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Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

07.04.2016

Kritik der Grünen Ökonomie

Wege globale Krisen sozial zu meistern

Die ökonomischen und ökologischen Grundlagen eines allgemeinen Wohlstands sind in Gefahr, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Vor diesem Hintergrund will das Konzept der „Grünen Ökonomie“ ein neues Leitbild anbieten, das vor allem auf technologischen Lösungen und Effizienzsteigerungen basiert.

Der Ausgangspunkt aller Überlegungen der wichtigen Protagonisten der Grünen Ökonomie – Weltbank, UNEP, OECD etc -  ist: Business as Usual ist keine Option. Grüne Ökonomie will deshalb auch aus dem fossilen „business as usual“ aussteigen. Diese zunächst gute Botschaft wird mit einer weiteren ebenfalls scheinbar optimistischen verknüpft: Die Wirtschaft kann weiter wachsen, Wachstum kann grün werden. Grüne Ökonomie will gar zum Motor für mehr Wachstum werden. Genau das macht das Leitbild der Grünen Ökonomie aus der Sicht von Barbara Unmüßig problematisch und kritikwürdig: Unter dem Banner eines positiv besetzten Begriffs wird suggeriert, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, mit einem effizienteren, ressourcenschonenden und grünen Wachstumsparadigma weitgehend erhalten bleiben kann. Die Grüne Ökonomie verspricht also: wir steuern mit grünem Wachstum um - und alles wird gut. 

Dieses Versprechen kann aber nur machen, wer bewusst Komplexität reduziert, stark an die Wunder des Marktes und der technologischen Innovation glaubt und gleichzeitig reale Machtstrukturen im ökonomischen wie politischen Kontext vollkommen ignoriert. Die Grüne Ökonomie ist deshalb keine realistische Zukunftsoption, sondern vielmehr ein Glaubens- und Ausblendungsprogamm. Vielfach nämlich sind die "planetarischen Grenzen" überschritten, die Ökosysteme am "Kippen". Die ökologischen Krisen sind zudem nicht von den sozialen zu trennen. Sie hängen eng zusammen. Ressourcen und Emissionsverbrauch ungleich: 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen über 80 Prozent aller Ressourcen. Beim Einkommen ist dies noch extremer: Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften hat sich massiv verschärft. Sieben von 10 Menschen leben in Ländern, in denen die Kluft zwischen Arm und reich größer ist als vor 30 Jahren.

Innovation für mehr Effizienz führt nicht automatisch zu weniger Ressourcenverbrauch und Emissionen. Der sog. Rebound-Effekt beschreibt, dass Effizienzgewinne zwar zu Ersparnissen führen, sie aber andernorts zu anderen Ressourcenintensiven Ausgaben/Verhaltensweisen führen, die Einspareffekte wieder zunichte machen. Metastudien, die hunderte Einzelstudien zum Rebound-Effekt zusammenfassen und auswerten, kommen zum Schluss, dass Rebound-Effekte langfristig  mindestens 50% des Einsparpotenzials von Effizienzgewinnen aufzehren werden. Dazu gibt es sehr viel Beispiele.

Die Ideologie der Grünen Ökonomie erweckt den Anschein, als seien wachstumsfixierte technologische Innovationen die einzig mögliche Antwort auf die zentrale Frage, wie wir mit – weniger, anders und vielfältig – eine bessere Zukunft schaffen können. Eine absolute Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist und bleibt eine Illusion. Wir müssen effizienter, anders und weniger wirtschaften und konsumieren. Andere Mobilitätskonzepte als individueller Personalverkehr, weniger Flächenverbrauch, andere Landwirtschaft usw. Weniger Fleischkonsum wäre ein großer Einzelbeitrag für weniger Emissionen, weniger Flächenverbrauch, mehr Gesundheit und mehr globale Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung.

Als entscheidende Antwort auf die aktuellen Krisen reformuliert Grüne Ökonomie die Idee vom Primat der Ökonomie. Ökonomie sei die Währung der Politik geworden, sagen ihre Verfechter. Marktversagen soll durch noch mehr Markt korrigiert werden. Die Grüne Ökonomie will in den Markt hinein holen, was bislang nicht ökonomisiert war. Aus der Ökonomie bislang Ausgegrenztes wie Ökosystemdienstleistungen sollen zur handelbaren Ware werden.

Grüne Ökonomie will das Verhältnis von Natur und Ökonomie neu bestimmen. Ergebnis ist eine Neufassung des Naturbegriffs - und eben nicht eine Transformation der Wirtschaftsweise. Statt „Wirtschaft neu denken“ will die Grüne Ökonomie „Natur neu definieren“. Natur soll gemessen, erfasst, ökonomisch bewertet und verrechnet werden – auf Basis einer global abstrakten Währung: CO2-Äquivalenten. 

Damit werden die vielen strukturellen Ursachen der Natur- und Klimakrise unsichtbarer und bei der Suche nach Lösungen und Auswegen nicht mehr umfassend berücksichtigt. Die Konsequenzen eines solchen Ansatzes zeigen sich auch bei neuen Marktmechanismen für den Handel mit Biodiversitätszertifikaten. Sie organisieren die Zerstörung von Natur marktförmig statt sie zu verhindern. Grüne Ökonomie verkürzt die notwendige grundlegende Transformation aufs Ökonomische und erweckt den Eindruck, dass sie ohne größere Umbrüche und Konflikte umzusetzen sei. 

Barbara Unmüßig / Lili Fuhr / Thomas Fatheuer: Kritik der grünen Ökonomie. München 2015

ReferentInnen

Barbara Unmüßig

 (Foto:  Bettina Keller)

Politologin, langjähriges berufliches Engagement für internationale Gerechtigkeit und globalen Umwelt- und Klimaschutz: Redakteurin der nord-südpolitischen Zeitschrift „blätter des iz3w“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Aktion Dritte Welt e. V. in Freiburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin der GRÜNEN im Bundestag von 1985 bis 1990; Arbeit mit und für nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen.
Seit 2002: Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner

Evangelische Stadtakademie Nürnberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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10.03.2016

Förderung der Elektromobilität

Lösungsbeitrag oder Geldverschwendung?

Die Elektromobilität gilt als Schlüsseltechnologie, um die Energiewende endlich auch im Verkehrssektor voranzubringen. Ob ihre Förderung unter den derzeitigen klimapolitischen Rahmenbedingungen jedoch sinnvoll ist, erscheint zumindest fraglich. So lautete ein Fazit der Vortragsveranstaltung „Förderung der Elektromobilität – Lösungsbeitrag oder Geldverschwendung?“ mit Dieter Teufel vom  Umwelt-Prognose-Institut (UPI) in Heidelberg.

Nicht nur der Bund denkt über Kaufprämien für Elektroautos nach, auch die Landeshauptstadt München plant für die nächsten Jahre ein eigenes, 22 Millionen Euro teures Förderprogramm. Unterstützt werden ausschließlich gewerblich genutzte Elektrofahrzeuge (darunter neben E-Autos auch Pedelecs und Lastenfahrräder), für die Kaufprämien bis zu 4000 Euro gezahlt werden. Einen zusätzlichen Bonus gibt es, wenn das E-Mobil mit Ökostrom „betankt“ wird und wenn es nachweislich ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor ersetzt.

 

Kaum Vorteile bei der Ökobilanz

Das Förderprogramm wird in der Stadtöffentlichkeit viel diskutiert. Dieter Teufel erläuterte in seinem Vortrag eine Studie, die das UPI 2015 zu den ökologischen Folgen der E-Mobilität erstellt hat. Die Ergebnisse stimmen nachdenklich: So schneiden Elektroautos derzeit in ihrer Gesamt-Klimabilanz (einschließlich der Emissionen, die bei der Autoherstellung entstehen) nur um rund 10% besser ab als Benziner. Selbst die CO2-Emissionen für den Antriebsstrom liegen keineswegs bei Null, weil noch immer rund 60% des Stroms in Deutschland aus fossilen Kraftwerken stammt. Daran wird sich wohl auch in den nächsten 10 Jahren nichts ändern. Im Gegenteil: Weil weitere Atomkraftwerke abgeschaltet werden, dürfte sich die CO2-Bilanz des deutschen Kraftwerksparks weiter verschlechtern.

 

Das Problem der Flottengrenzwerte

Ganz anders sieht das Bild bei der europäischen Emissionsgrenzwerten für die Fahrzeugflotten aus: Hier müssen die Hersteller seit 2015 einen Wert von 130 g CO2/km einhalten. Bei Elektrofahrzeugen wird in der Flottenbilanz unterstellt, dass sie kein CO2 ausstoßen – was realitätsfern ist, wie die Berechnungen des UPI zeigen. Die Folgen der Regelung zeigt das Beispiel BMW: Mit dem Verkauf eines Elektroautos kann der Hersteller in seiner Flottenbilanz die Emissionen von rund 5-6 SUVs vom Typ BMW X3 ausgleichen und spart sich so jeweils 10.000 Euro Strafzahlungen an die EU. Der Anteil der SUVs an allen Pkw-Neuzulassungen in Deutschland hat sich seit 2009 mehr als verdreifacht und liegt jetzt bei rund 20%.

Langfristig könnte die Förderung der Elektromobilität sogar die weitere Verschärfung der EU-Richtlinie unterlaufen, so Dieter Teufel: Eigentlich soll der Flottengrenzwert 2020 auf nur noch 95 g CO2/km abgesenkt werden. Wenn bis dahin wirklich eine Million E-Autos auf deutschen Straßen rollt, können die Herstellern damit so viele „CO2-Schleudern“ kompensieren, dass die angestrebte Verschärfung wirkungslos verpufft.

 

Elektromobilität verdrängt den öffentlichen Verkehr

Was Kaufprämien für Elektroautos angeht, ist Deutschland eher ein Nachzügler. Andere europäische Länder – allen voran Norwegen – sind hier deutlich früher gestartet und zeigen sich auch großzügiger. Doch die E-Mobilität in Norwegen hat auch Kehrseiten: Autofahrer, die sich ein E-Auto zugelegt haben, fahren dort nun im Schnitt 80% seltener mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit als vor dem Kauf. Die wahren Leidtragenden des Förderprogramms sind also Bus und Bahn, weniger der fossile Individualverkehr. Schließlich ersetzen auch hierzulande 60% aller E-Autos keinen Benziner oder Diesel-Pkw, sondern werden zusätzlich als Zweit- oder Drittauto angeschafft.

Auch die Reduzierung des Stickoxidausstoßes durch E-Autos hält sich in engen Grenzen. Beim Feinstaub schneidet ein E-Pkw keinen Deut besser aus als ein Verbrennungsmotor mit Euro-6-Katalysator. Dafür zeigen Erkenntnisse aus den USA, dass Elektroautos – wohl weil sie oft kaum zu hören sind – signifikant mehr Fußgänger- und Fahrradunfälle verursachen als benzingetriebene Pkw.

 

 

Fazit: ÖPNV stärken statt Kaufprämien zahlen

Was also ist zu tun? Anstelle von pauschalen Kaufprämien für E-Autos, so Dieter Teufel, sollten Kommunen andere Wege bestreiten, um den innerstädtischen Verkehr zu dekarbonisieren und Lärm sowie Schadstoffemissionen abzubauen. Schon eine schärfere Kontrolle der Umweltzonen und eine konsequentere Bestrafung von Autofahrern, die ohne Umweltplakette unterwegs sind, brächte mehr als die Förderung von E-Pkw. Und wer die Bürger wirklich zum Ausstieg aus dem Autoverkehr bewegen will, sollte ihnen lieber eine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr spendieren, wenn sie ihren Benzin- oder Diesel-Pkw abschaffen. In Heidelberg ist ein entsprechendes Programm seit Jahresbeginn 2016 in Kraft. Für die Stadt ist es sogar aufkommensneutral: Sie lenkt nun einfach einen Teil der Zuschüsse, die sie auch bisher schon für den ÖPNV gezahlt hat, in den Kauf der Jahreskarten um.

 

Die Debatte wird weitergehen

Bei der nun folgenden Publikumsdiskussion, an der sich auch Vertreter der Stadt München rege beteiligten, wurden erneut die gegensätzlichen Standpunkte deutlich, die von radikaler Ablehnung einer öffentlichen Förderung bis zu großen Hoffnungen in das städtische Förderprogramm reichen. Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber der E-Mobilität begrüßte Dieter Teufel die Beschränkung des Münchener Programms auf den Wirtschaftsverkehr und die Einbeziehung von zwei- und dreirädrigen E-Mobilen. Vor allem Lastenfahrräder besitzen nach seinem Dafürhalten – etwa bei der Paketauslieferung – ein großes Potenzial. Philipp Scharf von der FÖS-Regionalgruppe München bemängelte, dass die 22 Millionen Förderung ohne Gegenfinanzierung „aus dem Stadtsäckel“ bezahlt würden. Wünschenswert wäre es, wenn das Programm – etwa durch eine City-Maut oder eine Sonderabgabe für den fossilen Straßenverkehr – kostenneutral ausgestaltet werden könnte.

ReferentInnen

Dieter Teufel
Umwelt- und Prognose-Institut e.V., Heidelberg

Veranstaltungsort
München


Partner

Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft (FÖS)


Art der Veranstaltung
Vortrag



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24.02.2016 bis 16.03.2016

Vortragsreihe "Gute Milch aus Gras"

Wirtschaftlichkeit einer Milchviehhaltung ohne bzw. mit wenig Kraftfutter

In einem 2014 gestarteten Forschungsprojekt wurde die Wirtschaftlichkeit von Milchviehbetrieben untersucht, die seit Jahren einen eigenständigen Weg eingeschlagen haben und entweder ganz auf Kraftfutter verzichten oder mit nur wenig Kraftfutter arbeiten. Zur Bewertung ihrer Wirtschaftlichkeit wurden die strukturellen und wirtschaftlichen Kennzahlen mit zwei repräsentativen Vergleichsgruppen verglichen. Den untersuchten Betrieben, die alle ökologisch wirtschaften, ist es möglich, mit einer ausschließlichen bzw. stark überwiegenden Grundfutterfütterung ihrer Kühe ein vergleichbares bzw. sogar leicht höheres Einkommen je Arbeitskraft zu erzielen. In der Vortragsreihe wurden die Ergebnisse der Studie vorgestellt und mit der Erfahrungen aus der Praxis ergänzt.

Viele Betriebe suchen einen Ausweg aus der High-Output-Landwirtschaft und ihren vielfältig negativen Folgen. Wir wollen darstellen, wie unsere bayrischen Betriebe die Vorteile der eiweißhaltigen Grundfuttermittel, wie Grünland, Kleegras und Luzerne nutzen können, um wirtschaftlich und wettbewerbsfähig, und damit zukunftsfähig zu sein.  

Marktentlastung durch Kraftfutterreduktion

Angesichts der andauernden Milchpreiskrise ist eine wachsende Bereitschaft von Milchbauern festzustellen, das Überangebot selbst aktiv zu drosseln. Nur wenn die Milchüberschüsse signifikant reduziert werden, kann sich das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage mit auskömmlichen Erzeugerpreisen wieder einspielen.   

In der Milchviehhaltung dominiert die Strategie, durch Kraftfutter eine möglichst hohe Milchleistung zu erreichen. Doch seine Wirtschaftlichkeit wird nicht nur aktuell durch die niedrigen Milchpreise in Frage gestellt. In einem 2014 in Kooperation mit der Internationalen Forschungsgesellschaft/Breitwiesenhof in Ühlingen gestarteten Forschungsprojekt wurde die Wirtschaftlichkeit von Milchviehbetrieben untersucht, die seit Jahren einen eigenständigen Weg eingeschlagen haben und entweder auf Kraftfutter ganz verzichten oder mit nur wenig Kraftfutter arbeiten. Zur Bewertung ihrer Wirtschaftlichkeit wurden die strukturellen und wirtschaftlichen Kennzahlen mit zwei repräsentativen Vergleichsgruppen verglichen.  

Vielversprechende Ergebnisse der Studie  Den untersuchten Betrieben, die alle ökologisch wirtschaften, ist es möglich, mit einer ausschließlichen bzw. stark überwiegenden Grundfutterfütterung ihrer Kühe ein vergleichbares bzw. sogar leicht höheres Einkommen je Arbeitskraft zu erzielen. Neben den Einsparungen für Betriebsmittel wie dem zugekauften Futter lag dies auch an den geringeren Kosten in der Reproduktion. Die geringere Milchleistung der Kühe wurde über die längere Nutzungsdauer wieder ausgeglichen. Entwickelt wurden Strategien, um auf witterungsbedingt schlechtere Grundfutterqualitäten reagieren zu können.  

Tiergesundheit durch artgerechte Fütterung und hohe Milchqualität Grasfütterung ist die ursprünglichste und artgerechteste Form der Rinderfütterung und hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Tiere. Die so erzeugten Milch- und Fleischprodukte sind außerdem qualitativ sehr hochwertig, beispielsweise durch ihren hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren.   

Milch aus dem Grashalm: Gut für Klima und Welternährung  

Die Weltgemeinschaft braucht Alternativen zu einer Landwirtschaft mit sehr hohem Verbrauch an fossiler Energie und Ausstoß von Treibhausgasen. Das Kraftfutter für Tiere, hier und in den Ländern des globalen Südens, steht außerdem in direkter Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. Die bäuerliche, regionale Kreislaufwirtschaft mit Grundfutterstrategie bietet eine deutliche CO2-Minderung durch Grünlanderhalt und kann den Zukauf von Import-Kraftfutter weitgehend ersetzen. Sie hat positive Auswirkungen bezüglich Umwelt-, Klima- und Energiebilanz.  

Die vier Praktiker aus der Landwirtschaft machten in ihren Berichten deutlich, dass sie seit mehreren Jahren bis Jahrzehnten die beschriebene Form der Low-Input-Fütterung mit Erfolg praktizieren. In den Fragerunden und Diskussionen konnte daher die konkrete Fachpraxis vertieft werden, was die Ausführungen der Wissenschaftler perfekt ergänzte. 

ReferentInnen

Prof. Dr. Onno Poppinga
Kasseler Institut für Ländliche Entwicklung

Dr. Karin Jürgens
Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL) im Netzwerk der Landforscher

Veranstaltungsort
Altusried-Krugzell / Teising / Eberfing / Dasing


Partner

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Landesverband Bayern e.V. (AbL)


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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24.10.2015

"Nachhaltige" Stadtentwicklung – hohle Phrase oder konkretes...

 

"Nachhaltig" sollte die Entwicklung einer Kommune sein - wer würde da heute noch widersprechen wollen?

Der Begriff der "Nachhaltigkeit" hat Karriere gemacht in der Politik, auch und gerade in der Kommunalpolitik. Doch hält auch alles, was sich mit mit diesem Begriff schmückt, einer kritischen Nachprüfung statt? Ist die Berufung auf "Nachhaltigkeit" nicht längst zur hohlen Phrase geworden?

Unser Seminar wollte möglichst unterschiedliche Aspekte dessen beleuchten, was heute unter "nachhaltig" verstanden werden kann und einige gute Beispiele aus der kommunalen Praxis vorstellen.

Reiner Erben, seit Mai 2014 Berufsmäßiger Stadtrat in Augsburg und Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Integration, skizzierte in seinem Grußwort die Augsburger Nachhaltigkeitsstrategie als einen „intensiven Suchprozess“, der im Rahmen der Agenda 21-Arbeit bereits seit 19 Jahren läuft und dabei Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung einbezieht. Der Stadt Augsburg, die 2013 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Großstädte erhalten hat, ist es ernst mit diesem Prozess – das zeigt sich auch darin, dass es in der Stadtverwaltung immerhin drei Angestellte auf zwei Stellen gibt, die mit dem Nachhaltigkeitsmanagement befasst sind. Die konkrete Politik soll sich dabei an den bereits vom Stadtrat beschlossenen Zukunftsleitlinien orientieren.

Den Text von Reiner Erbens Grußwort können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut gab einen ersten Überblick über Grundsätze, Ziele und Umsetzungsstrategien für eine nachhaltige Entwicklung. Er betonte, dass die Probleme und Ursachen für fehlende Nachhaltigkeit mittlerweile seit langem bekannt seien. Der Klimawandel z.B. könne nur dann wirksam verhindert werden, wenn die CO2-Emissionen um 80% verringert würden. Nachdem aber die „einfachen“ Reduktionspotenziale allmählich ausgeschöpft seien, werde dies immer schwieriger – zumal viele Reduktionen durch eine gleichzeitige Expansion kompensiert würden (Rebound-Effekt). Zum Beispiel werden Effizienzsteigerungen beim Raumwärmebedarf durch die Zunahme der Pro-Kopf-Wohnfläche ständig konterkariert. Ohne ein Wirtschaftsmodell, das ohne Wachstum auskommt, werden wir in Sachen Nachhaltigkeit nicht vorankommen – so das Credo von Kopatz.

Um auf diesem Weg voranzukommen, müssen vor allem die kommunalen und staatlichen Rahmenbedingungen verändert und die Standards angehoben werden. Was in Modellprojekten erprobt wurde, muss schnellstmöglich zum Standard für alle werden. Kopatz forderte Limits für den Straßenbau und CO2-Obergrenzen für die Autos. Eine jährliche Stellplatz-Reduktion in den Gemeinden, generell Tempo 30 in den Ortschaften und ein Tempolimit auf Autobahnen könnten den Verhaltenswandel im Mobilitätsbereich verstärken. Kopatz‘ Fazit: Die Politik muss die Richtung vorgeben, die Bürger/innen müssen die Richtung einfordern.

Einige Veröffentlichungen von Michael Kopatz zu diesem Themenkreis:

Ich will, wenn du willst! Das Entscheidungsdilemma von Bürgern und Kommunen überwinden

Kommunen im "Abwärtswettlauf". Interkommunaler Wettbewerb und Klimaschutz

Die soziale-kulturelle Transformation

Friederike Rohde vom Zentrum Technik und Gesellschaft an der TU Berlin beleuchtete den „Mode-Trend“ „Smart Cities“ und fragte, ob und wie mit neuen Technologien ein Mehr an Nachhaltigkeit erreicht werden könne. Dieser Trend wird durch ein entsprechendes Förderprogramm der EU seit 2011 auch finanziell unterstützt. Und natürlich haben die großen Technologie-Konzerne auch ein eindeutig ökonomisch motiviertes Interesse an einem neuen Zukunftsmarkt.

Was genau unter „Smart Cities“ zu verstehen ist, ist durchaus umstritten, die Definitionen sind zum Teil sehr unterschiedlich. Am ehesten kommt die Definition der Stadt Wien dem Nachhaltigkeitsgedanken nahe. Sie stellt auf die Ressourcenschonung und Lebensqualität in einer gebauten Stadt ab und bietet einen langfristigen Rahmen für die Stadtentwicklung bis 2050, der mit konkreten Zielsetzungen und Projekten näher definiert wird. In diesem Rahmen hat dann auch der Einsatz neuer Technologien seinen Sinn, ist also nicht Selbstzweck, sondern Instrument.

Rohde wies ausdrücklich auch auf die problematischen Aspekte des Smart City-Ansatzes hin, so die Gefahr einer Ökonomisierung, der Degradierung der Stadt als Markt für den Verkauf der Produkte von Technologiekonzernen. Auch die Sammlung riesiger Datenmengen und die damit verbundene Gefahr des Datenmissbrauchs und der Überwachung sind problematisch.

Einige weiterführende Links und Literaturhinweise zum Thema "Smart Cities":

Fraunhofer Fokus - Centrum für Smart Cities: http://www.ict-smart-cities-center.com/

European smart cities: http://www.smart-cities.eu/

European Innovation Partnership on Smart Cities and Communities: http://ec.europa.eu/eip/smartcities/index_en.htm

Johannes Novy: Smart Citys - Wunsch oder Alptraum. In: Politische Ökologie 142. S. 46-52

Bastian Lange: Smart City? Kollaborativer Urbanismus!

Smart Cities – intelligente Städte in Europa: http://www.smartcities.at/

Die Präsentation von Friederike Rohde können Sie als PDF-Datei hier herunterladen.Einige weiterführende Links und Literaturhinweise zum Thema "Smart Cities"

Silvia Hable, Vorstandsmitglied des Transition Netzwerks, stellt den v.a. zivilgesellschaftlich orientierten Ansatz der Transition Towns vor. Im Rahmen der Transition-Town-Bewegung versuchen seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile und lokal orientierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung von Rob Hopkins, einem Vertreter der Permakultur. Permakultur ist ein Konzept, das auf die Schaffung von dauerhaft funktionierenden, nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen zielt. Ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt, ist sie inzwischen ein Denkprinzip, das auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Infrastrukturen umfasst. Grundprinzip ist ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften mit allen Ressourcen. Diese bildet den ethischen Hintergrund der Bewegung: als Fürsorge für die „Erde“ und die Menschen.

Hintergrund und Ursache für die Bewegung sind natürlich „Peak Oil“, der drohende Klimawandel und auch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Neben der Senkung des CO2-Ausstoßes durch Verringerung des Verbrauchs fossiler Energieträger steht im Zentrum der Transition Town-Bewegung eine Stärkung der lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufe und die Erhöhung der „Resilienz“ (= Widerstandskraft) der Kommunen in Krisenzeiten. Wichtig sind jedoch nicht nur die konkreten Projekte, die dabei umgesetzt werden (von der Regionalwährung über urbanen Gartenbau und Lebensmittelkooperativen bis hin zu Share-Economy-Projekten), sondern auch und vor allem, dass sich die daran beteiligten Menschen dabei wohlfühlen. Kopf, Herz und Hand sollen dabei eine gleichberechtigte Rolle spielen. Es sollen auf diese Weise Erfolgsgeschichten kommuniziert werden, auf individueller Ebene Änderungen angestrebt werden, bevor sie auf politischer Ebene wirksam werden.

Die Transition Town-Bewegung entstand in Kinsale (Irland) im Rahmen eines College-Kurses von Rop Hopkins, dem Begründer der Bewegung, die dann in dessen Heimatstadt Totnes (Grafschaft Devon, England) ihren eigentlichen Ausgangspunkt hatte. Zunächst vor allem im englischsprachigen Raum verankert, hat sie mittlerweile zahlreiche Ableger, u.a. auch in Deutschland.

Literaturhinweis:

Rob Hopkins: Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, oekom verlag, München 2014

Eva Leipprand, ehemalige 3. Bürgermeisterin des Stadt Augsburg (und in dieser Funktion für Kulturangelegenheiten zuständig), erläuterte am Beispiel Augsburgs den Versuch, die Kultur als vierte Säule einer nachhaltigen Stadtentwicklung (neben Ökologie, Wirtschaft und Sozialem) zu etablieren. Dabei ist die kulturelle Dimension von Nachhaltigkeit in einem weiten Sinn zu denken: als Haltung und Orientierung, als Möglichkeit, die Welt zu deuten. Die Welt wird „begreifbar“ durch Architektur, Kunst, Literatur etc. Insofern ist Stadtplanung immer auch ein kultureller Akt. Zum Beispiel: Ein „shared space“ hat auch mit Kultur und mit Werten zu tun, er erfordert eine andere Haltung, eine Haltung der Rücksichtnahme, der Vorsicht und der Wahrnehmung des jeweils anderen und steht damit im Gegensatz zur Konkurrenz, der ansonsten unsere Gesellschaft prägt.

Der Augsburger Versuch, Kultur ganz offiziell als 4. Dimension der Nachhaltigkeit in den Stadtentwicklungsprozess einzubringen, geht laut Eva Leipprand von einem „instrumentellen“ Kulturbegriff aus. Das kann konkret heißen: Gutes Leben in Stadt und Stadtteilen fördern, Einheit in der Vielfalt schaffen, Veränderbarkeit der Welt erfahrbar machen, auch durch Wahrnehmung der eigenen kulturellen Bedingtheit, über kulturelle Aktivitäten Denkmuster aufbrechen, Möglichkeitsräume eröffnen; die Unverwechselbarkeit des Ortes bewahren, Identität und Zugehörigkeit stärken; einen neuen Heimatbegriff entwickeln, der Diversität einschließt, Vielfalt der Kulturen als Ressource betrachten und nutzen, dem Austausch der kulturellen Ausdrucksformen Raum bieten; Kultur als Gedächtnis und Wissensspeicher der Menschheit zur Verfügung stellen; öffentliche Räume als Gemeinschaftsgüter für alle offenhalten, gegen Privatisierung und Ökonomisierung (Werbung) schützen; kulturelle Teilhabe als lebendiges Element der Bürgerschaft verstärken; Zugang zur Welt der Kultur und ihren Symbolen und damit Teilhabe an kulturellen Prozessen in allen Lebensphasen ermöglichen.

Im Rahmen eines breit angelegten Beteiligungsprozesses wurde so eine vierte Säule der Zukunftsleitlinien der Agenda für das Stadtentwicklungskonzept erarbeitet.

Den Vortragstext von Eva Leipprand können Sie als PDF-Datei herunterladen. Darin sind auch die Leitlinien zur kulturellen Zukunftsfähigkeit Augsburgs enthalten.

Zum Abschluss des Seminars ging es um konkrete Beispiele aus kommunalen Gebietskörperschaften unterschiedlicher Größenklassen. Dieter Gewies, der bis 2014 18 Jahre lang Erster Bürgermeister der Gemeinde Furth (3.300 Einwohner/innen) im Landkreis Landshut war, erläuterte die kontinuierliche, sehr pragmatisch orientierte Politik, die ihm und dem Dorf 2013 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis eingebrachte. Einige Fotos, die die Entwicklung Furths illustrieren, finden Sie in der PDF-Datei, die Sie herunterladen können. 

Ein Eckpfeiler dieser Politik ist der Schwerpunkt Bildung & Erziehung, für den ein Drittel des – nicht sehr üppigen – Gemeindeetats reserviert ist. Damit ist es der Gemeinde möglich, eine Betreuungsgarantie von 1. bis zum 14. Lebensjahr zu geben. Kinderkrippe, Kindergarten, Grundschule (alle integrativ bzw. inklusiv organisiert) sowie Mittelschule, Hort und Gymnasium befinden sich im Ort. Außerdem gibt es zwei Universitätsinstitute. 

Schon 1999 wurde beschlossen, sich zu 100% mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Ein Hackschnitzelheizwerk, eine Biogasanlage sowie zahlreiche Sonnenkollektoren und PV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden und Privathäusern sorgen bereits heute dafür, dass 80% der Strom- und Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Eine groß angelegt Gewässerrenaturierung, mit der die Sünden der Flurbereinigung behoben werden konnten, hat durch die Anlage von breiten Gehölzstreifen entlang der Bäche den positiven Nebeneffekt, dass auf diese Weise auch die Versorgung des Heizwerks mit heimischem Brennstoff gesichert werden konnte.

In der Dorfentwicklung setzt Furth auf Flächensparen und Innenentwicklung. Im Rahmen eines breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahrens wurden die Pläne für eine neue Dorfmitte entwickelt und umgesetzt. Realisiert wurde eine kleinteilige Struktur von Läden und Dienstleistern. Trotz eine großen Zuzugsdrucks betreibt Furth eine restriktive Baulandausweisung.

Kurzbegründung zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2014 für Furth

Cord Soehlke, Baubürgermeister in der Universitätsstadt Tübingen (90.000 Einwohner/innen), präsentierte den Tübinger Ansatz der nachhaltigen Stadtplanung, der vor allem auf der Zusammenarbeit mit privaten Baugemeinschaften basiert. Obwohl es in Tübingen einen hohen Baulandbedarf gibt, konnte seit 1985 die Stadtentwicklung ohne Ausweisungen auf der „grünen Wiese“ erfolgen. Im Französischen Viertel (ehemaliges Kasernengelände der französischen Armee), im Loretto-Viertel, im Mühlenviertel und auf der Alten Weberei wurden die dort vorhandenen Brachflächen mit kleinteiliger Nutzungsmischung und sehr variabler Parzellierung bebaut. Ziel war eine Stadt der kurzen Wege. In einer Mischung von top-down und bottom-up-Planung kam verschiedene Bausteine zum Einsatz mit verschiedenen Akteuren und unterschiedlichsten Architekturen. Die öffentlichen Räume sind in den genannten Vierteln ein wesentliches Gestaltungselement: verkehrsberuhigte Bereiche, kaum Parkplätze, einladende Gestaltungselemente machen den Aufenthalt dort angenehm. Die Viertel haben eine städtische Dichte und urbanes Flair.

Umgesetzt wurden die städtischen Planungen vor allem mit privaten Baugemeinschaften, die mit einem bestimmten Konzept oder einer Idee nach gleichgesinnten Interessierten suchen und im Erfolgsfall dann eine Planungs- und Baugemeinschaft bilden. Das lohnt sich für alle: Die Wohnungseigentümer zahlen letztlich 15-20% weniger als bei einem konventionellen Bauträger, die Baustandards sind hoch, ebenso der Werterhalt der Gebäude. Da die Baugemeinschaften ihr „Stück Stadt“ selbst gestalten, ist die Identifikation groß – und damit auch die eigene Verantwortung für das Quartier. Durch die große Bandbreite an Konzepten sind vielfältige und innovative Quartiere entstanden. Es gibt Low-Budget-Projekte, Nullenergiehäuser, Holzhäuser, Mehrgenerationenhäuser usw. Da die Wohnungen in aller Regel auch für Durchschnitts- und Geringverdiener bezahlbar sind, gibt e eine breite Mischung an sozialen Schichten, Generationen und ethnischen Gruppen. Die Stadt als Entwickler erbringt natürlich erhebliche Vorleistungen. Sie

  • erwirbt Militärareale und Industriebrachen;
  • entwickelt Konzept, Städtebau und Bebauungspläne;
  • entsorgt Altlasten und stellt Infrastruktur her, die durch den Planungsgewinn finanziert werden;
  • verkauft die Grundstücke;
  • steuert die gesamte Entwicklung.

Die privaten Baugemeinschaften als Erwerber und Bauherren erhalten Grundstücksoptionen für ihre Konzepte und sind die wesentlichen Akteure der Entwicklung. Sie haben strukturelle Vorgaben, aber große gestalterische Freiheiten und übernehmen gemeinsame Aufgaben wie Innenhöfe, Tiefgaragen.

Im konkreten Fall der Alten Weberei konnten sich Baugemeinschaften, Einzelbauherren und Bauträger für die Grundstücke bewerben. Ihre Projektvorschläge wurden nicht nach Höchstgebot vergeben, sondern im Hinblick auf die Erfüllung der Vergabekriterien. Dazu zählten: der Beitrag zur Nutzungsmischung, zur sozialen Mischung und zur Vielfalt des Quartiers, Ökologie, Parzellierung und Architektur.

Die Präsentation von Cord Soehlke mit vielen Fotos stellen wir als PDF-Datei zum Herunterladen zur Verfügung.

Literaturhinweis:

Architektenkammer Baden Württemberg u.a.: planen - bauen - leben. Baugemeinschaften in Tübingen. Tübingen 2011

Wie eine gesamte Region, in diesem Fall das Südtiroler Vinschgau, sich auf den Weg in die Nachhaltigkeit machen kann, erläuterte Jörn Wiedemann vom Terra-Institut. Dort soll eine „Gemeinwohl-Region“ entstehen, die sich als Reaktion und Gegenmodell zur Benachteiligung peripherer, vom Strukturwandel betroffener ländlicher Räume versteht. Problematische Entwicklungen wie  der Abfluss der Wertschöpfung, Arbeitsplatzverluste und Abwanderungstendenzen sollen so gestoppt werden. Angestrebt wird eine Entwicklung jenseits überkommener Wachstumsstrategien. Mit Lösungen im Kleinen, die aber auch erreichbar sind, sollen die Resilienz der Region gestärkt und die Kooperation gefördert werden. Im Zentrum stehen Subsistenz und Suffizienz. Konkret heißt das: Regionale Kreisläufe fördern, energieautarke Regionen schaffen, Regionalwährungen einführen usw. Unter dem Motto „Kooperation statt Konkurrent“ geht es um Wohlstand für alle. In Workshops werden dabei die Bürger/innen, Vereine, Unternehmen, Schulen und natürlich Politik und Verwaltung systematisch einbezogen. Ein kommunaler Wohlstandsindikator wurde erarbeitet, in drei Gemeinden bereits eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt.

Erste Erfolge können festgehalten werden: Es gibt eine gemeindeübergreifende Kooperation im Energiesektor und bei der Tourismusvermarktung. Viele Projekte im Bereich Nachhaltigkeit (Green Event, Car-Sharing, Car-Sharing für Behindertenbusse) sind entstanden, diverse Sozialgenossenschaften (VINTERRA) wurden gegründet und stärken die regionalen Wirtschaftskreisläufe. Ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung ist deutlich spürbar – aber es gibt auch noch viel Potenzial für weitere Entwicklungen.

Die Präsentation von Jörn Wiedemann steht als PDF-Datei zur Verfügung.

Literaturhinweis:

Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Wien 2010

Homepage: https://www.ecogood.org/


ReferentInnen

Reiner Erben
Berufsmäßiger Stadtrat, Referat für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration
Rathausplatz 2 a
86150 Augsburg
Tel:   0821/324-4801, Fax:  0821/324-4805
E-Mail Referat: umweltreferat@augsburg.de

Dr. Michael Kopatz
Projektleiter,  Forschungsgruppe 2: Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik, Wuppertal-Institut 
Döppersberg 19
42103 Wuppertal
Tel.: 0202/2492-148 | Fax: 0202/2492-250
E-Mail: michael.kopatz@wupperinst.org

Friederike Rohde
Dipl. Soz. tech., wiss. Mitarbeiterin, TU Berlin, Zentrum Technik und Gesellschaft
Hardenbergstr. 16-18
D-10623 Berlin
E-Mail: rohde@ztg.tu-berlin.de

Silvia Hable
Transition Netzwerk e.V., Vorstandsmitglied
E-Mail: verein@transition-initiativen.de

Eva Leipprand
Bürgermeisterin a.D., Augsburg 
E-Mail: Eva.Leipprand@gmx.de

Dieter Gewies
1. Bürgermeister a.D., Furth bei Landshut
E-Mail: dieter.gewies@gmx.de

Cord Soehlke
Baubürgermeister, Tübingen
Brunnenstraße 3
72074 Tübingen
Tel.: 07071/204-2260 
 E-Mail: cord.soehlke@tuebingen.de

Jörn Wiedemann
Berater, Terra Institut Deutschland
Schwanthalerstr. 120 | D-80339 München
Tel.: 0174/338 24 65
E-Mail: j.wiedemann@terra-institute.eu
Internet: http://www.terra-institute.eu/


Veranstaltungsort
Augsburg



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15.10.2015 - 18:30 bis 20:30

Was Strom wirklich kostet

 

Als Hausherr begrüßte Jens Mühlhaus, Vorstand von Green City Energy, die Kooperationspartner, alle Gäste und das FÖS.

Swantje Fiedler, Energieexpertin des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, erläuterte in ihrem Vortrag zunächst die Zusammensetzung des Haushaltsstrompreises in Deutschland und zeigte die Entwicklung der unterschiedlichen Strompreiskomponenten (insbesondere der EEG-Umlage) seit 2000 auf. Eine wesentliche Erkenntnis lautete, dass der vom Konsumenten bezahlte Strompreis nicht die „wahren“ gesellschaftlichen Kosten der Stromerzeugung in Deutschland widerspiegelt und dass insbesondere erneuerbare Energien dabei teurer erscheinen als sie es bei einer volkswirtschaftlichen Betrachtung sind.

Atom- und Kohlestrom haben demnach nur aufgrund vielfältiger, jahrzehntelanger staatlicher Zuschüsse einen so niedrigen Marktpreis. Diese Zuschüsse sind, anders als bei den erneuerbaren Energien, nicht auf den kWh-Preis umgelegt und auf der Stromrechnung ausgewiesen - und bleiben für den Stromkunden somit „unsichtbar“. Dennoch werden sie letzten Endes (über den Umweg des Staatshaushalts) vom Steuerzahler übernommen oder beeinträchtigen als „externe“ Kosten in Form von Umwelt- und Gesundheitsschäden die Lebensbedingungen heutiger und künftiger Generationen. In ihren politischen Schlussfolgerungen forderte Swantje Fiedler unter anderem, die wahre Zusammensetzung des Strompreises für den Bürger transparent zu machen und die externen Kosten durch einen Preis auf CO2-Emissionen zu internalisieren. Dazu müssten sowohl der europäische Emissionshandel radikal reformiert als auch nationale Abgaben auf CO2 eingeführt werden.

ReferentInnen

Swantje Küchler
Energieexpertin des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft/ FÖS e.V., Berlin

Moderation
Dr. Botho Kickhöfer

Veranstaltungsort
München, Orange Bar, Green City Energy, Zirkus-Krone-Str. 10 (5. OG)


Kosten
Eintritt frei!


Partner

Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS)


Art der Veranstaltung
Podiumsdiskussion



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02.10.2015 bis 04.10.2015

Agri | Kultur, Mobilität und Tourismus in den Alpen

 

Die Alpen sind, weit über die Hochgebirgsregionen hinaus, ein identitätsstiftender Lebens- und Kulturraum im Herzen Europas. Jedoch stellen Globalisierung, Klimawandel, Massentourismus und der zunehmende Transitverkehr den Alpenraum vor neuen Herausforderungen: So zeigt sich die Abwanderung von BewohnerInnen für viele strukturschwache Täler als ein massives Problem, aber auch die zunehmende Verstädterung von touristischen Ballungszentren, die agrarische und touristische Kleinstrukturen zerstört, gilt es kritisch zu betrachten. Daher sind kreative und energische politische Weichenstellungen gefordert.

Um zukunftsfähige, länderübergreifende Strategien für den Alpenraum zu entwickeln, haben am vergangenen Wochenende rund 100 TeilnehmerInnen aus Bayern, Liechtenstein, der Schweiz, Südtirol und Österreich unter der organisatorischen Leitung der Grünen Bildungswerkstatt Österreich im Tiroler Bergsteigerdorf Schmirn (Wipptal) gemeinsam über die Themen Mobilität, Tourismus, Kultur und (Land-)Wirtschaft diskutiert. Zu Gast waren dabei auch die beiden Landeshauptmannstellvertreterinnen Ingrid Felipe (Tirol) und Astrid Rössler (Salzburg) sowie der Vorarlberger Landesrat Johannes Rauch.

In Vorträgen, Workshops und Exkursionen wurden sowohl gesamtheitliche, theoretische Perspektiven beleuchtet als auch konkrete Lösungsvorschläge für einzelne Probleme erarbeitet. Die Vielfalt der Themen spiegelte die Diversität der Teilnehmer/innen wieder: Während Werner Bätzing die Folgen eines Zerrbildes der Alpen thematisierte, nahm Gerlind Weber in ihrer demografischen Analyse die Abwanderung von jungen Frauen aus den Dörfern in den Fokus und machte auf die ebenso bedenkliche Situation der meisten Gemeinden durch Überalterung und Unterjüngung aufmerksam. Eine Möglichkeit der Abwanderung von Frauen zu begegnen sah Josef Hechenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Tirol, in einer Umkehrung des traditionellen Rollenbildes: oft wäre es praktikabler, wenn die Frauen auspendeln und die Männer stattdessen die Höfe führen würden. Deutlich wurde aber auch, wie wichtig transparente Entscheidungsprozesse über die üblichen Diskussionen in den politischen Gremien hinaus sind.

Das breite Spektrum der Tagung wurde nochmals in der abschließenden Podiumsdiskussion erfahrbar, wo die verschiedenen Themen leidenschaftlich aber konstruktiv diskutiert wurden; trotz der oftmals unterschiedlichen Sichtweisen waren sich am Ende alle einig: für eine gute Zukunft des Alpenraumes ist eine verstärkte Zusammenarbeit von BewohnerInnen, Experten, PolitikerInnen und Institutionen in den Entscheidungszentren von immenser Bedeutung.

Grüne sind in allen Alpenländern (teilweise sogar sehr stark) politisch vertreten und durch ihren gemeinsamen Willen geeint, die Bergregionen als zukunftsfähigen Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten. Dieses Potential gilt es zu nützen: Alpenweite Probleme können nur über Grenzen hinweg angegangen und in der europäischen Politik nur mit einer geeinten Stimme hörbar werden.

Die Grünen setzen sich daher auf allen politischen Ebenen für die Umsetzung der Alpenkonvention als zentralem Abkommen zur Sicherung der Lebensgrundlagen des Alpenbogens ein. Als eine konkrete Maßnahme haben sich die Grünen verständigt, gemeinsame Vorschläge für einen zukunftsfähigen Alpenraum zu  erarbeiten und in den jeweiligen Landesparlamenten einzubringen.

ReferentInnen

Veranstaltungsort
Schmirn, Österreich


Partner

Grüne Bildungswerkstatt


Art der Veranstaltung
Konferenz



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01.10.2015

Kopenhagen – ein politischer Reisebericht

 

Wenn eine Stadt den Titel „europäische Umwelthauptstadt“ trägt, dann sagt dies noch nicht automatisch etwas über die Lebensqualität in dieser Stadt aus. Bei Kopenhagen, Titelträgerin im Jahr 2014, ist das anders: Die dänische Hauptstadt bemüht sich seit Jahren konsequent um Umweltschutz und Nachhaltigkeit und kann auf echte Erfolge verweisen.

Peter Gack und Gerd Rudel, die im Juni eine Bildungsreise nach Kopenhagen geleitet hatten, schilderten ihre Eindrücke und stellten einige vorbildhafte Projekte vor.  Im Mittelpunkt standen dabei die Verkehrspolitik (hier vor allem die Radverkehrsförderung), Energie und Klimaschutz sowie Stadtentwicklung.

Die Rahmenbedingungen für die Entwicklungen in Kopenhagen sehen so aus:  Die dänische Hauptstadt hat 580.000 Einwohner/innen, rund eine Million Menschen wohnen in der Region. Es gibt 79.000 Studierende und 350.000 Arbeitsplätze in Kopenhagen, was zu erheblichen Pendler-Aufkommen (170.000 täglich!) führt. Und Kopenhagen ist attraktiv und zieht 1.000 neue Einwohner/innen an - pro Monat wohlgemerkt.

Grüne Welle für die Radler: durch LED im Fahrbahnbelag angezeigt

Was in Kopenhagen sofort auffällt: ALLE fahren Rad: zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, zu jedem Zweck! Und das nicht, weil die Kopenhagener so umweltbewusst wären, sondern weil sie es als schnell, einfach, billig und bequem empfinden. Die Voraussetzung hierfür ist einfach: es gibt eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur: 

  • breite Radwege, die bequemes Nebeneinanderfahren und Überholen ermöglichen und auch Platz für Lastenräder bieten;
  • Radwege im Grünen abseits der Straßen: schnell, bequem, angenehm;
  • ein umfassendes Radwegenetz mit „Rad-Highways“ für besonders schnelles Vorankommen - auch in die Vororte;
  • Das Radfahren wird so bequem und sicher gemacht wie nur möglich - durch  Extra-Licht an Kreuzungen in der Nacht, „Grüne Welle“ für Räder, Abfalleimer am Rad-Highway, Fahrradbrücken für schnelle Verbindungen zwischen den Stadtteilen.

Vestervolgade: vom Blech befreit

Beeindruckend ist der Umgang mit dem öffentlichen Raum: Die Bereiche, in denen Fußgänger/innen und Radler/innen Priorität eingeräumt wird, haben seit der ersten Einrichtung einer Fußgängerzone im Jahr 1962 deutlich zugenommen. Und zwar nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Stadtteilen. Überall wurden Plätze dem (Auto-) Blech entrissen und in attraktive Plätze umgestaltet, die zum Verweilen, Flanieren oder auch nur zum Schauen einladen.

Hinsichtlich der Verkehrspolitik lässt sich festhalten: Wer den Rad- und Fußverkehr wirklich fördern möchte, muss entsprechende Infrastruktur-Angebote machen. Diese kosten Geld und werden in aller Regel zu Lasten des Autoverkehrs gehen. Ab einer bestimmten Größenordnung braucht der Radverkehr eine separate Infrastruktur. Die Ergebnisse einer solchen Verkehrspolitik, die in Kopenhagen zu besichtigen ist, sind beeindruckend.  Es gibt nur 177 Kfz pro 1000 EW, auf jeden Privat-PKW kommen fünf Räder! Der Weg zum Arbeits- oder Ausbildungsplatz in Kopenhagen wird zu 45% mit dem Rad, zu 27% mit dem ÖPNV, zu 5% zu Fuß und nur zu 23% mit dem Auto zurückgelegt - und darin sind auch alle Pendler/innen enthalten. Wer in Kopenhagen selbst wohnt, legt diesen Weg sogar zu 63% mit dem Rad zurück. Auf den meist befahrenen Rad-Routen sind pro Tag über 40.000 Radler/innen unterwegs. Die Kopenhagener legen 1,3 Mio. km per Rad PRO TAG zurück.

Sanierter Innenhof in Vesterbro

Das Thema Stadtentwicklung diskutierten Gack und Rudel am Beispiel der Stadtteile Vesterbro, Nørrebro und Ørestad. In Vesterbro  wurde das größte Stadterneuerungsprogramm der dänischen Geschichte umgesetzt, bei dem Staat und Kommune Sanierungskosten (Dach und Fassade) zu 100 % förderten. Mit insgesamt über 500 Mio. Euro und in engem Dialog mit den Bewohner/innen wurde aus dem ehemaligen Glasscherbenviertel ein familienfreundlicher Stadtteil mit einem hohen Anteil von Genossenschaftlseigentum und viel Mitbestimmung. Vorbildlich sanierte Innenhöfe, die Attraktivierung des öffentlichen Raums und die mittlerweile entstandenen Cafés, Bars, Restaurants und Designerläden (v.a. auf dem ehemaligen Schlachthof-Gelände) haben Vesterbro inzwischen zu einem der angesagtesten Kopenhagener Stadtteile werden lassen. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist allerdings eine deutliche Gentrifizierung: die ärmsten Bevölkerungsschichten wurden verdrängt, jetzt dominieren  Akademiker und die „kreative Klasse“, es gibt deutlich weniger Arbeitslose und weniger Einwanderer als in anderen Teilen Kopenhagens.

Grüne Oase mitten in der Stadt: Urban Gardening in Nørrebro 

Auch  Nørrebro war einmal ein innenstadtnahes Arbeiterviertel, in dem Sanierungsprojekte der 70er Jahre zu massiven Auseinandersetzungen mit der Wohnbevölkerung führten und letztlich scheiterten. Es gab einen starker Zuzug von Migrant/inn/en  und Probleme mit Drogenhandel und Kriminalität.  Nørrebro ist auch heute immer noch sehr multikulturell, mittlerweile aber auch bei Studierenden und jungen Familien sehr beliebt. Es gibt dort sehr viele, oft ökologisch orientierte Start-ups. Kommunale Projekte wie die Gestaltung des Superkilen-Platzes oder das "urban gardening" fördern den Umbau  des Stadtteils. Einige Straßen wie die Jægersborggade haben es auf diese Weise bereits geschafft, vom Kriminalitätsbrennpunkt zur Touristenattraktion zu avancieren.

Ørestad, Kopenhagens jüngster Stadtteil,  ist eine der Reaktionen auf den starken Bevölkerungszuwachs. Auf einem ehemaligen Militärgelände in verkehrsgünstiger Lage auf der Insel Amager gelegen (Nähe zum Flughafen, zur Øresund-Bahnlinie und –Autobahn), bietet dieser neue Stadtteil im Grünen (am Meer, zwischen Naturschutz-Gelände und landwirtschaftlichen Nutzflächen) große Entwicklungschancen: 20.000 EW, 60.000 Arbeitsplätze, 20.000 Studierende und Schüler/innen soll es hier nach der Fertigstellung geben. Im Gegensatz zu anderen Stadtteilen lag die Quartiersentwicklung und Bautätigkeit dort weitgehend in privater Hand. In den 90er Jahren hatte der in Europa um sich greifende Neoliberalismus mit seinen Privatisierungsstrategien nämlich auch im (ehemaligen) Sozialstaat Dänemark Fuß fassen können. Diese marktorientierte Stadtentwicklung sorgte in Ørestad zwar für etliche architektonische Highlights - doch diese blieben oftmals ohne Bezug zum öffentlich Raum. Ansonsten dominiert eher architektonische Beliebigkeit. Die optimale Kapitalverwertung steht eindeutig im Vordergrund: Die Shopping-Mall „Field‘s“, das größte Einkaufszentrum in Skandinavien, verstößt sogar eigentlich gegen dänisches Recht! Urbanität im öffentlichen Raum dagegen: Fehlanzeige. 

Architektonisch durchaus beeindruckend: 8-Haus in  Ørestad

Aus Sicht der Referenten muss deshalb aus der Entwicklung in Kopenhagen der Schluss gezogen werden, dass Stadtplanung in kommunaler Hand bleiben muss und die Partizipation der Bewohner/innen eine wesentliche Erfolgsvoraussetzung ist. Kommunale Planung muss den Rahmen für zivilgesellschaftliche und ökonomische Initiativen schaffen. Eine rein marktorientierte Planung nützt jedoch nur der Kapitalverwertung, nicht aber den Menschen.

Große Anstrengungen unternimmt Kopenhagen auch im Bereich des Klimaschutzes. Dies nicht zuletzt im eigenen Interesse, denn Starkregen-Ereignisse führen in einer vom Wasser umgebenen Stadt rasch zu katastrophischen Folgen. So ist der Bau von groß dimensionierten Regenwasserbecken und die Anlage von umfangreichen Retentionsflächen eine echte Selbstschutzmaßnahme. Ergänzt werden diese durch die Maßnahmen zur CO2-Reduktion in allen denkbaren Bereichen: in der Strom- und Wärmeproduktion, bei der Mobilität, in Sachen Energieeffizienz usw. Die Stadtverwaltung geht dabei selbst mit gutem Beispiel voran:  Alle kommunale Neubauten haben hohe Energiestandards, die städtischen Fahrzeuge sind mit Alternativantrieb ausgerüstet. Der Stromverbrauch für die Straßenbeleuchtung  wird halbiert und 60.000 qm Solarfläche sollen auf existierenden kommunalen Gebäuden installiert werden. Besonders vorbildlich ist die Versorgung mit Bio-Lebensmitteln in den kommunalen Einrichtungen: Bereits 2013 war dies zu 79% der Fall, im Laufe des Jahres 2015 sollen 90% erreicht werden. Dass die ambitionierten Ziele (Klimaneutralität bis zum Jahr 2025!) auch erreicht werden, dazu tragen nach den Eindrücken von Gack und Rudel nicht zuletzt  die motivierten und fachlich gut ausgebildeten Mitarbeiter/innen in der Verwaltung und bei den Stadtwerken bei, die sich mit den Zielen identifizieren.

Alle Fotos: © Gerd Rudel

Viele weiterführende Links und etliche Literaturhinweise sind im Rückblick auf die eigentliche Reise zu finden. Bitte klicken Sie hier!

ReferentInnen

Peter Gack
GRIBS-Geschäftsführer, Stadtrat, Bamberg

Dr. Gerd Rudel
Politologe, Bildungsreferent, Petra-Kelly-Stiftung, Bamberg

Veranstaltungsort
Bamberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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22.09.2015 bis 23.09.2015

Kohle: Daten und Fakten über einen globalen Brennstoff

 

Deutschland ist Weltmeister! Leider nicht nur im Fußball, sondern auch bei der Förderung von Braunkohle. Aber nicht nur die Braunkohle, auch die Steinkohle hinterlässt Spuren. Ein Viertel der deutschen Treibhausgase kommt aus den 30 größten Kohlekraftwerken. Doch mit seinem Kohle-Hunger steht Deutschland weder in Europa noch in der Welt alleine da. Die Regierungen der 20 größten Industriestaaten subventionieren die Suche nach neuen fossilen Rohstoffen jährlich mit vielen Milliarden US-Dollar, obwohl diese Projekte keine Zukunft haben. Hinzu kommen die teilweise dramatischen Schäden am Klima, an der Umwelt und am Menschen.

Von all dem berichtet der Kohleatlas. Er erscheint zu einer Zeit, in der gerade in Deutschland eine intensive Diskussion um die Zukunft des Energiesektors in Gange ist. Tatsächlich geht es um den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung.

In unseren Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen in Landshut und Schweinfurt stellten wir die wichtigsten Daten und Fakten aus dem Kohleatlas vor und diskutieren über die möglichen Alternativen. Dabei wurde von den jeweiligen Diskussionspartnerinnen sehr deutlich gemacht, dass - erstens - eine Energiewende sich auf mehr als nur den Stromsektor beziehen müsse (nämlich auch den Wärme- und den Mobilitätssektor einbeziehen müsse), dass - zweitens - diese Energiewende nur gelingen könne, wenn die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen gesetzt werden und dass - drittens - gerade die bayerische Staatsregierung derzeit alles tue, um dies zu verhindern.

Die Präsentation von Arne Jungjohann, die die Grundlage für unsere Diskussionen bildete, können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Den Kohleatlas selbst können Sie bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Papierform bestellen oder in verschiedenen Formaten herunterladen. Bitte klicken Sie dazu hier.

ReferentInnen

Arne Jungjohann
Ko-Autor des "Kohle-Atlas". Politikwissenschaftler und selbstständiger Berater. Er berät Stiftungen, politische Organisationen, Think-Tanks, Unternehmen und die Zivilgesellschaft mit den Schwerpunkten politischer Kommunikation, strategischer Ausrichtung und fachlicher Expertise in der Umwelt-, Klima- und Energiepolitik. Zuvor arbeitete er für die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg, die Heinrich-Böll-Stiftung in Washington DC, den Bundestagsabgeordneten Reinhard Loske und im familieneigenen Betrieb.

Kommentare und Diskussion in Schweinfurt:

Edo Günther
Bund Naturschutz, Vorsitzender Kreisgruppe Schweinfurt, Sprecher des BUND-Arbeitskreises Atomenergie und Strahlenschutz

Gunter Häckner
Energieberater, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbarer Technologieprojekte im Landkreis Haßberge mbH (GUT Haßberge) 

Kommentare und Diskussion in Landshut: 

Kathy Mühlebach-Sturm
Dipl. Chemikerin, Vorsitzende Bund Naturschutz, Kreisgruppe Landshut, Aufsichtsratsmitglied Bürgerenergie Isar eG

Rosi Steinberger, MdL
Mitglied im Ausschuss für Umwelt- und Verbraucherschutz, Sprecherin für Forschungspolitik, Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag
 

Veranstaltungsort
Schweinfurt / Landshut


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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Dokument

Booklet der Alternativen

Ermutigung zu einem "anderen" Konsum

Durch unser Konsumverhalten tragen wir in vielerlei Weise zu sozialer Ungerechtigkeit, zu Ressourcenverschwendung und zur Schädigung unserer Umwelt bei. Doch in jedem Bereich gibt es auch entsprechende Verhaltensalternativen. Das Booklet, das vom Change e.V. konzipiert und vorgelegt wurde, versucht diese Alternativen systematisch aufzuzeigen.

Das so entstandene "Booklet der Alternativen" ist eine Anleitung ohne Masterplan. Es ist keineswegs
vollständig. Aber es ist eine Anregung, etwas Neues auszuprobieren und an den notwendigen Verhaltensänderungen mitzuarbeiten.

Das Booklet gibt es gedruckt und als PDF-Datei (rund 8 MB) zum unentgeltlichen Herunterladen.

Bitte machen Sie von dieser Möglichkeit zahlreich Gebrauch und verbreiten Sie diese nützliche Broschüre gern weiter!


Partner

Change e.V., Bamberg

CHANGE – Chancen.Nachhaltig.Gestalten e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Bamberg, der die Verbesserung von Bildungs- und Lebenschancen von Menschen weltweit zum Ziel hat. Er wurde 2010 auf Initiative engagierter Studenten und Dozenten der Universität Bamberg gegründet. Die Schwerpunkte der Vereinsarbeit liegen in der Förderung von selbsttragenden Entwicklungszusammenarbeitsprojekten (EZ-Projekte) mit Bildungsbezug in Afrika (bspw. Förderung von Schulprojekten in Côte d’Ivoire und Zimbabwe) und der Bildungsarbeit (Bildung für nachhaltige Entwicklung/Globales Lernen) in Deutschland (bspw. im Rahmen der Multiplikatorenfortbildung „Nachhaltige Entwicklung für Alle“).



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19.06.2015 bis 20.06.2015

Zwei Jahre nach der Flut: ökologische und ökonomische Perspektiven...

Rückblick

Fast exakt zwei Jahre nach der verheerenden Flut im Juni 2013 informierte sich die Petra-Kelly-Stiftung im Rahmen einer kurzen Bildungsreise über die ökologischen und ökonomischen Perspektiven der Passauer Region.

Vom Wasser aus verschaffte sich die die Gruppe auf einer kurzen Schifffahrt auf der „MS Sissi“ einen ersten Überblick über die „Drei-Flüsse-Stadt“. Neben einer wunderbaren Aussicht auf Passau konnte man vom Schiff aus die unterschiedlichen Wassereigenschaften der drei Flüsse Ilz, Donau und Inn sehr gut erkennen.



Vom Schiff aus gut zu erkennen: die wärmere und schlammigere Donau (bereits mit dem schlammigen Ilz-Wasser vermischt) und rechts im Bild das Gebirgswasser des Inn.

In einer etwa 2-stündigen Führung erläutert der Passauer Stadtrat Stephan Bauer (Bündnis 90/ Die Grünen) den Teilnehmenden nicht nur wichtige Sehenswürdigkeiten, sondern auch die von diesen drei Flüssen geprägte besondere Lage seiner Heimatstadt. Die Ausmaße des Hochwassers von 2013 werden eindrucksvoll an den Wasserstandsmarken am alten Rathaus deutlich. Der am 3. Juni gemessene Höchststand lag mit 12,89 Metern nur etwa 30 Zentimeter unter der von 1501. In den umliegenden Gassen und vor allem in der Inn-Stadt ist noch erkennbar, dass im Sommer vor zwei Jahren hier alles unter Wasser stand. Zwar wurden die Stadt und ihre Gebäude großteils schnell  saniert und renoviert. Dennoch gibt es immer noch etliche Häuser, die bis heute nicht fertiggestellt wurden.

 

Laut Bauer war ein großer Teil der ehrenamtlichen Flut-Helfer/innen Studierende aus Passau. Sie wurden mit Hilfe von „social media“ wie Facebook und Twitter und von dem von Stephan Bauer selbst geführten „KaffeeWerk“   koordiniert. Da sein Café noch über Internet und Strom verfügte, entschloss er sich spontan, die Koordinierung und Verpflegung der Helfer/innen zu übernehmen. „Das Verhältnis der ‚Einheimischen‘ und der Studierenden hat sich dadurch“, so Stephan Bauer, „merklich verbessert.“    

Dennoch beschäftigt die Frage nach einem effektiven Hochwasserschutz für kommende Fluten die Stadt bis heute. 

Über die Reaktivierung der ehedem stillgelegten Bahnstrecke von Passau nach Freyung informierte Hermann Schoyerer, Vorstandsmitglied des Fördervereins Ilztalbahn.  Bereits im Jahr 1982 war der Personenverkehr auf dieser Strecke eingestellt worden, die seither nur noch für Gütertransporte und von der Bundeswehr genutzt worden war. Der Förderverein hatte es sich dann zur Aufgabe gemacht, die Schieneninfrastruktur zu erhalten und wieder betriebsbereit zu machen. Am 16. Juli 2011 konnte so die Ilztalbahn wieder in Betrieb genommen werden. Seitdem gibt es an den Wochenenden und an Feiertagen von Mai bis Oktober einen regelmäßigen Zugverkehr, der von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen durchgeführt wird. Auch der Güterverkehr wurde inzwischen wieder aufgenommen. Durch die Vernetzung mit regionalen Partnern wie der Tarifgemeinschaft Bayerwald-Ticket, der Tschechischen Bahn CD in Südböhmen und durch Anschluss-Busverkehre im Landkreis Freyung-Grafenau konnte sich – so Schoyerer – die Ilztalbahn allmählich als wichtiger Baustein für den öffentlichen Nahverkehr in der Region und für eine Mobilität ohne Auto etablieren. „Ziel bleibt jedoch die Wiederaufnahme des Regelbetriebs auch wochentags“, betonte Schoyerer. Die Teilnehmenden zeigten sich beeindruckt vom Engagement der Ehrenamtlichen, vom modernen Zugmaterial und von der Pünktlichkeit der Züge.

Am Bahnhof in Fürsteneck stieß der Gebietsbetreuer Ilz, Dipl.-Ing. Stephan Poost zur Gruppe. Neben Informationen zum örtlichen Tier- und Pflanzenbestand ging er auch auf die Naturschutzbestimmungen im Ilz-Raum ein. Hier sieht er deutliche Defizite gegenüber den Maßnahmen der Nachbarländer Österreich und Tschechien. Vor allem das Radverkehrsnetz sei dort besser ausgebaut, ein Befahren der Wege entlang der Ilz ist auf bayerischem Gebiet offiziell verboten.          

Die Geschichte der Ilz und ihre große Bedeutung für die Flößer aus dem Bayerischen Wald, die ihre Baumstämme auf diese Weise in mehreren Wochen andauernden Holztriften nach Passau transportierten, veranschaulichte Poost mit Hilfe von alten Fotografien aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert.

Veranstaltungsort
Passau


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



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