachhaltige, eine lebenswerte Zukunft, eben ein gutes Leben zu ermöglichen. Das war sehr ermutigend, sehr motivierend - auch und gerade für eigene Projekte in dieser Richtung.

2. Interessant: viele der Projekte haben die Gesellschaftsform der Genossenschaft gewählt, um ihre Projekte umzusetzen. Die Genossenschaften erleben nicht von ungefähr seit etlichen Jahren einen enormen Aufschwung, weil sie es erlauben, wirtschaftliches Handeln mit Selbstorganisation und demokratischer Kontrolle zu verbinden.

3. Natürlich haben all diese Projekte, vor allem wenn sie sich in die Marktkonkurrenz mit profitorientierten Unternehmen begeben (müssen), ihre Grenzen - das war vor allem beim "Tagwerk" und bei manomama zu erkennen. Dies sollte jedoch nicht den einzelnen Projekten als Defizit angekreidet werden, sondern eher dazu führen, über die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen solcher Unternehmungen kritisch nachzudenken.

Einige weiterführende Links und Literaturhinweise

Themenportal "Gutes Leben für alle!"

Kongresse (mit ausführlichen Dokumentationen!) "Gutes Leben für alle" in Wien

Harald Welzer / Stephan Rammler (Hrsg.): Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Frankfurt am Main 2012

Harald Welzer / Dana Giesecke / Luise Tremel (Hrsg.): FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2015/16. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Frankfurt 2014

Bernd Sommer / Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München 2017

ReferentInnen

Dieter Gewies
1. Bürgermeister a.D., Furth bei Landshut
E-Mail: dieter.gewies@gmx.de

Andreas Horsche
1. Bürgermeister, Gemeinde Furth
Am Rathaus 6, 84095 Furth 
Tel: 08704/9119-27
E-Mail: andreas.horsche@vg-furth.de

Dr. Michael Rittershofer
Algasing 1, 84405 Dorfen
Tel.: 08081/9379-50
E-Mail: michael.rittershofer@tagwerk.net

Christophe Levannier
1. Vorstand, Chiemgauer e.V.
Gapstr. 6, 83278 Traunstein
Tel.: 0861/20995380
E-Mail: levannier@chiemgauer.info 

Sabine Fuchs
Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG
Hockerfeld 5-8, 83451 Piding
Tel.: 08651/7004-0
E-Mail: info@molkerei-bgl.de

Hans Maltan
Nationalparkzentrum "Haus der Berge"
Hanielstraße 7, 83471 Berchtesgaden
Tel.:  08652/979060-0
E-Mail: hausderberge@npv-bgd.bayern.de 

Fritz Rasp
Tourist-Information Ramsau
Im Tal 2, Haus des Gastes, 83486 Ramsau
Tel.: 08657/98 89 20
E-Mail: info@ramsau.de

Jens Badura
Im Tal 78, 83486 Ramsau
08657/1394008
E-Maijens.badura@bergkulturbuero.org

Michael Pelzer
Schwimmbadstr. 19, 83620 Feldkirchen-Westerham
Mobil: 0172-8555766
E-Mail: michael.pelzer@hotmail.com

Heidrun Eberle
Ackermannbogen e.V. 
gemeinnütziger Verein für Nachbarschaft, Umwelt, Kultur
Rosa-Aschenbrenner-Bogen 9, 80797 München
Tel.: 089/30749634
E-Mail: nachbarschaftsboerse@ackermannbogen-ev.de

Rut-Maria Gollan / Barbara Uhl
Wohnbaugenossenschaft wagnis eG
Petra-Kelly-Str. 29, 80797 München
Tel.: 089/18911650
E-Mail: wagnis@wagnis.org und rut.gollan@wagnis.org

Matthias Weinzierl
Bellevue di Monaco eG - Gemeinnützige Sozialgenossenschaft
Müllerstr. 2, 80469 München
Tel.: 089/5505775-0
E-Mail: info@bellevuedimonaco.de und m.weinzierl@bellevuedimonaco.de

Verena Salz
manomama GmbH
Willy-Brandt-Platz 1a, 86153 Augsburg
Tel.: 0821/567428-0
E-Mail: service@manomama.de

Peter Fliege
Grandhotel Cosmopolis e.V.
Springergässchen, 86152 Augsburg
Tel.: 0821/45082411
E-Mail: willkommen@grandhotel-cosmopolis.org 

Veranstaltungsort
Start: Landshut | Ende: Augsburg


Partner

GRIBS-Bildungswerk


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



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18.05.2017

Fairer Handel – Modell für gerechtes Wirtschaften?

Veranstaltungsreihe: Eine Welt ohne Visionen geht zu Grunde

Die dwp eG Fairhandelsgenossenschaft wurde 1988 in Ravensburg von Weltläden der Region Oberschwaben als GmbH gegründet und 2005 in eine Genossenschaft umgewandelt. Dank partnerschaftlicher, weltweiter Handelsbeziehungen mit mehr als 60 Produzenten-Gruppen und den darin zusammengeschlossenen zehntausenden von Produzent*innen und Kleinbauernfamilien werden Lebensmittel wie Kaffee, Tee, Gewürze, sowie Kunsthandwerk und Textilien zu fairen Preisen und Konditionen importiert und an Welt- und Bioläden sowie andere Interessenten weiter gegeben. Seit 2012 erstellt dwp zudem eine „Gemein-Wohlbilanz“ über die eigene Arbeit.

Aber hilft das wirklich? Führt es zu einer Veränderung der Wirtschaft im Süden? Hat der faire Handel Chancen im Wettbewerb mit Discountern und Supermärkten? Bleiben die Gewinne der Wertschöpfungskette letztlich nicht doch bei uns im reichen Norden?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortrags von Martin Lang, des Referenten für Öffentlichkeitsarbeit der Fairhandelsgenossenschaft Ravensburg (dwp). Ein Blick auf die Wirtschaftszahlen belegt die zunehmende Bedeutung des Fairen Handels:  Der weltweite Gesamtumsatz stieg in den letzten Jahren auf weit über 1 Milliarde und der von dwp auf über 10 Millionen. Also eine Erfolgsgeschichte?

Ja, sofern „fair“ ernst genommen wird und alle Grundsätze angewendet werden, die der Referent ausführte. Sie sind die Basis der Arbeit von dwp mit ihren 60 Partnern in 30 Ländern und der über 800 Weltläden in Deutschland. Da der Begriff „fair“ aber nicht geschützt ist, wird er in der konventionellen Wirtschaft und vor allem bei den Discountern missbraucht. Denn ihr Ziel ist die Gewinnmaximierung, ohne Transparenz in der Preisgestaltung und in der Wertschöpfungskette, keine faire Zusammenarbeit mit den Produzenten, kein ausreichender Arbeitsschutz, keine Arbeitsplatzsicherung und Mitbestimmung und keine Rücksicht auf ökologische Faktoren. Sie nehmen einzelne Produkte mit geringem fairen Anteil in ihr Sortiment  auf und täuschen soziale Verantwortung vor.

Ganz anders die Arbeit der dwp, die sich als Partner der „Gemeinwohl-Ökonomie“ verpflichtet hat. An zwei Beispielen machte Lang deutlich, mit welchen Implikationen beim echten Fairen Handel zu rechnen ist. Die beliebten, getrockneten Mangos aus den Philippinen sind zum Symbol für eine erfolgreiche, internationale Menschenrechts- und Kampagnenarbeit geworden. Die Stiftung PREDA, 1974 vom irischen Pater Shay Cullen gegründet, hat die dortige Gesellschaft durch ihren Kampf gegen soziale Missstände maßgeblich verändert und die Kinderrechte gestärkt. Der faire Erlös eines großen Mangobaumes deckt die jährlichen Kosten für 2 Schulkinder, die damit eine Chance auf eine menschenwürdige Zukunft erhalten. Die Produzenten erhalten Unterstützung durch fachliche Beratung, durch Vorauszahlungen und günstige Kredite, durch Organisations- und Personalschulung, durch Hilfen zur Weiterverarbeitung, damit die Wertschöpfung im Lande bleibt. Es geht im fairen Handel, so der Referent, also nicht nur um den Handel mit Waren, sondern um Veränderung der wirtschaftlich mächtigen Gruppierungen.

Diese mühevolle Arbeit erläuterte Lang auch am Beispiel der „Canaan Fair Traid“ Partnerorganisation. Sie sichert mit ihren Olivenprodukten, gegen große Widerstände der israelischen Besatzungsmacht, in Palästina die Lebensgrundlage für tausende Familien und fördert den Erhalt der eigenen Kultur und Tradition. 

 

 

ReferentInnen

Martin Lang
Info- und Öffentlichkeitsreferent der dwp eG

Veranstaltungsort
Lindau


Partner

pax christi Augsburg


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



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15.05.2017 - 19:00

Steuern – aber richtig!

Für eine nachhaltige Finanzreform

Wenn es darum geht, wichtige Herausforderungen der Zukunft zu meistern, setzt die Politik in Deutschland oft auf kleinteilige, ineffiziente Maßnahmen. Unbeachtet bleibt dabei der immense Einfluss, den Subventionen und Steuern auf das Investitions- und Konsumverhalten von Unternehmen und Bürger*innen nehmen. Noch immer subventioniert der Staat Ressourcenverbrauch und fossile Energien und belastet die Entstehung von Arbeitsplätzen über Gebühr mit Steuern. Ziel des FÖS ist deshalb - wie Kai Schlegelmilch erläuterte - eine deutlich stärkere Steuerbelastung umweltschädlichen Verhaltens zugunsten einer Entlastung z.B. des Faktors Arbeit.

Dass diese grundlegende Forderung in unserem Steuersystem kaum angewandt wird, belegen die Zahlen zum Anteil am Gesamtsteueraufkommen: Trug der Faktor Arbeit (Steuern und Sozialversicherung) im Jahr 1960 noch mit 49% zum Steueraufkommen bei, so werden es 2018 fast 64% sein. Dem gegenüber ist der Anstieg der Umweltsteuern nahezu unverändert: 4,5% nach 3,9% im Jahr 1960. Einer der Gründe hierfür ist die Tatsache, dass z.B. die Mineralölsteuer eine Mengensteuer ist, d.h. sie wurde auf einen Liter festgeschrieben, unabhängig von steigenden Preisen. Alleine durch diese Nicht-Indexierung der Umweltsteuern gingen dem Staat seit 2003 bis heute ca. € 70 Mrd. verloren. Dabei liegt Deutschland z.B. bei der Besteuerung leichten Heizöls im „Europa der 28“ auf Platz 22 (D: 49,75 Cent pro Liter, EU: 68,81 Cent pro Liter). Auch beim Anteil der Umweltsteuern am Gesamtsteueraufkommen rangiert Deutschland ganz hinten: Platz 23. Lediglich Frankreich, Belgien, Schweden und Luxemburg gönnen sich den Luxus einer noch geringeren Besteuerung.

Eine ökologische Steuerreform brächte eine doppelte Dividende: Nicht nur dass durch Einsparungs- und Effizienzanstrengungen der CO2-Ausstoß vermindert würde, auch das BIP könnte um ca. 0,5% steigen. Eine uneingeschränkte Win-Win-Situation.

Derzeit werden zudem nur relativ geringe Anteile der Kosten für Strom, Wärme und Straßenverkehr internalisiert (also von den Benutzern selbst getragen): € 9 Mrd. von € 41 Mrd. beim Strom, € 4 Mrd. von € 23 Mrd. bei der Wärme und € 50 Mrd. von € 108 Mrd. beim Straßenverkehr. Die Differenz zahlt die Allgemeinheit.

Auch von den Energiesteuersätzen im Wärme- und Strommarkt gehen nicht die notwendigen CO2-Preissignale aus: Während bei der primärenergetischen Stromerzeugung € 35 auf jeder Tonne CO2 lasten, sind es bei der Verstromung von Braunkohle nur € 2,90 bei Steinkohle € 3,50, bei schwerem Heizöl € 8,10. Bei leichtem Heizöl, Flüssiggas und Ergas sind es zwischen € 20 und € 27.

Auch die niedrige Besteuerung von Diesel lässt sich angesichts von Klimaschäden, Luftschadstoffen und Energiegehalt längst nicht mehr rechtfertigen.  Hier wären mind. € 17 Mrd. zusätzliche Steuereinnahmen zu erzielen. Nimmt man weitere Maßnahmen wir eine höhere Luftverkehrssteuer, LKW-Maut, Firmenwagenbesteuerung (abhängig von CO2-Emissionen), Abschaffung der Entfernungspauschale und eine emissionsabhängig Kfz-Steuer hinzu, so wären 2020 € 42 Mrd. mehr zu erzielen. Es versteht sich von selbst, dass das FÖS solche Maßnahmen aufkommensneutral sehen will, die Mehreinnahmen also zurück an den Bürger fließen müssen (Stichworte: Klimadividende, Absenkung der Lohnnebenkosten, Finanzierung der EEG-Umlage, Kompensation benachteiligter Gruppen u.a.).

Unser derzeitiges Steuer- und Abgabensystem lenkt in die falsche Richtung: Umweltschädliches Verhalten wir staatlich subventioniert und wer sich ökologisch verhält, wird finanziell bestraft.

Zusätzlich steht Deutschland vor gewaltigen Herausforderungen: Der demografische Wandel wird immer spürbarer, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, die Klimaziele werden wohl deutlich verfehlt werden und unsere Infrastruktur wird seit Jahrzehnten vernachlässigt.

ReferentInnen

Kai Schlegelmilch
Vorsitzender des FÖS

Veranstaltungsort
München, oekom zukunftssalon, Waltherstr. 29 Rgb.


Kosten
Eintritt frei!


Partner

Forum Ökologisch - Soziale Marktwirtschaft (FÖS)


Art der Veranstaltung
Vortrag



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05.05.2017 bis 06.05.2017

Mobilität für alle: digital - elektrisch – multimodal!

Verkehrspolitische Perspektiven für die Kommunen

Die Verkehrspolitik war und ist eines der umstrittensten kommunalen Politikfelder überhaupt. Um so wichtiger ist es, Konzepte und Modelle zu präsentieren, die eine umweltverträgliche und menschenfreundliche Mobilität für alle gewährleisten. Gegenwärtig befindet sich der Mobilitätssektor in einem spannenden Wandlungsprozess, den es - auch und gerade in den Kommunen - zu gestalten gilt. Dazu zählen nicht nur die rasante Entwicklung der E-Mobilität und die Folgen der Digitalisierung, sondern auch Veränderungen beim Mobilitätsverhalten. In der jüngeren, urbanen Generation spielt das Auto nicht mehr die zentrale Rolle, sondern die Nutzung vieler unterschiedlicher Verkehrsmittel. Diese „multimodale“ Orientierung muss auch in der Verkehrspolitik in den Vordergrund rücken. Unsere Tagung befasste sich vor diesem Hintergrund mit aktuellen Perspektiven und Ansatzpunkten, wie Mobilität effektiv, bequem und nachhaltig organisiert werden kann. Ein gut ausgebauter ÖPNV, bessere Bedingungen für den Radverkehr und die Gestaltung des öffentlichen Raums für alle Verkehrsteilnehmer*innen standen dabei im Mittelpunkt.

Andreas Knie betonte, dass selbst in den USA, also in dem Land mit der größten Autoaffinität, mittlerweile die Zahl der zurückgelegten Autokilometer sinkt. Knie sieht deshalb ein „Ende des Autowahns“ bevorstehen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen in Deutschland die Multimodalität ständig zunimmt und die alleinige Nutzung des Autos deutlich gesunken ist.

Allerdings gibt es für dieses Ende noch allerlei Hindernisse, denn – so Knie – „wir haben alles dafür getan, dass es so kommt“. Eigenes Haus, eigenes Auto – die gesamte Infrastruktur und auch die rechtlichen Rahmenbedingungen (Stellplatzverordnungen z.B.) seien komplett autofixiert. So ist es nicht verwunderlich, dass es für Verhaltensänderungen immer noch ein riesiges Potenzial gibt. Nur als Beispiel: Während die Gesamtverkehrsleistung in Deutschland bei 1,2 Billionen km pro Jahr liegt, ist der Anteil von Bike- und Car-Sharing mit 700 Millionen km immer noch sehr gering.

Das Smartphone ist mittlerweile zum wichtigsten technischen Gerät geworden – was auch die mentalen Strukturen seiner Nutzer*innen ändert. Und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Mobilität: Das Smartphone wird zum digitalen Schlüssel der intermodalen Welt. Dementsprechend muss der ÖPNV umgebaut werden: Mit einer App muss alles machbar sein, fordert Knie, alle Mobilitätsformen müssten netztauglich werden. Derzeit steht einer solchen Entwicklung v.a. der Datenschutz im Weg. Knie: „Datenschutz ist gut und wichtig. Wir brauchen aber einen anderen Datenschutz.“

Ein Gesetz wie das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) mit seinen detaillierten Regelungen (Konzessionen, Lizenzen etc.) seien da nur noch hinderlich: „Mit dem PBefG wird es keinen ÖPNV der Zukunft geben.“ Auch die öffentlichen Verkehrsbetriebe haben die Chancen der Digitalisierung bislang weitgehend verschlafen.

Knies Ziel ist eindeutig: „Wir wollen die Leute davon überzeugen, dass es überhaupt keinen Sinn macht, ein eigenes Auto zu besitzen.“ Nur vor diesem Hintergrund und in diesem Zusammenhang kann auch das „autonome Fahren“ Bestandteil eines multi- und intermodalen Mobilitätssystems sein: nämlich nicht als Hilfsmittel für individuelles Fahren im Privat-Auto, sondern als Teil eines öffentlichen Verkehrssystems: das elektrische Bestellauto, das automatisch dorthin fährt, wo es gebraucht wird. Im Mittelpunkt eines solchen Systems würde dann wohl nicht mehr die Bereitstellung und der Betrieb stehen, sondern eher die Vermittlung und Abrechnung von Fahrten.

Ein extremes Hindernis für derartige Mobilitätsoptionen stellt laut Knie die derzeitige Form der Parkraumbewirtschaftung dar: Sie stellt der privaten Autobesitzern den öffentlichen Raum zu unvergleichlich billigen Preisen, oft sogar unentgeltlich, zur Verfügung, während andere Mobilitätsformen, das nicht standortgebunden Car-Sharing zum Beispiel, finanziell „abgeschöpft“ werden und entsprechende Geschäftskonzepte erheblich verteuern.

(Präsentation als PDF-Datei)

Thomas Balser erläuterte Ziele und  Funktionsweise des Baden-Württemberg-Tarifs, mit dem bis 2018 die Fahrt mit einem Ticket über die Grenzen der jeweiligen Verbundgebiete hinaus ermöglicht werden soll – unabhängig von Start, Ziel, Verkehrsunternehmen und Verkehrsmittel. Was zunächst einfach klingt, wird durch die Situation in BaWü sehr erschwert: Dort gibt es nämlich ein schwer verständliches Tarifgeflecht mit 22 Verbundtarifen, über 50 Tarifangebote im Verkehr zwischen den Verbünden sowie die „Haustarife“. Zusätzlich sollen mit dem neuen Tarif eine gerechte Aufteilung der Einnahmen zwischen den beteiligten Verkehrsunternehmen erreicht und die Voraussetzungen für die Einführung innovativer Vertriebsformen (E-Ticketing) geschaffen werden.

(Präsentation als PDF-Datei)

Jens Marco Scherf stellte die Schwierigkeiten und Lösungsansätze dar, mit denen er sich als Landrat des Kreises Miltenberg bei dem Versuch auseinanderzusetzen hat, auch in einer ländlichen Region Mobilität für alle herzustellen. Für ihn ist Mobilität mehr als der Betrieb einiger  Buslinien, sondern ein Querschnittsthema. So kann der ÖPNV für junge Menschen eine Region attraktiv machen und ihre Bindung an diese Region sichern. Für ältere Menschen ermöglicht er Teilhabe abseits vom Auto und ohne Barrieren. Und natürlich spielt Mobilität für Beruf, Freizeit und Tourismus eine wichtige Rolle.

Unabhängig von den Problemen, die die unzureichenden Rahmenbedingungen in Land und Bund mit sich bringen, kann jedoch auch auf kommunaler Ebene einiges in Bewegung gebracht werden. Klassisches Instrument hierfür ist der Nahverkehrsplan. Dabei geht es nicht nur um die originären Zuständigkeiten wie den Busverkehr, sondern auch um die Herstellung von barrierefreien Haltestellen und die Vernetzung von Bus, Rad und Schiene. Die unterschiedlichen Anforderungen von Berufsverkehr und Tourismus sind zu berücksichtigen und die Unternehmens-Mobilität zu integrieren und zu nutzen. Wichtig auch: ein landkreisweites Radwegekonzept. Im Landkreis Miltenberg kommt bei diesen Aufgaben erschwerend die geografische Situation dazu, dass der Landkreis es mit drei Verkehrsverbünden in drei Bundesländern zu tun hat. Wichtiges Ziel der ÖPNV-Politik des Landkreises ist die Kundenbindung, die über verschiedene Ticket-Angebote erreicht werden soll: von der ÖPNV-Flatrate per Netzkarte über das ab 14 Uhr gültige U20-Ticket bis hin zu Seniorenangeboten.

(Präsentation als PDF-Datei)

Anja Sylvester präsentierte gleich zwei Praxisbeispiele für eine Stärkung des ÖPNV im ländlichen Raum. Der kombiBUS ist ein „Retro-Projekt“, der - ähnlich wie früher die Post-Busse - die Gütermitnahme im Linienverkehr ermöglicht. Dieses Projekt wurde im Rahmen des BMI-Modellvorhabens „Daseinsvorsorge 2030“ in der brandenburgischen Uckermark realisiert. Seit 2014 wird auf diese Weise der konventionelle ÖPNV gestärkt, weil durch die Gütermitnahme zusätzliche Einnahmen erwirtschaftet werden. Der kombiBus ist gleichzeitig praktizierte Wirtschaftsförderung, die die Strukturen der lokalen Wirtschaft stärkt.

Neben der Agrarbranche, die damit taggleiche Lebensmitteltransporte abwickelt, sind die Hauptkunden des kombiBusses die Logistikbranche (die zunehmend unrentable Transportleistungen dorthin verlagert) und der Versandhandel (e-Commerce mit zunehmend kleinen  und leichteren Sendungen) die Hauptnutzer. Seit Oktober 2016 sind auch zwei Postdienstleister Kunden des kombiBusses. Und auch im Tourismusgewerbe wird der Bus für Gepäcktransporte (z.B. von Wanderern und Radfahrenden) genutzt. Mittlerweile wird das System auch in anderen Landkreisen Brandenburgs und Thüringens umgesetzt.

(Präsentation zum kombiBus als PDF-Datei)

Beim Modellprojekt „Muldental in Fahrt“ geht es um die Stärkung der Nahmobilität in einer ländlich strukturierten Region.  Das Ziel dabei: Die Nutzungsmöglichkeiten des ÖPNV sollen spürbar verbessert werden durch ein ganztägiges regelmäßiges Angebot, das eine Bedienung auch in Tages- und Wochenrandzeiten frühmorgens sowie spätabends und am Wochenende flächendeckend durch ein dichteres Haltestellennetz, die direkte Bedienung von Schulen, Wohngebieten, Gewerbegebieten, Kliniken, Freizeiteinrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten ermöglicht. Die verschiedenen ÖPNV-Systeme in der Region sollen verknüpft  und somit die Qualität des Angebotes verbessert werden:  neue Verbindungen entstehen. Dadurch werden bessere Verbindungen nach Leipzig sowie zu den Mittel- und Unterzentren geschaffen. Insgesamt hat das Projekt Vorreiterfunktion und Vorbildwirkung für weitere Regionen im Freistaat Sachsen.

Im Detail sieht dies so aus: Das neue Regionalbusnetz und die 4 Stadtbussysteme führen zu einem verbesserten Nahverkehrsangebot in der Region. Die beiden Systeme ergänzen sich gegenseitig. Das System, das am 7. August 2017 in Betrieb gehen wird, zeichnet sich durch eine Optimierung der Anschlüsse zwischen Zug und Bus sowie Bus und Bus durch Bildung von Knoten im „Integralen Taktfahrplan“ aus. Die Fahrzeuge treffen sich zur „Symmetrieminute“.

(Präsentation zum Muldental als PDF-Datei)

Thiemo Graf betonte sehr nachdrücklich, dass es durchaus möglich sei, Radfahren von 8 bis 80 als realistisches Szenario umzusetzen. Voraussetzung dafür sei aber zum einen eine echte Priorisierung der Radverkehrsförderung. Und zum anderen eine Rücksichtnahme auf subjektive Aspekte: „Wer eine Verhaltensänderung bei der Verkehrsmittelwahl erreichen möchte, muss mit den Ängsten rechnen, die dem entgegenstehen.“

Graf plädierte für eine auffallende und sichtbare Radinfrastruktur, die zum Radfahren einlädt. Wer eine sichere Umgebung für das Radfahren schaffe, könne durch positive Erlebnisse seitens der Radfahrerenden damit rechnen, dass sich Gewohnheiten ausbilden, dass das Radfahren als eingeübtes Verhalten gestärkt werde. Als Beispiel hierfür nannte er das Kreuzungsdesign für Radwege in Holland sowie den Winterdienst in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen: Dort werden bei Schneefall zuerst immer die Radwege geräumt.

Wichtig ist auch eine spürbare Umverteilung des öffentlichen Raums zugunsten der Radfahrer*innen und Fußgänger*innen.  Das bedeutet aber auch: deutliche Verringerung der Kfz-Parkplätze und Reduzierung der Fahrspuren für den Autoverkehr.

(Präsentation als PDF-Datei)

Susanne Lender-Cassens stellt Ziele und Funktionsweise der 2012 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern e.V.“ (AGFK) dar. Das sind vor allem die systematische Förderung der Nahmobilität, insbesondere des Radverkehrs, sowie die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Es geht um die Förderung einer fahrradfreundlichen Mobilitätskultur und damit von mehr Lebensqualität vor Ort. Dazu trägt der Austausch unter den Kommunen bei. Durch das AGFK-Netzwerk ist es möglich, von den Erfahrungen anderer Mitgliedskommunen zu profitieren und die eigenen Potenziale für mehr Fahrradverkehr auszuschöpfen. Susanne Lender-Cassens sah wie auch andere Teilnehmende aus AGFK-Mitgliedskommunen einen wesentlichen Sinn der Mitgliedschaft darin, dass der Radverkehr vor Ort auch in Kommunen gefördert werde, in denen dieses Thema bislang eher „unterbelichtet“ war.

(Präsentation als PDF-Datei)

Katalin Saary zeigte auf, wie sich die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum verbessern und so „Straßen für alle“ schaffen lassen. Wer den öffentlichen Raum als Orte zum Bewegen und Ausruhen, zum Feiern, zum Spielen und Schauen machen wolle, müsse aber notwendigerweise die Zahl der Autos (fahrend und parkend) deutlich reduzieren. Neue Qualitäten stellen sich nur ein, wenn die Flächen „fair“ verteilt werden. Dies ist auch Voraussetzung für lebendige Orte und stärkt die lokale Wirtschaft.

Nutzungsmischung ist eine wesentliche Voraussetzung für Nahmobilität. Die Verkehrsinfrastruktur dafür muss aus attraktiven, sicheren und barrierefreien Wegenetzen für den Fuß- und Radverkehr bestehen. Wichtig ist es, die Bürger*innen auf diesem Weg „mitzunehmen“. Bürgerinformation und Beteiligungsprozesse sollten selbstverständlich sein und sind die Voraussetzung für Akzeptanz und aktive Unterstützung seitens der Bürgerschaft.

Um ein Gleichgewicht zwischen Verkehrsraum und Lebensraum herzustellen, müssen die Ansprüche aller Verkehrsteilnehmenden berücksichtigt werden, unabhängig davon, ob sie mit dem Auto, zu Fuß oder dem Rad unterwegs sind, ob als Kind oder mit Mobilitätseinschränkungen. Das Dilemma dabei ist klar: Die Flächen im öffentlichen Raum einer bebauten Stadt sind begrenzt und nicht beliebig erweiterbar. Diese Flächen müssen „fair“ geteilt werden! Dazu können der Abbau der räumlichen Trennungen der Verkehrsarten und die Minimierung von Schildern und Markierungen beitragen – auch wenn das in Deutschland straßenverkehrsrechtlich nicht so einfach ist wie in Nachbarländern, in denen Shared Space und Begegnungszonen schon eingeführt sind.

(Präsentation als PDF-Datei)

Silke Klotzek erläuterte an mehreren Beispielen, wie es in Bamberg gelungen ist, durch die Gestaltung des öffentlichen Raums neues Leben in die alte Stadt zu bringen. Die Rahmenbedingungen dafür sind im Weltkulturerbe Bamberg mit seinen rund 72.000 Einwohner*innen, 13.000 Studierenden und rund sieben Millionen Tagestouristen pro Jahr durchaus anspruchsvoll. Mit der (mitten in der Altstadt unterhalb des Doms gelegenen) Sandstraße wurde durch die Herausnahme des Durchgangsverkehrs und die Neuordnung des Straßenraums eine Voraussetzung für das Aufblühen eines ganzen Straßenzugs geschaffen: Tagesgastronomie, die Neueröffnung von Ladengeschäften sowie eine Vielzahl von Aktivitäten, die vor allem durch zivilgesellschaftliche Initiativen getragen werden, waren die Folge. Ähnliches war schon mit der parallel zur Fußgängerzone verlaufenden Austraße gelungen, die in eine FGZ umgewandelt wurde, in der Radverkehr ganztägig erlaubt ist. Eine deutliche Aufwertung und Belebung war die Folge.

Ebenso erfolgreich war die Neugestaltung der Kettenbrücke, der Verbindung von Gärtner- und Inselstadt, die jetzt Shared-Space-Charakter hat und von den Menschen sogleich als Aufenthaltsraum angenommen wurde. 

(Präsentation als PDF-Datei)

Die Kettenbrücke war auch das Ziel der abschließenden Exkursion: Bei herrlichem Sonnenschein und Eis vom Italiener konnten die Teilnehmenden der Tagung das Flair dieser Begegnungszone „live“ erleben.

Fotos: Wolfgang Schmidhuber (CC BA-SY 3.0)

 

Links - Adressen - Literatur:

Weert Canzler/Andreas Knie: Die digitale Mobilitätsrevolution. Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten. oekom Verlag 2016

Thiemo Graf: Handbuch: Radverkehr in der Kommune. Nutzertypen, Infrastruktur, Stadtplanung, Marketing, Les éditions Bruno, 2016 

Jan Gehl: Städte für Menschen. Berlin 2015 

Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern e.V.
Geschäftsstelle:
Tel.: +49 (0)9131/86 2419
E-Mail: info@agfk-bayern.de
Internet: www.agfk-bayern.de

Fahrrad-Portal: Nationaler Radverkehrsplan

ReferentInnen

Prof. Dr. Andreas Knie
Leitung der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ)
Tel.: 030/23 88 84-101
E-Mail: andreas.knie@innoz.de
Internet: https://www.innoz.de/de 

Thomas Balser
Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, Kompetenzzentrum Landestarif
Tel.: 0711/23991-115
E-Mail: balser@nvbw.de

Jens-Marco Scherf 
Landrat, Landkreis Miltenberg
Brückenstraße 2 
63897 Miltenberg 
Tel: 09371/501-402 
E-Mail: landrat@lra-mil.de  / buero-landrat@lra-mil.debuero-landrat@lra-mil.de

Anja Sylvester
Dipl.-Geografin, Interlink GmbH Berlin
Tel.: 030/20913972
E-Mail: sylvester@interlink-verkehr.de
Internet: http://www.interlink-verkehr.de 

Thiemo Graf
Geschäftsführer Institut für innovative Städte, Kreisrat Nürnberger Land, Stadtrat und 3. Bürgermeister, Röthenbach an der Pegnitz
Alter Kirchenweg 27
D-90552 Röthenbach a. d. Pegnitz
Tel.: 0911/953398-65
E-Mail: team@innovative-staedte.de
Internet: www.innovative-staedte.de 

Susanne Lender-Cassens
Bürgermeisterin, Referentin für Umwelt, Energie, Gesundheit, Sport und Soziokultur, Erlangen

Katalin Saary
Dipl.-Ing., Verkehrsplanerin, Büro Mobilitätslösung,  Darmstadt
Tel.: 06151/9509486
E-Mail: katalin.saary@mobilitaetsloesung.de
Internet: www.mobilitaetsloesung.de

Silke Klotzek
Stadtplanungsamt Bamberg, Abteilung Stadtsanierung / Stadtgestaltung
Untere Sandstraße 34, 96049 Bamberg
Tel.: 0951/87-1637
E-Mail: Silke.Klotzek@stadt.bamberg.de
Internet: www.stadtplanungsamt.bamberg.de

Veranstaltungsort
Bamberg


Partner

GRIBS-Bildungswerk e.V.
Letzengasse 13a
9605 Bamberg
bildungswerk@gribs.net


Art der Veranstaltung
Fachtagung



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10.03.2017 bis 11.03.2017

Fluchtursachen "Made in Europe"

Menschen und Wege zwischen Europa und Afrika

Europa nimmt nicht nur Flüchtlinge auf – oder wehrt sie ab –, es ist auch beteiligt an der Schaffung von Fluchtursachen in Afrika. Neue Freihandelsverträge, Export subventionierter europäischer Agrarprodukte, hilflose Entwicklungshilfe – die Kritikpunkte sind vielfältig.

Heute machen sich junge Afrikaner auf, um in Europa ein besseres Leben zu suchen. Welche Hoffnungen haben sie? Was erleben sie? Und welche Perspektiven haben die, die sich fürs Bleiben entscheiden?

Der Münchner Filmemacher Peter Heller hat seit vielen Jahren Entwicklungen in Afrika dokumentiert. Seine Filme waren der Ausgangspunkt dieses Seminars.

Der Film Süßes Giftthematisiert 50 Jahre und (mehr als) zwei Billionen Euro Entwicklungshilfe und stellt die Frage, ob die Hilfe unseren Nachbarkontinent abhängig macht. Gemeinsam mit afrikanischen Intellektuellen und Praktikern kommt Peter Heller zu der ernüchternden Einsicht, dass Hilfe ein Geschäft ist. Und es ist für die Geber und für ihre Empfänger ein gefährliches Suchtmittel, da sie Abhängigkeit und Lethargie schafft. Nach der Filmvorführung berichtete Heller ausführlich über die Entstehung des Films und diskutierte mit dem sehr interessierten Publikum die aufgeworfenen Fragen.

Prof. Dr. Robert Kappel wies zunächst deutlich darauf hin, dass Afrika keine Einheit, sondern u.a. in Kultur und Sprache sehr unterschiedlich, vielfältig und differenziert ist. So gibt es zerfallende Staaten, solche mit vielen Rohstoffen (mit denen sehr unterschiedlich umgegangen wird), Länder mit wenig Ressourcen und solche, die sich zu Industrieländern entwickeln. Auch gibt es eine große Ungleichheit in der Entwicklung von Stadt und Land. Frauen auf dem Land sind dabei die Ärmsten. Weitere Probleme sind der technologische Wandel und die Globalisierung; beides führt zu Jobproblemen. Es gibt ein extremes Bevölkerungswachstum vor allem auf dem Lande. Auch in den rohstoffreichen Ländern gibt es immer weniger Arbeit für Einheimische, was zu großen Frustrationen führt. Auch ist die Bildung ein Problem – 6 Schulpflichtjahre, wie üblich, sind viel zu wenig, vor allem, da in vielen Schulklassen bis zu 100 Kinder gleichzeitig unterrichtet werden. In einigen afrikanischen Ländern gibt es derzeit neue Ansätze hin zu besser ausgebildeten jungen Menschen, die teilweise im Ausland studiert und gearbeitet haben und nun zurückkommen und für ihr Land etwas tun wollen.

Die europäische Afrikapolitik ist gekennzeichnet von entwicklungspolitischer Zusammenarbeit; es wird nicht agiert, sondern lediglich reagiert. So gibt es in Deutschland u.a. das Problem, dass viele verschiedene Pläne unterschiedlicher Ministerien nicht aufeinander abgestimmt werden. Und mit den Ländern Afrikas sind die Pläne ebenfalls nicht abgestimmt! So entsteht eine Politik für, aber nicht mit Afrika, was ein Fehler ist.

Sinnvoll wäre es laut Kappel, globale und regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen und zu nutzen. Und es wäre extrem wichtig, in die Infrastruktur zu investieren: Mit dem Bau von Straßen und der Versorgung mit Elektrizität wäre eine sinnvolle Entwicklungshilfe geleistet.

Aber auch die Länder selber müssen etwas beitragen. Gute Ideen und Pläne verpuffen auf Grund von Korruption vor Ort. Hier müsste westliche Hilfe ansetzen und auch durch das Einfordern von Menschenrechten (keine Unterstützung für undemokratische Regime!). 

In Bezug auf die Globalisierung und das damit einhergehende Auseinanderdriften der Welt muss den afrikanischen Ländern geholfen werden, eigene Wege zu finden und zu gehen und u.a. der Zugang zu Technologie erleichtert werden. So könnten z.B. Schul- und Hochschulpartnerschaften gefördert werden, damit Frauen und Männer vor Ort ihre eigenen Lösungen finden können.

Sophia Wirsching sorgte mit ihrem Beitrag für einige Fakten und Hintergründe, die zum Verständnis beitrugen und die Ausführungen von Prof. Kappel unterstrichen. Ihre Präsentation können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Der Film „Barca ou Bassa“ - Barcelona oder Tod - analysiert Hintergründe und Ursachen der Abwanderung von einer kleinen „paradiesischen“ Insel vor der Küste Westafrikas. Dabei kommen vor allem afrikanische Expert*innen und Aktivist*innen zu Wort. Der Film analysiert ökologische Umstände, wirtschaftliche Bedingungen und geopolitischen Zusammenhang zu der dokumentarischen Langzeitstudie „LIFE SAARABA IllEGAl“ vor dem aktuellen Hintergrund der Abschottung Europas.

Der Film Life-Saarabe-Illegal / Acht Jahre unter Clandestinos“ verfolgt über fast ein Jahrzehnt Aladji und Souley, zwei Brüder von einer kleinen Fischerinsel im Atlantik vor der Küste Westafrikas. „Saaraba“ nennen sie in Westafrika das verheißene Land – Europa. Der ältere Aladji schaffte es als Bootsflüchtling bis in die Gemüseplantagen Spaniens und lebt dort illegal bis heute. Der jüngere Bruder Souley träumt von Europa und macht sich auf den Weg zu seinem Bruder. Im Zentrum dieser Chronik stehen ihre Träume und Erfahrungen um Europa und ihre „privaten Entwicklungsgelder“ für die Familie daheim auf der Insel.

ReferentInnen

Peter Heller
Filmemacher, München

Prof. Dr. Robert Kappel
GIGA Institut für Afrika-Studien, Hamburg-Berlin

Dr. Miriame Racine Sow
Dipl.-Soziologin, im Senegal geboren, Frankfurt/Main

Sophia Wirsching
Referentin für Migration und Entwicklung, Brot für die Welt 

Veranstaltungsort
München


Partner

Evangelische Stadtakademie München


Art der Veranstaltung
Seminar mit Filmvorführungen



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