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Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

10.03.2017 - 18:00

Ende der Privatheit

Brauchen wir eine neue Reformation?

Die Reformation von 1517 ist undenkbar ohne die Medienrevolution des Buchdrucks. Sie hat Gesellschaft und Kultur fundamental verändert und das Individuum aus den Dogmen der Kirche befreit.
Heute ist es die Digitalisierung, die auf Gesellschaft und Kultur einwirkt, auf Sprache und Bilder, auf unsere Haltung zur Welt. Wird sie das Ende der Privatheit bringen, hat das Individuum ausgedient?

Die VS-Vorsitzende Eva Leipprand wies in ihrer Einführung zur Diskussionsrunde darauf hin, wie sehr sich die Zeiten ähnelten: „Wir leben in einer Umbruchszeit“, einer wie im 16. Jahrhundert. Schreibende, so Leipprand, stünden heute vor einer „besonders drängenden Frage“: Denn sie schafften „Bilder und Symbole“ für die gesellschaftliche Auseinandersetzung. „Was bedeutet die Digitalisierung für sie? Schrankenlose Möglichkeiten bei der Verbreitung ihrer Werke? Angst vor Überwachung und Anpassung?“

In ihrem Impulsreferat sprach Susanna Wolf von der Universität Erlangen über »(Digitale) Grundrechte stiften und erhalten: Vom Wertcharakter der Privatheit in liberalen Demokratien«. Sie strich die Angst vor Überwachung heraus – ein Risiko für die Pluralität. Es würde ein Konformitätsdruck erzeugt, also eine Verhaltensänderung. Zu fragen sei, was die Privatheit, ein Ideal der Französischen Revolution, heute wert ist und damit verbunden Würde, freie Entfaltung und das Recht auf Rückzug in die individuelle Privatsphäre. Susanna Wolf umriss die Ziele der »Charta der digitalen Grundrechte der EU«, an der Netzwerkaktivisten, Schriftsteller, Journalisten, Bürgerrechtler, Politiker und Wissenschaftler bis zum Dezember 2016 gearbeitet hätten – kein verfassungsgebender Text, sondern ein Diskussionspapier zu den Grundrechten in den europäischen Gesellschaften.

Die Probleme der Digitalisierung haben ethischen Charakter – das war die Kernaussage der Diskussionsbeiträge, vor allem des von Ulrike Schäfer, der Würzburger Schriftstellerin. Sie formulierte ihr Unwohlsein mit einem Eingeständnis und einer Fragestellung: „Den Zwiespalt zwischen Bürgerin und Nutzerin kenne ich gut, er verläuft mitten durch mich hindurch. Ich schlingere und arbeite mit Verdrängung. Nur dass die Verdrängung brüchig ist. Und dass die Frage vielfältig wiederkehrt. Nicht nur: Was machen andere mit meinen Daten? Sondern auch: Was mache ich mit den Daten anderer?“ Ausgehend von Erfahrungen mit der Digitalisierungsaktion im Jahr 2013 und der Charta von 2016 plädierte sie für einen breiten und umfassenden Widerstand „gegen staatliche und wirtschaftliche Ausspähung“, unter Vermeidung von Polemik und Häme untereinander. Und parallel dazu ein Streit um Lösungen der Frage: „Wie wollen wir die digitale Zukunft gestalten?“

Der Schriftsteller Andreas Heidtmann, der in Leipzig lebt und dort die Plattform „Poetenladen“ gründete, die heute als ein literarischer Buchverlag funktioniert, ist weitaus optimistischer. Er vertraut seinen Erfahrungen, auch den Büchern in „ansprechender Aufmachung“: Schriftstellerinnen und Schriftsteller „ohne Buch droht es früher oder später, im digitalen Nirwana zu verschwinden“. Die neuen Medien böten Dialogmöglichkeiten. Eine Demokratie sei im Gange. „Die Idee des Künstlerindividuums verblasst, und die Differenz zwischen Schreibenden und Lesenden verringert sich.“ Wie eine Ergänzung wirkten Susanna Wolfs Ausführungen: Der Prozess sei nur mit Bildung und Transparenz zu steuern; Datenschutz müsse ein Schulfach werden. Eindringlich empfahl sie den Schriftstellern, die »Charta der digitalen Grundrechte der EU« zu unterstützen.

In der sich anschließenden sehr lebendigen Diskussion wurden verschiedene Aspekte der vorher genannten Inputs aufgenommen und hinterfragt. Eines der Hauptthemen war der Frage gewidmet, wie wir unsere individuelle Privatheit retten können. Ebenfalls wurde in der anschließenden Diskussion zum Ausdruck gebracht, welche Rolle die Banken und IT-Konzerne spielen.

ReferentInnen


Impulsreferat
Susanna Wolf, M.A.
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg

Diskussion
Ulrike Schäfer
Schriftstellerin
Dr. Werner Meixner
TU München, Institut für Informatik
Andreas Heidtmann
Schriftsteller

Moderation
Eva Leipprand
Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS)

Klavier
Udo Agnesens

Veranstaltungsort
Aschaffenburg


Partner

Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS)


Art der Veranstaltung
Diskussion



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02.02.2017 - 19:00

Hass, Menschenfeindlichkeit und Gewalt in Deutschland

Gesellschaftliche Ursachen und politische Gegenstrategien

 

Auf dem Podium: Werner Fröhlich, Dr. Florian Herrmann (MdL), Franziska Holzschuh (Moderation), Katharina Schule (MdL), Prof. Dr. Elmar Brähler

Deutschland heute: Die Zahl von Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund steigt, Ausländerfeindlichkeit und Hass-Parolen werden salonfähig, Rechtspopulisten erzielen ungeahnte Wahlerfolge. Wo liegen die gesellschaftlichen Ursachen für diese besorgniserregenden Entwicklungen? Wie kann und soll man damit umgehen? Welche politischen Handlungsmöglichkeiten und Strategien gibt es?

Wer die Langzeit-Studien kennt, die sich seit Jahren mit diesen Phänomenen beschäftigen, wird weniger überrascht sein. Die „Mitte-Studien“ und die Untersuchungen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ haben immer wieder gezeigt, dass es ein erhebliches Potenzial für die genannten Haltungen und Einstellungen gibt.

Wir stellten die aktuellen Studien vor und diskutierten mit bayerischen Politiker*innen über die politischen Konsequenzen.

Prof. Dr. Elmar Brähler (seit Jahren der Kopf hinter den Mitte-Studien) stellte die wesentlichen Ergebnisse der aktuellen Untersuchung („Die enthemmte Mitte“) vor. Rechtsextreme Einstellungen und Ausländerfeindlichkeit haben – das zeigt vor allem Vergleich mit den Mitte-Studien der vergangenen Jahre – demnach nicht signifikant zugenommen, sondern bewegen sich auf einem seit längerem besorgniserregend hohem Niveau.  Was in der Tat zugenommen habe, ist die Lautstärke, mit der solche Positionen geäußert werden, und die Bereitschaft, diese auch öffentlich deutlich zu artikulieren. Auch die aktuelle Studie bestätigt zum wiederholten Mal die Tatsache, dass – einigermaßen paradox - die Ausländerfeindlichkeit dort am höchsten ist, wo es am wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund gibt.

Ergebnispräsentation (PDF-Datei)

Werner Fröhlich vom soziologischen Institut der LMU betonte, dass die ebenfalls 2016 durchgeführte Untersuchung zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland keine wesentlichen Unterschiede zur deutschlandweiten Mitte-Studie aufweise. Nur in einem Punkt gebe es eine signifikante Differenz: Obwohl in Bayern relativ viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, gibt es einen ziemlich hohen Prozentsatz  an Muslimfeindlichkeit (20%).  Dennoch könne keine Rede davon sein, dass es in Bayern ein umfassendes menschenfeindliches Weltbild gebe.

Was sehr stark zu Abwertungstendenzen gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen fördere, sei eine starke Identifikation mit Deutschland, ein nationalistisches bis chauvinistisches Weltbild also. Faktoren, die solche Abwertungstendenzen abschwächen oder verhindern, sind das weibliche Geschlecht (Frauen haben eine signifikant niedrigere Tendenz zur GMF als Männer!) und ein hoher Bildungsgrad.

Ergebnispräsentation (PDF-Datei)

Katharina Schulze, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag, wies darauf hin, dass die hohe Zahl fremdenfeindlicher und rassistischer Straftaten (auch in Bayern) zeige, dass rechtsextreme Einstellungen irgendwann in tatsächliche Handlungen umschlagen. Dies erfordere eine Reaktion in zweierlei Hinsicht: sicherheitspolitisch durch Verfassungsschutz und Polizei, demokratiepolitisch durch Aufklärung und Bildung. Insbesondere hinsichtlich des zweiten Punkts sah sie in Bayern noch erhebliche Defizite. „Demokratie ist etwas Großartiges, das muss erlebbar werden“, forderte sie. Für entsprechende Förderprogramme müsse deshalb endlich auch Geld in die Hand genommen werden.

Auch Dr. Florian Herrmann, CSU-MdL und Vorsitzender des Innenausschusses des Landtags, betonte die Wichtigkeit einer „wehrhaften“ Demokratie als Reaktion auf manifeste Straftaten. Das GMF-Konzept bezeichnete er hingegen als „Arbeitshypothese“, die als Grundlage für die Arbeit von Verfassungsschutz und Polizei nur bedingt geeignet sei. Zudem sei das Handlungsfeld Prävention in ständiger Veränderung.

Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer über die Wichtigkeit von Präventionsstrategien. Nur so könne verhindert werden, dass rechtsextreme Einstellungen in entsprechende Handlungsweisen umschlagen. Fröhlich betonte, wie wichtig es sei, die Menschen, die einer GMF-Einstellung zuneigen, wieder in den politischen Diskurs einbeziehen.

Das – sehr zahlreiche - Publikum bereicherte die Diskussion durch kompetente und allesamt erfreulich sachliche Diskussionsbeiträge und Fragen. Mehrfach wurde betont, dass die Zunahme von GMF und rechtsextremen Einstellungen nur dann wirksam bekämpft werden könne, wenn endlich die zunehmende soziale Spaltung in Deutschland als politisches Handlungsfeld betrachtet werde. 

Weiterführende Literatur und Links:

Langzeituntersuchung der Uni Leipzig zu rechtsextremen und antidemokratischen Einstellungen in Deutschland

Ergebnisse der bayerischen GMF-Studie: Soziologisches Institut der LMU München

Projektseite zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an der Uni Bielefeld

Themenseite zum Rechtsextremismus der Landtagsfraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Volles Haus im Nürnberger Presseclub

ReferentInnen

Prof. Dr. Elmar Brähler
langjähriger Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig, Mitverfasser der Studie „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“

Werner Fröhlich
Diplom-Soziologe, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Soziologie, Mitverfasser der bayerischen GMF-Studie

Katharina Schulze
MdL, stv. Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus

Dr. Florian Herrmann
MdL, CSU, Vorsitzender des Ausschusses für Kommunale Fragen, Innere Sicherheit und Sport

Moderation:
Franziska Holzschuh
Redakteurin, Nürnberger Nachrichten

v.l.n.r.: Dr. Florian Herrmann, Franziska Holzschuh, Katharina Schulze

Veranstaltungsort
Nürnberg, Marmorsaal im Presseclub Nürnberg, Gewerbemuseumsplatz 2


Kosten
Eintritt frei!


Partner

Projektstelle gegen Rechtsextremismus im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad

Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Podiumsdiskussion



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01.02.2017

Jasmin Siri: Parteiensoziologie: Grundlagen, Herausforderungen,...

 

Die Diskussion um die Unzulänglichkeiten und Krisen von Parteien ist so alt wie  die Partei selbst. Wozu brauchen wir in der modernen Gesellschaft überhaupt noch Parteien? Welche Funktion nehmen sie in unserer Demokratie ein? Und was folgt daraus für die Menschen innerhalb dieser Organisation?

In ihrem Beitrag untersucht Jasmin Siri die Funktion der Parteien im politischen System, die Bedeutung ihrer Mitglieder sowie deren künftige Herausforderungen – vom erstarkenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus über den Wandel  der politischen Öffentlichkeit bis hin zur sozialen Ungleichheit als Problem für  deren Legitimation.

Jasmin Siri ist Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität  München und vertritt seit April 2016 die Professur für Politische  Soziologie an der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte  sind politische Soziologie, Gesellschaftstheorie, empirische  Parteienforschung und Organisationssoziologie. 

Ihr Beitrag ist als Policy Paper 19 im Rahmen des Projekts "Gut vertreten? Update für Demokratie" des Heinrich-Böll-Stifttungsverbundes erschienen und kann hier als PDF-Datei unentgeltlich heruntergeladen werden.


Kosten
Download unentgeltlich!


Art der Veranstaltung
Veröffentlichung



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23.11.2016

nie wieder! schon wieder? niemals weg.

Antisemitismus in Deutschland

Im Einführungsvortrag "Antisemitismus: „Wahn-Sinn“ im kollektiven Gedächtnis" von Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel wurde dargestellt, dass Antisemitismus nicht bloß ein Vorurteilssystem ist, sondern ein auf judeophoben Stereotypen basierendes Weltdeutungssystem, das in den abendländischen Denk- und Gefühlsstrukturen verankert ist. Über Sprachgebrauchsmuster werden judenfeindliche Stereotype ständig reproduziert und bleiben damit im kollektiven Bewusstsein. Auch die Erfahrung des Holocaust hat diese Tradition nicht gebrochen: In aktuellen antisemitischen Texten spiegelt sich das uralte Ressentiment gegenüber Juden wider. Anhand empirischer Daten wurde die kulturhistorische Dimension von Judenfeindschaft thematisiert sowie der moderne Antisemitismus in seinen derzeit dominanten Manifestationen des Anti-Zionismus und Anti-Israelismus erörtert. Erläutert wurde auch, wie vehement sich heute Antisemiten gegen den Vorwurf des Antisemitismus wehren und zugleich fakten- und realitätsresistent an ihrem konzeptuell geschlossenen „Wahn-Sinn“ festhalten.

Den Vortrag von Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel können Sie auf unserer Soundcloud-Seite nachhören und herunterladen.

Weiterführende Links zum Vortrag:
Aktueller Antisemitismus - Konzeptuelle und verbale Charakteristika
Antisemitismus erklärt: Interview mit Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel

 

Antisemitismus in der extrem Rechten Münchens
Robert Andreasch, a.i.d.a Archiv München

 

Zivilgesellschaftliche Erfassung antisemitischer Vorfälle in Berlin
Benjamin Steinitz, Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin

Die Präsentation von Benjamin Steinitz können Sie hier als PDF-Datei herunterladen (3 MB).

 

AG "Antisemitismus in Verschwörungstheorien und Kapitalismuskritik" 

In der AG wurden die Funktionen und Ursachen von Verschwörungstheorien vorgestellt und ihr Zusammenhang Antisemitismus und völkischer Kapitalismuskritik analysiert.

Kurzprotokoll der AG
Broschüre zum Umgang mit antisemitischen Verschwörungstheorien

 

AG "Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft"

Wenn gegenwärtig über Antisemitismus in Deutschland gesprochen wird, dann wird vor allem über so genannte „Extremist*innen“ sowie über – vor allem „muslimische“ - Migrant*innen“ gesprochen; und damit nur ein Teil des Antisemitismusproblems in Deutschland in den Blick genommen. Auf Basis eines Verständnisses der gesamten deutschen Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft, wurden im Rahmen der Arbeitsgruppe einige zentrale antisemitische Erscheinungsformen samt entsprechender Kontroversen und Erkenntnisse der Antisemitismusforschung vorgestellt. Es wurde deutlich, dass antisemitische Denk- und Deutungsmuster in unterschiedlichen Kontexten von Bedeutung sind und dass ganz unterschiedliche Motive und auch Träger*innen eine Rolle spielen. 

Präsentation von Mirko Niehoff, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, hier zum Herunterladen.
Kurzprotokoll der AG-Diskussion als PDF

 

AG "Klassischer Antisemitismus“

Zusammenfassung des Vortrags von Richard Volkmann, Europäische Janusz-Korczak-Akademie München, als PDF-Datei.
Kurzprotokoll der AG-Diskussion als PDF

 

Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute
Projektvorstellung

Isabel Enzenbach, die Kuratorin der ab 09. März 2017 im NS Dokumentationszentrum zu sehenden Ausstellung „Angezettelt“ gab einen Überblick über das Konzept und die inhaltlichen Schwerpunkte der Ausstellung, die Judenfeindlichkeit, Rassismus und andere aktuelle Feindbilder anhand von außergewöhnlichen Exponaten dokumentiert. Zu der Münchner Präsentation gehören zahlreiche aktuelle Sticker sowie Dokumente der Gegenwehr gegen Antisemitismus und Rassismus. Wann, wo, von wem und zu welchem Zweck und mit welcher Wirkung wurden die Aufkleber produziert und verwendet? Welche Reaktionen auf diese Verbreitung von Hass im Kleinformat sind überliefert? Welchen gestalterischen Prinzipien folgt die Ausstellung bei der Präsentation dieser nicht-musealen Exponate?

Seit dem Kaiserreich zeugen massenhaft verbreitete Klebezettel, Sammelbilder, Briefverschlussmarken und Sticker von menschenfeindlichen Ressentiments gegen Juden und andere Gruppen. Die vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, dem Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und dem NS-Dokumentationszentrum München konzipierte Ausstellung beschreibt die soziale Praxis, mit deren Hilfe antisemitische und rassistische Feindbilder geschürt wurden und werden. Aber auch die Gegenwehr der Betroffenen und der Zivilgesellschaft findet Ausdruck in diesem kleinformatigen sozialen Medium.

Fotodokumentation von Ausstellungsexponaten (2 MB)

ReferentInnen

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel
Kognitionswissenschaftlerin und Antisemitismusforscherin an der TU Berlin. Publikationen zum Thema u.a.: Aktueller Antisemitismusein Phänomen der Mitte (Hrsg. mit J. Reinharz/E. Friesel, 2010), Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, 2013 (mit J. Reinharz),  Gebildeter Antisemitismus (Hrsg., 2015); seit 2014 Leitung des DFG-Projekts „Verbal-Antisemitismus im World Wide Web“.

Jan Rathje
Politikwissenschaftler, er studierte in Potsdam und Greifswald mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Politische Theorie. Für die Amadeu-Antonio-Stiftung verfasste er 2014 die Broschüre „‚Wir sind wieder da‘. Die ‚Reichsbürger‘: Überzeugungen, Gefahren und Handlungsstrategien“. Seit 2015 arbeitet er im Projekt zur Auseinandersetzung mit „Verschwörungstheorien“.

Mirko Niehoff 
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Politikdidaktik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und politischer Bildner bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus e.V. Er promoviert zu sozialen Deutungsmustern unter Jugendlichen zum Nahostkonflikt. Autor von „Nahostkonflikt kontrovers – Perspektiven für die politische Bildung“.

Richard Volkmann
Studierte jüdische Geschichte der Neuzeit in München, Turin und Jerusalem. Er promoviert in München zum deutschen Judentum in der Revolution von 1848 und arbeitet bei der Europäischen Janusz Korczak Akademie als Vorstandsreferent. 

Benjamin Steinitz
Projektleiter, "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin" (RIAS), Berlin

Robert Andreasch
a.i.d.a Archiv, München

Isabel Enzenbach
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Marian Offmann
Stadtrat, München

Moderation: Dr. Martina Ortner

Veranstaltungsort
München


Partner

Landeshauptstadt München

Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (FIRM)

Netzwerk demokratische Bildung München


Art der Veranstaltung
Fachtag



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08.10.2016 - 11:00 bis 18:00

Aktualität und Erneuerung: Ein Update der Parteien in Zeiten des...

 

Volles Haus beim Eröffnungsvortrag von Winfried Kretschmann

Unter dem Titel "Aktualität und Erneuerung: Ein Update der Parteien in Zeiten des Populismus" fand am 8. Oktober 2106 im Stuttgarter Literaturhaus ein Demokratiedialog statt. Auf Einladung der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg, der Petra Kelly Stiftung und des Heinrich-Böll-Stiftungsverbunds diskutierten über 150 Zuhörerinnen und Zuhörer über die Zukunft der politischen Parteien vor dem Hintergrund, dass europaweit – und in jüngster Vergangenheit massiv auch in Deutschland – rechtspopulistische Parteien wie die AfD erstarkt sind und damit auch die demokratischen Parteien vor neue Aufgaben stellen. Die ganztägige Veranstaltung in Stuttgart war Teil des bundesweiten Projekts „Gut vertreten? Update für Demokratie" des Heinrich-Böll-Stiftungsverbunds, das jetzt nach drei Jahren intensiver Diskussion in fünf bundesweiten Demokratiedialogen zu den Themenschwerpunkten "Beteiligung", "Parteien" und "Inklusion" eine Bilanz zog.

Einen ausführlichen Veranstaltungsbericht von Christoph Ruf können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Die Fotogalerie auf der Homepage unserer Kolleg*innen von der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg gibt einen schönen Einblick in den Ablauf der Veranstaltung.

Das Abschlusspodium u.a. mit Margarete Bause (2.v.r.)

Veranstaltungsort
Stuttgart


Partner

Heinrich-Böll-Stiftungsverbund

Heinrich-Böll-Stiftung, Baden-Württemberg


Art der Veranstaltung
Tagung



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02.10.2016 - 18:00

Rage against Abschiebelager

20 Jahre Rage Against Abschiebung

Das Rage Against Abschiebung ist das größte, regelmäßig stattfindende antirassistische Benefiz-Bandfestival im süddeutschen Raum. Der Bayerische Flüchtlingsrat organisiert es in München seit 1996. Seit 2004 mit und im Feierwerk München. Im Jahr 2016 hatte das Rage Against Abschiebung Festival die Themen:

  • europäische Abschiebemaschinerie
  • Festung Europa
  • Abschottungspolitik
  • Ausgrenzung von Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten sowie Illegalisierten
  • alltäglicher Rassismus

Auf Grund des schlechten Wetters fand das Rahmenprogramm, mit dem diese Themen den zahlreichen Besucher*innen vermittelt wurde, in diesem Jahr in der halle selbst statt. Neben einem Stand des Bayerischen Flüchtlingsrats wurde in einem Pavillon und daran anschließend die Ausstellung zum Thema Abschiebelager präsentiert. Das Ziel der Ausstellung: auf das inhumane System der sogenannten „Ankunfts-und Rückführungseinrichtungen“ (ARE) in Bayern aufmerksam machen, d.h. auf die Praxis, Menschen nach Herkunftsländer zu sortieren, in Lagern zu sammeln und isoliert von Informationen und ohne Unterstützung in Schnellverfahren zu bearbeiten und letztendlich ohne ein faires, individuelles Asylverfahren in sog. „sichere Herkunftsländer“ abzuschieben. Hierzu wurde im Pavillon das Innenleben in den AREs nachgestellt. Absperrband wurde um den Pavillon gespannt, um so das Leben hinter Zaun zu verdeutlichen. Ein Metallhochbett und Malervlies als Bettdecke standen symbolisch für die triste und karge Einrichtung. Aussagen der Bewohner*innen über die Lebensumstände waren aufgemalt auf Karton an den Wänden angebracht und diese mit Infotext und Fotos versehen. Neben dem Pavillon stand eine Tafel mit realgroßen Fotos der täglichen Mahlzeiten in der Kantine. Mehrere Infotafeln informierten über weitere Aspekte, wie Arbeitsverbote, Residenzpflicht und „sichere Herkunftsstaaten“. Auch der Infobus, ein Angebot, das in naher Zukunft Betroffenen Beratung direkt vor den „Abschiebelagern“ in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen bieten wird, wurde in Szene gesetzt: So konnten die Besucher*innen diesen vor dem Festivalgelände besichtigen und hatten gleichzeitig drinnen die Möglichkeit, mehr Informationen zu bekommen und ihr Interesse an Mitarbeit zu bekunden. 

Veranstaltungsort
München, Feierwerk, Hansastr. 39-41


Kosten
9,50 Euro


Partner


Art der Veranstaltung
Solidaridätsfestival



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27.09.2016 - 19:00

"Ich war ein Salafist"

Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt

Dominic Musa Schmitz befand sich als 17-Jähriger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und beschäftigte sich mit Fragen wie „Was soll ich tun?“ „Warum passiert so viel Schlechtes in der Welt?“ „Was ist Gerechtigkeit?“....

Er traf auf einen alten Freund, der ihm vom Islam vorschwärmte; er ging darauf ein, begleitete den Freund in die Moschee und fand dort Antworten. Er bekam ein warmes Zusammengehörigkeitsgefühl, Spiritualität, Zuwendung – durch die Menschen, die er kennenlernte, die ihm zuhörten, ihn verstanden, auf ihn eingingen, erfuhr er Brüderlichkeit und so einen Halt im Leben.

In dieser Zeit hat Dominic Musa Schmitz sehr viel gelesen, sich intensiv mit dem Islam beschäftigt. Und er fand die Kraft, sich von alten schlechten Angewohnheiten zu lösen. Dadurch sah er wieder einen Sinn im Leben. Langsam veränderte er sich auch äußerlich, er legte seine westliche Kleidung ab und ließ sich einen Bart wachsen. Zusammen mit anderen begann er für den Salafismus auch öffentlich zu werben.

In der Zeit, in der sich Schmitz als einen „rebellische Eiferer“ beschreibt, hielt er sich strikt an alle Regeln des Islam (oder dies zumindest versuchte). Es gab keine Kompromisse beim Verhalten, Gebetszeiten, Speisen, Reden. Den Handlungen des Propheten sollte 1:1 nachgefolgt werden. Da er ein gottgefälliges Leben führen wollten, führte das in der letzten Konsequenz zum Abbruch der Kontakte zu Andersdenkenden.

Nach dem Konvertieren hat der Schmitz nichts anderes mehr gemacht – keine Schule besucht, hat keinen Beruf erlernt und ist keiner Arbeit nachgegangen; er konzentrierte sich ganz aufs „Nichtsündigen“. Gelebt hat er in der Zeit von staatlicher Unterstützung. Innerhalb seiner Gemeinde wurde er sehr ernst genommen; da er sehr belesen war und sich ein großes religiöses Wissen aneignete, wurde er von anderen Moscheebesuchern auch zunehmend um Rat gefragt. Auch begann er gemeinsam mit anderen im Internet tätig zu werden, um für den Salafismus zu werben. „Die Ideologie diktiert dir, was du denken, tun, lieben sollst“, so Schmitz.

Für den Ausstieg aus der salafistischen Szene spielte ein Sozialpädagoge, den Schmitz im Rahmen eines vom Arbeitsamt vorgeschriebenen Kurses traf, eine wichtige Rolle: Dieser nahm ihn ernst und brachte ihm die Idee nahe, eine Brücke zu sein - eine Brücke zwischen der muslimischen Welt und der deutschen Lebensweise.

Zu der Zeit begann Schmitz auch, die strikten Regeln zu hinterfragen, die er in Teilen als nicht richtig und nicht tragbar erkannte. Zumal einige seiner Mitbrüder sich immer mehr abkapselten von dem Leben und sich eher dem Gedankengut von ISIS näherten.

Ein friedliches Miteinander, dass er nun anstrebte, entspricht nach seinen Worten nicht dem salafistischen Gedankengut. So begann sein allmählicher Ausstieg aus dem Salafismus. Heute ist Schmitz zwar immer noch Moslem, aber kein Salafist mehr.

Dominic Musa Schmitz: Ich war ein Salafist. Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt. Econ, Berlin 2016, 256 Seiten

ReferentInnen

Dominic Musa Schmitz
Autor von Ich war ein Salafist. Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt

Veranstaltungsort
München, Evangelische Stadtakademie, Herzog-Wilhelm-Str. 24


Kosten
8,- / erm 7,- Euro


Partner

Evangelische Stadtakademie München


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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25.08.2016

Studie zu Programm und Praxis der AfD

 

Die politische Entwicklung, die programmatischen Inhalte und die außerparlamentarische Arbeit wie auch die parlamentarische Praxis der AfD stehen im Zentrum einer umfangreichen Analyse, die vom Stiftungsverbund der Heinrich-Böll-Stiftung in Auftrag gegeben wurde.

Alexander Häusler (Sozialwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus / Neonazismus der Hochschule Düsseldorf), Rainer Roeser (freier Journalist vom Internetportal „Blick nach rechts“) und die Soziologin Lisa Scholten analysieren auf über 200 Seite akribisch das "Wirken" der rechtspopulistischen Partei.

Das Buch liegt als PDF-Datei vor und kann bei unentgeltlich heruntergeladen werden (1,2 MB).

Alexander Häusler / Rainer Roeser / Lisa Scholten: Programmatik, Themensetzung und politische Praxis der Partei "Alternative für Deutschland" (AfD). Heinrich-Böll-Stiftung, Dresden, Juni 2016



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11.06.2016 bis 17.06.2016

festival contre le racisme

Dystopie Europa – Frieden mal anders

Unter dem Oberthema „Dystopie Europa – Frieden mal anders“ setzten sich die Vorträge beim diesjährigen festival contre le racisme themenspezifisch mit den kritisch zu beobachtenden innen- und außenpolitischen Entscheidungen der europäischen Staaten als solche sowie des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union auseinander.

Sontag 12.06.2016: „Die Hegemonialstellung Europas“ – Rainer Trampert
Einen Rundumschlag über die gesamten Themenbereiche der Woche gab Rainer Trampert mit seinem Vortrag. Wie in seinem Buch „Europa zwischen Weltmacht und Zerfall“ beleuchtete er die Krise in Europa und bot eine Analyse weltweiter Entwicklungen.  

Montag 13.06.2016: „Außenpolitische Beziehungen der EU mit Diktatoren“ – Ruben Eberlein
Angesichts der vielen Menschen, die vor Krieg, Hunger und Verelendung aus weiten Teilen Afrikas die Flucht über das Mittelmeer nach Europa antreten, beleuchtete derReferent, wie die Europäische Union mit Fokus auf Deutschland in den betroffenen Regionen Afrikas agiert, um die angebliche Problematik zu kontrollieren bzw. zu externalisieren. Ruben Eberlein ist Afrikanist und Journalist und stellte mit seinem Fachwissen vor allen an den Beispielen Sudan, Süd Sudan, Somalia und Eritrea dar, wie die Europäische Union gezielt technisches Knowhow und finanzielle Ressourcen zur Fluchtabwehr einsetzt, um sich der Lösung dieser humanitären Krisen zu entziehen.

Dienstag 14.06.2016: „Der Umgang der EU mit wirtschafltichen Krisen“ – Thomas Sablowski
Dr. Thomas Sablowski befasste sich unter dem Motto „Klassenkampf von Oben" mit der Krisenpolitik der Europäischen Union“ und betrachtete dabei v.a. das Beispiel Griechenland und die Rolle der Troika. Seine These: Die Zusammenarbeit in der EU ist sehr konfliktreich und wird dominiert von den wirtschaftlich stärkeren Ländern. Dennoch gelinge eine nachhaltige "Lösung" dieser Konflikte nicht. 

Mittwoch 15.06.2016: „Der Vormarsch der rechten Populisten in Europa“ – Sebastian Reinfeldt
Sebastian Reinfeldt und sein Vortrag über rechten Populismus trugen dazu bei, das bekannte Thema in neues Licht zu rücken. So bot der Vortragende auch immer wieder Einblicke in die österreichische Politik und deren Parteienlandschaft. Er veranschaulichte die Zuordnungen von verschiedenen Parteien aus allen politischen Spektren aus Österreich und Deutschland und stellte Parallelen zwischen Parteien aus beiden Ländern dar.  

Donnerstag 16.06.2016: „Die Abwendung der Linken von Europa“ – Anton Landgraf
Anton Landgraf beleuchtete mit seinem Vortrag, wie eine europäische Linke Bewegung in Europa agieren müsste, um ein europäisches Miteinander gerecht zu gestalten. Das Ziel des Vortrags war es zu erklären, warum man vor allem bei angeblich linken Parteien in Zeiten humanitärer weltweiter Krisen eine Abwendung von der internationalen Zusammenarbeit hin zu nationalistischen Handlungsmotiven beobachten kann. 

Wie jedes Jahr wurde das Festival durch ein antirassistisches Fußballturnier und ein Abschlusskonzert vervollständigt. Das Konzert bot einen bunten Musik-Mix: die Bamberger Screamo-Band Karina Kvist, der Antifa-Rapper Pyro One, die Punkrocker von Radio Havanna und die Hardcoreband Moscow Death Brigade sowie HC Baxxter.  

ReferentInnen

 

 

Veranstaltungsort
Bamberg, Balthasar, Mehrzweckraum, Balthasargässchen 1 (Vorträge), Live Club, Sandstraße 7 (Konzert)


Kosten
Vorträge: Eintritt frei! | Konzert: 11,- VVK/ 13,- Euro AK


Art der Veranstaltung
Festival



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06.05.2016 bis 07.05.2016

Angekommen – Nun wird aufgenommen!

Kommunale Konzepte für die Integration vor Ort

Fachtagung im Rahmen des 30. GRIBS-Kommunalkongresses

Die vergangenen Monate waren geprägt von Meldungen über eine starke Zuwanderung an Flüchtlingen und Asylsuchenden. Ohne den unermüdlichen Einsatz vieler tausender Ehrenamtlicher wäre das alles nicht zu schultern. Doch nach den Themen „Aufnahme“, „Unterbringung“ und „Versorgung“ stehen nunmehr die Aufgaben der gesellschaftlichen Integration der neu Hinzugezogenen auf der Tagesordnung in den Kommunen. Dabei sind es auch hier häufig zuerst einmal die Ehrenamtlichen, die gute Ideen entwickeln, wie wir unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger vor Ort in die Dorf- und Stadtgesellschaft, in der Schule, im Kindergarten, im Sportverein, bei der Feuerwehr integrieren können. Aber auch Kreise, Städte und Gemeinden können und müssen ihre Integrationsanstrengungen verstärken. Daraus erwachsen viele, viele gute Beispiele. Unsere Tagung bot die Gelegenheit, einen kleinen Ausschnitt dieser "good practice"-Beispiele kennen zu lernen, aber auch Hilfen sowie konkrete Tipps zu bekommen, was man gegen Vorurteile und gegen die Hetze von Rechts unternehmen kann.

Martin Becher analysierte die Hintergründe und Ursachen für das Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Strömungen in den vergangenen Jahren. Er betonte zunächst, dass verschiedene Studien („Mitte-Studie“, Heitmeyers Untersuchungen zu „Deutschen Zuständen“) eine seit Jahren in Deutschland vorhandene Neigung zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ bei 10-15% der Bevölkerung nachgewiesen haben. Neu sei lediglich, dass diese Haltung mittlerweile offen gezeigt und ausgesprochen werde. Hinsichtlich der Ursachen verwies Becher auf Krisenerscheinungen in allen gesellschaftlichen Sektoren: in der Ökonomie („Verteilungskrise“), in der Politik („Legitimations- und Repräsentationskrise“, in der Gesellschaft („Identitätskrise“). Unsicherheit und Angst seien die Folge und der fruchtbare Boden für „einfache Lösungen“, wie sie von Populisten vertreten werden. In der Auseinandersetzung mit Rechtsextremen und Rechtspopulisten plädierte Becher, auch wenn es manchmal schwer falle, für eine Trennung zwischen Person und Position. Menschenfeindliche Positionen müssen klar zurückgewiesen und bekämpft werden. Dies sollte jedoch nicht mit einer Abwertung der jeweiligen Personen verbunden sein.

Die Präsentation von Martin Becher als PDF-Datei zum Herunterladen: hier.

Christine Kamm (Redetext als PDF-Datei) betonte, dass Integration in Bayern funktioniere – allerdings nicht wegen, sondern trotz der Politik der Bayerischen Staatsregierung. Das zeige sich beispielhaft am von der CSU-Regierung vorgelegten Landesintegrationsgesetz. Darin sei kein einziger Paragraph enthalten, der der Integration wirklich nütze. „Das ist ein Integrationsverhinderungsgesetz!“, erklärte Kamm. Aus diesem Grund habe die grüne Landtagsfraktion einen eigenen Gesetzentwurf eingebracht.

Kamm forderte entsprechende Finanzmittel für die Kommunen, die sich um die Integration vor Ort kümmern müssen, und kritisierte die Einrichtung sog. Ankunfts- und Rückführungszentren (ARE). Dort seien keine rechtsstaatlich korrekten Asylverfahren möglich und die Standards für Unterbringung und Verpflegung unzumutbar. An die Kommunen gerichtet, plädierte Kamm dafür, dass sich Oberbürgermeister*innen und Landrät*innen gegen die geplante Zentralisierung der Unterbringung von Flüchtlingen wehren müssten.

Mitra Sharifi plädierte eindringlich für eine verstärkte politische Partizipation von Migrant*innen. Integration müsse verstanden werden als das „gleichberechtigte Miteinander in einer inklusiven Gesellschaft“. Die gegenwärtige Situation kennzeichnete sie als zwiespältig: Auf der einen Seite gebe es nach wie vor eine sehr breite Willkommenskultur insbesondere in der Zivilgesellschaft. Auf der anderen Seite sehe sie ein „schlimmes Roll-Back“, wie sie es vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten habe, mit einer auf Abschreckung von Flüchtlingen und Migrant*innen ausgerichteten Politik und einem Erstarken anti-liberaler Kräfte.

Entscheidend für eine gelingende Integration ist für Sharifi die Schule. Das gegenwärtige Schulsystem berücksichtige die Heterogenität und Multikulturalität der Schüler*innen in keiner Weise. Auch die Lehrerausbildung habe in dieser Hinsicht deutliche Defizite.

Das Wahlrecht für Migrant*innen ist – so Mitra Sharifi – spielt für die Integration eine entscheidende Rolle. Das politische „Empowerment“ von Migrant*innen ist für sie eine wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Integration. Ein Defizit sieht sie auch in den Kommunalverwaltungen: Dort gebe es keine Expert*innen, keine Ressourcen und keine Stellen für die Integration. Demnach fällt gerade den kommunalen Ausländer- bzw. Migrantenbeiräten eine immer größere Rolle zu, der sie aber nur gerecht werden könnten, wenn sie von der Struktur und von der Ausstattung her gestärkt werden.

Dr. Ulrich Maly wies zunächst auf eine scheinbare Selbstverständlichkeit hin: „Integration setzt Begegnung voraus!“ Daran mangle es aber – trotz des begrüßenswerten Einsatzes von Helferkreisen – noch sehr.

Für Maly spielt die Sprachvermittlung bei der Integration die entscheidende Rolle. Dabei müssten aber die spezifischen Voraussetzungen der Flüchtlinge berücksichtigt werden. Man könne nicht einfach für einen Analphabeten den gleichen Sprachkurs anbieten wie für einen Flüchtling mit Hochschulstudium. Maly plädierte zudem für „Respekt vor der Muttersprache“. Dies könne etwa durch eine Zusatznote im Zeugnis oder als Ausgleichsmöglichkeit für schlechtere Noten geschehen. Hinsichtlich der beruflichen Qualifikationen müsse man sehr sorgfältig die vorhandenen Kenntnisse analysieren, auch und gerade da, wo diese nicht zum hiesigen Qualifikationskanon passen würden.

Maly teilte die derzeit oft geäußerte Auffassung nicht, die „Stimmung“ sei gekippt. Die breite Willkommenskultur habe sich nicht verändert. Allerdings gebe es eine gewisse Ratlosigkeit, wie es weitergehen soll: „Alles läuft im Kriseninterventionsmechanismus“. Auf die Verunsicherung und auch Angst, die mittlerweile viele Menschen erfasst habe, müsse man aber eingehen. Maly sieht in der gegenwärtigen Situation als Teil einer „nationalen Selbstvergewisserung“, die nach innen die Frage beantworten müsse: „Gehören die Neuen zu uns?“. Und nach außen müsse man die Rolle Deutschlands thematisieren, nach der ungleichen globalen Verteilung des Reichtums, nach gerechten Handelsstrukturen, nach Demokratie und Korruption fragen.

Die vier Themenforen (Wohnen und Wohnumfeld / Sprache, Schule, Bildung und Kultur / Arbeitsmarkt / Ehrenamt, Zivilgesellschaft, Sport) zeigten die vielfältigen Möglichkeiten auf, in den unterschiedlichen Lebensbereichen konkrete Projekte durchzuführen, die die Integration Flüchtlingen ganz praktisch vorantreiben. In unserer Material- und Link-Liste finden sich dazu viele weiterführende Hinweise.

Zum Abschluss der Tagung berichtete Susie Wimmer von „Clowns ohne Grenzen“ über die Arbeit ihres Vereins, der sowohl in den Krisengebieten im Nahen Osten als auch jetzt vor Ort in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland in sehr berührender Weise dafür sorgt, dass das Lachen wieder zurückkehren kann und Menschlichkeit eine Chance bekommt. Der Film „Happy Welcome“ dokumentiert diese Arbeit sehr anschaulich und eindrücklich.

Alle Fotos auf dieser Seite: Wolfgang Schmidhuber (CC BY-SA 3.0)

Materialien - Links - Literaturhinweise

Barbara Lochbihler: Förderprogramme und Fonds der EU für Flüchtlingsorganisationen und öffentliche Stellen in Deutschland. Bildung und Arbeit - Integration - Sicherheit - Schutz. Brüssel 2016

Info: Haftpflichtversicherung für Asylbewerber und Flüchtlinge

Info: Resolution gegen sexualisierte Gewalt

Phineo (Hrsg.): Begleiten, Stärken, Integrieren. Ausgezeichnete Projekte und Ansätze für Flüchtlinge in Deutschland. Berlin 2016 (PDF-Datei: 14 MB)

Hubertus Schröer: Kommunale Integrationskonzepte. Verband für interkulturelle Arbeit e.V., München o.J.

Britta Schellenberg/Martin Becher (Hrsg.): Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Herausforderungen und Gelingensfaktoren in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus. Schwalbach/Ts. 2015

Forum A: Wohnen und Wohnumfeld

Info: Holzhäuser statt Container für Flüchtlinge

Info: Sozialer Wohnungsbau in der Hand des Landkreises

Info: Beispiele Augsburger NGO-Wohnungsinitiativen für Geflüchtete

Info: Asylbewerberunterkunft in Langenbach

Info: Förderprogramm Leerstandsanierung

Forum B: Sprache, Schule, Bildung und Kultur

Samuel Fosso: MiBiKids e.V. - Sprachförderung für Migrationskinder. Präsentation im Forum B
MiBiKids e.V.: http://www.mibikids.com/de/verein.html

Helga Stieglmeier: ADIA Erding. Systematische Begleitung und Entwicklung von Integration. Präsentation im Forum B
ADIA: http://www.adia-erding.de/

Forum C: Arbeitsmarkt

Jens-Marco Scherf: Qualifikation und Integration auf dem Arbeitsmarkt. Am Beispiel der Ausbildungsinitiative Asyl des Landkreises Miltenberg. Präsentation im Forum C

Stephan Schiele: migranet. Good-Practice-Beispiel für eine gelingende Arbeitsmarktintegration. Präsentation im Forum C
Internet: http://www.netzwerk-iq.de und http://www.migranet.org  

Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung. Potenziale für Wirtschaft und Gesellschaft. Bilanzpapier des ESF-Bundesprogramms zur arbeitsmarktlichen Unterstützung für Bleibeberechtigte und Flüchtlinge mit Zugang zum Arbeitsmarkt. Berlin 2015

Charta der Vielfalt (Hrsg.): Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt! Praxis-Leitfaden für Unternehmen. Berlin 2015

Forum D: Ehrenamt, Zivilgesellschaft, Sport

Landratsamt Kelheim - Büro für Gleichstellung, Senioren und Ehrenamt: Handbuch für die ehrenamtliche Arbeit zur Unterstützung von Asylbewerbern im Landkreis Kelheim. Kelheim 2015

Deutsche Jugendfeuerwehr im Deutschen Feuerwehrverband e. V. (Hrsg.): Integration in der Jugendfeuerwehr. Tipps, Anregungen und Praxisbeispiele zur Integration in den Jugendfeuerwehren. Berlin 2008

Leonhard Perl: Integrationsprojekt des Deutschen Alpenvereins. Präsentation im Forum D

Zusammenfassung von Richard Zieglmeier

ReferentInnen

Martin Becher
Geschäftsführer der Projektstelle gegen Rechtsextremismus, „Bayerisches Bündnis für Toleranz – Demokratie und Menschenwürde schützen“
Evangelisches Bildungs- und Tagungszentrum
Markgrafenstraße 34, 95680 Bad Alexandersbad, Tel.: 09232/9939-28
E-Mail: projektstelle@ebz-alexandersbad.de
Internet: www.bayerisches-buendnis-fuer-toleranz.de

Christine Kamm, MdL
Asylpolitische Sprecherin der Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag 
Tel.: 089/4126-2874
E-Mail: christine.kamm@gruene-fraktion-bayern.de 
Internet: http://www.gruene-fraktion-bayern.de/abgeordnete/christine-kamm und http://www.christine-kamm.de/  

Mitra Sharifi
Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY)
Gostenhofer Hauptstraße 63, 90443 Nürnberg, Telefon: 0911/92318990
E-Mail: agaby@agaby.de 
Internet: http://www.agaby.de/ 

Dr. Ulrich Maly
Oberbürgermeister, Stadt Nürnberg
Rathausplatz 2, 90403 Nürnberg, Tel.: 0911/231-5001
E-Mail: obm@stadt.nuernberg.de 

Jürgen Mistol, MdL
Kommunalpolitischer Sprecher der Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag
Tel.: 089/4126-2102
E-Mail: juergen.mistol@gruene-fraktion-bayern.de 
Internet: http://www.gruene-fraktion-bayern.de/abgeordnete/juergen-mistol und http://www.mistol.de/aktuell/ 

Helga Stieglmeier
Kreisrätin, Landkreis. Erding, GRIBS-Vorstandsmitglied
Dr.-Henkel-Str. 1c, 85435 Erding, Tel.: 08122-9991952
E-Mail: helga.stieglmeier@gruene-erding.de 
Internet: http://helga-stieglmeier.de/

Jens Marco Scherf
Landrat, Landkreis Miltenberg, GRIBS-Vorstandsmitglied
Brückenstraße 2, 63897 Miltenberg, Tel: 09371-501- 402 / 403
E-Mail: landrat@lra-mil.de  oder buero-landrat@lra-mil.de

Max Niedermair
Integrationsbeauftragter des Landkreises Miesbach
Tel.: 0171-8135529
E-Mail: info@integration-mb.de
Internet: http://www.integration-mb.de/index.html 

Richard Zieglmeier
Kreisrat, Stadtrat Abensberg, GRIBS-Vorstandsmitglied
Am Straßfeld 14a, 93326 Abensberg, Tel.: 09443-3730
E-Mail: richard.zieglmeier@gmx.de

Samuel Fosso
Kiebitzweg 17, 85356 Freising, Tel: 08161-149 911
E-Mail: samuel.fosso@freisinger-mitte.de

Johannes Becher
Bezirks-, Kreis- und Gemeinderat, GRIBS-Vorstandsmitglied
Georg-Hummel-Str. 2, 85368 Moosburg, Tel.: 0174 -9311461
E-Mail: post@johannes-becher.de 
Internet: http://www.johannes-becher.de 

Veranstaltungsort
Fischbachau (Lkr. Miesbach)


Partner

GRIBS-Bildungswerk e.V.


Art der Veranstaltung
Fachtagung



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