Schriftgröße ändern

Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

08.03.2017

Welche Landwirtschaft macht uns alle in Zukunft satt: „intensiv und...

 

Vor dem Hintergrund der stetig wachsenden Weltbevölkerung ist es eine der drängendsten Fragen, mit welcher Form der Landwirtschaft und Ernährung möglichst alle Menschen satt werden. Die welt- weite Intensivierung der Landwirtschaft ist keine Lösung, weil bereits jetzt ihre Kollateralschäden und externen Kosten zu hoch sind.

Die „High-Input-Landwirtschaft“ ist zudem fast immer mit Wachstum und Verdrängung kleinerer Be- triebe verbunden. Der Weltagrarbericht aber betont die Wichtigkeit des Erhalts und der Stärkung vie- ler bäuerlicher Betriebe und Kleinproduzenten hier und weltweit.

Katrin Wenz: Vegan ist in – aber welche Landwirtschaft ist ökologisch sinnvoll?

Die Referentin stellte der öffentlich mittlerweile sehr präsenten veganen Ernährungsweise eine aktuelle US-Studie zur Ernährung gegenüber, derzufolge mit einer Ernährung, die auch einen kleinen Anteil an Fleisch und Milchprodukten enthält, sogar mehr Menschen ernährt werden können als mit einer rein pflanzlichen Ernährungsweise. Die komplett tierfreie Ernährung würde viele Flächen ungenutzt lassen, denn rund 40 % der weltweiten Landfläche sind Wiesen und Weiden.

Wenz betonte aber nachdrücklich, dass es bei der gegenwärtigen Ausrichtung der Tierhaltung eigentlich nur Verlierer gebe. Der Fleischboom ohne Futtergrundlage führe zu massiven ökologischen Problemen durch Gülle- und Nitratüberschuss. Auch die Tierwohldebatte zeigt, dass ein Umbau der Tierhaltung zu einem „weniger ist mehr“ dringend nötig ist. Als ökologische Alternative zur industriellen Tierhaltung beschrieb Wenz die Vorstellungen des BUND von einer Landwirtschaft mit geschlossenen Betriebskreisläufen statt globaler Nährstoffströme. Um zukünftig in diese Richtung zu steuern, sei eine klare Kennzeichnung der Tierhaltungsform notwendig.

In der Diskussion äußerten Landwirte ihre Bedenken zur veganen Ernährung, weil dadurch z.T. sehr massiv und kompromisslos jegliche Form der Tierhaltung abgelehnt werde, auch wenn sich die Landwirte um artgerechte Haltung bemühen. Einig war man sich aber, dass die vegane Bewegung einen Trend gesetzt und durch ihren Verzicht und ihre Forderung eine Diskussion zur Tierhaltung in Gang gebracht hat, die zu führen letztlich allen nützt.

Marion Ruppaner: Landesnetzwerk Bayern Bauernhöfe statt Agrarfabriken – aktuelle Aktivitäten und Positionen

2014 wurde in Bayern das Landesnetzwerk gegründet, um neue Mastanlagen und Milchviehställe oberhalb der Schwelle der Umweltverträglichkeitsprüfung zu verhindern. Marion Ruppaner stellte die bisherigen Erfolge des Bündnisses sowie aktuelle Aktivitäten dar. Als Positivbeispiele für den nötigen Aufbau regionaler Qualitätsmarken mit hohem Tierwohlstandard nannte Ruppaner neben den bekannten und langjährig etablierten Labeln von Neuland und denen des Ökolandbaus auch das Siegel des Deutschen Tierschutzbunds sowie die GVO-freie Fütterung der Tiere als Einzelbaustein der Veränderung. Hinzu kämen neue Entwicklungen wie z.B. die Strohschwein-Initiative einer Metzgerei im oberfränkischen Landkreis Hof, über die auch Kantinen großer Industrieunternehmen wie Audi und BMW versorgt werden sollen.

In der Diskussion ging es u.a. um die Abgrenzung zu industriellen Betrieben, wie sie unabhängig von den Tierzahlgrenzwerten zu definieren seien. Nach Ruppaner ist der Begriff „bäuerlich“ zu verknüpfen mit den genannten Größenordnungen der UVP-Pflicht. Der Kampfbegriff Massentierhaltung ist wichtig und etabliert in der öffentlichen Diskussion.

Christine Weißenberg: Wie die Allianz von Futtermittelimporten und Exportstrategie eine weltweite Ernährungssouveränität verhindert

Zunächst beleuchtete Weißenberg die Milchbranche und illustrierte mit Grafiken die Schere aus stark steigenden Milchpulver-Exporten bei gleichzeitig sinkenden Erzeugerpreisen. Auch in der Schweinefleischbranche sorgt die Exportstrategie hier wie anderswo für Druck auf die Erzeuger. Der massive Import von Eiweißfuttermitteln führt in den Ländern des Südens zu Armut, Hunger und Vertreibung. Freihandel und die neue Generation von Handelsabkommen bilateraler Art waren weitere Themen.

Diesen Entwicklungen weltweiter Handelsverflechtungen mit dem Bestreben nach Marktzugang und Exportwachstum stehe das Konzept der Ernährungssouveränität entgegen. Hier spannte sie einen weiten Bogen vom konkreten AbL-Projekt Eiweißfutter aus Niedersachsen (EFN) für regional erzeugte Futtermittel bis hin zu den Aktivitäten der weltweiten Bauern- und Landlosenbewegung VIA Campesina.

Dr. Nikola Patzel: Worauf fahren die „Vollgasbauern“ ab und was trägt „bäuerliche Bauern“? Wie können wir mit Motivationen und Faszinationen in der Landwirtschaft besser umgehen?

Nicht nur für die „Vollgasbauern“ selbst kann es hilfreich sein, etwas mehr zu verstehen: Warum fahren viele wachstumsorientierte Produzenten so sehr auf das ihnen Verheißene ab und wovon sind sie eigentlich innerlich getrieben? Und was treibt und trägt Menschen mit „Bio-“ oder „bäuerlichen“ Idealen? Was ist das eigene, bäuerliche Selbstverständnis und woraus speist es sich? Anschaulich beschrieb er in seinem bildstarken Vortrag, dass es auf den Höfen grundsätzlich darum gehe, die Balance zwischen den eigenen inneren Bedürfnissen und den äußeren Ansprüchen zu finden. Denn das Ich-Bewusstsein liege zwischen einer Innen- und einer Außenwelt, die das Selbstbild prägen. Auch das Verhältnis zwischen Männlichem und Weiblichem spielt dabei eine wichtige Rolle, was er mit einer Gegenüberstellung der Heldengestalt des Prometheus und der Demeter deutlich machte.

In der sehr lebendigen Diskussion machte er deutlich, dass es um die Erkenntnis gehe, dass jeder – Vollgasbauer oder bäuerlicher Bauer - beide Seiten in sich trägt. So könne man sich auch im anderen wiedererkennen – um sich als Menschen mit nicht nur äußeren, sondern auch inneren Antrieben besser zu verstehen. Nur von da aus – und nicht aus der Konfrontation heraus - sei ein ehrlicher Austausch möglich, der eventuell dem einen oder der anderen helfen kann, von einer Zerrissenheit zum eigenen Gleichgewicht zu finden.

Konrad Schmid: Welche Rahmenbedingungen kann Bayern für eine zukunftsfähige Landwirtschaft bereitstellen?

Schmid  beleuchtete ausführlich die bayerische Wirtschaftskraft und Agrarstruktur und nahm zu aktuellen agrarpolitischen Diskussionsthemen Stellung. Einer kritischen Bestandsaufnahme zur Milchkrise folgten Darstellungen zu den Produktions- und Verarbeitungsstrukturen für landwirtschaftliche Erzeugnisse in Bayern. Zum Schluss Schmid auf die künftigen Europäische Agrarpolitik, die Weiterentwicklung der GAP und auf Reformvorschläge aus bayerischer Sicht ein.

In der Diskussion wollten einige Teilnehmer der großteils positiven Darstellung nicht zustimmen und fragten, warum wir auch in Bayern nicht weiterkommen bezüglich des Gesundheitszustands der in den Schlachthöfen angelieferten Tiere, des massiven Artenrückgangs, z.B. beim Bestand der Feldlerche. In den Hochglanzbroschüren des Ministeriums werde Wahrheit und Klarheit vermisst. Auch Bayern setze zu sehr auf die Exportstrategie und Weltmarkt, z.B. wenn Minister Brunner mit Reisen nach China den Fleischkonsum ankurbeln wolle.

ReferentInnen


Katrin Wenz
wiss. Mitarbeiterin Agrarpolitik, Bund für Umwelt u. Naturschutz Deutschland (BUND)

Marion Ruppaner
Agrarreferentin Bund Naturschutz in Bayern (BN)

Christine Weißenberg
Dipl.-Agraringenieurin, Redakteurin der „Unabhängige Bauernstimme“

Dr. Nikola Patzel
Bodenwissenschaftler und Psychologe

Konrad Schmid
Ltd. Ministerialrat, Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Leiter der Abteilung für Grundsatzfragen der Agrarpolitik

Veranstaltungsort
Ampfing


Partner

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V., Landesverband Bayern 


Art der Veranstaltung
Tagung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

20.02.2017

Steuergeschenke für den Diesel: Wie der Staat die Luftverschmutzung...

 

Fast die Hälfte aller Autos, die in den letzten Jahren in Deutschland neu zugelassen wurden, hatte einen Dieselantrieb. Das muss niemanden wundern: Schließlich wird Dieselkraftstoff hierzulande deutlich geringer besteuert als Benzin und ist damit an der Tankstelle günstiger.

Aus ökologischer und gesundheitlicher Sicht zu Unrecht: Dieselfahrzeuge gehören zu den größten Luftverschmutzern in Deutschlands Städten und sind im Durchschnitt aller Neufahrzeuge nicht klimafreundlicher als Benziner. Auch die anderen Steuern im Straßenverkehr erfüllen ihre Ziele kaum. Die Steuerbefreiung von Euro-6-Dieseln verpuffte wirkungslos, weil kaum einer der Motoren in der Realität die geforderten Grenzwerte eingehalten hat. Und auch durch die Tricksereien beim CO2-Ausstoß entgehen dem Staat jährlich Steuereinnahmen in Milliardenhöhe, ohne dass das Klima oder die Atemluft besser würden.

Diese Thesen beleuchtete Alexander Mahler in seiner Präsentation, die Sie hier herunterladen können.

Energiewende im Verkehrssektor

Ziel der Bundesregierung ist, die Treibhausgasemissionen bis 2050 gegenüber 1990 um 80-95% zu vermindern. Dieses Reduktionsziel betrifft alle Prozesse. Zwischen 1990 und 2012 haben alle anderen Sektoren mehr eingespart als der Verkehrsbereich – so haben z.B. Gewerbe, Handel und Dienstleistungen ein Minus von 48% erreicht! Beim Verkehr sind es lediglich minus 6%. Ursache sind die gestiegenen Personenkilometer und ein sich exorbitant vermehrender Güterverkehr. Effizienzfortschritte in der Fahrzeugtechnik werden hierdurch weitgehend kompensiert. Fazit aller Studien: Bisher wurden alle Ziele nicht ernst genommen und daher verfehlt. Wie kann die Wende gelingen?  

  • Vermeiden (weniger Straßenverkehr)
  • Verlagern (ÖPNV, Schiene)
  • Verbessern (Effizienzsteigerung, neue Technologien).  

Machen es andere Länder besser? Ja, aber mit unterschiedlichen Mitteln. Z.B. höhere Kraftstoffsteuer, höhere LKW-Maut, City-Maut, weniger Subventionen, Flottengrenzwert, Tempolimits, Zugangsbeschränkungen, Investitionen in Schiene und ÖV, Fahrrad-Infrastruktur, Förderung F+E.

Eine interessante Information am Rande: Bis 2050 wird der Luftverkehr über Deutschland zum größten CO2-Emittenten werden. Dies ist besonders deshalb kritisch, weil sich bei Flugzeugen alternative Antriebsmittel bzw. Treibstoffe kaum werden finden lassen. Bio-Treibstoff sollte daher möglichst dort und nicht im Straßenverkehr verwendet werden. 

Externe Kosten und Kraftstoffe im Vergleich

Externe Kosten  sind nicht kompensierte Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf unbeteiligte Marktteilnehmer. Die Kosten der Nebenwirkungen werden also nicht vom Verursacher getragen.  

Leider wurde in der Vergangenheit beim Vergleich der externen Kosten von Diesel und Benzin stets nur der Verbrauch und die CO2-Emission herangezogen. Rechnet man jedoch die externen Kosten durch Stickoxide (NOX) hinzu, so schneidet der Diesel um ca. 20% schlechter ab (ca. € 1,90 zu € 2,40 pro gefahrenem Kilometer). Stickoxide sind insbesondere verantwortlich für Gesundheitsschäden (Herz/Kreislauf, Atemwege, Allergien) sowie Biodiversitätsverluste. Faustformel: Auf jeden Euro, den der Bürger für das Autofahren ausgibt, muss die Allgemeinheit mindestens einen weiteren Euro externer Kosten drauflegen.

Mag der CO2-Ausstoß pro Kilometer in der EU immer niedriger geworden sein - zwischen Diesel und Benzin besteht heute kein Unterschied mehr bei der CO2-Emission. Denn die Leistung und das Gewicht der Fahrzeuge (mit Schwerpunkt in der Oberklasse, bei Geländewagen und SUV) liegt bei Dieselfahrzeugen deutlich höher als bei Benzinern. Hinzu kommt, dass beim Dieselmotor die Potentiale zur Verbesserung nahezu ausgeschöpft sind, beim Benzinmotor noch keineswegs! Und: Die Dieselnachfrage kann schon längst nicht mehr aus dem Inland gedeckt werden. 

Steueraspekte

Die Steuersätze für Treibstoff sind seit 2003 unverändert. Da die Benzin- und Dieselsteuer eine Mengensteuer ist (also ein fester Betrag pro Liter) ist ihr fiskalischer Wert heute wesentlich geringer als 2003 – bedingt durch die Inflation.  

Darüber hinaus werden die Abweichungen von Soll-Verbrauch (laut Herstellerangabe und daher für die Steuer maßgeblich) und Ist-Verbrauch immer größer. Zwischen 90% und 100% der Fahrzeuge verbrauchen (deutlich) mehr als angegeben. Der Grund liegt in „idealisierten“ Testverfahren der Hersteller, bei denen unter unrealistischen Bedingungen gemessen wird. Allein deswegen sind dem Staat zwischen 2010 und 2015 ca. € 3,3 Mrd. entgangen. Zusammen mit der Dieselförderung sowie Zuschüssen für Dieselfahrzeuge  ergibt sich ein (umweltschädliches) Fördervolumen von € 19 Mrd. 

Forderungen

Wesentliche Forderung des FÖS ist, mehr Logik in die Besteuerung zu bringen: Schädlicher Treibstoff muss höher besteuert werden. Da außerdem das reale (!) Aufkommen aus der Kraftstoffbesteuerung seit Jahren sinkt, sollte dieser Rückgang kompensiert werden. Hierfür wäre – nur um auf den Stand von 2003 zu kommen – eine Erhöhung der Benzinbesteuerung um 12 Cent und der Dieselbesteuerung um 9 Cent nötig. Zudem sollte man dem Vorbild von Staaten wie den Niederlanden, Schweden oder Dänemark folgen und die Kraftstoffsteuer indexieren, die Steuer also prozentual und nicht auf den Liter bezogen erheben. Mehreinnahmen durch diese Steuern müssen durch Verminderung anderer Steuern (z.B. auf Arbeit) an die Bürger zurückfließen. 

ReferentInnen

Alexander Mahler
Stellvertretender Geschäftsführer sowie Leiter Verkehrs- und Agrarpolitik des FÖS 

Veranstaltungsort
München


Partner

FÖS (Forum Ökologisch Soziale Marktwirtschaft), Regionalgruppe München


Art der Veranstaltung
Vortrag & Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

01.07.2016 bis 02.07.2016

Der Landkreis Miltenberg und die Rahmenbedingungen grün-alternativer...

 

Im Rahmen unserer Bildungsreisen befassen wir uns seit Jahren mit den Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten grün-alternativer Kommunalpolitik in Bayern. Die Wahl Jens Marco Scherfs zum Landrat im Jahr 2014 war Anlass genug, uns im Landkreis Miltenberg im äußersten Nordwesten Bayerns umzusehen.

Im Rahmen einer Führung durch Miltenberg konnten die Teilnehmenden die Geschichte der Kreisstadt kennen lernen und erste Eindrücke über die spezifischen Bedingungen für die kommunalpolitische Arbeit dort sammeln. Der 1. Bürgermeister der Stadt, Helmut Demel (im Bild rechts), informierte anschließend ausführlich über die seit Jahrzehnten andauernden Bemühungen um eine Verbesserung beim Hochwasserschutz.  Gerade in Zeiten des Klimawandels und immer häufigerer Starkregen-Ereignisse sei das für die direkt am Main liegende Stadt geradezu lebenswichtig.  Am Tag des Besuchs wurde die neue Hochwasserschutzmauer feierlich eröffnet, die in jahrelanger Bauzeit (Beginn der Planungen: 1999!) und mit Investitionen von rund 30 Mio. Euro errichtet wurde. Dabei sollten die wichtigen Blick- und Wegebeziehungen von der Stadt zum Main durch den Hochwasserschutz nicht behindert werden. Auf rund 600 Metern Länge tritt die massive Hochwasserschutzwand nur als 90 Zentimeter hohe Brüstung in Erscheinung. Diese bietet Schutz bis zu einem 25-jährlichen Hochwasser. Für das Schutzziel bis zu einem hundertjährlichen Hochwasser können bei Bedarf 220 Stahlstützen mit einer Höhe von 1,40 Metern aufgeschraubt werden. Dazwischen können über 2.600 Aluminiumbalken eingeschoben werden, die dann eine mobile Schutzwand bilden. Ein mobiles System kann hier angewendet werden, weil die Hochwasserwellen des Maines lange Laufzeiten aufweisen und so genügend Zeit für den aufwändigen Aufbau des Schutzsystems bleibt.

In einer anschließenden Gesprächsrunde mit Jens Marco Scherf (im Bild links) und etlichen Kreis- und Gemeinderät*innen konnten die Rahmen- und Erfolgsbedingungen für grün-alternative Kommunalpolitik vor Ort ausführlich diskutiert werden. Scherf nannte dabei v.a. die Wirtschafts- und Bildungspolitik als wichtige Anliegen. Nur wenn es gelinge, eine berufliche Perspektive in der Region zu bieten, könne der Wegzug qualifizierter junger Menschen aus dem Landkreis auf Dauer vermieden werden.

Miltenberg: Die historische Altstadt ist nicht nur eine touristische Attraktion. Der Landkreis bemüht sich auch um eine nachhaltige Wirtschaftsstruktur.

Wie das konkret aussehen kann, erfuhren die Teilnehmenden im Rahmen einer ausführlichen Betriebsbesichtigung bei der Firmengruppe Erbacher-Josera im benachbarten Kleinheubach. Erbacher produziert Getreideprodukte: Zutaten zur Weiterverarbeitung, aber auch fertige Produkte wie süße Schokoladensnacks, herzhafte Snacks und Müsli. Viele Produkte werden auch in glutenfreier Qualität und in Bio-Qualität hergestellt. Josera stellt Tierfutter her, sowohl für Haustiere (neuerdings auch vegetarisches Hundefutter!) als auch Futtermittel für die Landwirtschaft. In einem betriebseigenen Labor werden aufwändige Analysen (z. B. Mikrobiologie, Schwermetalle) durchgeführt, die dem Qualitätsstandard für Prüflabors auf dem Niveau der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalten entsprechen.

Beeindruckend sind die Anstrengungen der Firmengruppe auf dem Gebiet des Umweltschutzes: So verfügt Josera über einen privaten Gleisanschluss, der dazu beiträgt, bis zu 40.000 Jahrestonnen von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Mit einem in diesem Ausmaß weltweit einmaligen Hochregallager aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz, das aus regionaler Forstwirtschaft stammt, wurde ein weiteres Zeichen in Sachen Nachhaltigkeit gesetzt. Vorbildlich ist auch das Energiemanagement mit eigener Kraft-Wärme-Kopplung.

In der Diskussion wiesen die Geschäftsführer Burkard und Frank Erbacher auf die Wichtigkeit verlässlicher Rahmenbedingungen als Grundvoraussetzung für ein regionales Familienunternehmen im globalen Wettbewerb hin. So sei das hauseigene BHKW auf der Grundlage der damals geltenden Ökosteuer- und EEG-Gesetze geplant und ausgelegt worden. Der Kahlschlag am EEG, wie er von der derzeitigen Bundesregierung vorgenommen wurde, habe diese Planungsgrundlage vollkommen untergraben.

Burkard Erbacher wies abschließend auf die von der Firma gegründete Stiftung hin, die sich international beim Aufbau und der Unterstützung lokaler landwirtschaftlicher Strukturen und der Förderung der Wertschöpfung vor Ort (z.B. in Uganda und Tansania) engagiere.

Fotos: Renate Grasse

ReferentInnen

Jens Marco Scherf
Landrat, Landkreis Miltenberg

Helmut Demel
1. Bürgermeister, Miltenberg am Main

Burkard und Frank Erbacher
Geschäftsführer, Erbacher Gruppe

Dorothea Zöller
Gästeführerin, Miltenberg

Veranstaltungsort
Miltenberg


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

16.06.2016

Bewegen, verweilen, bestaunen: die Qualität des öffentlichen Raums

Öffentlicher Raum in Kopenhagen: die Vestervolgade, eine ehedem vierspurige Hauptstraße in der Innenstadt, wurde zum Wohlfühl-Raum.

 

Wenn Städte und Gemeinden für die Menschen gebaut werden, die in ihnen wohnen, leben, arbeiten und Freizeit verbringen, wenn sie sich am "menschlichen Maß" orientieren wollen, wie es der dänische Stadtplaner Jan Gehl fordert, dann spielt der öffentliche Raum, der Raum zwischen den Gebäuden, dafür eine entscheidende Rolle: dort bewegen sich die Menschen, dort verweilen sie, dort kommen sie miteinander in Kontakt – oder auch nicht. Welche Qualitäten der öffentliche Raum besitzen muss, um seine positiven Wirkungen zu entfalten - damit befassten wir uns in dieser Tagung ausführlich.

Dr. Cordelia Polinna gab einen umfassenden Überblick über die Funktionen des öffentlichen Raums aus Sicht der Nutzer*innen und ging dabei vor allem auf aktuelle Wandlungsprozesse und Entwicklungstendenzen ein. Mit der gegenwärtig beobachtbaren „Reurbanisierung“ komme es auch zu einer Renaissance des öffentlichen Raums. Dazu trägt nicht zuletzt die Tatsache bei, dass öffentliche Räume als Bühne für Events o. ä. dienen und sich somit (auch) zur Touristenattraktion entwickeln. Polinna sprach aber auch problematische Tendenzen an: Im Zuge der Privatisierung (z.B. in "business improvement districts") werden immer mehr eigentlich „öffentliche“ Räume („corporate public spaces“) abgeschirmt, kontrolliert und überwacht. Für die zukünftige Entwicklung sieht sie zwei Tendenzen als entscheidend an: Zum einen die Abwendung von der „autogerechten“ Stadt, die Mobilität auf andere Verkehrsträger verlagert und so zu mehr Flächengerechtigkeit für alle führt. Und zum anderen die Beteiligung der Bürger*innen an der Gestaltung der öffentlichen Räume: „Stadt selber machen“ ist dafür das Motto. (Präsentation als PDF-Datei zum Herunterladen)

Auf die – notwendige – Umverteilung des Verkehrsraums zugunsten von Fußgänger*innen und Radverkehr ging schwerpunktmäßig Katalin Saary ein. „Straßen sind Verkehrs- und Lebensraum für Menschen!“, betonte sie. Das Konzept des „Shared Space“ bietet dafür eine planerische Umsetzungsmöglichkeit, das gegenseitige Rücksichtnahme, Bewegungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten für die Fußgänger*innen sowie langsame Geschwindigkeiten der Kfz in den Vordergrund stellt. Allerdings besteht in Deutschland verkehrsrechtlich eine Regelungslücke um shared-space-Konzepte auch optimal umzusetzen. Die in europäischen Nachbarländern schon übliche „Begegnungszone“ sollte deshalb auch hierzulande eingeführt werden. (Präsentation als PDF-Datei zum Herunterladen)

Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, in den Kommunen „urbanes Grün“ zu schaffen, zeigte Prof. Dr.-Ing. Doris Gstach in ihrem Vortrag sehr anschaulich auf. Von Stadtbäumen und Gebäudebegrünung über Straßenbegleitgrün bis hin zu Stadtparks und Stadtwildnis: Grün kann fast überall und fast immer realisiert werden – wenn auch in Städten oft unter erschwerten Bedingungen (Schadstoffbelastung, besonders Stadtklima, eingeschränkte Lebensräume). (Textliche Zusammenfassung des Vortrags mit zahlreichen Fotos als PDF-Datei)

Konkrete Beispiele in Kommunen unterschiedlicher Größe

Leonhard Valier stellte als Beispiel für die gelungene Neugestaltung eines öffentlichen Raums in einer kleinen ländlichen Gemeinde die Sanierung des Bürgerhauses in Litzendorf mit einem attraktiven modernen Neubau der Gemeindebücherei und der nutzerfreundlichen Anlage des an den Dorfbachs angrenzenden Raums vor. Eine solche Qualität lässt sich nur durch gute Planung und einer dauerhafte Planungsgeschichte herstellen, war sein Credo. Dazu gehöre auch die „kontinuierliche Überzeugungsarbeit“, die die Planer*innen in den politischen Gremien zu leisten hätten. (Präsentation zum Herunterladen als PDF-Datei)

Beeindruckend ist auch die Umgestaltung des historischen Zentrums von Ochsenfurt, einer Kleinstadt in Unterfranken, die von Christoph Valentien, dem dafür verantwortlichen Planer, vorgestellt wurde. Maxime der Planung war eine gewisse Zurückhaltung bei der Bebauung. Ziel war es vielmehr, die historische Altstadtsituation zur Geltung zu bringen. Zum anderen konnte eine spürbare Verkehrsberuhigung („shared space“, ohne dass dieser so bezeichnet würde!) erreicht werden. Zunehmender Tourismus und private Investitionen in Renovierung und Aufwertung der Bausubstanz sowie ein deutlicher positiver Imagegewinn Ochsenfurts stehen auf der Haben-Seite. (Präsentation als PDF-Datei zum Herunterladen)

Silke Klotzek erläuterte an mehreren Beispielen, wie es in Bamberg gelungen ist, durch die Gestaltung des öffentlichen Raums neues Leben in die alte Stadt zu bringen. Die Rahmenbedingungen dafür sind im Weltkulturerbe Bamberg mit seinen rund 72.000 Einwohner*innen, 13.000 Studierenden und rund sieben Millionen Tagestouristen pro Jahr durchaus anspruchsvoll. Mit der (mitten in der Altstadt unterhalb des Doms gelegenen) Sandstraße wurde durch die Herausnahme des Durchgangsverkehrs und die Neuordnung des Straßenraums eine Voraussetzung für das Aufblühen eines ganzen Straßenzugs geschaffen: Tagesgastronomie, die Neueröffnung von Ladengeschäften sowie eine Vielzahl von Aktivitäten, die vor allem durch zivilgesellschaftliche Initiativen getragen werden, waren die Folge. Ebenso erfolgreich war die Neugestaltung der Kettenbrücke, der Verbindung von Gärtner- und Inselstadt, die jetzt Shared-Space-Charakter hat und von den Menschen sogleich als Aufenthaltsraum angenommen wurde. Klotzek wies aber auch darauf hin, dass mit diesen Nutzungen durchaus auch Konflikte (Lärmbelästigung für die Anwohner*innen) einhergingen. (Präsentation zum Herunterladen als PDF-Datei)

Einen großstädtischen Akzent setzte der Bericht von Carlo Frohnapfel über den Umbau der Goethe- und Germaniastraße in eine Promenade. Dabei handelt es sich um einen attraktiven Wohn- und Geschäftsstandort mit hoher städtebaulicher und architektonischer Qualität, der allerdings durch Funktionseinbußen im öffentlichen Raum gefährdet war. Dazu trugen nicht unwesentlich die hohe Verkehrsbelastung und die ungenügende Straßenraumaufteilung bei. Durch die Verlegung einer Autofahrspur konnte die Promenadensituation (die auch Teile des Kunstwerks „7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" anlässlich der DOKUMENTA 7 von Joseph Beuys einbezog) konnte eine deutliche Verbesserung der Raumsituation für Fußgänger*innen und Radverkehr erzielt werden. Zudem wurde mit dem sog. „Affenfelsen“ (= Rudolphsplatz) ein äußerst attraktiver Treffpunkt für Aufenthalt, Begegnung und Feiern geschaffen. Zur erfolgreichen Umsetzung trug nicht zuletzt eine sehr intensive Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung und eine ämterübergreifende Koordination in der Verwaltung bei. (Präsentation als PDF-Datei zum Herunterladen)

Kurzes Fazit

1. Für die Gestaltung des öffentlichen Raums gibt es gewiss keine Patentrezepte, sondern für jede spezifische Situation muss eine angepasste Lösung entwickelt werden. Aber aus gelungenen Beispielen, von denen im Verlauf der Tagung etliche vorgestellt wurden, lässt sich lernen, dass und wie so etwas gelingen kann.

2. Ebenso sicher ist: Wer den öffentlichen Raum den Menschen zurückgeben will, der muss diesen Raum in allererster Linie den (parkenden und fahrenden) Autos wegnehmen.

3. Diese Reduktion des Autoverkehrs ist jedoch kein Verlust (wie gerade von Handel und Gewerbe oft angenommen und behauptet), sondern eine klassische Win-Win-Situation: wo sich die Menschen gern aufhalten, wird auch gern eingekauft und konsumiert.

4. Wenn die Belebung des öffentlichen Raums wirklich gelingen soll, dann muss es aber auch konsumfreie Zonen geben: Räume, die von den Menschen selbst gestaltet, selbst „bespielt“ werden können. Dafür muss Platz sein, und zwar ohne Kontrolle und Reglementierung.

5. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Eine solche Gestaltung des öffentlichen Raums kann nur mit den Menschen gelingen. „Bürger- und Betroffenenbeteiligung“ ist also eine conditio sine qua non.

6. Für die politische Umsetzung von Gestaltungskonzepten gilt: Oft sind kontinuierliche und längerfristige Überzeugungsprozesse dafür notwendig. Gerade in kleineren Städten und Gemeinden ist die Unterstützung von Seiten der Bürgermeister*innen unabdingbar.

Links und Literaturhinweise

Jan Gehl: Städte für Menschen. Berlin 2015

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (Hrsg.): Neue Freiräume für den urbanen Alltag. Modellprojekte im ExWoSt-Forschungsfeld „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“. Berlin 2009

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hrsg.): Die Innenstadt und ihre öffentlichen Räume. Erkenntnisse aus Klein- und Mittelstädten. Bonn 2015

ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (Hrsg.): Grüne Infrastruktur – eine wichtige Aufgabe der Stadtplanung. ILS-Trends 3/15

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin (Hrsg.): Strategie Stadtlandschaft Berlin. natürlich urban produktiv. Berlin 2012

Stephan Reiß-Schmidt: Der öffentliche Raum:Traum, Wirklichkeit, Perspektiven. Manuskript o.O. o.J.

Uwe Jonas / Birgit Anna Schumacher: Öffentlicher Stadtraum - Wandel und Okkupation. Online-Manuskript o.O. o.J.

Ursula Flecken / Laura Calbet i Elias (Hrsg.): Der öffentliche Raum. Sichten, Reflexionen, Beispiele. Berlin 2011

Ulrich Berding: Stadt Land Raum. Öffentliche Orte jenseits der Metropolen. Herbert Quandt-Stiftung, Bad Homburg 2015

Katrin Rittel / Laura Bredow /Eva-Regina Wanka / Dorothea Hokema / Gesine Schuppe / Torsten Wilke / Dennis Nowak / Stefan Heiland: Grün, natürlich, gesund. Die Potenziale multifunktionaler städtischer Räume. BfN-Skripten 371. Bonn 2014

Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Urbanes Grün – Konzepte und Instrumente. Leitfaden für Planerinnen und Planer. Düsseldorf 2014

Projekt "Neue Ortsmitte mit Bürgerhaus und Bücherei" in Litzendorf

Altstadtsanierung Ochsenfurt - Neugestaltung Marktplatz, Haupt- und Brückenstraße

ReferentInnen

Prof. Dr.-Ing. Doris Gstach
Fachhochschule Erfurt, Fachgebiet Freiraumplanung - Landschaftsplanung
Schlüterstraße 1, D-99089 Erfurt
Tel.: 0361/6700-445
E-Mail: doris.gstach@fh-erfurt.de  
Internet: www.fh-erfurt.de/arc/sr/ http://www.fh-erfurt.de/arc/sr/ 

Silke Klotzek
Stadtplanungsamt Bamberg, Abteilung Stadtsanierung / Stadtgestaltung
Untere Sandstraße 34, 96049 Bamberg
Tel.: 0951/87-1637
E-Mail: Silke.Klotzek@stadt.bamberg.de 
Internet: www.stadtplanungsamt.bamberg.de

Carlo Frohnapfel
Amt für Stadtplanung, Bauaufsicht und Denkmalschutz, Kassel
Tel.: 0561/787-6113
E-Mail: carlo.frohnapfel@kassel.de

Dr. Cordelia Polinna
Polinna Hauck Landscape + Urbanism
Donaustraße 86, 12043 Berlin
Tel.: 030/80612874
E-Mail: cordelia.polinna@polinnahauck.de 
Internet: www.polinnahauck.de

Katalin Saary
Stadt- und Verkehrsplanerin, Büro Verkehrslösungen
Robert-Bosch-Straße 7, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151/9509486
E-Mail: katalin.saary@verkehrsloesungen.de 
Internet: www.verkehrsloesungen.de

Prof. em. Christoph Valentien
Büro Valentien + Valentien, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner
Tulbeckstraße 39, 80339 München
Tel.: 089/519196-99
E-Mail: valentien@valentien.de 
Internet: www.valentien.de

Leonhard Valier
Stadtplaner, Büro für Städtebau und Bauleitplanung Wittmann, Valier und Partner 
Hainstr. 12, 96047 Bamberg
Tel.:  0951/59393
E-Mail: l.valier@staedtebau-bauleitplanung.de
Internet: www.staedtebau-bauleitplanung.de

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner

SRL - Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung

Regionalgruppe Bayern


Art der Veranstaltung
Fachtagung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

06.05.2016 bis 07.05.2016

Angekommen – Nun wird aufgenommen!

Kommunale Konzepte für die Integration vor Ort

Fachtagung im Rahmen des 30. GRIBS-Kommunalkongresses

Die vergangenen Monate waren geprägt von Meldungen über eine starke Zuwanderung an Flüchtlingen und Asylsuchenden. Ohne den unermüdlichen Einsatz vieler tausender Ehrenamtlicher wäre das alles nicht zu schultern. Doch nach den Themen „Aufnahme“, „Unterbringung“ und „Versorgung“ stehen nunmehr die Aufgaben der gesellschaftlichen Integration der neu Hinzugezogenen auf der Tagesordnung in den Kommunen. Dabei sind es auch hier häufig zuerst einmal die Ehrenamtlichen, die gute Ideen entwickeln, wie wir unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger vor Ort in die Dorf- und Stadtgesellschaft, in der Schule, im Kindergarten, im Sportverein, bei der Feuerwehr integrieren können. Aber auch Kreise, Städte und Gemeinden können und müssen ihre Integrationsanstrengungen verstärken. Daraus erwachsen viele, viele gute Beispiele. Unsere Tagung bot die Gelegenheit, einen kleinen Ausschnitt dieser "good practice"-Beispiele kennen zu lernen, aber auch Hilfen sowie konkrete Tipps zu bekommen, was man gegen Vorurteile und gegen die Hetze von Rechts unternehmen kann.

Martin Becher analysierte die Hintergründe und Ursachen für das Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Strömungen in den vergangenen Jahren. Er betonte zunächst, dass verschiedene Studien („Mitte-Studie“, Heitmeyers Untersuchungen zu „Deutschen Zuständen“) eine seit Jahren in Deutschland vorhandene Neigung zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ bei 10-15% der Bevölkerung nachgewiesen haben. Neu sei lediglich, dass diese Haltung mittlerweile offen gezeigt und ausgesprochen werde. Hinsichtlich der Ursachen verwies Becher auf Krisenerscheinungen in allen gesellschaftlichen Sektoren: in der Ökonomie („Verteilungskrise“), in der Politik („Legitimations- und Repräsentationskrise“, in der Gesellschaft („Identitätskrise“). Unsicherheit und Angst seien die Folge und der fruchtbare Boden für „einfache Lösungen“, wie sie von Populisten vertreten werden. In der Auseinandersetzung mit Rechtsextremen und Rechtspopulisten plädierte Becher, auch wenn es manchmal schwer falle, für eine Trennung zwischen Person und Position. Menschenfeindliche Positionen müssen klar zurückgewiesen und bekämpft werden. Dies sollte jedoch nicht mit einer Abwertung der jeweiligen Personen verbunden sein.

Die Präsentation von Martin Becher als PDF-Datei zum Herunterladen: hier.

Christine Kamm (Redetext als PDF-Datei) betonte, dass Integration in Bayern funktioniere – allerdings nicht wegen, sondern trotz der Politik der Bayerischen Staatsregierung. Das zeige sich beispielhaft am von der CSU-Regierung vorgelegten Landesintegrationsgesetz. Darin sei kein einziger Paragraph enthalten, der der Integration wirklich nütze. „Das ist ein Integrationsverhinderungsgesetz!“, erklärte Kamm. Aus diesem Grund habe die grüne Landtagsfraktion einen eigenen Gesetzentwurf eingebracht.

Kamm forderte entsprechende Finanzmittel für die Kommunen, die sich um die Integration vor Ort kümmern müssen, und kritisierte die Einrichtung sog. Ankunfts- und Rückführungszentren (ARE). Dort seien keine rechtsstaatlich korrekten Asylverfahren möglich und die Standards für Unterbringung und Verpflegung unzumutbar. An die Kommunen gerichtet, plädierte Kamm dafür, dass sich Oberbürgermeister*innen und Landrät*innen gegen die geplante Zentralisierung der Unterbringung von Flüchtlingen wehren müssten.

Mitra Sharifi plädierte eindringlich für eine verstärkte politische Partizipation von Migrant*innen. Integration müsse verstanden werden als das „gleichberechtigte Miteinander in einer inklusiven Gesellschaft“. Die gegenwärtige Situation kennzeichnete sie als zwiespältig: Auf der einen Seite gebe es nach wie vor eine sehr breite Willkommenskultur insbesondere in der Zivilgesellschaft. Auf der anderen Seite sehe sie ein „schlimmes Roll-Back“, wie sie es vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten habe, mit einer auf Abschreckung von Flüchtlingen und Migrant*innen ausgerichteten Politik und einem Erstarken anti-liberaler Kräfte.

Entscheidend für eine gelingende Integration ist für Sharifi die Schule. Das gegenwärtige Schulsystem berücksichtige die Heterogenität und Multikulturalität der Schüler*innen in keiner Weise. Auch die Lehrerausbildung habe in dieser Hinsicht deutliche Defizite.

Das Wahlrecht für Migrant*innen ist – so Mitra Sharifi – spielt für die Integration eine entscheidende Rolle. Das politische „Empowerment“ von Migrant*innen ist für sie eine wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Integration. Ein Defizit sieht sie auch in den Kommunalverwaltungen: Dort gebe es keine Expert*innen, keine Ressourcen und keine Stellen für die Integration. Demnach fällt gerade den kommunalen Ausländer- bzw. Migrantenbeiräten eine immer größere Rolle zu, der sie aber nur gerecht werden könnten, wenn sie von der Struktur und von der Ausstattung her gestärkt werden.

Dr. Ulrich Maly wies zunächst auf eine scheinbare Selbstverständlichkeit hin: „Integration setzt Begegnung voraus!“ Daran mangle es aber – trotz des begrüßenswerten Einsatzes von Helferkreisen – noch sehr.

Für Maly spielt die Sprachvermittlung bei der Integration die entscheidende Rolle. Dabei müssten aber die spezifischen Voraussetzungen der Flüchtlinge berücksichtigt werden. Man könne nicht einfach für einen Analphabeten den gleichen Sprachkurs anbieten wie für einen Flüchtling mit Hochschulstudium. Maly plädierte zudem für „Respekt vor der Muttersprache“. Dies könne etwa durch eine Zusatznote im Zeugnis oder als Ausgleichsmöglichkeit für schlechtere Noten geschehen. Hinsichtlich der beruflichen Qualifikationen müsse man sehr sorgfältig die vorhandenen Kenntnisse analysieren, auch und gerade da, wo diese nicht zum hiesigen Qualifikationskanon passen würden.

Maly teilte die derzeit oft geäußerte Auffassung nicht, die „Stimmung“ sei gekippt. Die breite Willkommenskultur habe sich nicht verändert. Allerdings gebe es eine gewisse Ratlosigkeit, wie es weitergehen soll: „Alles läuft im Kriseninterventionsmechanismus“. Auf die Verunsicherung und auch Angst, die mittlerweile viele Menschen erfasst habe, müsse man aber eingehen. Maly sieht in der gegenwärtigen Situation als Teil einer „nationalen Selbstvergewisserung“, die nach innen die Frage beantworten müsse: „Gehören die Neuen zu uns?“. Und nach außen müsse man die Rolle Deutschlands thematisieren, nach der ungleichen globalen Verteilung des Reichtums, nach gerechten Handelsstrukturen, nach Demokratie und Korruption fragen.

Die vier Themenforen (Wohnen und Wohnumfeld / Sprache, Schule, Bildung und Kultur / Arbeitsmarkt / Ehrenamt, Zivilgesellschaft, Sport) zeigten die vielfältigen Möglichkeiten auf, in den unterschiedlichen Lebensbereichen konkrete Projekte durchzuführen, die die Integration Flüchtlingen ganz praktisch vorantreiben. In unserer Material- und Link-Liste finden sich dazu viele weiterführende Hinweise.

Zum Abschluss der Tagung berichtete Susie Wimmer von „Clowns ohne Grenzen“ über die Arbeit ihres Vereins, der sowohl in den Krisengebieten im Nahen Osten als auch jetzt vor Ort in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland in sehr berührender Weise dafür sorgt, dass das Lachen wieder zurückkehren kann und Menschlichkeit eine Chance bekommt. Der Film „Happy Welcome“ dokumentiert diese Arbeit sehr anschaulich und eindrücklich.

Alle Fotos auf dieser Seite: Wolfgang Schmidhuber (CC BY-SA 3.0)

Materialien - Links - Literaturhinweise

Barbara Lochbihler: Förderprogramme und Fonds der EU für Flüchtlingsorganisationen und öffentliche Stellen in Deutschland. Bildung und Arbeit - Integration - Sicherheit - Schutz. Brüssel 2016

Info: Haftpflichtversicherung für Asylbewerber und Flüchtlinge

Info: Resolution gegen sexualisierte Gewalt

Phineo (Hrsg.): Begleiten, Stärken, Integrieren. Ausgezeichnete Projekte und Ansätze für Flüchtlinge in Deutschland. Berlin 2016 (PDF-Datei: 14 MB)

Hubertus Schröer: Kommunale Integrationskonzepte. Verband für interkulturelle Arbeit e.V., München o.J.

Britta Schellenberg/Martin Becher (Hrsg.): Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Herausforderungen und Gelingensfaktoren in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus. Schwalbach/Ts. 2015

Forum A: Wohnen und Wohnumfeld

Info: Holzhäuser statt Container für Flüchtlinge

Info: Sozialer Wohnungsbau in der Hand des Landkreises

Info: Beispiele Augsburger NGO-Wohnungsinitiativen für Geflüchtete

Info: Asylbewerberunterkunft in Langenbach

Info: Förderprogramm Leerstandsanierung

Forum B: Sprache, Schule, Bildung und Kultur

Samuel Fosso: MiBiKids e.V. - Sprachförderung für Migrationskinder. Präsentation im Forum B
MiBiKids e.V.: http://www.mibikids.com/de/verein.html

Helga Stieglmeier: ADIA Erding. Systematische Begleitung und Entwicklung von Integration. Präsentation im Forum B
ADIA: http://www.adia-erding.de/

Forum C: Arbeitsmarkt

Jens-Marco Scherf: Qualifikation und Integration auf dem Arbeitsmarkt. Am Beispiel der Ausbildungsinitiative Asyl des Landkreises Miltenberg. Präsentation im Forum C

Stephan Schiele: migranet. Good-Practice-Beispiel für eine gelingende Arbeitsmarktintegration. Präsentation im Forum C
Internet: http://www.netzwerk-iq.de und http://www.migranet.org  

Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung. Potenziale für Wirtschaft und Gesellschaft. Bilanzpapier des ESF-Bundesprogramms zur arbeitsmarktlichen Unterstützung für Bleibeberechtigte und Flüchtlinge mit Zugang zum Arbeitsmarkt. Berlin 2015

Charta der Vielfalt (Hrsg.): Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt! Praxis-Leitfaden für Unternehmen. Berlin 2015

Forum D: Ehrenamt, Zivilgesellschaft, Sport

Landratsamt Kelheim - Büro für Gleichstellung, Senioren und Ehrenamt: Handbuch für die ehrenamtliche Arbeit zur Unterstützung von Asylbewerbern im Landkreis Kelheim. Kelheim 2015

Deutsche Jugendfeuerwehr im Deutschen Feuerwehrverband e. V. (Hrsg.): Integration in der Jugendfeuerwehr. Tipps, Anregungen und Praxisbeispiele zur Integration in den Jugendfeuerwehren. Berlin 2008

Leonhard Perl: Integrationsprojekt des Deutschen Alpenvereins. Präsentation im Forum D

Zusammenfassung von Richard Zieglmeier

ReferentInnen

Martin Becher
Geschäftsführer der Projektstelle gegen Rechtsextremismus, „Bayerisches Bündnis für Toleranz – Demokratie und Menschenwürde schützen“
Evangelisches Bildungs- und Tagungszentrum
Markgrafenstraße 34, 95680 Bad Alexandersbad, Tel.: 09232/9939-28
E-Mail: projektstelle@ebz-alexandersbad.de
Internet: www.bayerisches-buendnis-fuer-toleranz.de

Christine Kamm, MdL
Asylpolitische Sprecherin der Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag 
Tel.: 089/4126-2874
E-Mail: christine.kamm@gruene-fraktion-bayern.de 
Internet: http://www.gruene-fraktion-bayern.de/abgeordnete/christine-kamm und http://www.christine-kamm.de/  

Mitra Sharifi
Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY)
Gostenhofer Hauptstraße 63, 90443 Nürnberg, Telefon: 0911/92318990
E-Mail: agaby@agaby.de 
Internet: http://www.agaby.de/ 

Dr. Ulrich Maly
Oberbürgermeister, Stadt Nürnberg
Rathausplatz 2, 90403 Nürnberg, Tel.: 0911/231-5001
E-Mail: obm@stadt.nuernberg.de 

Jürgen Mistol, MdL
Kommunalpolitischer Sprecher der Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag
Tel.: 089/4126-2102
E-Mail: juergen.mistol@gruene-fraktion-bayern.de 
Internet: http://www.gruene-fraktion-bayern.de/abgeordnete/juergen-mistol und http://www.mistol.de/aktuell/ 

Helga Stieglmeier
Kreisrätin, Landkreis. Erding, GRIBS-Vorstandsmitglied
Dr.-Henkel-Str. 1c, 85435 Erding, Tel.: 08122-9991952
E-Mail: helga.stieglmeier@gruene-erding.de 
Internet: http://helga-stieglmeier.de/

Jens Marco Scherf
Landrat, Landkreis Miltenberg, GRIBS-Vorstandsmitglied
Brückenstraße 2, 63897 Miltenberg, Tel: 09371-501- 402 / 403
E-Mail: landrat@lra-mil.de  oder buero-landrat@lra-mil.de

Max Niedermair
Integrationsbeauftragter des Landkreises Miesbach
Tel.: 0171-8135529
E-Mail: info@integration-mb.de
Internet: http://www.integration-mb.de/index.html 

Richard Zieglmeier
Kreisrat, Stadtrat Abensberg, GRIBS-Vorstandsmitglied
Am Straßfeld 14a, 93326 Abensberg, Tel.: 09443-3730
E-Mail: richard.zieglmeier@gmx.de

Samuel Fosso
Kiebitzweg 17, 85356 Freising, Tel: 08161-149 911
E-Mail: samuel.fosso@freisinger-mitte.de

Johannes Becher
Bezirks-, Kreis- und Gemeinderat, GRIBS-Vorstandsmitglied
Georg-Hummel-Str. 2, 85368 Moosburg, Tel.: 0174 -9311461
E-Mail: post@johannes-becher.de 
Internet: http://www.johannes-becher.de 

Veranstaltungsort
Fischbachau (Lkr. Miesbach)


Partner

GRIBS-Bildungswerk e.V.


Art der Veranstaltung
Fachtagung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

08.04.2016

Wärmewende in den Kommunen

Grundlagen – Beispiele – Fördermöglichkeiten

Wenn von Energiewende und Klimaschutz die Rede ist, dann denken die meisten zunächst und vor allem an die Stromproduktion. Dabei ist es ebenso wichtig, die Wärmeversorgung regenerativ umzubauen, wenn der Klimawandel gestoppt und die CO2-Emissionen wirksam vermindert werden sollen. Denn in Deutschland werden derzeit immerhin 56 Prozent der Endenergie als Wärme verbraucht. Dass für diese "Wärmewende" die Kommunen ein entscheidender Faktor sind, ist klar: Sie spielen eine Schlüsselrolle – mit der Vergabe von Konzessionen, mit ihren Stadtwerken und Wohnungsbaugesellschaften, als planende Instanz. Unser Fachseminar erläuterte die Grundlagen und Handlungsansätze einer gelingenden kommunalen Wärmewende, stellte Beispiele aus Bayern vor und befasset sich mit den entsprechenden Fördermöglichkeiten.

Hans Hertle vom IFEU Heidelberg gab einen umfassenden Überblick über den von der  Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Leitfaden zur Wärmewende. Um die anspruchsvollen Ziele der Energiewende zu erreichen, muss gerade im Wärmesektor erheblich mehr getan werden als bisher. Der Anteil der erneuerbaren Energien in diesem Bereich stagniert seit Jahren. Gleichzeitig ist die Effizienzstrategie weitgehend ausgereizt und das Potenzial an Biomasse annähernd erschöpft. Strom- und Wärmesektor müssen deshalb zusammengedacht werden, wenn weitere Fortschritte erreicht werden sollen. Ob dies über solare Wärmenetze oder dezentrale Wärmepumpen geschieht, wird von den jeweiligen Verhältnissen vor Ort abhängen. Beispiele wie die „Bahnstadt Heidelberg“ zeigen, dass der Effizienzpfad im Neubau (klimaverträgliches Bauen im Passivhaus-Standard) sehr gut möglich ist. Aber Neubau ist immer auch Zubau und gefährdet über Rebound-Effekte (Steigerung der pro-Kopf-Wohnfläche) das Erreichen der angestrebten Reduktionsziele. Dass dies möglich ist, zeigen diverse Beispiele, u.a. im dänischen Dronninglund.

Den Kommunen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, da sie viele Möglichkeiten hat, auf die Wärmeversorgung Einfluss zu nehmen: über die Bauleitplanung, in ihren eigenen Liegenschaften, als Eigentümerin von Stadtwerken und Wohnungsbaugesellschaften. Im kommunalen Energiemanagement sollten verbunden werden:
- strategisches Energiemanagement (langfristige Konzeptionen, die gebäudeübergreifend die energetische Strategie und Ausrichtung einer Kommune bestimmen) und
- operatives Energiemanagement (Untersuchungen und Maßnahmen zur messbaren Reduktion des Energieverbrauchs bezogen auf konkrete Einzelobjekte).

Klar sollte aber sein, dass Effizienz und Konsistenz (= Umstieg auf erneuerbare Energien) durch Suffizienz (absolute Reduktion des Energieverbrauchs) ergänzt werden müssen.

Die Präsentation von Hans Hertle als PDF-Datei (ca. 4,5 MB)

Erich Maurer von der Energieagentur Nordbayern gab einen Überblick über Wärmewendebeispiele und Umsetzungsansätze in Bayern. Auch er betonte noch einmal die zentrale Rolle der Kommunen: Die Kommune  ist der zentrale Akteur in der Energiewende, auch wenn der kommunale Energieverbrauch meist nur wenige Prozent beträgt.

Die Kommune kann informieren, koordinieren und selbst Projekte umsetzen, vor allem wenn die Belange von mehreren Akteuren zu berücksichtigen sind. Um diese Rolle kompetent ausfüllen zu können, ist es von entscheidender Bedeutung, den Weg, die entscheidenden Akteure und die relevanten Maßnahmen zu kennen. Konzeptionelle Vorarbeit ist dafür aber unabdingbar.

Für nahezu alle 2.100 bayerischen Gemeinden besteht Handlungsbedarf im Wärmebereich. Daher soll ein Energienutzungsplan helfen, um die Wärmewende einzuleiten. Dafür gibt es folgende Handlungsmöglichkeiten:

  • Kommunales Energiemanagement zur Senkung des Verbrauchs in öffentlichen Liegenschaften ohne Investition;
  • Energetische Gebäudesanierung als wirksamste Maßnahme zur Senkung des Energieverbrauchs;
  • Realisierung von Nahwärmenetzen (Basis kommunale Gebäude)
  • Ausbau einer effizienten Strom- und Wärmeerzeugung mit erneuerbaren Energien (Wind, Sonne, Biogas…) und (Erdgas) BHKW;
  • Erhöhung der Energieeffizienz bei Bürgern und Unternehmen, Beratungsangebote und evtl. Förderprogramme auflegen.

Ist der Wärmeverbrauch von kommunalen Liegenschaften optimiert, ist meist der Aufbau von zentralen Wärmenetzen, in denen neben den kommunalen Liegenschaften auch weitere Verbraucher angeschlossen werden, sinnvoll. Um diese Infrastrukturmaßnahmen umsetzen zu können, sind in den meisten Fällen konzeptionelle Vorarbeiten unabdingbar: Energiekonzept, Energienutzungsplan, Umsetzungsbegleitung. Als konkretes Umsetzungsbeispiel stellte Maurer die Stadt Treuchtlingen und deren Anstrengungen im Wärmesektor vor.

Die Präsentation von Erich Maurer als PDF-Datei (ca. 1,5 MB)

Abschließend erläuterte Johannes Reiff vom Projektträger Bayern, wie die Förderung von Energiekonzepten und kommunaler Energienutzungspläne in Bayern im Einzelnen geregelt ist. Gefördert werden können: kommunale Gebietskörperschaften und Eigenbetriebe,  Träger kirchlicher oder anderer Einrichtungen ohne wirtschaftliche Tätigkeit in Bayern, die Umsetzungsbegleitung in kommunalen Gebietskörperschaften ohne fachlich geeignetes Personal und Unternehmen mit Sitz oder Niederlassung in Bayern. Reiff wies auf die relativ einfachen Antragsformalitäten hin und betonte, dass genügend Mittel vorhanden seien, um auch vielen Antragstellungen gerecht zu werden.

Die Präsentation von Johannes Reiff als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 1 MB)

Literatur und Links:

Hans Hertle/Martin Pehnt/Miriam Dingeldey/Benjamin Gugel: Wärmewende in Kommunen. Leitfaden für den klimafreundlichen Umbau der Wärmeversorgung. Berlin 2015

Bayerisches Landesamt für Umwelt (Hrsg.): Die Wärmewende aus kommunaler Sicht - Dialog zu Klimaschutz und Energiewende. München 2015

Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit/Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie/Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern (Hrsg.): Leitfaden Energienutzungsplan. München 2011

Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Klimaschutz in Kommunen - Praxisleitfaden. Berlin 2011

Solar-Institut Jülich der FH Aachen (SIJ) in Kooperation mit Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH (WI) und Deutschem Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) (Hrsg.): Handbuch methodischer Grundfragen zur Masterplan-Erstellung. Kommunale Masterpläne für 100 % Klimaschutz. Wuppertal 2016

Maic Verbücheln/Susanne Dähner (Hrsg.): Klimaschutz in der Stadt- und Regionalplanung. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz in der kommunalen Planungspraxis. Berlin 2016

Agentur für Erneuerbare Energien: Planungshilfe - Ein Netzwerk für die Wärmewende. Berlin 2016

Kontaktadressen:

Hans Hertle
ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH
Wilckensstraße 3
69120 Heidelberg
Fon: 06221 / 47 67 – 0
Fax: 06221 / 47 67 -19
E-Mail: hans.hertle@ifeu.de

Erich Maurer
ENERGIEAGENTUR nordbayern GmbH
Fürther Straße 244a
90429 Nürnberg
Fon: 0911 99 43 960
Fax: 0911 99 43 966
E-Mail: maurer@ea-nb.de

Johannes Reiff
Bayern Innovativ/Gesellschaft für Innovation und Wissenstransfer mbH - ITZB Nürnberg
Gewerbemuseumsplatz 2
90403 Nürnberg
Fon: 0911 20671- 625
E-Mail: reiff@bayern-innovativ.de

ReferentInnen

Hans Hertle
Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu), Heidelberg, Mitverfasser  von „Wärmewende in Kommunen“, Berlin 2015

Erich Maurer
Geschäftsführer, ENERGIEAGENTUR nordbayern GmbH

Johannes Reiff
Master of Engineering, Projektmanager Projektträger Bayern - ITZB, Bayern Innovativ - Bayerische Gesellschaft für Innovation und Wissenstransfer mbH,  Projektträger Bayern - Büro Nürnberg

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner


Art der Veranstaltung
Fachseminar



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

07.04.2016

Kritik der Grünen Ökonomie

Wege globale Krisen sozial zu meistern

Die ökonomischen und ökologischen Grundlagen eines allgemeinen Wohlstands sind in Gefahr, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Vor diesem Hintergrund will das Konzept der „Grünen Ökonomie“ ein neues Leitbild anbieten, das vor allem auf technologischen Lösungen und Effizienzsteigerungen basiert.

Der Ausgangspunkt aller Überlegungen der wichtigen Protagonisten der Grünen Ökonomie – Weltbank, UNEP, OECD etc -  ist: Business as Usual ist keine Option. Grüne Ökonomie will deshalb auch aus dem fossilen „business as usual“ aussteigen. Diese zunächst gute Botschaft wird mit einer weiteren ebenfalls scheinbar optimistischen verknüpft: Die Wirtschaft kann weiter wachsen, Wachstum kann grün werden. Grüne Ökonomie will gar zum Motor für mehr Wachstum werden. Genau das macht das Leitbild der Grünen Ökonomie aus der Sicht von Barbara Unmüßig problematisch und kritikwürdig: Unter dem Banner eines positiv besetzten Begriffs wird suggeriert, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, mit einem effizienteren, ressourcenschonenden und grünen Wachstumsparadigma weitgehend erhalten bleiben kann. Die Grüne Ökonomie verspricht also: wir steuern mit grünem Wachstum um - und alles wird gut. 

Dieses Versprechen kann aber nur machen, wer bewusst Komplexität reduziert, stark an die Wunder des Marktes und der technologischen Innovation glaubt und gleichzeitig reale Machtstrukturen im ökonomischen wie politischen Kontext vollkommen ignoriert. Die Grüne Ökonomie ist deshalb keine realistische Zukunftsoption, sondern vielmehr ein Glaubens- und Ausblendungsprogamm. Vielfach nämlich sind die "planetarischen Grenzen" überschritten, die Ökosysteme am "Kippen". Die ökologischen Krisen sind zudem nicht von den sozialen zu trennen. Sie hängen eng zusammen. Ressourcen und Emissionsverbrauch ungleich: 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen über 80 Prozent aller Ressourcen. Beim Einkommen ist dies noch extremer: Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften hat sich massiv verschärft. Sieben von 10 Menschen leben in Ländern, in denen die Kluft zwischen Arm und reich größer ist als vor 30 Jahren.

Innovation für mehr Effizienz führt nicht automatisch zu weniger Ressourcenverbrauch und Emissionen. Der sog. Rebound-Effekt beschreibt, dass Effizienzgewinne zwar zu Ersparnissen führen, sie aber andernorts zu anderen Ressourcenintensiven Ausgaben/Verhaltensweisen führen, die Einspareffekte wieder zunichte machen. Metastudien, die hunderte Einzelstudien zum Rebound-Effekt zusammenfassen und auswerten, kommen zum Schluss, dass Rebound-Effekte langfristig  mindestens 50% des Einsparpotenzials von Effizienzgewinnen aufzehren werden. Dazu gibt es sehr viel Beispiele.

Die Ideologie der Grünen Ökonomie erweckt den Anschein, als seien wachstumsfixierte technologische Innovationen die einzig mögliche Antwort auf die zentrale Frage, wie wir mit – weniger, anders und vielfältig – eine bessere Zukunft schaffen können. Eine absolute Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist und bleibt eine Illusion. Wir müssen effizienter, anders und weniger wirtschaften und konsumieren. Andere Mobilitätskonzepte als individueller Personalverkehr, weniger Flächenverbrauch, andere Landwirtschaft usw. Weniger Fleischkonsum wäre ein großer Einzelbeitrag für weniger Emissionen, weniger Flächenverbrauch, mehr Gesundheit und mehr globale Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung.

Als entscheidende Antwort auf die aktuellen Krisen reformuliert Grüne Ökonomie die Idee vom Primat der Ökonomie. Ökonomie sei die Währung der Politik geworden, sagen ihre Verfechter. Marktversagen soll durch noch mehr Markt korrigiert werden. Die Grüne Ökonomie will in den Markt hinein holen, was bislang nicht ökonomisiert war. Aus der Ökonomie bislang Ausgegrenztes wie Ökosystemdienstleistungen sollen zur handelbaren Ware werden.

Grüne Ökonomie will das Verhältnis von Natur und Ökonomie neu bestimmen. Ergebnis ist eine Neufassung des Naturbegriffs - und eben nicht eine Transformation der Wirtschaftsweise. Statt „Wirtschaft neu denken“ will die Grüne Ökonomie „Natur neu definieren“. Natur soll gemessen, erfasst, ökonomisch bewertet und verrechnet werden – auf Basis einer global abstrakten Währung: CO2-Äquivalenten. 

Damit werden die vielen strukturellen Ursachen der Natur- und Klimakrise unsichtbarer und bei der Suche nach Lösungen und Auswegen nicht mehr umfassend berücksichtigt. Die Konsequenzen eines solchen Ansatzes zeigen sich auch bei neuen Marktmechanismen für den Handel mit Biodiversitätszertifikaten. Sie organisieren die Zerstörung von Natur marktförmig statt sie zu verhindern. Grüne Ökonomie verkürzt die notwendige grundlegende Transformation aufs Ökonomische und erweckt den Eindruck, dass sie ohne größere Umbrüche und Konflikte umzusetzen sei. 

Barbara Unmüßig / Lili Fuhr / Thomas Fatheuer: Kritik der grünen Ökonomie. München 2015

ReferentInnen

Barbara Unmüßig

 (Foto:  Bettina Keller)

Politologin, langjähriges berufliches Engagement für internationale Gerechtigkeit und globalen Umwelt- und Klimaschutz: Redakteurin der nord-südpolitischen Zeitschrift „blätter des iz3w“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Aktion Dritte Welt e. V. in Freiburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin der GRÜNEN im Bundestag von 1985 bis 1990; Arbeit mit und für nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen.
Seit 2002: Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner

Evangelische Stadtakademie Nürnberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

10.03.2016

Förderung der Elektromobilität

Lösungsbeitrag oder Geldverschwendung?

Die Elektromobilität gilt als Schlüsseltechnologie, um die Energiewende endlich auch im Verkehrssektor voranzubringen. Ob ihre Förderung unter den derzeitigen klimapolitischen Rahmenbedingungen jedoch sinnvoll ist, erscheint zumindest fraglich. So lautete ein Fazit der Vortragsveranstaltung „Förderung der Elektromobilität – Lösungsbeitrag oder Geldverschwendung?“ mit Dieter Teufel vom  Umwelt-Prognose-Institut (UPI) in Heidelberg.

Nicht nur der Bund denkt über Kaufprämien für Elektroautos nach, auch die Landeshauptstadt München plant für die nächsten Jahre ein eigenes, 22 Millionen Euro teures Förderprogramm. Unterstützt werden ausschließlich gewerblich genutzte Elektrofahrzeuge (darunter neben E-Autos auch Pedelecs und Lastenfahrräder), für die Kaufprämien bis zu 4000 Euro gezahlt werden. Einen zusätzlichen Bonus gibt es, wenn das E-Mobil mit Ökostrom „betankt“ wird und wenn es nachweislich ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor ersetzt.

 

Kaum Vorteile bei der Ökobilanz

Das Förderprogramm wird in der Stadtöffentlichkeit viel diskutiert. Dieter Teufel erläuterte in seinem Vortrag eine Studie, die das UPI 2015 zu den ökologischen Folgen der E-Mobilität erstellt hat. Die Ergebnisse stimmen nachdenklich: So schneiden Elektroautos derzeit in ihrer Gesamt-Klimabilanz (einschließlich der Emissionen, die bei der Autoherstellung entstehen) nur um rund 10% besser ab als Benziner. Selbst die CO2-Emissionen für den Antriebsstrom liegen keineswegs bei Null, weil noch immer rund 60% des Stroms in Deutschland aus fossilen Kraftwerken stammt. Daran wird sich wohl auch in den nächsten 10 Jahren nichts ändern. Im Gegenteil: Weil weitere Atomkraftwerke abgeschaltet werden, dürfte sich die CO2-Bilanz des deutschen Kraftwerksparks weiter verschlechtern.

 

Das Problem der Flottengrenzwerte

Ganz anders sieht das Bild bei der europäischen Emissionsgrenzwerten für die Fahrzeugflotten aus: Hier müssen die Hersteller seit 2015 einen Wert von 130 g CO2/km einhalten. Bei Elektrofahrzeugen wird in der Flottenbilanz unterstellt, dass sie kein CO2 ausstoßen – was realitätsfern ist, wie die Berechnungen des UPI zeigen. Die Folgen der Regelung zeigt das Beispiel BMW: Mit dem Verkauf eines Elektroautos kann der Hersteller in seiner Flottenbilanz die Emissionen von rund 5-6 SUVs vom Typ BMW X3 ausgleichen und spart sich so jeweils 10.000 Euro Strafzahlungen an die EU. Der Anteil der SUVs an allen Pkw-Neuzulassungen in Deutschland hat sich seit 2009 mehr als verdreifacht und liegt jetzt bei rund 20%.

Langfristig könnte die Förderung der Elektromobilität sogar die weitere Verschärfung der EU-Richtlinie unterlaufen, so Dieter Teufel: Eigentlich soll der Flottengrenzwert 2020 auf nur noch 95 g CO2/km abgesenkt werden. Wenn bis dahin wirklich eine Million E-Autos auf deutschen Straßen rollt, können die Herstellern damit so viele „CO2-Schleudern“ kompensieren, dass die angestrebte Verschärfung wirkungslos verpufft.

 

Elektromobilität verdrängt den öffentlichen Verkehr

Was Kaufprämien für Elektroautos angeht, ist Deutschland eher ein Nachzügler. Andere europäische Länder – allen voran Norwegen – sind hier deutlich früher gestartet und zeigen sich auch großzügiger. Doch die E-Mobilität in Norwegen hat auch Kehrseiten: Autofahrer, die sich ein E-Auto zugelegt haben, fahren dort nun im Schnitt 80% seltener mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit als vor dem Kauf. Die wahren Leidtragenden des Förderprogramms sind also Bus und Bahn, weniger der fossile Individualverkehr. Schließlich ersetzen auch hierzulande 60% aller E-Autos keinen Benziner oder Diesel-Pkw, sondern werden zusätzlich als Zweit- oder Drittauto angeschafft.

Auch die Reduzierung des Stickoxidausstoßes durch E-Autos hält sich in engen Grenzen. Beim Feinstaub schneidet ein E-Pkw keinen Deut besser aus als ein Verbrennungsmotor mit Euro-6-Katalysator. Dafür zeigen Erkenntnisse aus den USA, dass Elektroautos – wohl weil sie oft kaum zu hören sind – signifikant mehr Fußgänger- und Fahrradunfälle verursachen als benzingetriebene Pkw.

 

 

Fazit: ÖPNV stärken statt Kaufprämien zahlen

Was also ist zu tun? Anstelle von pauschalen Kaufprämien für E-Autos, so Dieter Teufel, sollten Kommunen andere Wege bestreiten, um den innerstädtischen Verkehr zu dekarbonisieren und Lärm sowie Schadstoffemissionen abzubauen. Schon eine schärfere Kontrolle der Umweltzonen und eine konsequentere Bestrafung von Autofahrern, die ohne Umweltplakette unterwegs sind, brächte mehr als die Förderung von E-Pkw. Und wer die Bürger wirklich zum Ausstieg aus dem Autoverkehr bewegen will, sollte ihnen lieber eine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr spendieren, wenn sie ihren Benzin- oder Diesel-Pkw abschaffen. In Heidelberg ist ein entsprechendes Programm seit Jahresbeginn 2016 in Kraft. Für die Stadt ist es sogar aufkommensneutral: Sie lenkt nun einfach einen Teil der Zuschüsse, die sie auch bisher schon für den ÖPNV gezahlt hat, in den Kauf der Jahreskarten um.

 

Die Debatte wird weitergehen

Bei der nun folgenden Publikumsdiskussion, an der sich auch Vertreter der Stadt München rege beteiligten, wurden erneut die gegensätzlichen Standpunkte deutlich, die von radikaler Ablehnung einer öffentlichen Förderung bis zu großen Hoffnungen in das städtische Förderprogramm reichen. Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber der E-Mobilität begrüßte Dieter Teufel die Beschränkung des Münchener Programms auf den Wirtschaftsverkehr und die Einbeziehung von zwei- und dreirädrigen E-Mobilen. Vor allem Lastenfahrräder besitzen nach seinem Dafürhalten – etwa bei der Paketauslieferung – ein großes Potenzial. Philipp Scharf von der FÖS-Regionalgruppe München bemängelte, dass die 22 Millionen Förderung ohne Gegenfinanzierung „aus dem Stadtsäckel“ bezahlt würden. Wünschenswert wäre es, wenn das Programm – etwa durch eine City-Maut oder eine Sonderabgabe für den fossilen Straßenverkehr – kostenneutral ausgestaltet werden könnte.

ReferentInnen

Dieter Teufel
Umwelt- und Prognose-Institut e.V., Heidelberg

Veranstaltungsort
München


Partner

Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft (FÖS)


Art der Veranstaltung
Vortrag



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

24.02.2016 bis 16.03.2016

Vortragsreihe "Gute Milch aus Gras"

Wirtschaftlichkeit einer Milchviehhaltung ohne bzw. mit wenig Kraftfutter

In einem 2014 gestarteten Forschungsprojekt wurde die Wirtschaftlichkeit von Milchviehbetrieben untersucht, die seit Jahren einen eigenständigen Weg eingeschlagen haben und entweder ganz auf Kraftfutter verzichten oder mit nur wenig Kraftfutter arbeiten. Zur Bewertung ihrer Wirtschaftlichkeit wurden die strukturellen und wirtschaftlichen Kennzahlen mit zwei repräsentativen Vergleichsgruppen verglichen. Den untersuchten Betrieben, die alle ökologisch wirtschaften, ist es möglich, mit einer ausschließlichen bzw. stark überwiegenden Grundfutterfütterung ihrer Kühe ein vergleichbares bzw. sogar leicht höheres Einkommen je Arbeitskraft zu erzielen. In der Vortragsreihe wurden die Ergebnisse der Studie vorgestellt und mit der Erfahrungen aus der Praxis ergänzt.

Viele Betriebe suchen einen Ausweg aus der High-Output-Landwirtschaft und ihren vielfältig negativen Folgen. Wir wollen darstellen, wie unsere bayrischen Betriebe die Vorteile der eiweißhaltigen Grundfuttermittel, wie Grünland, Kleegras und Luzerne nutzen können, um wirtschaftlich und wettbewerbsfähig, und damit zukunftsfähig zu sein.  

Marktentlastung durch Kraftfutterreduktion

Angesichts der andauernden Milchpreiskrise ist eine wachsende Bereitschaft von Milchbauern festzustellen, das Überangebot selbst aktiv zu drosseln. Nur wenn die Milchüberschüsse signifikant reduziert werden, kann sich das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage mit auskömmlichen Erzeugerpreisen wieder einspielen.   

In der Milchviehhaltung dominiert die Strategie, durch Kraftfutter eine möglichst hohe Milchleistung zu erreichen. Doch seine Wirtschaftlichkeit wird nicht nur aktuell durch die niedrigen Milchpreise in Frage gestellt. In einem 2014 in Kooperation mit der Internationalen Forschungsgesellschaft/Breitwiesenhof in Ühlingen gestarteten Forschungsprojekt wurde die Wirtschaftlichkeit von Milchviehbetrieben untersucht, die seit Jahren einen eigenständigen Weg eingeschlagen haben und entweder auf Kraftfutter ganz verzichten oder mit nur wenig Kraftfutter arbeiten. Zur Bewertung ihrer Wirtschaftlichkeit wurden die strukturellen und wirtschaftlichen Kennzahlen mit zwei repräsentativen Vergleichsgruppen verglichen.  

Vielversprechende Ergebnisse der Studie  Den untersuchten Betrieben, die alle ökologisch wirtschaften, ist es möglich, mit einer ausschließlichen bzw. stark überwiegenden Grundfutterfütterung ihrer Kühe ein vergleichbares bzw. sogar leicht höheres Einkommen je Arbeitskraft zu erzielen. Neben den Einsparungen für Betriebsmittel wie dem zugekauften Futter lag dies auch an den geringeren Kosten in der Reproduktion. Die geringere Milchleistung der Kühe wurde über die längere Nutzungsdauer wieder ausgeglichen. Entwickelt wurden Strategien, um auf witterungsbedingt schlechtere Grundfutterqualitäten reagieren zu können.  

Tiergesundheit durch artgerechte Fütterung und hohe Milchqualität Grasfütterung ist die ursprünglichste und artgerechteste Form der Rinderfütterung und hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Tiere. Die so erzeugten Milch- und Fleischprodukte sind außerdem qualitativ sehr hochwertig, beispielsweise durch ihren hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren.   

Milch aus dem Grashalm: Gut für Klima und Welternährung  

Die Weltgemeinschaft braucht Alternativen zu einer Landwirtschaft mit sehr hohem Verbrauch an fossiler Energie und Ausstoß von Treibhausgasen. Das Kraftfutter für Tiere, hier und in den Ländern des globalen Südens, steht außerdem in direkter Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. Die bäuerliche, regionale Kreislaufwirtschaft mit Grundfutterstrategie bietet eine deutliche CO2-Minderung durch Grünlanderhalt und kann den Zukauf von Import-Kraftfutter weitgehend ersetzen. Sie hat positive Auswirkungen bezüglich Umwelt-, Klima- und Energiebilanz.  

Die vier Praktiker aus der Landwirtschaft machten in ihren Berichten deutlich, dass sie seit mehreren Jahren bis Jahrzehnten die beschriebene Form der Low-Input-Fütterung mit Erfolg praktizieren. In den Fragerunden und Diskussionen konnte daher die konkrete Fachpraxis vertieft werden, was die Ausführungen der Wissenschaftler perfekt ergänzte. 

ReferentInnen

Prof. Dr. Onno Poppinga
Kasseler Institut für Ländliche Entwicklung

Dr. Karin Jürgens
Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL) im Netzwerk der Landforscher

Veranstaltungsort
Altusried-Krugzell / Teising / Eberfing / Dasing


Partner

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Landesverband Bayern e.V. (AbL)


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

24.10.2015

"Nachhaltige" Stadtentwicklung – hohle Phrase oder konkretes...

 

"Nachhaltig" sollte die Entwicklung einer Kommune sein - wer würde da heute noch widersprechen wollen?

Der Begriff der "Nachhaltigkeit" hat Karriere gemacht in der Politik, auch und gerade in der Kommunalpolitik. Doch hält auch alles, was sich mit mit diesem Begriff schmückt, einer kritischen Nachprüfung statt? Ist die Berufung auf "Nachhaltigkeit" nicht längst zur hohlen Phrase geworden?

Unser Seminar wollte möglichst unterschiedliche Aspekte dessen beleuchten, was heute unter "nachhaltig" verstanden werden kann und einige gute Beispiele aus der kommunalen Praxis vorstellen.

Reiner Erben, seit Mai 2014 Berufsmäßiger Stadtrat in Augsburg und Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Integration, skizzierte in seinem Grußwort die Augsburger Nachhaltigkeitsstrategie als einen „intensiven Suchprozess“, der im Rahmen der Agenda 21-Arbeit bereits seit 19 Jahren läuft und dabei Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung einbezieht. Der Stadt Augsburg, die 2013 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Großstädte erhalten hat, ist es ernst mit diesem Prozess – das zeigt sich auch darin, dass es in der Stadtverwaltung immerhin drei Angestellte auf zwei Stellen gibt, die mit dem Nachhaltigkeitsmanagement befasst sind. Die konkrete Politik soll sich dabei an den bereits vom Stadtrat beschlossenen Zukunftsleitlinien orientieren.

Den Text von Reiner Erbens Grußwort können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut gab einen ersten Überblick über Grundsätze, Ziele und Umsetzungsstrategien für eine nachhaltige Entwicklung. Er betonte, dass die Probleme und Ursachen für fehlende Nachhaltigkeit mittlerweile seit langem bekannt seien. Der Klimawandel z.B. könne nur dann wirksam verhindert werden, wenn die CO2-Emissionen um 80% verringert würden. Nachdem aber die „einfachen“ Reduktionspotenziale allmählich ausgeschöpft seien, werde dies immer schwieriger – zumal viele Reduktionen durch eine gleichzeitige Expansion kompensiert würden (Rebound-Effekt). Zum Beispiel werden Effizienzsteigerungen beim Raumwärmebedarf durch die Zunahme der Pro-Kopf-Wohnfläche ständig konterkariert. Ohne ein Wirtschaftsmodell, das ohne Wachstum auskommt, werden wir in Sachen Nachhaltigkeit nicht vorankommen – so das Credo von Kopatz.

Um auf diesem Weg voranzukommen, müssen vor allem die kommunalen und staatlichen Rahmenbedingungen verändert und die Standards angehoben werden. Was in Modellprojekten erprobt wurde, muss schnellstmöglich zum Standard für alle werden. Kopatz forderte Limits für den Straßenbau und CO2-Obergrenzen für die Autos. Eine jährliche Stellplatz-Reduktion in den Gemeinden, generell Tempo 30 in den Ortschaften und ein Tempolimit auf Autobahnen könnten den Verhaltenswandel im Mobilitätsbereich verstärken. Kopatz‘ Fazit: Die Politik muss die Richtung vorgeben, die Bürger/innen müssen die Richtung einfordern.

Einige Veröffentlichungen von Michael Kopatz zu diesem Themenkreis:

Ich will, wenn du willst! Das Entscheidungsdilemma von Bürgern und Kommunen überwinden

Kommunen im "Abwärtswettlauf". Interkommunaler Wettbewerb und Klimaschutz

Die soziale-kulturelle Transformation

Friederike Rohde vom Zentrum Technik und Gesellschaft an der TU Berlin beleuchtete den „Mode-Trend“ „Smart Cities“ und fragte, ob und wie mit neuen Technologien ein Mehr an Nachhaltigkeit erreicht werden könne. Dieser Trend wird durch ein entsprechendes Förderprogramm der EU seit 2011 auch finanziell unterstützt. Und natürlich haben die großen Technologie-Konzerne auch ein eindeutig ökonomisch motiviertes Interesse an einem neuen Zukunftsmarkt.

Was genau unter „Smart Cities“ zu verstehen ist, ist durchaus umstritten, die Definitionen sind zum Teil sehr unterschiedlich. Am ehesten kommt die Definition der Stadt Wien dem Nachhaltigkeitsgedanken nahe. Sie stellt auf die Ressourcenschonung und Lebensqualität in einer gebauten Stadt ab und bietet einen langfristigen Rahmen für die Stadtentwicklung bis 2050, der mit konkreten Zielsetzungen und Projekten näher definiert wird. In diesem Rahmen hat dann auch der Einsatz neuer Technologien seinen Sinn, ist also nicht Selbstzweck, sondern Instrument.

Rohde wies ausdrücklich auch auf die problematischen Aspekte des Smart City-Ansatzes hin, so die Gefahr einer Ökonomisierung, der Degradierung der Stadt als Markt für den Verkauf der Produkte von Technologiekonzernen. Auch die Sammlung riesiger Datenmengen und die damit verbundene Gefahr des Datenmissbrauchs und der Überwachung sind problematisch.

Einige weiterführende Links und Literaturhinweise zum Thema "Smart Cities":

Fraunhofer Fokus - Centrum für Smart Cities: http://www.ict-smart-cities-center.com/

European smart cities: http://www.smart-cities.eu/

European Innovation Partnership on Smart Cities and Communities: http://ec.europa.eu/eip/smartcities/index_en.htm

Johannes Novy: Smart Citys - Wunsch oder Alptraum. In: Politische Ökologie 142. S. 46-52

Bastian Lange: Smart City? Kollaborativer Urbanismus!

Smart Cities – intelligente Städte in Europa: http://www.smartcities.at/

Die Präsentation von Friederike Rohde können Sie als PDF-Datei hier herunterladen.Einige weiterführende Links und Literaturhinweise zum Thema "Smart Cities"

Silvia Hable, Vorstandsmitglied des Transition Netzwerks, stellt den v.a. zivilgesellschaftlich orientierten Ansatz der Transition Towns vor. Im Rahmen der Transition-Town-Bewegung versuchen seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile und lokal orientierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung von Rob Hopkins, einem Vertreter der Permakultur. Permakultur ist ein Konzept, das auf die Schaffung von dauerhaft funktionierenden, nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen zielt. Ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt, ist sie inzwischen ein Denkprinzip, das auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Infrastrukturen umfasst. Grundprinzip ist ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften mit allen Ressourcen. Diese bildet den ethischen Hintergrund der Bewegung: als Fürsorge für die „Erde“ und die Menschen.

Hintergrund und Ursache für die Bewegung sind natürlich „Peak Oil“, der drohende Klimawandel und auch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Neben der Senkung des CO2-Ausstoßes durch Verringerung des Verbrauchs fossiler Energieträger steht im Zentrum der Transition Town-Bewegung eine Stärkung der lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufe und die Erhöhung der „Resilienz“ (= Widerstandskraft) der Kommunen in Krisenzeiten. Wichtig sind jedoch nicht nur die konkreten Projekte, die dabei umgesetzt werden (von der Regionalwährung über urbanen Gartenbau und Lebensmittelkooperativen bis hin zu Share-Economy-Projekten), sondern auch und vor allem, dass sich die daran beteiligten Menschen dabei wohlfühlen. Kopf, Herz und Hand sollen dabei eine gleichberechtigte Rolle spielen. Es sollen auf diese Weise Erfolgsgeschichten kommuniziert werden, auf individueller Ebene Änderungen angestrebt werden, bevor sie auf politischer Ebene wirksam werden.

Die Transition Town-Bewegung entstand in Kinsale (Irland) im Rahmen eines College-Kurses von Rop Hopkins, dem Begründer der Bewegung, die dann in dessen Heimatstadt Totnes (Grafschaft Devon, England) ihren eigentlichen Ausgangspunkt hatte. Zunächst vor allem im englischsprachigen Raum verankert, hat sie mittlerweile zahlreiche Ableger, u.a. auch in Deutschland.

Literaturhinweis:

Rob Hopkins: Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, oekom verlag, München 2014

Eva Leipprand, ehemalige 3. Bürgermeisterin des Stadt Augsburg (und in dieser Funktion für Kulturangelegenheiten zuständig), erläuterte am Beispiel Augsburgs den Versuch, die Kultur als vierte Säule einer nachhaltigen Stadtentwicklung (neben Ökologie, Wirtschaft und Sozialem) zu etablieren. Dabei ist die kulturelle Dimension von Nachhaltigkeit in einem weiten Sinn zu denken: als Haltung und Orientierung, als Möglichkeit, die Welt zu deuten. Die Welt wird „begreifbar“ durch Architektur, Kunst, Literatur etc. Insofern ist Stadtplanung immer auch ein kultureller Akt. Zum Beispiel: Ein „shared space“ hat auch mit Kultur und mit Werten zu tun, er erfordert eine andere Haltung, eine Haltung der Rücksichtnahme, der Vorsicht und der Wahrnehmung des jeweils anderen und steht damit im Gegensatz zur Konkurrenz, der ansonsten unsere Gesellschaft prägt.

Der Augsburger Versuch, Kultur ganz offiziell als 4. Dimension der Nachhaltigkeit in den Stadtentwicklungsprozess einzubringen, geht laut Eva Leipprand von einem „instrumentellen“ Kulturbegriff aus. Das kann konkret heißen: Gutes Leben in Stadt und Stadtteilen fördern, Einheit in der Vielfalt schaffen, Veränderbarkeit der Welt erfahrbar machen, auch durch Wahrnehmung der eigenen kulturellen Bedingtheit, über kulturelle Aktivitäten Denkmuster aufbrechen, Möglichkeitsräume eröffnen; die Unverwechselbarkeit des Ortes bewahren, Identität und Zugehörigkeit stärken; einen neuen Heimatbegriff entwickeln, der Diversität einschließt, Vielfalt der Kulturen als Ressource betrachten und nutzen, dem Austausch der kulturellen Ausdrucksformen Raum bieten; Kultur als Gedächtnis und Wissensspeicher der Menschheit zur Verfügung stellen; öffentliche Räume als Gemeinschaftsgüter für alle offenhalten, gegen Privatisierung und Ökonomisierung (Werbung) schützen; kulturelle Teilhabe als lebendiges Element der Bürgerschaft verstärken; Zugang zur Welt der Kultur und ihren Symbolen und damit Teilhabe an kulturellen Prozessen in allen Lebensphasen ermöglichen.

Im Rahmen eines breit angelegten Beteiligungsprozesses wurde so eine vierte Säule der Zukunftsleitlinien der Agenda für das Stadtentwicklungskonzept erarbeitet.

Den Vortragstext von Eva Leipprand können Sie als PDF-Datei herunterladen. Darin sind auch die Leitlinien zur kulturellen Zukunftsfähigkeit Augsburgs enthalten.

Zum Abschluss des Seminars ging es um konkrete Beispiele aus kommunalen Gebietskörperschaften unterschiedlicher Größenklassen. Dieter Gewies, der bis 2014 18 Jahre lang Erster Bürgermeister der Gemeinde Furth (3.300 Einwohner/innen) im Landkreis Landshut war, erläuterte die kontinuierliche, sehr pragmatisch orientierte Politik, die ihm und dem Dorf 2013 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis eingebrachte. Einige Fotos, die die Entwicklung Furths illustrieren, finden Sie in der PDF-Datei, die Sie herunterladen können. 

Ein Eckpfeiler dieser Politik ist der Schwerpunkt Bildung & Erziehung, für den ein Drittel des – nicht sehr üppigen – Gemeindeetats reserviert ist. Damit ist es der Gemeinde möglich, eine Betreuungsgarantie von 1. bis zum 14. Lebensjahr zu geben. Kinderkrippe, Kindergarten, Grundschule (alle integrativ bzw. inklusiv organisiert) sowie Mittelschule, Hort und Gymnasium befinden sich im Ort. Außerdem gibt es zwei Universitätsinstitute. 

Schon 1999 wurde beschlossen, sich zu 100% mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Ein Hackschnitzelheizwerk, eine Biogasanlage sowie zahlreiche Sonnenkollektoren und PV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden und Privathäusern sorgen bereits heute dafür, dass 80% der Strom- und Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Eine groß angelegt Gewässerrenaturierung, mit der die Sünden der Flurbereinigung behoben werden konnten, hat durch die Anlage von breiten Gehölzstreifen entlang der Bäche den positiven Nebeneffekt, dass auf diese Weise auch die Versorgung des Heizwerks mit heimischem Brennstoff gesichert werden konnte.

In der Dorfentwicklung setzt Furth auf Flächensparen und Innenentwicklung. Im Rahmen eines breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahrens wurden die Pläne für eine neue Dorfmitte entwickelt und umgesetzt. Realisiert wurde eine kleinteilige Struktur von Läden und Dienstleistern. Trotz eine großen Zuzugsdrucks betreibt Furth eine restriktive Baulandausweisung.

Kurzbegründung zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2014 für Furth

Cord Soehlke, Baubürgermeister in der Universitätsstadt Tübingen (90.000 Einwohner/innen), präsentierte den Tübinger Ansatz der nachhaltigen Stadtplanung, der vor allem auf der Zusammenarbeit mit privaten Baugemeinschaften basiert. Obwohl es in Tübingen einen hohen Baulandbedarf gibt, konnte seit 1985 die Stadtentwicklung ohne Ausweisungen auf der „grünen Wiese“ erfolgen. Im Französischen Viertel (ehemaliges Kasernengelände der französischen Armee), im Loretto-Viertel, im Mühlenviertel und auf der Alten Weberei wurden die dort vorhandenen Brachflächen mit kleinteiliger Nutzungsmischung und sehr variabler Parzellierung bebaut. Ziel war eine Stadt der kurzen Wege. In einer Mischung von top-down und bottom-up-Planung kam verschiedene Bausteine zum Einsatz mit verschiedenen Akteuren und unterschiedlichsten Architekturen. Die öffentlichen Räume sind in den genannten Vierteln ein wesentliches Gestaltungselement: verkehrsberuhigte Bereiche, kaum Parkplätze, einladende Gestaltungselemente machen den Aufenthalt dort angenehm. Die Viertel haben eine städtische Dichte und urbanes Flair.

Umgesetzt wurden die städtischen Planungen vor allem mit privaten Baugemeinschaften, die mit einem bestimmten Konzept oder einer Idee nach gleichgesinnten Interessierten suchen und im Erfolgsfall dann eine Planungs- und Baugemeinschaft bilden. Das lohnt sich für alle: Die Wohnungseigentümer zahlen letztlich 15-20% weniger als bei einem konventionellen Bauträger, die Baustandards sind hoch, ebenso der Werterhalt der Gebäude. Da die Baugemeinschaften ihr „Stück Stadt“ selbst gestalten, ist die Identifikation groß – und damit auch die eigene Verantwortung für das Quartier. Durch die große Bandbreite an Konzepten sind vielfältige und innovative Quartiere entstanden. Es gibt Low-Budget-Projekte, Nullenergiehäuser, Holzhäuser, Mehrgenerationenhäuser usw. Da die Wohnungen in aller Regel auch für Durchschnitts- und Geringverdiener bezahlbar sind, gibt e eine breite Mischung an sozialen Schichten, Generationen und ethnischen Gruppen. Die Stadt als Entwickler erbringt natürlich erhebliche Vorleistungen. Sie

  • erwirbt Militärareale und Industriebrachen;
  • entwickelt Konzept, Städtebau und Bebauungspläne;
  • entsorgt Altlasten und stellt Infrastruktur her, die durch den Planungsgewinn finanziert werden;
  • verkauft die Grundstücke;
  • steuert die gesamte Entwicklung.

Die privaten Baugemeinschaften als Erwerber und Bauherren erhalten Grundstücksoptionen für ihre Konzepte und sind die wesentlichen Akteure der Entwicklung. Sie haben strukturelle Vorgaben, aber große gestalterische Freiheiten und übernehmen gemeinsame Aufgaben wie Innenhöfe, Tiefgaragen.

Im konkreten Fall der Alten Weberei konnten sich Baugemeinschaften, Einzelbauherren und Bauträger für die Grundstücke bewerben. Ihre Projektvorschläge wurden nicht nach Höchstgebot vergeben, sondern im Hinblick auf die Erfüllung der Vergabekriterien. Dazu zählten: der Beitrag zur Nutzungsmischung, zur sozialen Mischung und zur Vielfalt des Quartiers, Ökologie, Parzellierung und Architektur.

Die Präsentation von Cord Soehlke mit vielen Fotos stellen wir als PDF-Datei zum Herunterladen zur Verfügung.

Literaturhinweis:

Architektenkammer Baden Württemberg u.a.: planen - bauen - leben. Baugemeinschaften in Tübingen. Tübingen 2011

Wie eine gesamte Region, in diesem Fall das Südtiroler Vinschgau, sich auf den Weg in die Nachhaltigkeit machen kann, erläuterte Jörn Wiedemann vom Terra-Institut. Dort soll eine „Gemeinwohl-Region“ entstehen, die sich als Reaktion und Gegenmodell zur Benachteiligung peripherer, vom Strukturwandel betroffener ländlicher Räume versteht. Problematische Entwicklungen wie  der Abfluss der Wertschöpfung, Arbeitsplatzverluste und Abwanderungstendenzen sollen so gestoppt werden. Angestrebt wird eine Entwicklung jenseits überkommener Wachstumsstrategien. Mit Lösungen im Kleinen, die aber auch erreichbar sind, sollen die Resilienz der Region gestärkt und die Kooperation gefördert werden. Im Zentrum stehen Subsistenz und Suffizienz. Konkret heißt das: Regionale Kreisläufe fördern, energieautarke Regionen schaffen, Regionalwährungen einführen usw. Unter dem Motto „Kooperation statt Konkurrent“ geht es um Wohlstand für alle. In Workshops werden dabei die Bürger/innen, Vereine, Unternehmen, Schulen und natürlich Politik und Verwaltung systematisch einbezogen. Ein kommunaler Wohlstandsindikator wurde erarbeitet, in drei Gemeinden bereits eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt.

Erste Erfolge können festgehalten werden: Es gibt eine gemeindeübergreifende Kooperation im Energiesektor und bei der Tourismusvermarktung. Viele Projekte im Bereich Nachhaltigkeit (Green Event, Car-Sharing, Car-Sharing für Behindertenbusse) sind entstanden, diverse Sozialgenossenschaften (VINTERRA) wurden gegründet und stärken die regionalen Wirtschaftskreisläufe. Ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung ist deutlich spürbar – aber es gibt auch noch viel Potenzial für weitere Entwicklungen.

Die Präsentation von Jörn Wiedemann steht als PDF-Datei zur Verfügung.

Literaturhinweis:

Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Wien 2010

Homepage: https://www.ecogood.org/


ReferentInnen

Reiner Erben
Berufsmäßiger Stadtrat, Referat für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration
Rathausplatz 2 a
86150 Augsburg
Tel:   0821/324-4801, Fax:  0821/324-4805
E-Mail Referat: umweltreferat@augsburg.de

Dr. Michael Kopatz
Projektleiter,  Forschungsgruppe 2: Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik, Wuppertal-Institut 
Döppersberg 19
42103 Wuppertal
Tel.: 0202/2492-148 | Fax: 0202/2492-250
E-Mail: michael.kopatz@wupperinst.org

Friederike Rohde
Dipl. Soz. tech., wiss. Mitarbeiterin, TU Berlin, Zentrum Technik und Gesellschaft
Hardenbergstr. 16-18
D-10623 Berlin
E-Mail: rohde@ztg.tu-berlin.de

Silvia Hable
Transition Netzwerk e.V., Vorstandsmitglied
E-Mail: verein@transition-initiativen.de

Eva Leipprand
Bürgermeisterin a.D., Augsburg 
E-Mail: Eva.Leipprand@gmx.de

Dieter Gewies
1. Bürgermeister a.D., Furth bei Landshut
E-Mail: dieter.gewies@gmx.de

Cord Soehlke
Baubürgermeister, Tübingen
Brunnenstraße 3
72074 Tübingen
Tel.: 07071/204-2260 
 E-Mail: cord.soehlke@tuebingen.de

Jörn Wiedemann
Berater, Terra Institut Deutschland
Schwanthalerstr. 120 | D-80339 München
Tel.: 0174/338 24 65
E-Mail: j.wiedemann@terra-institute.eu
Internet: http://www.terra-institute.eu/


Veranstaltungsort
Augsburg



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.