Schriftgröße ändern

Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

22.06.2017

Krieg für Menschenrechte?

Veranstaltungsreihe: Eine Welt ohne Visionen geht zu Grunde

Das 2015 verabschiedete Weißbuch der Bundeswehr und zahlreiche weitere Strategiedokumente von NATO und EU bauen auf der Annahme auf, dass Menschenrechte mit militärischen Mitteln verteidigt werden können und müssen. Wenn deutsche Politiker wie Gauck oder Steinmeier von "Verantwortung" reden, dann meinen sie Militäreinsätze, während gleichzeitig die deutsche Regierung und ihre NATO-Verbündeten bei der UN die Verankerung eines "Menschenrechtes auf Frieden" blockieren.

Zur Frage, was der begriff der "Menschenrechte" eigentlich bedeutet, zitierte Claudia Haydt aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Vollversammlung der UN am 10. Dezember 1948 in Paris genehmigt und verkündet hat. Ihr Nachteil liege in ihrem bloßen Empfehlungscharakter ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit. Damit sind diese Rechte nicht einklagbar.

2.            Was machen die Vereinten Nationen/UN zum Schutz der Menschenrechte?

Hingegen ist das der Fall im Zivil- und Sozialpakt der UN, der 1976 verabschiedet und inzwischen von 160 Staaten (Stand 2013), unter ihnen die BRD  (die USA dagegen haben lediglich unterzeichnet!), ratifiziert wurde. Sie verpflichten sich damit zur Umsetzung der grundlegenden Menschenrechte aus der Allgemeinen Erklärung von 1948, im Sozialpakt z. B. der Rechte auf Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge. Wie gravierend es beim Recht auf Gesundheit an der Verwirklichung mangelt, machte die Referentin an den Folgen des Hungers und den typischen Armutskrankheiten Aids, Tuberkulose und Malaria sowie den vernachlässigten Tropenkrankheiten deutlich.

Sie forderte ein Recht auf Frieden und führte Deutschland innerhalb einer Liste der 20 friedlichsten Länder an 16. Stelle auf. Die 10 am wenigsten friedlichen: Syrien, Südsudan, Irak, Afghanistan, Somalia, Jemen, Zentralafrikanische Republik, Ukraine, Sudan, Libyen.

Der Begriff der „Schutzverantwortung“ beziehe sich lediglich auf Massenverbrechen wie Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ihre Frage: Kann man Krieg zur Verhinderung von Völkermord führen? Als Negativbeispiele nannte sie das Eingreifen französischer Soldaten in Ruanda und den Präzedenzfall Libyen.

Gegenwärtig würden Kriege mit dem Schutz vor Terrorismus – dahinter steht das Recht auf körperliche Unversehrtheit – begründet. Allerdings seien laut IPPNW zwischen 2001 und 2010 bei den Antiterrorkriegen im Irak, Afghanistan und Pakistan 1,3 Millionen Menschen getötet worden. Trotzdem würden im Namen der Menschenrechte weiterhin Kriege geführt, wo es eigentlich um den Zugang zu Rohstoffen gehe. In Afghanistan z.B. lockten die Lithium-Vorkommen, die man für die Elektromobilität benötige.

Ihre Hoffnung setzt die Referentin auf den „Treaty-Prozess“ des UN-Menschenrechtsrates, mit dem man sich seit 2014 auf den Weg zu globalen  Unternehmensregeln gemacht hat. Es geht dabei um ein internationales Menschenrechtsabkommen zu Transnationalen Konzernen und anderen Unternehmen, deren menschenrechtliche Verantwortung verbindlich geregelt werden soll.

ReferentInnen

Claudia Haydt
Religionswissenschaftlerin und Soziologin. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V., die 2011 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde.

Veranstaltungsort
Lindau


Partner

pax christi Augsburg


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

06.06.2017 bis 09.06.2017

Orte guten Lebens in Bayern

Reise in eine lebenswerte Zukunft

Das "gute Leben" hat derzeit Hochkonjunktur - selbst die Bundesregierung hat ein umfangreiches Konsultationsprojekt dazu durchgeführt. Was "gutes Leben" aber konkret bedeutet, wird selten genau definiert. Klar ist: Eine intakte Umwelt, Gesundheit, nachhaltiges Wirtschaften, gerechtes Einkommen und menschenwürdige Wohnverhältnisse gehören mit Sicherheit dazu. 

Immer mehr Menschen, in zivilgesellschaftlichen Initiativen oder in der Kommunalpolitik, in Unternehmen, Genossenschaften oder Vereinen, engagieren sich mittlerweile dafür, ihre Visionen vom guten Leben ganz konkret, vor Ort, gemeinsam mit anderen, umzusetzen. Einige dieser Projekte und Initiativen besuchten wir auf unserer Bildungsreise, um die Vielfalt dieser Ansätze in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen kennenzulernen. 

Dieter Gewies (im Bild rechts), der bis 2014 18 Jahre lang Erster Bürgermeister der Gemeinde Furth (ca. 3.500 Einwohner*innen) im Landkreis Landshut war, erläuterte die kontinuierliche, sehr pragmatisch orientierte Politik, die ihm und dem Dorf 2014 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis eingebrachte. Das langjährig entwickelte Further Nachhaltigkeitskonzept ist in acht integrierte Nachhaltigkeitsfelder aufgeteilt und stellt die zentrale Richtschnur für alle Entscheidungen dar. Der Haushalt der Gemeinde wird durchgängig nach Nachhaltigkeitskriterien aufgestellt, verabschiedet und abgearbeitet. Umwelt- und sozialgerechte Beschaffung ist Grundlage für das Beschaffungswesen. 2011 wurde Furth mit dem Gütesiegel „Nachhaltige Bürgerkommune Bayern“ ausgezeichnet. Die starke Partizipation der Bürgerinnen und Bürger ist Teil einer bewusst angelegten Mitmach- und Anerkennungskultur. Sie ist Grundlage der Fortschritte im Nachhaltigkeitsbereich sowie bei notwendigen Investitionen z.B. im Bereich Energiewende und Innenentwicklung.

Schon 1999 wurde beschlossen, sich zu 100% mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Ein Hackschnitzelheizwerk, eine Biogasanlage sowie zahlreiche Sonnenkollektoren und PV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden und Privathäusern sorgen bereits heute dafür, dass über 80% der Strom- und Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Eine groß angelegt Gewässerrenaturierung, mit der die Sünden der Flurbereinigung behoben werden konnten, hat durch die Anlage von breiten Gehölzstreifen entlang der Bäche den positiven Nebeneffekt, dass auf diese Weise auch die Versorgung des Heizwerks mit heimischem Brennstoff gesichert werden konnte.

 

In der Dorfentwicklung setzt Furth auf Flächensparen und Innenentwicklung. Im Rahmen eines breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahrens wurden die Pläne für eine neue Dorfmitte entwickelt und umgesetzt. Realisiert wurde eine kleinteilige Struktur von Läden und Dienstleistern (siehe Bild oben links). Trotz großen Zuzugsdrucks betreibt Furth eine restriktive Baulandausweisung.

Ein Eckpfeiler für die Further Entwicklung ist der Schwerpunkt Bildung & Erziehung, für den ein Drittel des Gemeindeetats reserviert ist. Damit ist es der Gemeinde möglich, eine Betreuungsgarantie von 1. bis zum 14. Lebensjahr zu geben. Kinderkrippe, Kindergarten, Grundschule (alle integrativ bzw. inklusiv organisiert) sowie Mittelschule, Hort und Gymnasium befinden sich im Ort. Außerdem gibt es zwei Universitätsinstitute. 

Andreas  Horsche (im Bild ganz oben links), der seit 2014 als Nachfolger des aus Altersgründen nicht mehr kandidierenden Gewies sein Nachfolger im Amt des Bürgermeisters ist, setzt dessen Nachhaltigkeitspolitik konsequent fort. Ein Beispiel dafür ist die derzeit laufende Renaturierung des Further Baches (siehe Bild oben rechts) zwischen Punzenhofen und Obermünchen. Mit diesem Projekt werden gleich vier unterschiedliche Ziele realisiert: die ökologische Aufwertung des Gewässers, die Schaffung zusätzlicher Retentionsflächen, die Anlage eines Fahrradwegs parallel zur vielbefahrenen Straße sowie die Verlegung von Glasfaserkabeln zur Versorgung mit schnellem Internet. Eine vierfache Win-win-Situation sozusagen.

Kurzporträt von Furth (Präsentation als PDF-Datei)

Details: http://www.furth-bei-landshut.de/furth/nachhaltige-entwicklung/


„Tagwerk“, ein relativ kompliziertes Konglomerat aus Genossenschaft, Trägerverein und GmbH (siehe Folie 5 der Präsentation, die als PDF-Datei heruntergeladen werden kann), hat sich dem Motto „Bio aus der Region“ verschrieben. Wie Dr. Michael Rittershofer, der Geschäftsführer des Tagwerk e.V., ausführte, versteht es sich als regionales Netzwerk (siehe nebenstehende Karte), dem gute Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung genauso wichtig sind wie der achtsame Umgang mit der Natur und das solidarische Miteinander von Verbrauchern, Erzeugern, Händlern und verarbeitenden Betrieben. Von den bescheidenen Anfängen im Jahr 1984 bis heute (für 2017 erwarten Genossenschaft und GmbH einen Gesamtumsatz von etwa 8 Mio. Euro) wurde ein weiter Weg zurückgelegt. Ursprünglich setzte man ausschließlich auf regionale Produkte. Später folgte die Öffnung hin zum Vollsortiment, was aber auch für die Regionalprodukte einen deutlichen Schub brachte. Aber nach wie vor setzt Tagwerk auf regionale Produkte aus zertifizierten Betrieben und achtet auf kurze Transportwege und schonende handwerkliche Verarbeitung. Tagwerk kann vergleichsweise hohe Preise an die Erzeuger*innen zahlen. Und sehr wichtig: Für manche Anbieter*innen (mit kleinen oder unregelmäßigen Erzeugermengen, an denen die „großen“ Handelsmarken kein Interesse haben) ist Tagwerk die einzige verlässliche Abnahmealternative neben dem Direktvertrieb. Die regionale Orientierung ermöglicht es, direkte Kontakte zu den Erzeuger*innen herzustellen, Beziehungen zu knüpfen und Vertrauen zu schaffen. Auch für das Tierwohl sorgt Tagwerk – von der Haltung bis zur Schlachtung in der eigenen Öko-Metzgerei. Dies ist gegenüber der Zusammenarbeit mit einer konventionellen Metzgerei in der Vergangenheit ein wesentlicher Fortschritt. So können die Tiere vor der Schlachtung einige Tage ruhen, um den "Stress" zu verringern.

Tagwerk versteht seine Arbeit durchaus auch als politisches und gesellschaftliches Engagement: Dazu zählen Landschaftspflege im Sinne des Arten- und Naturschutzes auf Biohöfen, der Einsatz für eine Öko-Modellregion Isental oder für einen gentechnikfreien Landkreis Erding sowie die Beteiligung an der Demo „Wir haben es satt“. Auch die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz für das Unternehmen ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert.

Ob die Verschmelzung der GmbH und der Genossenschaft, die mit dem Umzug vom ländlichen Dorfen in das - nicht sehr ansehnliche - Gewerbegebiet in Garching einher ging, einen Wandel in der Grundorientierung von Tagwerk bringt (zum Beispiel im Sinne einer größeren Orientierung am „Markt“), muss wohl noch abgewartet werden.

Details: http://www.tagwerk.net/

Der Chiemgauer ist Europas wohl ältestes (seit 2003) und auch erfolgreichstes Regio-Geld. Immer mehr Menschen (derzeit etwa 3.200) bezahlen bei fast 600 mitmachenden Unternehmen in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein mit dem Chiemgauer. Der regionale Einkauf hat in mehrfacher Hinsicht positive Auswirkungen: er stärkt insbesondere die kleineren Geschäfte vor Ort, kurbelt die regionale Wirtschaft an und bringt zusätzliches Geld in die Kassen von Vereinen und Einrichtungen mit sozialen Zielen. Das Regio-Geld (das es mittlerweile auch als „eChiemgauer“ für die elektronische Zahlung gibt) versteht sich als Ergänzung des Euro um eine regionale Komponente. Und er zielt als „alternative Geldform“ darauf ab, dass die Kaufkraft gebunden wird und die Wertschöpfung in einer eigenen Region bleibt. Auch sollen lebendige Innenstädte und Dörfer, intakte Vereinsstrukturen und ein helfendes Miteinander gefördert werden.

Wichtiges Instrument dafür ist der sog. „Umlaufimpuls“: Die Verbraucher*innen müssen ihre Scheine alle drei Monate um drei Prozent mit Klebemarken aufwerten, wenn sie nicht vorher ausgegeben wurden. Das sorgt für einen schnellen Umlauf und fördert somit die regionale Geschäftstätigkeit. Und es wird verhindert, dass der Chiemgauer spekulativ gehortet wird.

Unternehmen, die beim Chiemgauer mitmachen, „belohnen“ den regionalen Einkauf mit drei Prozent, die dem Verein oder einem sozialen Zweck gutgeschrieben werden, die jedes Mitglied selbst festlegen kann. Rund 200 mitmachende Vereine profitieren davon. In den vergangenen Jahren konnten so mehr als 280 Vereine und Projekte mit einer Summe von insgesamt über einer halben Million Euro  gefördert werden.

Christophe Levannier (Bild oben) vom Chiemgauer-Trägerverein wies in seinem Vortrag aber auch darauf hin, dass das große Interesse am Chiemgauer weit über Deutschlands Grenzen hinaus in einem eigentümlichen Gegensatz zum begrenzten Interesse in der eigenen Region stehe: Der Prophet gelte offenbar nichts im eigenen Land, man werde vor Ort eher belächelt oder gar ignoriert. Angesichts der doch eng begrenzten Wirkung kann ein Regio-Geld zwar die regionale Wirtschaft unterstützen und Projekte fördern, wohl aber kaum die ihm zugedachte Rolle als Alternative zum herrschenden Geldsystem spielen.

Weitere Details:  http://www.chiemgauer.info/

Video „Fehler im Geldsystem“

Margrit Kennedy / Bernard Lietaer: Regionalwährungen. Auf dem Weg zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann-Verlag, 2004

Weitere Literaturhinweise: http://www.chiemgauer.info/informieren/lese-ecke-archiv/

Die Molkerei Berchtesgadener Land, die uns bei einer ausführlichen Betriebsbesichtigung von Sabine Fuchs präsentiert wurde, ist seit 1973 auch eine Bio-Molkerei (daneben wird aber immer noch und überwiegend konventionell erzeugte Milch verarbeitet) und damit eine der ersten überhaupt. Sie ist als Genossenschaft organisiert und verarbeitete im Jahr 2016 ca. 306 Mio. kg Milch. Davon waren 89 Mio. kg Bio-Milch. Sie erwirtschaftete damit einen Umsatz von über 200 Mio. Euro. Die Produkt-Palette umfasst Frischmilch, haltbare Milch, Milchmischgetränke, Joghurt, Fruchtjoghurt, Trinkjoghurt, Buttermilch, Fruchtbuttermilch, Kefir, Dickmilch, Speisequark (Topfen), Speisequarkzubereitung, Kräuter- und Fruchtquark, Schlagrahm, Sauerrahm, Schmand, Crème fraîche, Butter; laktosefreie Bio-Produkte. Die  Molkerei-Genossenschaft hat derzeit 1733 Mitglieder, davon sind 491 Bio-Bauern.

Die Molkerei verfolgt den Leitgedanken der Nachhaltigkeit und sieht im Genossenschaftsmodell die Möglichkeit, Herkunft, Nachhaltigkeit und Fairness als gesellschaftliche Werte glaubwürdig umzusetzen. Das kommt zum Beispiel in der seit 2010 verpflichtend für alle Genossenschaftsmitglieder erfolgenden natürlichen Fütterung der Kühe ohne Gentechnik zum Ausdruck. Ein weiteres Projekt, das in ähnliche Richtung zielt und vor allem den Antibiotika-Gebrauch auf ein absolutes Minimum beschränken soll, sind die von der Molkerei angebotenen Homöopathie-Schulungen für die Landwirte.

Auch in der Logistik arbeitet die Molkerei an umweltverträglichen Lösungen. Die Milch-LKWs müssen sowohl von konventionell wie auch von ökologisch wirtschaftenden Landwirten die tägliche Milchmenge einsammeln. Da der Großteil der Landwirte nur wenige Kühe hält und sie teils auf bis zu 1200 m Höhe ihren Hof extensiv bewirtschaften, sind dafür viele Einzelstrecken zurückzulegen. Da es sich um unterschiedliche Milchsorten handelt, sind die Tankwägen schrittweise mit sog. Trema-Systemen (Annahme von mehreren Milchsorten im Tankwagen) ausgestattet worden. Dadurch ist es möglich, auf einer Strecke getrennt voneinander konventionell erzeugte Milch, Naturland Bio-Alpenmilch und Demeter Bio-Alpenmilch zu erfassen, ohne unnötige Strecken zurückzulegen. So ließen sich die Touren zusammenfassen, unnötige Fahrstrecken vermeiden, Spritkosten einsparen und dadurch den CO2-Ausstoß verringern.

Details zu verschiedenen Projekten: https://bergbauernmilch.de/  

Eine Stippvisite führte uns zum „Haus der Berge“, dem Zentrum des Nationalparks Berchtesgaden, das uns von Hans Maltan vorgestellt wurde. Das Haus der Berge verbindet Informationszentrum, Bildungsarbeit und ein Außengelände, letzteres ist allerdings angemeldeten Teilnehmenden der Veranstaltungen des Bildungszentrums vorbehalten. Das – auch architektonisch ansprechende – Haus bietet vielfältige Möglichkeiten zur Vor- oder Nachbereitung eines Besuchs in Deutschlands einzigem Alpen-Nationalpark: die preisgekrönte Ausstellung „Vertikale Wildnis“, interaktive Informationen rund um das Schutzgebiet, ein Kino im Foyer mit Naturfilmen, wechselnde Ausstellungen auf zwei Ebenen sowie eine themenbezogene Bibliothek. Rund um das Haus können auf dem Panoramaweg die vier Haupt-Lebensräume des Nationalparks erlebt werden: Wasser, Wald, Alm und Fels.

Details: http://www.haus-der-berge.bayern.de/

Die Nationalparkgemeinde Ramsau bei Berchtesgaden ist das erste Bergsteigerdorf in Deutschland (seit 2015). Bergsteigerdörfer sind Vorzeigeorte, die sich aktiv für den sanften Tourismus und den Schutz der Alpen engagieren. Bergsteigerdörfer sind vorbildhafte regionale Entwicklungskerne im nachhaltigen Alpintourismus mit einer entsprechenden Tradition. Sie garantieren ein professionelles Tourismusangebot für Bergsteiger, weisen eine exzellente Landschafts- und Umweltqualität auf und setzen sich für die Bewahrung der örtlichen Kultur- und Naturwerte ein. Als alpine Kompetenzzentren setzen Bergsteigerdörfer auf Eigenverantwortung, Fähigkeit und Souveränität sowie umweltkundiges und verantwortungsvolles Verhalten ihrer Gäste am Berg.

Die Vorbildwirkung der Bergsteigerdörfer besteht auch darin, dass sie im Einklang und in selbstverständlicher Beachtung einschlägiger gesetzlicher Bestimmungen und Programme das Ziel der nachhaltigen Entwicklung im Alpenraum verwirklichen wollen.

Dennoch ist das Etikett „Bergsteigerdorf“, wie Fritz Rasp (im Bild links, daneben Jens Badura vom berg_kulturbüro) von der Tourist-Information Ramsau betonte, kein Marketing-Instrument. Es geht dabei eher um die Einheimischen, um ihren Bezug zum Ort und ihre Identifikation damit. Ramsau hat viel zu bieten, zu allererst natürlich die Natur, die Berge. Aber auch einen funktionierenden ÖPNV, eine Gastronomie, die auf regionale Produkte setzt (zum Beispiel über feste Abnahmeverträge mit den Landwirten). Und man stellt sich den Herausforderungen des Klimawandels, so waren immense Investitionen notwendig, um den Hochwasserschutz bei Starkregenereignissen zu gewährleisten.

Eine wichtige Rolle in diesem Konzept spielt dass berg_kulturbüro im Mesnerhaus. Es versteht sich als ein Raum für Initiativen und als eine Denkwerkstatt im Bereich alpenpolitischer und -kultureller Fragen. Es zielt darauf, regional relevante Themen wie auch grundsätzliche Fragen zur Kultur und Entwicklung des Alpenraums im Resonanzraum wissenschaftlicher, politischer und kulturell-künstlerischer Zugänge konkret vor Ort zur Diskussion zu stellen. Der direkte lokale Bezug zu den Menschen, der Kultur sowie der Landschaft und Natur wird dabei genauso als notwendige Voraussetzung gesehen wie die enge Vernetzung mit regionalen Gemeinden, der Biospährenregion Berchtesgadener Land, dem Nationalpark Berchtesgaden, den Alpinen Vereinen, alpenpolitischen Organisationen und weiteren auch internationalen Kooperationspartnern aus Wissenschaft und Kultur im Alpenraum.

Das berg_kulturbüro ist gleichermaßen Arbeits- und Entwicklungsraum, Dialogort und Bibliothek. Einerseits werden Projekte für den regionalen Zusammenhang konzipiert und durchgeführt – wie z.B. das Alpine Philosophicum Ramsau (Thema z.B.: „Brauchtum gestern und heute“), der monatliche berg_kulturstammtisch sowie weitere Kulturveranstaltung wie Lesungen. Andererseits werden Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich kultureller Wertschöpfung im deutschsprachigen Alpenraum vom berg_kulturbüro her initiiert und begleitet. 

Ganz bewusst versteht sich Ramsau als Modellbeispiel für andere Orte im Alpenraum – über die deutschen Grenzen hinaus.

Bergsteigerdorf: Wie sanfter Tourismus den Alpen hilft – Filmbericht im Bayerischen Rundfunk

Deutscher Alpenverein (Hrsg.): Ramsau b. Berchtesgaden. Nationalpark-Gemeinde am Fuße des Watzmanns. München 2015

Details: http://www.bergsteigerdoerfer.de/378-0-Bergsteigerdorf-Ramsau.html und www.ramsau.de

Michael Pelzer, der ehemalige langjährige (von 1990 bis 2014!) Bürgermeister von Weyarn, stellte dar, dass sich das umfassende Bürgerbeteiligungskonzept, das in Weyarn jetzt schon etliche Jahre praktiziert wird, aus der Suche nach neuen Wegen für die Gemeinde entwickelte. In einer Phase der Krise und Orientierungslosigkeit ging es darum, sich für ein Leitbild zu entscheiden. Die Frage „Wo wollen wir hin?“ wurde am Ende eines längeren Suchprozesses mit dem Leitbild „Ländliche Qualität erhalten!“ beantwortet. Selbstbewusstsein und Identität der Dorfgemeinschaft wurden in diesem Prozess wesentlich gestärkt.

Pelzer betonte die positiven Auswirkungen eines solchen Beteiligungsprozesses: Das politische Klima werde besser, das Vertrauen in die demokratischen Institutionen gestärkt und die Akzeptanz von Politikentscheidungen größer. Zudem könnten auf diese Weise Fehlplanungen und Fehlinvestitionen verhindert werden. Die konkrete Ausgestaltung des Beteiligungsprozesses sollte dabei die jeweilige Ausgangslage vor Ort berücksichtigen. Wichtig sei auf alle Fälle, die Eintrittsschwelle so niedrig wie möglich zu halten und eine professionelle Begleitung und Moderation des Beteiligungsprozesses zu gewährleisten. In Weyarn wird dies durch ein „Mitmach-Amt“ als Koordinationsstelle mit einer hauptamtlichen Mitarbeiterin getan. Information ist die Grundvoraussetzung für das Funktionieren von Bürgerbeteiligung: „Alle müssen alles wissen!“

Als ein konkretes Beispiel, wie ein solcher Beteiligungsprozess funktioniert, nannte Pelzer die Planung des neuen Schulgebäudes, bei dem die Schüler*innen von vornherein als entscheidender Bestandteil einbezogen wurden (z.B. mit Kindergemeinderatssitzungen). So konnten die Wünsche der Schüler*innen berücksichtigt werden, unrealisierbare Vorstellungen argumentativ bearbeitet und sogar Kosteneinsparungen gegenüber herkömmlichen Schulbauten realisiert werden.

Bertelsmann-Stiftung/Staatsministerium Baden-Württemberg (Hrsg.):  Partizipation im Wandel. Unsere Demokratie zwischen Wählen, Mitmachen und Entscheiden, Gütersloh 2014

Michael Pelzer/Theresia Benda: Nicht ohne meine Bürger. Eine Wegbeschreibung zur Bürgergesellschaft. In: Der Bayerische Bürgermeister 1/2009, S. 125-127

Details: http://weyarn.de/aktiv.htm

Satzung: http://weyarn.de/Gemeinde/Satzungen/Buergerbeteiligungssatzung.pdf

Heidrun Eberle von der Nachbarschaftsbörse am Ackermannbogen führte uns durch dieses neue Baugebiet, das auf dem Gelände der 1994 von der Bundeswehr aufgegebenen Kasernen entstanden ist. Das 36 ha große Gelände war von der Stadt München insgesamt aufgekauft worden und mit der bewährten „Münchner Mischung" überplant worden. Das heißt: zu je einem Drittel mit frei finanzierten Wohnungen, mit sozialem Wohnungsbau und dem Münchner Modell für Haushalte mit mittlerem Einkommen, die keinen Anspruch auf eine Sozialwohnung haben. Mittlerweile leben im Ackermannbogen rund 6700 Menschen, 27% davon sind Kinder und Jugendliche. Im Gebiet gibt es immerhin sechs Kita-Einrichtungen.

Das Quartier ist charakterisiert durch kompakte, weitgehend mehrstöckige Wohnbebauung (siehe die drei Bilder unten als Beispiel) mit großzügigen Grünanlagen und verkehrsberuhigten Bereichen. Etliche Projekte wurden von Baugemeinschaften und Wohnungsbaugenossenschaften realisiert, aber auch die stadteigenen Wohnungsbaugesellschaften waren dort aktiv. Im Quartier gibt es auch einige Pflegewohnungen für ältere Menschen und – in einem anderen Haus untergebracht – einen Pflegestützpunkt. Über das gesamte Viertel verteilt sind insgesamt 10 Gemeinschaftsräume, die für kulturelle Veranstaltungen, Partys oder Kurse genutzt werden (darunter auch einer, der von außen uneinsehbar ist und deshalb gern für Angebote genutzt wird, die sich an Muslimas richten). 

  

„Urban Gardening“ (Bild unten links) findet in einem 1000 Quadratmeter großen Garten statt, der von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Auch die Investitionen für den Bau der Wege und der Gartenlaube wurden von der Stadt im Rahmen der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme getragen. Die Ernte gehört denjenigen, die hier Arbeit investieren. Das Projekt wird von verschiedenen, durch die Nachbarschaftsbörse koordinierten Arbeitskreisen getragen. Der Garten ist jedoch offen für alle und nicht abgesperrt. Ob dies zu „Mitnahme-Effekten“ führen wird, muss sich noch erweisen.

 

Der Stadtplatz (Bild oben rechts) mit Einzelhandelsgeschäften und einem Brunnen (von Kindern gern als „Schwimmbad-Ersatz“ genutzt) als Mittelpunkt wird als Treffpunkt und Kommunikationsort schon gut angenommen.

Informationen der Stadt München zum Bauquartier 

Informationen zur Nachbarschaftsbörse und ihren Aktivitäten

Die wagnis eG ist eine junge Genossenschaft. Sie wurde im Jahr 2000 mit 21 Mitgliedern gegründet und verzeichnete Anfang 2017 bereits über 1.700 Mitglieder. Die Rechtsform Genossenschaft bedeutet Selbst- und Gemeinschaftsorganisation, Mitbestimmung und Selbstverwaltung. Sie ist demokratisch aufgebaut. Jedes Mitglied hat unabhängig von seinen eingezahlten Geschäftsanteilen eine Stimme, das höchste Organ ist die Mitgliederversammlung. Zweck der Genossenschaft ist die Förderung ihrer Mitglieder vorrangig durch eine sozial und ökologisch verantwortbare und sichere Wohnungsversorgung. Dementsprechend hat die Baugenossenschaft wagnis eG das Ziel, Wohnanlagen (links im Bild: das Projekt "Wagnis 1") zu realisieren, um gemeinschaftlich verwalteten Wohnraum dauerhaft zu sichern, sozial zu binden und der Spekulation zu entziehen. Nachbarliches Miteinander, generationenübergreifendes Wohnen, die Nähe von Arbeits- und Wohnort sowie ökologische Nachhaltigkeit sind wesentliche Ziele, wie Rut-Maria Gollan vom wagnis-Vorstand ausführte.

Wohnbaugenossenschaften stellen einen “Dritten Weg” zwischen den traditionellen Lösungen Eigentum und Miete dar. Typisch ist ihr Doppelcharakter als Wirtschaftsunternehmen einerseits und bewohnerorientierter Selbsthilfeeinrichtung andererseits. Das gesamte Projekt ist Gemeinschaftseigentum, in dem die Wohnenden "Mieter im eigenen Haus" sind. Sie besitzen ein lebenslanges Wohnrecht und zahlen auf Dauer günstige Mieten. Die Wohnungen sind keine Spekulationsobjekte, sondern bleiben langfristig und auch den Erben erhalten. Die Einlagen der Genossen bilden die wirtschaftliche Basis. Diese betragen etwa 30 Prozent des Gesamtinvestitionskapitals, darin enthalten sind auch die Finanzierungen für die Gemeinschaftseinrichtungen, an denen sich jeder hier wohnende Genosse beteiligt.

Rut-Maria Gollan erläuterte, dass jedes Projekt mit der Bildung einer Baugruppe beginnt, die über die wesentlichen Charakteristika des Baus (z.B.: Gemeinschaftsräume) beschließt. Ziel sei es, die Wohnräume auf das wirklich notwendige Maß zu beschränken und für andere Nutzungen (Werkzeuge, Hobby, Waschmaschinen, Gästezimmer usw.) gemeinschaftlich genutzte Räume vorzusehen. Aber natürlich müssen die Gebäude auf Dauer geplant werden und nicht nur für den Erstbezug. Deshalb gebe es auch eine große Bandbreite an Wohngrößen, die die Breite der Gesellschaft abbilden sollen. Barbara Uhl (im Bild) führte uns durch das Projekt „Wagnis 4“ an der Petra-Kelly-Straße (unten links: Blick vom Dachgarten in den Innenhof), das sowohl architektonisch überzeugte als auch durch einen wunderbaren Gemeinschaftsgarten auf dem Dach des Gebäudes (Bild unten rechts) beeindruckte.

 

 

Details: http://www.wagnis.org/ 

Das Projekt „Bellevue di Monaco” in der Müllerstraße 2-6 befindet sich im Glockenbach-Viertel, im „Zentrum der Gentrifizierung Münchens”, wie Vorstandsmitglied Matthias Weinzierl (Bild links) betonte.  Begonnen hatte das Projekt mit dem Protest gegen den geplanten Abriss der renovierungsbedürftigen Gebäude in der Müllerstraße 2-6 und das damit verbundene Verschwinden des angrenzenden Bolzplatzes. Dagegen hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet, die sich für den Erhalt aussprach und mit der Goldgrund-Gorilla-Renovierungsaktion auch Medienaufmerksamkeit bekam – nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung durch Prominente aus der Kulturszene. Die Abrisspläne wurden zurückgenommen. Und nach einer Ausschreibung verpachtete die Landeshauptstadt München die Häuser im April 2016 für die nächsten 40 Jahre an die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco, die Wohn- und Kulturzentrum für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge und interessierte Münchner im Herzen der Stadt München realisiert.

  

Die Entrümpelung wurde in Eigenleistung und mit ungeheurem Engagement von Freiwilligen geleistet. Momentan läuft die Renovierung der drei Häuser auf Hochtouren. Dabei kommen natürlich professionelle Handwerksbetriebe zum Zug, die sich aber verpflichtet haben, dabei auch Geflüchtete im  Rahmen ihrer Möglichkeiten einzusetzen. Gleichzeitig werden bereits diverse Veranstaltungen und Aktionen organisiert. In einem provisorisch hergerichteten Teil des Gebäudes findet schon jetzt ein vielfältiges Begegnungs-, Schulungs- und Kulturprogramm statt. Synergieeffekte gibt es mit der benachbarten Glockenbach-Werkstatt (Bürgerhaus), das Kurse anbietet und über Gastronomie und Biergarten verfügt. Nach der Fertigstellung soll das Bellevue di Monaco etwa 40 Menschen Unterkunft bieten sowie mit seinen Beratungsangeboten, seinen Veranstaltungsräumen und einem großen Kulturprogramm eine zentrale Anlaufstelle zum Thema Flucht und Migration sein.

Als „Tür zur Stadt“ wird das offene Info-Café (Bild oben rechts) an der Ecke Müller-/Corneliusstraße fungieren. Der Cafébetrieb (ohne Konsumzwang!) wird gemeinsam mit Flüchtlingen organisiert und umgesetzt. Es wird niedrigschwellige Informations- und Beratungsangebote für Geflüchtete geben, aber auch für alteingesessene Münchner, die Hilfe anbieten oder Kontakt suchen. Im Wohnhaus Müllerstraße 6 werden in zehn Wohnungen junge geflüchtete Menschen nach der Betreuung durch die Jugendhilfe in ein selbständiges Leben begleitet. Die Wohndauer für den einzelnen Jugendlichen soll ca. 2 Jahre betragen. Das Wohnhaus Müllerstraße 4 bietet in sechs Wohnungen Raum für Geflüchtete mit besonderem Bedarf, insbesondere für Familien. Intensivere Beratungsangebote, sowie Schulungen und Kulturveranstaltungen gibt es im Hinterhaus in den Kulturräumen der Müllerstraße 2. Die Kosten werden durch einen Zuschuss der Stadt München in Höhe von 1,2 Mio. Euro plus der gleichen Summe von diversen Stiftungen finanziert.

Wesentliches Anliegen der Bellevue-Sozialgenossenschaft ist es laut Weinzierl, die Flüchtlingsproblematik ins Zentrum zu stellen: ins Zentrum der Stadt und ins Zentrum des Interesses. Deshalb engagiert sich das Projekt neben der Renovierung auch mit Informationsveranstaltungen über Fluchtursachen, der Organisation von Hilfslieferungen und anderen politischen Aktivitäten.

Details: http://bellevuedimonaco.de/

Verena Salz führte uns durch die 2010 gegründete Textilfabrik „manomama“. Deren Personalkonzept beruht vor allem darauf, Personen, die als „unvermittelbar“ gelten, einen Arbeitsplatz zu bieten: Menschen mit Behinderung, Langzeitarbeitslose, Migrant*innen etc.  Alle, die in der Produktion arbeiten, erhalten einen Grundlohn von 10 Euro pro Stunde. Die Arbeitsverträge sind unbefristet, die Arbeitszeit (zwischen 6 und 22 Uhr) ist flexibel einteilbar. Manomama hat derzeit rund 150 Beschäftigte, fast ausschließlich in der Produktion. Der Vertrieb läuft hauptsächlich über das Internet (Web-Shop), daneben gibt es den Fabrikverkauf  und einen manomama-Laden in Augsburg. Außerdem gibt es Mitarbeiterinnen, die die Produkte mobil in ihrer Region verkaufen.

Die Produktion orientiert sich an den Kriterien: öko, regional und fair. Alle Rohstoffe, sofern verfügbar, kommen aus der Region. Dazu zählen Hanf, Leder, Schurwolle (von einem Augsburger Schäfer) und Viskose. Nur die Biobaumwolle kommt aus Tansania. Auch die Weiterverarbeitungsschritte wie Spinnen, Weben, Stricken und Ausrüsten sowie alle Zutaten (Reißverschlüsse, Knöpfe, Nähfäden etc.) werden im Umkreis von 300 Kilometer von Augsburg realisiert, in Ausnahmefällen auch in anderen bundesdeutschen Regionen (NRW oder Brandenburg). Außerdem orientiert sich die Produktion (rechts ein Bild der Produktionshalle) an strengen ökologischen Maßgaben. Auch auf Chemikalien, die selbst bei Biotextilsiegeln erlaubt sind, verzichtet manomama. Die bei der Produktion anfallenden Stoffreste werden recycelt und zu neuen Stoffen verarbeitet.

Ein wesentliches ökonomisches Standbein des Betriebs ist – neben der eigentlichen Kleidungsproduktion – die Herstellung von Stofftaschen.  Auch hier wird darauf geachtet, dass nur „korrekte“ Auftraggeber beliefert werden.

Details: https://www.manomama.de/

 

Das Grandhotel Cosmopolis ist ein "gesellschaftliches Gesamtkunstwerk" (im Sinne einer "sozialen Plastik" nach Joseph Beuys) im Augsburger Domviertel und will Akzente setzen für ein friedliches Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft. Die dringliche Aufgabe der Unterbringung von Asylbewerbern wird hier verknüpft mit kultureller Vielfalt und vor allem mit einem Angebot zur Teilhabe für alle.

Die Diakonie ist Hauseigentümerin und kümmert sich um die Flüchtlingsberatung. Sie hat die Kosten des Umbaus vorfinanziert. Die unterschiedlichen Teilbereiche des Gebäudes werden von zwei verschiedenen Parteien gemietet. Die Regierung von Schwaben ist Mieter der Hotelbereiche mit Asyl.
Der 2013 gegründete gemeinnützige Verein Grandhotel Cosmopolis e.V., der die Idee entwickelt hat, ist Mieter des Hotels ohne Asyl, der Gaststätte, der Ateliers und der Café-Bar. Das Haus diente früher als Altenheim und stand seit 2007 leer.

 

Verschiedene Menschen kommen hier unter: Gäste auf unbestimmte und unterschiedliche Zeit – es ist eine temporäre Heimat, die keine Unterschiede zwischen ihren Bewohnern macht: Hotelgäste mit und ohne Asyl, Künstler, Besucher, Personal, Handwerker. Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Motivationen und Berufen in verschiedensten Lebensumständen treffen zusammen und lassen sich vom Projekt und den Möglichkeiten inspirieren. Für Flüchtlinge – „Hotelgäste mit Asyl“ – sind auf drei Etagen jeweils neun Doppelzimmer und ein Gemeinschaftsraum bereitgestellt. Es wohnen hier überwiegend Familien, aber auch einzelne Frauen, Männer und Heranwachsende. Sie alle sind eingeladen, sich in das Projekt einzubringen, und viele tun dies auch. Die Zimmer im Bereich für Geflüchtete sind genauso groß wie die Hotelzimmer. Die Menschen, die darin – vorübergehend – leben, können ihre Bleibe selbst gestalten. Mit der Folge, dass Vandalismus im Cosmopolis ein echtes Fremdwort geblieben ist. Es gibt hier auch keinen „Sicherheitsdienst“.

Die Hotelgäste – „Hotelgäste ohne Asyl“ – sind am ehesten mit den Nutzergruppen eines großstädtischen Hostels zu vergleichen. Neben den 12 individuell von Künstlern gestalteten Doppelzimmern (ein Beispiel im Bild oben rechts) mit Waschgelegenheit gibt es im Erdgeschoss noch weitere Vier-Bett-Zimmer. Das Angebot richtet sich an internationale (Kultur-)Reisende, Künstler, Neuaugsburger. Die bei der Umgestaltung genutzten Möbel und Materialien stammen aus Spenden und Häuserräumungen. Nachhaltigkeit und Upcycling sind fester Bestandteil der Konzeption. Viele Menschen bringen ihre Erfahrung ein. Das Motto ist – so Peter Fliege (Bild oben links) -: „Nichts ist unmöglich!“

Bei der Renovierung und jetzt im Betrieb engagier(t)en sich sehr viele Freiwillige, die das Projekt so, wie es jetzt funktioniert, erst möglich machen. Dennoch sind natürlich auch feste Angestellte notwendig, um die Kontinuität des Betriebs zu gewährleisten. Gegenwärtig sind das 12 Angestellte, fünf Praktikant*innen, ein Auszubildender. Außerdem werden Sozialstunden im Cosmopolis abgeleistet. Aus Spenden wird die Rechtsberatung für Geflüchtete finanziert sowie Mikrokredite für Geflüchtete, die in ihre Heimatländer zurückkehren möchten.

 

Unsere Gruppe lässt sich das Essen im Grandhotel schmecken - kein Wunder angesichts des gut gelaunten Küchen-Teams.

Das Grandhotel versteht sich aber nicht als „Geflüchteten-Projekt“, sondern als ein gesellschaftlich relevantes Projekt, weil es sich mit Thematiken befasst, die für alle relevant sind.

Details: http://grandhotel-cosmopolis.org/de/

Angesichts der Vielfalt der Projekte, die wir auf unserer Reise besucht haben, fällt es schwer, ein allgemeines Fazit zu ziehen. Drei Punkte lassen sich dennoch festhalten:

1. Wir haben eine Vielzahl von Menschen kennen gelernt, die mit immensem Engagement daran arbeiten, in je verschiedener Weise dazu beizutragen, eine nachhaltige, eine lebenswerte Zukunft, eben ein gutes Leben zu ermöglichen. Das war sehr ermutigend, sehr motivierend - auch und gerade für eigene Projekte in dieser Richtung.

2. Interessant: viele der Projekte haben die Gesellschaftsform der Genossenschaft gewählt, um ihre Projekte umzusetzen. Die Genossenschaften erleben nicht von ungefähr seit etlichen Jahren einen enormen Aufschwung, weil sie es erlauben, wirtschaftliches Handeln mit Selbstorganisation und demokratischer Kontrolle zu verbinden.

3. Natürlich haben all diese Projekte, vor allem wenn sie sich in die Marktkonkurrenz mit profitorientierten Unternehmen begeben (müssen), ihre Grenzen - das war vor allem beim "Tagwerk" und bei manomama zu erkennen. Dies sollte jedoch nicht den einzelnen Projekten als Defizit angekreidet werden, sondern eher dazu führen, über die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen solcher Unternehmungen kritisch nachzudenken.

Einige weiterführende Links und Literaturhinweise

Themenportal "Gutes Leben für alle!"

Kongresse (mit ausführlichen Dokumentationen!) "Gutes Leben für alle" in Wien

Harald Welzer / Stephan Rammler (Hrsg.): Der FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Frankfurt am Main 2012

Harald Welzer / Dana Giesecke / Luise Tremel (Hrsg.): FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2015/16. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Frankfurt 2014

Bernd Sommer / Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München 2017

ReferentInnen

Dieter Gewies
1. Bürgermeister a.D., Furth bei Landshut
E-Mail: dieter.gewies@gmx.de

Andreas Horsche
1. Bürgermeister, Gemeinde Furth
Am Rathaus 6, 84095 Furth 
Tel: 08704/9119-27
E-Mail: andreas.horsche@vg-furth.de

Dr. Michael Rittershofer
Algasing 1, 84405 Dorfen
Tel.: 08081/9379-50
E-Mail: michael.rittershofer@tagwerk.net

Christophe Levannier
1. Vorstand, Chiemgauer e.V.
Gapstr. 6, 83278 Traunstein
Tel.: 0861/20995380
E-Mail: levannier@chiemgauer.info 

Sabine Fuchs
Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG
Hockerfeld 5-8, 83451 Piding
Tel.: 08651/7004-0
E-Mail: info@molkerei-bgl.de

Hans Maltan
Nationalparkzentrum "Haus der Berge"
Hanielstraße 7, 83471 Berchtesgaden
Tel.:  08652/979060-0
E-Mail: hausderberge@npv-bgd.bayern.de 

Fritz Rasp
Tourist-Information Ramsau
Im Tal 2, Haus des Gastes, 83486 Ramsau
Tel.: 08657/98 89 20
E-Mail: info@ramsau.de

Jens Badura
Im Tal 78, 83486 Ramsau
08657/1394008
E-Maijens.badura@bergkulturbuero.org

Michael Pelzer
Schwimmbadstr. 19, 83620 Feldkirchen-Westerham
Mobil: 0172-8555766
E-Mail: michael.pelzer@hotmail.com

Heidrun Eberle
Ackermannbogen e.V. 
gemeinnütziger Verein für Nachbarschaft, Umwelt, Kultur
Rosa-Aschenbrenner-Bogen 9, 80797 München
Tel.: 089/30749634
E-Mail: nachbarschaftsboerse@ackermannbogen-ev.de

Rut-Maria Gollan / Barbara Uhl
Wohnbaugenossenschaft wagnis eG
Petra-Kelly-Str. 29, 80797 München
Tel.: 089/18911650
E-Mail: wagnis@wagnis.org und rut.gollan@wagnis.org

Matthias Weinzierl
Bellevue di Monaco eG - Gemeinnützige Sozialgenossenschaft
Müllerstr. 2, 80469 München
Tel.: 089/5505775-0
E-Mail: info@bellevuedimonaco.de und m.weinzierl@bellevuedimonaco.de

Verena Salz
manomama GmbH
Willy-Brandt-Platz 1a, 86153 Augsburg
Tel.: 0821/567428-0
E-Mail: service@manomama.de

Peter Fliege
Grandhotel Cosmopolis e.V.
Springergässchen, 86152 Augsburg
Tel.: 0821/45082411
E-Mail: willkommen@grandhotel-cosmopolis.org 

Veranstaltungsort
Start: Landshut | Ende: Augsburg


Partner

GRIBS-Bildungswerk


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

01.06.2017

„Wir sind noch nicht am Ende“

Veranstaltungsreihe: Eine Welt ohne Visionen geht zu Grunde

Ausgangspunkt der Veranstaltung war die These, dass es zwei Kulturen gebe, die miteinander in Konflikt geraten: die "alte" Kultur, die ausbeute aus und Kriege um Ressourcen führe, die "neue" Kultur, die auf Verbundenheit, Vielfalt, Potenzial-Entfaltung, inneren wie äußeren Frieden baue. Im Rahmen des Vortrag sollten dabei aktuelle Politik ebenso beleuchtet werden wie auch grundsätzliche Fragen und “tektonische“ Linien in der Gesellschaft werde.

Vor dem Hintergrund von NATO- und G7-Gipfeln zeigten - so der Referent - sich die deutlichen Gräben in der Bewertung der Werte. Dies eröffne eine "Diskussion um die europäischen Werte". In dem vom US-Präsidenten Trump verkündeten Ausstieg aus dem 2015 in Paris von 195 Staaten unterzeichneten Klimaschutzabkommen  sah G. v. Lüpke ein Anzeichen dafür, dass wir uns weltweit in einer Schwellen- oder Übergangsphase befinden, wie es auch schon die amerikanische Tiefen-Ökologin Joanna Macy beschrieben habe.  Diesen Wandel zur kulturellen Wende machte der Referent am Beispiel des Indian Reservation protest camps in Dakota deutlich. Ein anfänglich kleiner Widerstand gegen eine Pipeline sei Ausgangspunkt für eine weltweite Solidarisierung zum Wasserschutz geworden und habe letztlich zu einer Routenänderung der Pipeline geführt.

Geseko von Lüpke ist überzeugt, dass sich die Frage nach Krieg oder Frieden an den Konflikten in der Gesellschaft entscheide. Ein nachhaltiger Frieden brauche eine kulturelle Vielfalt, die Sicherung der Grundbedürfnisse und eine solide Umwelt. In diese Richtung habe sich in den letzten 60 Jahren schon die größte soziale Bewegung in der Geschichte der Menschheit vollzogen. Millionen von Menschen versuchten dies schon individuell zu erreichen und sich für Frieden, Frauenrechte, Umweltbelange und den Eine-Welt-Gedanken zu engagieren.

An verschiedenen Beispielen der letzten Jahrhunderte zeigte der Referent, dass von einer vermeintlichen Alternativlosigkeit" nicht gesprochen werden könne. Die getroffenen Entscheidungen allerdings führten in allen Fällen zur Abwertung der Natur. Die Folgen waren Patriarchat, Imperialismus, Rassismus und Sexismus. Diese fundamentale Wahrnehmungsstörung der westlichen Kultur führe dazu, dass wir uns nicht als Teil der Natur verstehen, sondern als abgetrennte Wesen, die sie ausbeuten und manipulieren können. So erkläre sich auch die Sichtweise eines Donald Trump. Er gelte als Inkarnation des alten Weltbildes, der aus Angst sich schwach zu zeigen, Mauern errichten müsse. Diese Haltung Trumps könne aber auch einen Chance sein und zu zivilem Ungehorsam führen. So habe sich allein in den letzten drei Monaten in den USA die Zahl der sozialen Initiativen verdreifacht, so wie M. Gandhi es forderte: „Du musst der Wandel sein, den du in der Welt sehen willst.“

An der Metapher der „Imagozelle“ machte G. Von Lüpke anschaulich, wie vereinzelte, verwundbare Zellen zu immer umfangreicher werdenden vernetzten Gebilden wachsen,  und letztlich eine komplette Verwandlung herbeiführen können. Was wir heute begreifen, schaffe die Möglichkeit, dass unsere Urenkel den Verwandlungsprozess beenden. Wir dürften nicht den Kopf verlieren in der Zeit der Unsicherheit, sondern sollten den Weg mit Einsicht, Empathie und Liebe begleiten.

In der anschließenden Diskussion wurde vor Schwarz-Weiß-Denken gewarnt und zur Überprüfung der eigenen Standpunkte aufgefordert. Europas neue Chance, z.B. beim Klimaschutz eigene Wege zu gehen, kam ebenso zur Sprache wie ein positives Resümee des Abends mit dem Vorsatz, die Grundgedanken an die eigenen Enkel weiterzugeben.

ReferentInnen

Geseko von Lüpke
Dr. rer. pol., geb. 1958, studierte Politologie und Ethnologie, arbeitet als Journalist für Rundfunk und Printmedien und ist Autor zahlreicher Buchpublikationen. Im bayerischen Rundfunk und anderen öffentlich-rechtlichen Funkhäusern machte er sich einen Namen durch Features über alternative Lebensformen, interkulturellen Dialog, ganzheitliche Wissenschaft und Spiritualität.

Veranstaltungsort
Lindau


Partner

pax christi Augsburg


Art der Veranstaltung
Vortrag mit Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

10.05.2017

„Mein Isl@m“

Vom radikalen Islamismus in die Freiheit

Der im Sudan geborene Amir Ahmad Nasr wuchs in Katar und Malaysia auf, kam früh mit dem radikalen Islamismus in Kontakt und konnte sich erst in einem langen Prozess der inneren Transformation daraus lösen. Seine Rettung waren das Internet, die neuen Medien und ein Netzwerk junger Aktivisten, die ihre eigene Tradition hinterfragten und schließlich zur Kraft hinter dem Arabischen Frühling wurden. Einige Jahre lang war er der Mann hinter dem ehemals anonymen Blog „The Sudanese Thinker“ und hielt dann seine Geschichte fest in dem nun vorliegenden Buch. Da er damit öffentlich und sein Name bekannt war, musste er Malaysia verlassen und ging nach Kanada. Dort lebt es heute mit seiner Frau, schreibt an einem Theaterstück und engagiert sich für Friedensprozesse und Menschenrechte weltweit.

Nasr reflektierte kurzweilig, geistreich und sachkundig über seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Islam, die ihn über die radikale Ablehnung jedes religiösen Dogmatismus zu einem differenzierten Blick auf Religion und Spiritualität in unserer säkularen Welt führten. Seine Geschichte eröffnet den Blick auf eine ganze Generation junger Muslime, die sich mithilfe moderner Technologie an engen fundamentalistischen Strukturen vorbei ihren ganz eigenen Weg suchen.

Im hier verlinkten Facebook-Video spricht er darüber, wie die sozialen Medien ihm und vielen anderen jungen Muslimen 2006 eine öffentliche Stimme gegeben haben. Auch über die immer noch anhaltende revolutionäre Wirkung, die z. B. YouTube in Saudi-Arabien hat. Über die jungen Frauen in der arabischen Welt, die online die kulturelle Emanzipation wagen. Amir hofft, dass sie eines Tages in die politische Emanzipation umschlägt.

Empfohlene Weblinks

www.amirahmadnasr.com/blog/

ReferentInnen

Amir Amad Nasr
Blogger und Autor von Mein Isl@m 2016

Einführung und Übersetzung: Mike Kauschke

Veranstaltungsort
München


Partner

Evangelische Stadtakademie München


Art der Veranstaltung
Vortrag mit anschließender Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

10.03.2017 - 18:00

Ende der Privatheit

Brauchen wir eine neue Reformation?

Die Reformation von 1517 ist undenkbar ohne die Medienrevolution des Buchdrucks. Sie hat Gesellschaft und Kultur fundamental verändert und das Individuum aus den Dogmen der Kirche befreit.
Heute ist es die Digitalisierung, die auf Gesellschaft und Kultur einwirkt, auf Sprache und Bilder, auf unsere Haltung zur Welt. Wird sie das Ende der Privatheit bringen, hat das Individuum ausgedient?

Die VS-Vorsitzende Eva Leipprand wies in ihrer Einführung zur Diskussionsrunde darauf hin, wie sehr sich die Zeiten ähnelten: „Wir leben in einer Umbruchszeit“, einer wie im 16. Jahrhundert. Schreibende, so Leipprand, stünden heute vor einer „besonders drängenden Frage“: Denn sie schafften „Bilder und Symbole“ für die gesellschaftliche Auseinandersetzung. „Was bedeutet die Digitalisierung für sie? Schrankenlose Möglichkeiten bei der Verbreitung ihrer Werke? Angst vor Überwachung und Anpassung?“

In ihrem Impulsreferat sprach Susanna Wolf von der Universität Erlangen über »(Digitale) Grundrechte stiften und erhalten: Vom Wertcharakter der Privatheit in liberalen Demokratien«. Sie strich die Angst vor Überwachung heraus – ein Risiko für die Pluralität. Es würde ein Konformitätsdruck erzeugt, also eine Verhaltensänderung. Zu fragen sei, was die Privatheit, ein Ideal der Französischen Revolution, heute wert ist und damit verbunden Würde, freie Entfaltung und das Recht auf Rückzug in die individuelle Privatsphäre. Susanna Wolf umriss die Ziele der »Charta der digitalen Grundrechte der EU«, an der Netzwerkaktivisten, Schriftsteller, Journalisten, Bürgerrechtler, Politiker und Wissenschaftler bis zum Dezember 2016 gearbeitet hätten – kein verfassungsgebender Text, sondern ein Diskussionspapier zu den Grundrechten in den europäischen Gesellschaften.

Die Probleme der Digitalisierung haben ethischen Charakter – das war die Kernaussage der Diskussionsbeiträge, vor allem des von Ulrike Schäfer, der Würzburger Schriftstellerin. Sie formulierte ihr Unwohlsein mit einem Eingeständnis und einer Fragestellung: „Den Zwiespalt zwischen Bürgerin und Nutzerin kenne ich gut, er verläuft mitten durch mich hindurch. Ich schlingere und arbeite mit Verdrängung. Nur dass die Verdrängung brüchig ist. Und dass die Frage vielfältig wiederkehrt. Nicht nur: Was machen andere mit meinen Daten? Sondern auch: Was mache ich mit den Daten anderer?“ Ausgehend von Erfahrungen mit der Digitalisierungsaktion im Jahr 2013 und der Charta von 2016 plädierte sie für einen breiten und umfassenden Widerstand „gegen staatliche und wirtschaftliche Ausspähung“, unter Vermeidung von Polemik und Häme untereinander. Und parallel dazu ein Streit um Lösungen der Frage: „Wie wollen wir die digitale Zukunft gestalten?“

Der Schriftsteller Andreas Heidtmann, der in Leipzig lebt und dort die Plattform „Poetenladen“ gründete, die heute als ein literarischer Buchverlag funktioniert, ist weitaus optimistischer. Er vertraut seinen Erfahrungen, auch den Büchern in „ansprechender Aufmachung“: Schriftstellerinnen und Schriftsteller „ohne Buch droht es früher oder später, im digitalen Nirwana zu verschwinden“. Die neuen Medien böten Dialogmöglichkeiten. Eine Demokratie sei im Gange. „Die Idee des Künstlerindividuums verblasst, und die Differenz zwischen Schreibenden und Lesenden verringert sich.“ Wie eine Ergänzung wirkten Susanna Wolfs Ausführungen: Der Prozess sei nur mit Bildung und Transparenz zu steuern; Datenschutz müsse ein Schulfach werden. Eindringlich empfahl sie den Schriftstellern, die »Charta der digitalen Grundrechte der EU« zu unterstützen.

In der sich anschließenden sehr lebendigen Diskussion wurden verschiedene Aspekte der vorher genannten Inputs aufgenommen und hinterfragt. Eines der Hauptthemen war der Frage gewidmet, wie wir unsere individuelle Privatheit retten können. Ebenfalls wurde in der anschließenden Diskussion zum Ausdruck gebracht, welche Rolle die Banken und IT-Konzerne spielen.

ReferentInnen


Impulsreferat
Susanna Wolf, M.A.
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg

Diskussion
Ulrike Schäfer
Schriftstellerin
Dr. Werner Meixner
TU München, Institut für Informatik
Andreas Heidtmann
Schriftsteller

Moderation
Eva Leipprand
Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS)

Klavier
Udo Agnesens

Veranstaltungsort
Aschaffenburg


Partner

Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS)


Art der Veranstaltung
Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

02.02.2017 - 19:00

Hass, Menschenfeindlichkeit und Gewalt in Deutschland

Gesellschaftliche Ursachen und politische Gegenstrategien

 

Auf dem Podium: Werner Fröhlich, Dr. Florian Herrmann (MdL), Franziska Holzschuh (Moderation), Katharina Schule (MdL), Prof. Dr. Elmar Brähler

Deutschland heute: Die Zahl von Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund steigt, Ausländerfeindlichkeit und Hass-Parolen werden salonfähig, Rechtspopulisten erzielen ungeahnte Wahlerfolge. Wo liegen die gesellschaftlichen Ursachen für diese besorgniserregenden Entwicklungen? Wie kann und soll man damit umgehen? Welche politischen Handlungsmöglichkeiten und Strategien gibt es?

Wer die Langzeit-Studien kennt, die sich seit Jahren mit diesen Phänomenen beschäftigen, wird weniger überrascht sein. Die „Mitte-Studien“ und die Untersuchungen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ haben immer wieder gezeigt, dass es ein erhebliches Potenzial für die genannten Haltungen und Einstellungen gibt.

Wir stellten die aktuellen Studien vor und diskutierten mit bayerischen Politiker*innen über die politischen Konsequenzen.

Prof. Dr. Elmar Brähler (seit Jahren der Kopf hinter den Mitte-Studien) stellte die wesentlichen Ergebnisse der aktuellen Untersuchung („Die enthemmte Mitte“) vor. Rechtsextreme Einstellungen und Ausländerfeindlichkeit haben – das zeigt vor allem Vergleich mit den Mitte-Studien der vergangenen Jahre – demnach nicht signifikant zugenommen, sondern bewegen sich auf einem seit längerem besorgniserregend hohem Niveau.  Was in der Tat zugenommen habe, ist die Lautstärke, mit der solche Positionen geäußert werden, und die Bereitschaft, diese auch öffentlich deutlich zu artikulieren. Auch die aktuelle Studie bestätigt zum wiederholten Mal die Tatsache, dass – einigermaßen paradox - die Ausländerfeindlichkeit dort am höchsten ist, wo es am wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund gibt.

Ergebnispräsentation (PDF-Datei)

Werner Fröhlich vom soziologischen Institut der LMU betonte, dass die ebenfalls 2016 durchgeführte Untersuchung zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland keine wesentlichen Unterschiede zur deutschlandweiten Mitte-Studie aufweise. Nur in einem Punkt gebe es eine signifikante Differenz: Obwohl in Bayern relativ viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, gibt es einen ziemlich hohen Prozentsatz  an Muslimfeindlichkeit (20%).  Dennoch könne keine Rede davon sein, dass es in Bayern ein umfassendes menschenfeindliches Weltbild gebe.

Was sehr stark zu Abwertungstendenzen gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen fördere, sei eine starke Identifikation mit Deutschland, ein nationalistisches bis chauvinistisches Weltbild also. Faktoren, die solche Abwertungstendenzen abschwächen oder verhindern, sind das weibliche Geschlecht (Frauen haben eine signifikant niedrigere Tendenz zur GMF als Männer!) und ein hoher Bildungsgrad.

Ergebnispräsentation (PDF-Datei)

Katharina Schulze, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag, wies darauf hin, dass die hohe Zahl fremdenfeindlicher und rassistischer Straftaten (auch in Bayern) zeige, dass rechtsextreme Einstellungen irgendwann in tatsächliche Handlungen umschlagen. Dies erfordere eine Reaktion in zweierlei Hinsicht: sicherheitspolitisch durch Verfassungsschutz und Polizei, demokratiepolitisch durch Aufklärung und Bildung. Insbesondere hinsichtlich des zweiten Punkts sah sie in Bayern noch erhebliche Defizite. „Demokratie ist etwas Großartiges, das muss erlebbar werden“, forderte sie. Für entsprechende Förderprogramme müsse deshalb endlich auch Geld in die Hand genommen werden.

Auch Dr. Florian Herrmann, CSU-MdL und Vorsitzender des Innenausschusses des Landtags, betonte die Wichtigkeit einer „wehrhaften“ Demokratie als Reaktion auf manifeste Straftaten. Das GMF-Konzept bezeichnete er hingegen als „Arbeitshypothese“, die als Grundlage für die Arbeit von Verfassungsschutz und Polizei nur bedingt geeignet sei. Zudem sei das Handlungsfeld Prävention in ständiger Veränderung.

Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer über die Wichtigkeit von Präventionsstrategien. Nur so könne verhindert werden, dass rechtsextreme Einstellungen in entsprechende Handlungsweisen umschlagen. Fröhlich betonte, wie wichtig es sei, die Menschen, die einer GMF-Einstellung zuneigen, wieder in den politischen Diskurs einbeziehen.

Das – sehr zahlreiche - Publikum bereicherte die Diskussion durch kompetente und allesamt erfreulich sachliche Diskussionsbeiträge und Fragen. Mehrfach wurde betont, dass die Zunahme von GMF und rechtsextremen Einstellungen nur dann wirksam bekämpft werden könne, wenn endlich die zunehmende soziale Spaltung in Deutschland als politisches Handlungsfeld betrachtet werde. 

Weiterführende Literatur und Links:

Langzeituntersuchung der Uni Leipzig zu rechtsextremen und antidemokratischen Einstellungen in Deutschland

Ergebnisse der bayerischen GMF-Studie: Soziologisches Institut der LMU München

Projektseite zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an der Uni Bielefeld

Themenseite zum Rechtsextremismus der Landtagsfraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Volles Haus im Nürnberger Presseclub

ReferentInnen

Prof. Dr. Elmar Brähler
langjähriger Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig, Mitverfasser der Studie „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“

Werner Fröhlich
Diplom-Soziologe, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Soziologie, Mitverfasser der bayerischen GMF-Studie

Katharina Schulze
MdL, stv. Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus

Dr. Florian Herrmann
MdL, CSU, Vorsitzender des Ausschusses für Kommunale Fragen, Innere Sicherheit und Sport

Moderation:
Franziska Holzschuh
Redakteurin, Nürnberger Nachrichten

v.l.n.r.: Dr. Florian Herrmann, Franziska Holzschuh, Katharina Schulze

Veranstaltungsort
Nürnberg, Marmorsaal im Presseclub Nürnberg, Gewerbemuseumsplatz 2


Kosten
Eintritt frei!


Partner

Projektstelle gegen Rechtsextremismus im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad

Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Podiumsdiskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

01.02.2017

Jasmin Siri: Parteiensoziologie: Grundlagen, Herausforderungen,...

 

Die Diskussion um die Unzulänglichkeiten und Krisen von Parteien ist so alt wie  die Partei selbst. Wozu brauchen wir in der modernen Gesellschaft überhaupt noch Parteien? Welche Funktion nehmen sie in unserer Demokratie ein? Und was folgt daraus für die Menschen innerhalb dieser Organisation?

In ihrem Beitrag untersucht Jasmin Siri die Funktion der Parteien im politischen System, die Bedeutung ihrer Mitglieder sowie deren künftige Herausforderungen – vom erstarkenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus über den Wandel  der politischen Öffentlichkeit bis hin zur sozialen Ungleichheit als Problem für  deren Legitimation.

Jasmin Siri ist Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität  München und vertritt seit April 2016 die Professur für Politische  Soziologie an der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte  sind politische Soziologie, Gesellschaftstheorie, empirische  Parteienforschung und Organisationssoziologie. 

Ihr Beitrag ist als Policy Paper 19 im Rahmen des Projekts "Gut vertreten? Update für Demokratie" des Heinrich-Böll-Stifttungsverbundes erschienen und kann hier als PDF-Datei unentgeltlich heruntergeladen werden.


Kosten
Download unentgeltlich!


Art der Veranstaltung
Veröffentlichung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

23.11.2016

nie wieder! schon wieder? niemals weg.

Antisemitismus in Deutschland

Im Einführungsvortrag "Antisemitismus: „Wahn-Sinn“ im kollektiven Gedächtnis" von Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel wurde dargestellt, dass Antisemitismus nicht bloß ein Vorurteilssystem ist, sondern ein auf judeophoben Stereotypen basierendes Weltdeutungssystem, das in den abendländischen Denk- und Gefühlsstrukturen verankert ist. Über Sprachgebrauchsmuster werden judenfeindliche Stereotype ständig reproduziert und bleiben damit im kollektiven Bewusstsein. Auch die Erfahrung des Holocaust hat diese Tradition nicht gebrochen: In aktuellen antisemitischen Texten spiegelt sich das uralte Ressentiment gegenüber Juden wider. Anhand empirischer Daten wurde die kulturhistorische Dimension von Judenfeindschaft thematisiert sowie der moderne Antisemitismus in seinen derzeit dominanten Manifestationen des Anti-Zionismus und Anti-Israelismus erörtert. Erläutert wurde auch, wie vehement sich heute Antisemiten gegen den Vorwurf des Antisemitismus wehren und zugleich fakten- und realitätsresistent an ihrem konzeptuell geschlossenen „Wahn-Sinn“ festhalten.

Den Vortrag von Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel können Sie auf unserer Soundcloud-Seite nachhören und herunterladen.

Weiterführende Links zum Vortrag:
Aktueller Antisemitismus - Konzeptuelle und verbale Charakteristika
Antisemitismus erklärt: Interview mit Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel

 

Antisemitismus in der extrem Rechten Münchens
Robert Andreasch, a.i.d.a Archiv München

 

Zivilgesellschaftliche Erfassung antisemitischer Vorfälle in Berlin
Benjamin Steinitz, Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin

Die Präsentation von Benjamin Steinitz können Sie hier als PDF-Datei herunterladen (3 MB).

 

AG "Antisemitismus in Verschwörungstheorien und Kapitalismuskritik" 

In der AG wurden die Funktionen und Ursachen von Verschwörungstheorien vorgestellt und ihr Zusammenhang Antisemitismus und völkischer Kapitalismuskritik analysiert.

Kurzprotokoll der AG
Broschüre zum Umgang mit antisemitischen Verschwörungstheorien

 

AG "Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft"

Wenn gegenwärtig über Antisemitismus in Deutschland gesprochen wird, dann wird vor allem über so genannte „Extremist*innen“ sowie über – vor allem „muslimische“ - Migrant*innen“ gesprochen; und damit nur ein Teil des Antisemitismusproblems in Deutschland in den Blick genommen. Auf Basis eines Verständnisses der gesamten deutschen Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft, wurden im Rahmen der Arbeitsgruppe einige zentrale antisemitische Erscheinungsformen samt entsprechender Kontroversen und Erkenntnisse der Antisemitismusforschung vorgestellt. Es wurde deutlich, dass antisemitische Denk- und Deutungsmuster in unterschiedlichen Kontexten von Bedeutung sind und dass ganz unterschiedliche Motive und auch Träger*innen eine Rolle spielen. 

Präsentation von Mirko Niehoff, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, hier zum Herunterladen.
Kurzprotokoll der AG-Diskussion als PDF

 

AG "Klassischer Antisemitismus“

Zusammenfassung des Vortrags von Richard Volkmann, Europäische Janusz-Korczak-Akademie München, als PDF-Datei.
Kurzprotokoll der AG-Diskussion als PDF

 

Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute
Projektvorstellung

Isabel Enzenbach, die Kuratorin der ab 09. März 2017 im NS Dokumentationszentrum zu sehenden Ausstellung „Angezettelt“ gab einen Überblick über das Konzept und die inhaltlichen Schwerpunkte der Ausstellung, die Judenfeindlichkeit, Rassismus und andere aktuelle Feindbilder anhand von außergewöhnlichen Exponaten dokumentiert. Zu der Münchner Präsentation gehören zahlreiche aktuelle Sticker sowie Dokumente der Gegenwehr gegen Antisemitismus und Rassismus. Wann, wo, von wem und zu welchem Zweck und mit welcher Wirkung wurden die Aufkleber produziert und verwendet? Welche Reaktionen auf diese Verbreitung von Hass im Kleinformat sind überliefert? Welchen gestalterischen Prinzipien folgt die Ausstellung bei der Präsentation dieser nicht-musealen Exponate?

Seit dem Kaiserreich zeugen massenhaft verbreitete Klebezettel, Sammelbilder, Briefverschlussmarken und Sticker von menschenfeindlichen Ressentiments gegen Juden und andere Gruppen. Die vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, dem Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und dem NS-Dokumentationszentrum München konzipierte Ausstellung beschreibt die soziale Praxis, mit deren Hilfe antisemitische und rassistische Feindbilder geschürt wurden und werden. Aber auch die Gegenwehr der Betroffenen und der Zivilgesellschaft findet Ausdruck in diesem kleinformatigen sozialen Medium.

Fotodokumentation von Ausstellungsexponaten (2 MB)

ReferentInnen

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel
Kognitionswissenschaftlerin und Antisemitismusforscherin an der TU Berlin. Publikationen zum Thema u.a.: Aktueller Antisemitismusein Phänomen der Mitte (Hrsg. mit J. Reinharz/E. Friesel, 2010), Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, 2013 (mit J. Reinharz),  Gebildeter Antisemitismus (Hrsg., 2015); seit 2014 Leitung des DFG-Projekts „Verbal-Antisemitismus im World Wide Web“.

Jan Rathje
Politikwissenschaftler, er studierte in Potsdam und Greifswald mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Politische Theorie. Für die Amadeu-Antonio-Stiftung verfasste er 2014 die Broschüre „‚Wir sind wieder da‘. Die ‚Reichsbürger‘: Überzeugungen, Gefahren und Handlungsstrategien“. Seit 2015 arbeitet er im Projekt zur Auseinandersetzung mit „Verschwörungstheorien“.

Mirko Niehoff 
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Politikdidaktik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und politischer Bildner bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus e.V. Er promoviert zu sozialen Deutungsmustern unter Jugendlichen zum Nahostkonflikt. Autor von „Nahostkonflikt kontrovers – Perspektiven für die politische Bildung“.

Richard Volkmann
Studierte jüdische Geschichte der Neuzeit in München, Turin und Jerusalem. Er promoviert in München zum deutschen Judentum in der Revolution von 1848 und arbeitet bei der Europäischen Janusz Korczak Akademie als Vorstandsreferent. 

Benjamin Steinitz
Projektleiter, "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin" (RIAS), Berlin

Robert Andreasch
a.i.d.a Archiv, München

Isabel Enzenbach
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Marian Offmann
Stadtrat, München

Moderation: Dr. Martina Ortner

Veranstaltungsort
München


Partner

Landeshauptstadt München

Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (FIRM)

Netzwerk demokratische Bildung München


Art der Veranstaltung
Fachtag



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

08.10.2016 - 11:00 bis 18:00

Aktualität und Erneuerung: Ein Update der Parteien in Zeiten des...

 

Volles Haus beim Eröffnungsvortrag von Winfried Kretschmann

Unter dem Titel "Aktualität und Erneuerung: Ein Update der Parteien in Zeiten des Populismus" fand am 8. Oktober 2106 im Stuttgarter Literaturhaus ein Demokratiedialog statt. Auf Einladung der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg, der Petra Kelly Stiftung und des Heinrich-Böll-Stiftungsverbunds diskutierten über 150 Zuhörerinnen und Zuhörer über die Zukunft der politischen Parteien vor dem Hintergrund, dass europaweit – und in jüngster Vergangenheit massiv auch in Deutschland – rechtspopulistische Parteien wie die AfD erstarkt sind und damit auch die demokratischen Parteien vor neue Aufgaben stellen. Die ganztägige Veranstaltung in Stuttgart war Teil des bundesweiten Projekts „Gut vertreten? Update für Demokratie" des Heinrich-Böll-Stiftungsverbunds, das jetzt nach drei Jahren intensiver Diskussion in fünf bundesweiten Demokratiedialogen zu den Themenschwerpunkten "Beteiligung", "Parteien" und "Inklusion" eine Bilanz zog.

Einen ausführlichen Veranstaltungsbericht von Christoph Ruf können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Die Fotogalerie auf der Homepage unserer Kolleg*innen von der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg gibt einen schönen Einblick in den Ablauf der Veranstaltung.

Das Abschlusspodium u.a. mit Margarete Bause (2.v.r.)

Veranstaltungsort
Stuttgart


Partner

Heinrich-Böll-Stiftungsverbund

Heinrich-Böll-Stiftung, Baden-Württemberg


Art der Veranstaltung
Tagung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

02.10.2016 - 18:00

Rage against Abschiebelager

20 Jahre Rage Against Abschiebung

Das Rage Against Abschiebung ist das größte, regelmäßig stattfindende antirassistische Benefiz-Bandfestival im süddeutschen Raum. Der Bayerische Flüchtlingsrat organisiert es in München seit 1996. Seit 2004 mit und im Feierwerk München. Im Jahr 2016 hatte das Rage Against Abschiebung Festival die Themen:

  • europäische Abschiebemaschinerie
  • Festung Europa
  • Abschottungspolitik
  • Ausgrenzung von Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten sowie Illegalisierten
  • alltäglicher Rassismus

Auf Grund des schlechten Wetters fand das Rahmenprogramm, mit dem diese Themen den zahlreichen Besucher*innen vermittelt wurde, in diesem Jahr in der halle selbst statt. Neben einem Stand des Bayerischen Flüchtlingsrats wurde in einem Pavillon und daran anschließend die Ausstellung zum Thema Abschiebelager präsentiert. Das Ziel der Ausstellung: auf das inhumane System der sogenannten „Ankunfts-und Rückführungseinrichtungen“ (ARE) in Bayern aufmerksam machen, d.h. auf die Praxis, Menschen nach Herkunftsländer zu sortieren, in Lagern zu sammeln und isoliert von Informationen und ohne Unterstützung in Schnellverfahren zu bearbeiten und letztendlich ohne ein faires, individuelles Asylverfahren in sog. „sichere Herkunftsländer“ abzuschieben. Hierzu wurde im Pavillon das Innenleben in den AREs nachgestellt. Absperrband wurde um den Pavillon gespannt, um so das Leben hinter Zaun zu verdeutlichen. Ein Metallhochbett und Malervlies als Bettdecke standen symbolisch für die triste und karge Einrichtung. Aussagen der Bewohner*innen über die Lebensumstände waren aufgemalt auf Karton an den Wänden angebracht und diese mit Infotext und Fotos versehen. Neben dem Pavillon stand eine Tafel mit realgroßen Fotos der täglichen Mahlzeiten in der Kantine. Mehrere Infotafeln informierten über weitere Aspekte, wie Arbeitsverbote, Residenzpflicht und „sichere Herkunftsstaaten“. Auch der Infobus, ein Angebot, das in naher Zukunft Betroffenen Beratung direkt vor den „Abschiebelagern“ in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen bieten wird, wurde in Szene gesetzt: So konnten die Besucher*innen diesen vor dem Festivalgelände besichtigen und hatten gleichzeitig drinnen die Möglichkeit, mehr Informationen zu bekommen und ihr Interesse an Mitarbeit zu bekunden. 

Veranstaltungsort
München, Feierwerk, Hansastr. 39-41


Kosten
9,50 Euro


Partner


Art der Veranstaltung
Solidaridätsfestival



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.