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Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

02.10.2015 bis 04.10.2015

Agri | Kultur, Mobilität und Tourismus in den Alpen

 

Die Alpen sind, weit über die Hochgebirgsregionen hinaus, ein identitätsstiftender Lebens- und Kulturraum im Herzen Europas. Jedoch stellen Globalisierung, Klimawandel, Massentourismus und der zunehmende Transitverkehr den Alpenraum vor neuen Herausforderungen: So zeigt sich die Abwanderung von BewohnerInnen für viele strukturschwache Täler als ein massives Problem, aber auch die zunehmende Verstädterung von touristischen Ballungszentren, die agrarische und touristische Kleinstrukturen zerstört, gilt es kritisch zu betrachten. Daher sind kreative und energische politische Weichenstellungen gefordert.

Um zukunftsfähige, länderübergreifende Strategien für den Alpenraum zu entwickeln, haben am vergangenen Wochenende rund 100 TeilnehmerInnen aus Bayern, Liechtenstein, der Schweiz, Südtirol und Österreich unter der organisatorischen Leitung der Grünen Bildungswerkstatt Österreich im Tiroler Bergsteigerdorf Schmirn (Wipptal) gemeinsam über die Themen Mobilität, Tourismus, Kultur und (Land-)Wirtschaft diskutiert. Zu Gast waren dabei auch die beiden Landeshauptmannstellvertreterinnen Ingrid Felipe (Tirol) und Astrid Rössler (Salzburg) sowie der Vorarlberger Landesrat Johannes Rauch.

In Vorträgen, Workshops und Exkursionen wurden sowohl gesamtheitliche, theoretische Perspektiven beleuchtet als auch konkrete Lösungsvorschläge für einzelne Probleme erarbeitet. Die Vielfalt der Themen spiegelte die Diversität der Teilnehmer/innen wieder: Während Werner Bätzing die Folgen eines Zerrbildes der Alpen thematisierte, nahm Gerlind Weber in ihrer demografischen Analyse die Abwanderung von jungen Frauen aus den Dörfern in den Fokus und machte auf die ebenso bedenkliche Situation der meisten Gemeinden durch Überalterung und Unterjüngung aufmerksam. Eine Möglichkeit der Abwanderung von Frauen zu begegnen sah Josef Hechenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Tirol, in einer Umkehrung des traditionellen Rollenbildes: oft wäre es praktikabler, wenn die Frauen auspendeln und die Männer stattdessen die Höfe führen würden. Deutlich wurde aber auch, wie wichtig transparente Entscheidungsprozesse über die üblichen Diskussionen in den politischen Gremien hinaus sind.

Das breite Spektrum der Tagung wurde nochmals in der abschließenden Podiumsdiskussion erfahrbar, wo die verschiedenen Themen leidenschaftlich aber konstruktiv diskutiert wurden; trotz der oftmals unterschiedlichen Sichtweisen waren sich am Ende alle einig: für eine gute Zukunft des Alpenraumes ist eine verstärkte Zusammenarbeit von BewohnerInnen, Experten, PolitikerInnen und Institutionen in den Entscheidungszentren von immenser Bedeutung.

Grüne sind in allen Alpenländern (teilweise sogar sehr stark) politisch vertreten und durch ihren gemeinsamen Willen geeint, die Bergregionen als zukunftsfähigen Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten. Dieses Potential gilt es zu nützen: Alpenweite Probleme können nur über Grenzen hinweg angegangen und in der europäischen Politik nur mit einer geeinten Stimme hörbar werden.

Die Grünen setzen sich daher auf allen politischen Ebenen für die Umsetzung der Alpenkonvention als zentralem Abkommen zur Sicherung der Lebensgrundlagen des Alpenbogens ein. Als eine konkrete Maßnahme haben sich die Grünen verständigt, gemeinsame Vorschläge für einen zukunftsfähigen Alpenraum zu  erarbeiten und in den jeweiligen Landesparlamenten einzubringen.

ReferentInnen

Veranstaltungsort
Schmirn, Österreich


Partner

Grüne Bildungswerkstatt


Art der Veranstaltung
Konferenz



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01.10.2015

Kopenhagen – ein politischer Reisebericht

 

Wenn eine Stadt den Titel „europäische Umwelthauptstadt“ trägt, dann sagt dies noch nicht automatisch etwas über die Lebensqualität in dieser Stadt aus. Bei Kopenhagen, Titelträgerin im Jahr 2014, ist das anders: Die dänische Hauptstadt bemüht sich seit Jahren konsequent um Umweltschutz und Nachhaltigkeit und kann auf echte Erfolge verweisen.

Peter Gack und Gerd Rudel, die im Juni eine Bildungsreise nach Kopenhagen geleitet hatten, schilderten ihre Eindrücke und stellten einige vorbildhafte Projekte vor.  Im Mittelpunkt standen dabei die Verkehrspolitik (hier vor allem die Radverkehrsförderung), Energie und Klimaschutz sowie Stadtentwicklung.

Die Rahmenbedingungen für die Entwicklungen in Kopenhagen sehen so aus:  Die dänische Hauptstadt hat 580.000 Einwohner/innen, rund eine Million Menschen wohnen in der Region. Es gibt 79.000 Studierende und 350.000 Arbeitsplätze in Kopenhagen, was zu erheblichen Pendler-Aufkommen (170.000 täglich!) führt. Und Kopenhagen ist attraktiv und zieht 1.000 neue Einwohner/innen an - pro Monat wohlgemerkt.

Grüne Welle für die Radler: durch LED im Fahrbahnbelag angezeigt

Was in Kopenhagen sofort auffällt: ALLE fahren Rad: zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, zu jedem Zweck! Und das nicht, weil die Kopenhagener so umweltbewusst wären, sondern weil sie es als schnell, einfach, billig und bequem empfinden. Die Voraussetzung hierfür ist einfach: es gibt eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur: 

  • breite Radwege, die bequemes Nebeneinanderfahren und Überholen ermöglichen und auch Platz für Lastenräder bieten;
  • Radwege im Grünen abseits der Straßen: schnell, bequem, angenehm;
  • ein umfassendes Radwegenetz mit „Rad-Highways“ für besonders schnelles Vorankommen - auch in die Vororte;
  • Das Radfahren wird so bequem und sicher gemacht wie nur möglich - durch  Extra-Licht an Kreuzungen in der Nacht, „Grüne Welle“ für Räder, Abfalleimer am Rad-Highway, Fahrradbrücken für schnelle Verbindungen zwischen den Stadtteilen.

Vestervolgade: vom Blech befreit

Beeindruckend ist der Umgang mit dem öffentlichen Raum: Die Bereiche, in denen Fußgänger/innen und Radler/innen Priorität eingeräumt wird, haben seit der ersten Einrichtung einer Fußgängerzone im Jahr 1962 deutlich zugenommen. Und zwar nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Stadtteilen. Überall wurden Plätze dem (Auto-) Blech entrissen und in attraktive Plätze umgestaltet, die zum Verweilen, Flanieren oder auch nur zum Schauen einladen.

Hinsichtlich der Verkehrspolitik lässt sich festhalten: Wer den Rad- und Fußverkehr wirklich fördern möchte, muss entsprechende Infrastruktur-Angebote machen. Diese kosten Geld und werden in aller Regel zu Lasten des Autoverkehrs gehen. Ab einer bestimmten Größenordnung braucht der Radverkehr eine separate Infrastruktur. Die Ergebnisse einer solchen Verkehrspolitik, die in Kopenhagen zu besichtigen ist, sind beeindruckend.  Es gibt nur 177 Kfz pro 1000 EW, auf jeden Privat-PKW kommen fünf Räder! Der Weg zum Arbeits- oder Ausbildungsplatz in Kopenhagen wird zu 45% mit dem Rad, zu 27% mit dem ÖPNV, zu 5% zu Fuß und nur zu 23% mit dem Auto zurückgelegt - und darin sind auch alle Pendler/innen enthalten. Wer in Kopenhagen selbst wohnt, legt diesen Weg sogar zu 63% mit dem Rad zurück. Auf den meist befahrenen Rad-Routen sind pro Tag über 40.000 Radler/innen unterwegs. Die Kopenhagener legen 1,3 Mio. km per Rad PRO TAG zurück.

Sanierter Innenhof in Vesterbro

Das Thema Stadtentwicklung diskutierten Gack und Rudel am Beispiel der Stadtteile Vesterbro, Nørrebro und Ørestad. In Vesterbro  wurde das größte Stadterneuerungsprogramm der dänischen Geschichte umgesetzt, bei dem Staat und Kommune Sanierungskosten (Dach und Fassade) zu 100 % förderten. Mit insgesamt über 500 Mio. Euro und in engem Dialog mit den Bewohner/innen wurde aus dem ehemaligen Glasscherbenviertel ein familienfreundlicher Stadtteil mit einem hohen Anteil von Genossenschaftlseigentum und viel Mitbestimmung. Vorbildlich sanierte Innenhöfe, die Attraktivierung des öffentlichen Raums und die mittlerweile entstandenen Cafés, Bars, Restaurants und Designerläden (v.a. auf dem ehemaligen Schlachthof-Gelände) haben Vesterbro inzwischen zu einem der angesagtesten Kopenhagener Stadtteile werden lassen. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist allerdings eine deutliche Gentrifizierung: die ärmsten Bevölkerungsschichten wurden verdrängt, jetzt dominieren  Akademiker und die „kreative Klasse“, es gibt deutlich weniger Arbeitslose und weniger Einwanderer als in anderen Teilen Kopenhagens.

Grüne Oase mitten in der Stadt: Urban Gardening in Nørrebro 

Auch  Nørrebro war einmal ein innenstadtnahes Arbeiterviertel, in dem Sanierungsprojekte der 70er Jahre zu massiven Auseinandersetzungen mit der Wohnbevölkerung führten und letztlich scheiterten. Es gab einen starker Zuzug von Migrant/inn/en  und Probleme mit Drogenhandel und Kriminalität.  Nørrebro ist auch heute immer noch sehr multikulturell, mittlerweile aber auch bei Studierenden und jungen Familien sehr beliebt. Es gibt dort sehr viele, oft ökologisch orientierte Start-ups. Kommunale Projekte wie die Gestaltung des Superkilen-Platzes oder das "urban gardening" fördern den Umbau  des Stadtteils. Einige Straßen wie die Jægersborggade haben es auf diese Weise bereits geschafft, vom Kriminalitätsbrennpunkt zur Touristenattraktion zu avancieren.

Ørestad, Kopenhagens jüngster Stadtteil,  ist eine der Reaktionen auf den starken Bevölkerungszuwachs. Auf einem ehemaligen Militärgelände in verkehrsgünstiger Lage auf der Insel Amager gelegen (Nähe zum Flughafen, zur Øresund-Bahnlinie und –Autobahn), bietet dieser neue Stadtteil im Grünen (am Meer, zwischen Naturschutz-Gelände und landwirtschaftlichen Nutzflächen) große Entwicklungschancen: 20.000 EW, 60.000 Arbeitsplätze, 20.000 Studierende und Schüler/innen soll es hier nach der Fertigstellung geben. Im Gegensatz zu anderen Stadtteilen lag die Quartiersentwicklung und Bautätigkeit dort weitgehend in privater Hand. In den 90er Jahren hatte der in Europa um sich greifende Neoliberalismus mit seinen Privatisierungsstrategien nämlich auch im (ehemaligen) Sozialstaat Dänemark Fuß fassen können. Diese marktorientierte Stadtentwicklung sorgte in Ørestad zwar für etliche architektonische Highlights - doch diese blieben oftmals ohne Bezug zum öffentlich Raum. Ansonsten dominiert eher architektonische Beliebigkeit. Die optimale Kapitalverwertung steht eindeutig im Vordergrund: Die Shopping-Mall „Field‘s“, das größte Einkaufszentrum in Skandinavien, verstößt sogar eigentlich gegen dänisches Recht! Urbanität im öffentlichen Raum dagegen: Fehlanzeige. 

Architektonisch durchaus beeindruckend: 8-Haus in  Ørestad

Aus Sicht der Referenten muss deshalb aus der Entwicklung in Kopenhagen der Schluss gezogen werden, dass Stadtplanung in kommunaler Hand bleiben muss und die Partizipation der Bewohner/innen eine wesentliche Erfolgsvoraussetzung ist. Kommunale Planung muss den Rahmen für zivilgesellschaftliche und ökonomische Initiativen schaffen. Eine rein marktorientierte Planung nützt jedoch nur der Kapitalverwertung, nicht aber den Menschen.

Große Anstrengungen unternimmt Kopenhagen auch im Bereich des Klimaschutzes. Dies nicht zuletzt im eigenen Interesse, denn Starkregen-Ereignisse führen in einer vom Wasser umgebenen Stadt rasch zu katastrophischen Folgen. So ist der Bau von groß dimensionierten Regenwasserbecken und die Anlage von umfangreichen Retentionsflächen eine echte Selbstschutzmaßnahme. Ergänzt werden diese durch die Maßnahmen zur CO2-Reduktion in allen denkbaren Bereichen: in der Strom- und Wärmeproduktion, bei der Mobilität, in Sachen Energieeffizienz usw. Die Stadtverwaltung geht dabei selbst mit gutem Beispiel voran:  Alle kommunale Neubauten haben hohe Energiestandards, die städtischen Fahrzeuge sind mit Alternativantrieb ausgerüstet. Der Stromverbrauch für die Straßenbeleuchtung  wird halbiert und 60.000 qm Solarfläche sollen auf existierenden kommunalen Gebäuden installiert werden. Besonders vorbildlich ist die Versorgung mit Bio-Lebensmitteln in den kommunalen Einrichtungen: Bereits 2013 war dies zu 79% der Fall, im Laufe des Jahres 2015 sollen 90% erreicht werden. Dass die ambitionierten Ziele (Klimaneutralität bis zum Jahr 2025!) auch erreicht werden, dazu tragen nach den Eindrücken von Gack und Rudel nicht zuletzt  die motivierten und fachlich gut ausgebildeten Mitarbeiter/innen in der Verwaltung und bei den Stadtwerken bei, die sich mit den Zielen identifizieren.

Alle Fotos: © Gerd Rudel

Viele weiterführende Links und etliche Literaturhinweise sind im Rückblick auf die eigentliche Reise zu finden. Bitte klicken Sie hier!

ReferentInnen

Peter Gack
GRIBS-Geschäftsführer, Stadtrat, Bamberg

Dr. Gerd Rudel
Politologe, Bildungsreferent, Petra-Kelly-Stiftung, Bamberg

Veranstaltungsort
Bamberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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22.09.2015 bis 23.09.2015

Kohle: Daten und Fakten über einen globalen Brennstoff

 

Deutschland ist Weltmeister! Leider nicht nur im Fußball, sondern auch bei der Förderung von Braunkohle. Aber nicht nur die Braunkohle, auch die Steinkohle hinterlässt Spuren. Ein Viertel der deutschen Treibhausgase kommt aus den 30 größten Kohlekraftwerken. Doch mit seinem Kohle-Hunger steht Deutschland weder in Europa noch in der Welt alleine da. Die Regierungen der 20 größten Industriestaaten subventionieren die Suche nach neuen fossilen Rohstoffen jährlich mit vielen Milliarden US-Dollar, obwohl diese Projekte keine Zukunft haben. Hinzu kommen die teilweise dramatischen Schäden am Klima, an der Umwelt und am Menschen.

Von all dem berichtet der Kohleatlas. Er erscheint zu einer Zeit, in der gerade in Deutschland eine intensive Diskussion um die Zukunft des Energiesektors in Gange ist. Tatsächlich geht es um den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung.

In unseren Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen in Landshut und Schweinfurt stellten wir die wichtigsten Daten und Fakten aus dem Kohleatlas vor und diskutieren über die möglichen Alternativen. Dabei wurde von den jeweiligen Diskussionspartnerinnen sehr deutlich gemacht, dass - erstens - eine Energiewende sich auf mehr als nur den Stromsektor beziehen müsse (nämlich auch den Wärme- und den Mobilitätssektor einbeziehen müsse), dass - zweitens - diese Energiewende nur gelingen könne, wenn die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen gesetzt werden und dass - drittens - gerade die bayerische Staatsregierung derzeit alles tue, um dies zu verhindern.

Die Präsentation von Arne Jungjohann, die die Grundlage für unsere Diskussionen bildete, können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Den Kohleatlas selbst können Sie bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Papierform bestellen oder in verschiedenen Formaten herunterladen. Bitte klicken Sie dazu hier.

ReferentInnen

Arne Jungjohann
Ko-Autor des "Kohle-Atlas". Politikwissenschaftler und selbstständiger Berater. Er berät Stiftungen, politische Organisationen, Think-Tanks, Unternehmen und die Zivilgesellschaft mit den Schwerpunkten politischer Kommunikation, strategischer Ausrichtung und fachlicher Expertise in der Umwelt-, Klima- und Energiepolitik. Zuvor arbeitete er für die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg, die Heinrich-Böll-Stiftung in Washington DC, den Bundestagsabgeordneten Reinhard Loske und im familieneigenen Betrieb.

Kommentare und Diskussion in Schweinfurt:

Edo Günther
Bund Naturschutz, Vorsitzender Kreisgruppe Schweinfurt, Sprecher des BUND-Arbeitskreises Atomenergie und Strahlenschutz

Gunter Häckner
Energieberater, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbarer Technologieprojekte im Landkreis Haßberge mbH (GUT Haßberge) 

Kommentare und Diskussion in Landshut: 

Kathy Mühlebach-Sturm
Dipl. Chemikerin, Vorsitzende Bund Naturschutz, Kreisgruppe Landshut, Aufsichtsratsmitglied Bürgerenergie Isar eG

Rosi Steinberger, MdL
Mitglied im Ausschuss für Umwelt- und Verbraucherschutz, Sprecherin für Forschungspolitik, Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag
 

Veranstaltungsort
Schweinfurt / Landshut


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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Dokument

Booklet der Alternativen

Ermutigung zu einem "anderen" Konsum

Durch unser Konsumverhalten tragen wir in vielerlei Weise zu sozialer Ungerechtigkeit, zu Ressourcenverschwendung und zur Schädigung unserer Umwelt bei. Doch in jedem Bereich gibt es auch entsprechende Verhaltensalternativen. Das Booklet, das vom Change e.V. konzipiert und vorgelegt wurde, versucht diese Alternativen systematisch aufzuzeigen.

Das so entstandene "Booklet der Alternativen" ist eine Anleitung ohne Masterplan. Es ist keineswegs
vollständig. Aber es ist eine Anregung, etwas Neues auszuprobieren und an den notwendigen Verhaltensänderungen mitzuarbeiten.

Das Booklet gibt es gedruckt und als PDF-Datei (rund 8 MB) zum unentgeltlichen Herunterladen.

Bitte machen Sie von dieser Möglichkeit zahlreich Gebrauch und verbreiten Sie diese nützliche Broschüre gern weiter!


Partner

Change e.V., Bamberg

CHANGE – Chancen.Nachhaltig.Gestalten e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Bamberg, der die Verbesserung von Bildungs- und Lebenschancen von Menschen weltweit zum Ziel hat. Er wurde 2010 auf Initiative engagierter Studenten und Dozenten der Universität Bamberg gegründet. Die Schwerpunkte der Vereinsarbeit liegen in der Förderung von selbsttragenden Entwicklungszusammenarbeitsprojekten (EZ-Projekte) mit Bildungsbezug in Afrika (bspw. Förderung von Schulprojekten in Côte d’Ivoire und Zimbabwe) und der Bildungsarbeit (Bildung für nachhaltige Entwicklung/Globales Lernen) in Deutschland (bspw. im Rahmen der Multiplikatorenfortbildung „Nachhaltige Entwicklung für Alle“).



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31.05.2015 bis 05.06.2015

Copenhagenize: Grüne Zukunft, Lebensqualität und urbane Innovation

Bildungsreise nach Kopenhagen

Monica Belling Magnussen, Projektleiterin in der Abteilung Kommunalentwicklung, gab einen ersten Überblick über die Bemühungen Kopenhagens um eine nachhaltige Entwicklung. Kopenhagen als grüne und lebenswerte Stadt ist dabei das Motto. Kopenhagen soll CO2-neutral werden bis 2025, die radfahrfreundlichste Stadt der Welt und eine saubere und gesunde Stadt. Auf dem Weg dorthin hat Kopenhagen gute Voraussetzungen: es ist eine wohlhabende, wirtschaftlich starke Stadt, die einen wichtigen Schwerpunkt in der "grünen" Ökonomie hat. Auf der anderen Seite bringt gerade diese starke Stellung und die daraus resultierende Anziehungskraft der Stadt große Herausforderungen mit sich: Jedes Monat gewinnt Kopenhagen 1000 neue Einwohner/innen, die angemessen untergebracht und mit entsprechenden Infrastruktureinrichtungen versorgt werden müssen.

Der Plan, Kopenhagen bis 2025 CO2-neutral zu machen, ist sehr ambitioniert und erfordert große Bemühungen in vielen Feldern: Mobilität, Energieversorgung, Energieeinsparung – um nur einige zu nennen. Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung halten dieses Ziel dennoch für realistisch. Ein – gerade für die deutsche Diskussion – interessantes Detail: Bis 2025 will die Stadt 100 Windturbinen errichten, 20 % davon sollen sich in Bürgerhand befinden. Und: 90% der Kopenhagener/innen stehen diesem Ausbau positiv gegenüber.

Ein Meilenstein auf dem Weg zur „grünen“ und „blauen“ Stadt war die Reinigung des inneren Hafens, in dem man jetzt sogar schwimmen kann – was einen enormen Gewinn für die Lebensqualität bedeutet. Ebenfalls interessant: Die Friedhöfe werden als grüne Oasen genutzt.

Derzeit noch ein großes Problem sind die Abfälle. Mülltrennung und Recycling sind noch völlig unterentwickelt. Bis 2025 soll immerhin eine Wiederverwertungsquote von 45% erreicht werden. Dagegen ist die Versorgung kommunaler Küchen (Kindergärten, Schulen, Altenheime) mit ökologischen Lebensmitteln im Vergleich zu deutschen Städten schon jetzt ganz hervorragend: 2013 lag sie bereits bei 79%, im Verlauf des Jahres 2015 sollen stolze 90% erreicht werden. Auch im Vergabewesen will Kopenhagen Zeichen setzen: Mit rund 1,5 Mrd. Euro Auftragsvolumen pro Jahr weiß sie um ihre Marktmacht und will diese bewusst nutzen, um nachhaltige und sozial verantwortliche Produkte und Produzenten zu unterstützen.

Die Präsentation von Monica Magnussen finden Sie hier als PDF-Datei.

Grüne Mobilität

Das für die Nachhaltigkeitsstrategie Kopenhagens zentrale Schlüsselprojekt "grüne Mobilität" erläuterte Maria Helledi Streuli, langjährige Mitarbeiterin in der Abteilung Mobilität und öffentlicher Raum der Stadtverwaltung. Die Herausforderungen dafür sind aus den Rahmenbedingungen ablesbar: 580.000 EW (plus weitere 1000 im Monat), 79.000 Studierende, 350.000 Arbeitsplätze, 175.000 Pendler/innen. Aber: „nur“ 177 Kfz pro 1000 EW, ein im Vergleich zu deutschen Städten gleicher Größenordnung sehr geringer Prozentsatz, zeigen, dass sich Kopenhagen bereits auf einem sehr erfolgversprechenden Weg befindet. Die Modal-Split-Zahlen verdeutlichen dies anschaulich. Und dass sich Kopenhagen anschickt, weltbeste Stadt für Radverkehr zu werden, hat dazu sehr wesentlich beigetragen. Seit Jahrzehnten arbeitet die Stadt konsequent daran, den öffentlichen Raum zugunsten von Radverkehr und Fußgänger/inne/n umzubauen. In Kopenhagen fährt jedeR Rad, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Auf ein Privatauto kommen fünf Fahrräder. Und die Kopenhagener fahren Rad, weil es schnell, einfach und bequem ist (88%) und nicht so sehr wegen ihre besonders großen Umweltbewusstseins (nur 9%). Dies wurde durch entsprechende Infrastruktur-Maßnahmen erreicht: breite, sichere Radwege (auf Kosten der Auto-Fahrspuren), Öffnung der Einbahnstraßen für Radfahrer/innen, Rad-Highways für die Pendler/innen,  grüne Welle für Räder und vieles mehr. Aber auch an die Fußgänger/innen wird gedacht. Das zeigt sich nicht nur an den ausgedehnten Fußgängerbereichen in der Innenstadt und den Stadtteilen, wo öffentliche Räume dem Autoverkehr entrissen und neue, einladende Plätze geschaffen wurden, sondern auch durch attraktive Fußwegnetze.  Ergänzt wird dies durch das System öffentlicher Verkehrsmittel (Busse und Metro) sowie zunehmend auch durch Car-Sharing.

Die Präsentation von Maria Streuli finden Sie hier als PDF-Datei.

Stadtentwicklung: alt und neu


Im Rahmen von drei Führungen durch Kopenhagener Stadtteile konnten wir sehr anschaulich erleben, wie Bürger/innen und Stadtverwaltung sich um eine nachhaltige und gleichzeitig sozialverträgliche Stadtentwicklung bemühen. Vesterbro war einmal eines der „Glasscherben-Viertel“ Kopenhagens, geprägt von Prostitution, Drogen und Kriminalität. Noch 1990 stammten 99 Prozent der Wohnungen im inneren Vesterbro von vor 1919. 70 Prozent hatten kein Bad, 64 Prozent keine Zentralheizung, der Anteil von Arbeitslosen und Sozialklienten unter den Mietern lag weit über dem Kopenhagener Durchschnitt. Diese Situation und der Auszug vieler Betriebe aus dem Schlachthofviertel sorgten für den Beschluss zum Umbau des Viertels, der von Kurt Christensen, von Anfang an als Planer in diesen Umbau involviert, präsentiert wurde. Erstes Mosaiksteinchen dafür war die Errichtung des DGI-Kultur- und Freizeitzentrums unweit des Hauptbahnhofs, bei dem im Rahmen einer umfangreichen Bürgerbeteiligung auch die Bedürfnisse der Anwohner/innen berücksichtigt wurden. Neben dem modernen, auch architektonisch gelungen Neubau gehören auch die Øksnehallen – die aus dem Jahr 1899 stammende historische Viehhalle – als Event-Location zu diesem Komplex. Der gesamte Meatpacking District befindet sich im Wandel: Zwar gibt es vereinzelt noch fleischverarbeitende Betriebe. Daneben dominieren aber mittlerweile kulturelle Einrichtungen (Kunstschule etc.), Cafés und Restaurants, Designer-Büros, Möbelgeschäfte (siehe die Bilder oben - alle Fotos von Gerd Rudel/Petra-Kelly-Stiftung, soweit nicht anders angegeben). Diese bunte Mischung hat das Gelände zu einer äußerst angesagten Gegend gemacht, gerade bei jüngeren Leuten ist das Viertel sehr beliebt. Noch wichtiger für die Entwicklung Vesterbros waren aber die Sanierungsmaßnahmen für die völlig maroden Wohngebäude.  Die Gebäude wurden modernisiert und instandgesetzt, die Innenhöfe der Blöcke entkernt, begrünt und mit Gärten und Gemeinbedarfsanlagen versehen (siehe die Bilder unten). Dazu kamen die für Kopenhagen üblichen verkehrlichen Maßnahmen sowie die Anlage von Kinderspielplätzen und Verbesserungen im öffentlichen Raum. Dass dies mit einer „Gentrifizierung“ des Viertels und einer teilweisen  Verdrängung der ärmeren Wohnbevölkerung verbunden war, lässt sich nicht leugnen, war aber wohl unvermeidbar. Wie gelungen, ja teilweise schon als vorbildlich zu bezeichnen diese Sanierungsmaßnahmen sind, konnten wir in einigen Innenhöfen sehr gut nachvollziehen. Ohne das finanzielle Engagement der Stadt Kopenhagen und des dänischen Staates wären diese modellhaften Umbaumaßnahmen jedoch kaum denkbar gewesen.

Der Stadtteil Nørrebro , durch den uns Line Bram Pedersen und Eva Diekman von GoGreen Copenhagen führten, war schon früher als Vesterbro Gegenstand von umfangreichen Stadterneuerungsprojekten, die in diesem Arbeiterviertel bereits um 1970 begannen. Diese allerdings waren eher ein Negativbeispiel, und so führten drohende Abrisse zu massiven Unruhen. Seit Anfang der 1980er Jahre war Nørrebro für wiederholte Krawalle bekannt, zuletzt 2006/07, als das alternative Jugendzentrum Ungdomshuset abgerissen wurde, und auch als sozialer Brennpunkt, der von zunehmenden Gewaltdelikten und Kriminalität geprägt war.

Die Kriminalität ist nach wie vor nicht völlig verschwunden – aber: das Viertel hat sich durch verschiedene Aktivitäten, die vor allem auf meist ökologisch orientierten Start-ups beruhen, sehr verändert. Von der Öko-Bierbar über Bio-Bäckereien bis zur Bio-Brauerei ist hier alles zu finden. Manche dieser Neugründungen müssen zwar wegen ökonomischer oder betrieblicher Probleme wieder dicht machen, werden aber schnell von anderen ersetzt.

Ganze Straßen, die noch vor wenigen Jahren durch Bandenkriege geprägt wurden (wie die Jægersborggade),  sind mittlerweile komplett verwandelt. Dort finden sich nicht nur ein Sterne-Restaurant, eine Öko-Bäckerei, Designer-Shops, Bars oder Cafés, sondern auch ein Swap-Shop, in dem man Kleidung tauschen kann (Resecond).

Bemerkenswert ist auch der große Gemeinschaftsgarten im Nørrebro-Park, der von vielen Freiwilligen aus der Gegend bewirtschaftet wird und gleichzeitig ein beliebter Treffpunkt ist. Auch der Assistens-Friedhof bietet mit seiner weitläufigen Anlage nicht nur (z.T. berühmten) Toten Ruhe, sondern dient auch den Lebenden als Erholungsort (Bild unten links).

Nørrebro  ist nach wie vor ein Mulitkulti-Stadtteil: Menschen aus aller Welt leben hier. Die Superkilen-Platzanlage symbolisiert dies in vielfältiger Weise. Der Park beheimatet kulturell prägnante Stadtelemente aus über 60 Ländern. Stadtmobiliar, Spielgeräte (z.B. eine überdachte Skater-Anlage), Skulpturen und Beleuchtung bieten Raum für Passanten, Radfahrer, Skater und spielende Kinder. Am „Red Square“, wo unsere Führung endete, bietet zudem die Nørrebro-Halle (eine umgebaute ehemalige Bahnhofshalle) Platz für kulturelle und sportliche Aktivitäten.  Am Tag unserer Führung gab es für die ansässigen Familien ein super-preiswertes Essen – dänische Sozialpolitik live sozusagen (Bild oben rechts).

Ein krasser Gegensatz zu den Altbau-Vierteln in Innenstadtnähe sind die in den vergangenen Jahren entstandenen Neubauquartiere, angesichts des anhaltenden Bevölkerungszustroms aber unabdingbar. Ørestad auf der Insel Amager ist der jüngste Stadtteil der dänischen Hauptstadt und entsteht seit 1992 im Südosten der Stadt auf einem einstigen militärischen Übungsgelände. Geführt von der Architektin Michaela Wahlmüller, besichtigten wir vor allem die architektonischen Highlights dieses Viertels. Bis zur kompletten Fertigstellung von Ørestad werden noch einige Jahre vergehen, geplant sind Wohnungen für 20.000 Einwohner/innen. Dieselbe Anzahl Menschen wird Ørestad zum Studium oder zur Ausbildung aufsuchen. Insgesamt soll der Stadtteil 60.000 Arbeitsplätze bieten.

Der Anspruch ist hoch: Der neue Stadtteil soll eine Infrastruktur auf Weltklasseniveau mit einem funktionstüchtigen, öffentlichen Verkehrssystem, einer durchdachten Parkplatzpolitik, direkter Anbindung an die wichtigsten Naherholungsgebiete und eine zusammenhängende Stadt-, Raum- und Landschaftsplanung aufweisen sowie hohe Anforderungen an Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit erfüllen. Wichtig für die Entwicklung von Ørestad war die Tatsache, dass die Verkehrsinfrastruktur vor dem Gebäude-Bau entstand: der Bau der Metro führte zu einer Bodenwertsteigerung, mit deren Hilfe die Infrastrukturmaßnahmen refinanziert werden konnten. Grundlage für die Bebauung ist der Masterplan des finnischen ARKKI-Teams, das 1995 einen vorhergegangenen städtebaulichen Wettbewerb gewonnen hatte. 

Im Norden des neuen Stadtteils befinden sich das Konzerthaus und die Universität sowie Studierenden-Heime. In Ørestad-City gibt es neben etlichen Wohnblocks Hotels, Bürogebäude, Schule, Bibliothek, ein riesiges Einkaufszentrum sowie eine in Bau befindliche Multifunktionsarena für Sport- und Kulturveranstaltungen. 

Das 8-Haus der Bjarke Ingels Group (BIG) ist ein architektonischer Höhepunkt (Bilder oben und unten). Es beherbergt ein elfgeschossiges Gebäude für 475 Wohnungen, gewerbliche Betriebe, Café und Gemeinschaftsräume, das im Grundriss eine Acht nachzeichnet. Attraktionen des "8 House" sind die begrünten Dächer, die waghalsigen Treppen an der äußeren Fassade und die breiten Rampen, die als öffentlicher Parcours die einzelnen Wohnbereiche erschließen und die Gebäudehälften am Knotenpunkt durchschneiden. Hinzu kommen unterschiedlich gestaltete Innenhöfe, die im Süden mit grünen Terrassen und im Norden mit gerundeten Grashügeln gestaltet sind. Dazu passend durchzieht zusätzlich ein Fußweg den Riesenkomplex und vereinfacht den Zugang zu den Wohnungen. Die Architekten schufen 125 verschiedene Wohnungstypen, wahlweise mit Maisonette, Vorgarten oder Dachterrasse. Als reizvoller Endpunkt fungiert an der südlichen Gebäudespitze ein Café mit Ausblicken über den See und das grüne Amager. (Video: https://vimeo.com/3499612)

Die VM Häuser (VM Husene) wurden ebenfalls von den Architektenfirmen Bjarke Ingels Group (BIG), Julian de Smedt (JDS Architects) und Plot entworfen. Der Bau wurde 2005 fertiggestellt und war einer der ersten Wohnbauten in Ørestad City. Die VM Häuser (Bild unten links) verdanken ihren Namen ihrer Form, die aus der Luftperspektive aussieht wie die Buchstaben V und M. Das V-Gebäude sticht heraus durch seine charakteristischen, dreieckigen nach Süden gerichteten Balkons und einer Glasfassade, die einen Eindruck von Offenheit vermittelt. Der VM Berg (VM Bjerget - Bild unten rechts) liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der VM Häuser und wurde ebenfalls von BIG und Plot entworfen. Die Fenster in den Wohnungen reichen vom Boden bis zur Decke. Dem Stile anderer Gebäude folgend, ist die zur Metro gewandte Seite hoch, während es nach Osten abfällt und somit einen sanften Übergang zwischen der alten Architektur im östlichen Amager und der neuen Architektur in Ørestad. Das integrierte Parkhaus hat als besondere Sehenswürdigkeit einen schrägen Aufzug für die Bewohner/innen. Die Dachgärten verfügen über immergrüne Bepflanzung und ein kompliziertes Bewässerungssystem.

Die architektonischen Highlights bleiben aber meist ohne Bezug zum öffentlichen Raum. Und ansonsten dominiert  architektonische Beliebigkeit. Die optimale Kapitalverwertung steht im Vordergrund, Urbanität im öffentlichen Raum: Fehlanzeige. Überhaupt: Das „menschliche Maß“, das der Kopenhagener Architektur- und Planungs-Mastermind Jan Gehl anmahnt, wird in Ørestad oft genug deutlich überschritten. Hier rächt sich ganz offensichtlich, dass die Umsetzung der Planung allein den Marktkräften überlassen wurde

Kopenhagen per Rad: ein Erlebnis

Dass Kopenhagen einer der weltbesten Fahrradstädte ist, dürfte mittlerweile bekannt sein. Viele Errungenschaften waren uns bei unseren Besuchen in der Stadtverwaltung bereits nahegebracht worden. Diesen Radverkehr „live“ zu erleben, ist dagegen in vieler Hinsicht atemberaubend: allein die schiere Masse von Radfahrer/inne/n jeden Alters, die Wind und Wetter trotzen. Und auch die Art und Weise, wie manche mit irrwitzigen Geschwindigkeiten unterwegs sind. Aber natürlich auch die Annehmlichkeiten, die der Alltagsradler in Deutschland allzu oft vermissen muss: breiteste Radwege, die auch Lastenräder (in Kopenhagen oft auch als Transportmittel für kleinere Kinder benutzt) bequem Platz bieten, und Überholvorgänge problemlos gestatten; selbstverständlich gegen die Einbahnrichtung befahrbare Straßen, was gerade in den engen Altstadtstraßen sehr wichtig ist, um Umwege zu vermeiden; „grüne Welle“ für Räder an den wichtigsten Radstrecken; Radschnellverbindungen im Grünen abseits der Straßen. Dies alles auf der vor Lars Testmann und drei Kolleg/inn/en der Rambøll-Beratungsgesellschaft begleiteten Radtour durch Kopenhagen zu sehen und zu erleben, war schlicht großartig. Von der auch architektonisch beeindruckenden Fahrradbrücke ("cykelslangen"), die die beiden Stadtteile Vesterbro und Islands Brygge verbindet, ganz zu schweigen. (Video: https://youtu.be/c2XFh1K2uBU)

Hingewiesen wurde dabei auch immer wieder auf Verbesserungen im öffentlichen Raum, die nicht nur den Radler/inne/n zugute kommen, sondern auch und vor allem den Fußgänger/inne/n: so zum Beispiel die von den Blechlawinen befreiten Plätze Israelplads (unten links) und der Raum rund um die Nørreport-Station oder die innerstädtische Vestervolgade (unten rechts). 

Aber auch im Fahrrad-Paradies Kopenhagen gibt noch Problemstellen, vor allem „missing links“ in den Radverkehrsnetzen: wenn für eine wichtige Radwegverbindung, die über zwei ineinander mündende mehrspurige Straßen führt, noch keine befriedigende Lösung gefunden worden ist. Oder wenn eine Radwegführung plötzlich in Konflikt mit kreuzenden Fußgängern gerät. Und in Sachen Fahrradabstellplätze (Bild unten links: an der Nørreport-Station) sind die Holländer sicher weiter als die Dänen. In Nørrebro oder am Hauptbahnhof und in der Innenstadt ist das Fahrradparken mittlerweile ein echtes Problem. Aber solche Klagen bewegen sich natürlich – verglichen mit den Verhältnissen in Deutschland – auf sehr hohem Niveau.

Ebenfalls mit etlichen Problemen belastet war die Einführung eines neuen Leihfahrradsystems (Bild unten rechts). Statt der alten, sehr einfach zu mietenden und kostenfreien Räder gibt es jetzt E-Bikes mit Tablet und GPS. Das passt zum modernen Image. Aber es erwies sich als zu kompliziert und hatte bei weitem nicht den erhofften Erfolg. Wohl eher aus Prestige-Gründen soll es dennoch zumindest vorerst weitergeführt werden.

Essen gegen die Wegwerfgesellschaft

Rub & Stub im „Huset“, dem wohl ältesten Alternativzentrum Europas, ist das erste Restaurant in Kopenhagen, das sich gegen die Nahrungsmittelverschwendung wendet. Es verarbeitet Lebensmittel, die ansonsten weggeworfen würden. Es handelt sich aber natürlich nicht um Abfall-Produkte, sondern um überschüssige Waren, die von den Supermärkten aus unterschiedlichsten Gründen nicht (mehr) verkauft werden können. Krumme Gurken oder zu dünner Lauch, zum Beispiel, oder andere Waren, die von Standardformen abweichen, sowie überschüssige Saisonwaren (klassische Weihnachtsprodukte etwa, die nach Silvester aus dem Sortiment genommen werden). Es handelt sich also um vollkommen frische und essbare Lebensmittel. Dennoch ist es für die Küche eine Herausforderung, aus den plötzlich überschüssigen Waren leckere Gerichte zuzubereiten. Unser Urteil: die Küche hat diese Herausforderung bestens bestanden. Sehr lecker und zudem sehr preiswert!

HOFOR: Stadtwerke für eine nachhaltige Energieversorgung

HOFOR – so der Name der Kopenhagener Stadtwerke – ist der größte Versorgungsbetrieb Dänemarks. Das Geschäftsfeld der zu 100 Prozent in kommunaler Hand befindlichen Aktiengesellschaft wurde uns vom Vizepräsidenten der Gesellschaft, Morten Stobbe, vorgestellt und umfasst die Energie-, Gas- und Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung sowie Nahwärme- und –kälteversorgung. Die Gesellschaft, die in einem modernen Neubau im Stadtteil Ørestad residiert, hat rund 1.000 Mitarbeiter/innen und ca. eine Million Kund/inn/en in der Region Kopenhagen. Der Jahresumsatz beträgt 5,3 Milliarden DKK, die jährliche Investitionssumme 1,5 Mrd. DKK. Die AG ist nicht gewinnorientiert, sondern soll kostendeckend arbeiten. Ihre Geschäftspolitik ist an nachhaltiger Versorgung, erneuerbaren Energien und der Unterstützung der kommunalen Entwicklung orientiert. Dementsprechend spielt HOFOR eine wesentliche Rolle bei der Erreichung des Ziels, Kopenhagen bis zum Jahr 2025 CO2-neutral zu machen. Sie kann sich aber dabei in schwierigen Situationen auf die – auch finanzielle – Rückendeckung der Kommune verlassen.

So hat HOFOR die Reinigung des Hafenbeckens übernommen und dort für Badewasserqualität gesorgt. Die Gesellschaft kümmert sich auch um Lösungen für die wegen des Klimawandels immer öfter auftretenden Starkregen-Ereignisse, die für eine Hafenstadt wie Kopenhagen besonders bedrohlich sind. Auch Wassersparen und Energiesparen stehen auf ihrer Agenda.

Die größte Herausforderung liegt aber sicher im Ziel der CO2-Neutralität bis 2025. Bei der Wärmeversorgung soll dies durch eine Kombination von großen Wärmepumpen, Solarwärme, Wärme aus Biomasse, Biogas sowie Müllverbrennung gelingen. Bei der Stromversorgung steht der Ausbau der Windenergie im Vordergrund. Da dies auf dem Stadtgebiet von Kopenhagen nur in eingeschränktem Maße möglich ist, müssen dafür Windparks in anderen Teilen Dänemarks gebaut werden. Der Einsatz von Kohle (im erst kürzlich erworbenen Amager-Kraftwerk) soll so schnell wie möglich eingestellt und durch Biomasse (= Holzhackschnitzel)-Verfeuerung ersetzt werden. Da diese Biomasse großteils importiert werden muss (aus den skandinavischen Staaten und dem Baltikum, aber auch aus Spanien und Portugal), ist dies nicht unproblematisch: der Transport ist negativ für die CO2-Bilanz. Und es muss darauf geachtet werden, dass wirklich ausschließlich Holzreste aus nachhaltiger Forstwirtschaft zum Einsatz kommen.

Interessant auch: Neben der Nahwärmeversorgung im Distrikt hat HOFOR auch das Thema Kälte (für Klimaanlagen) entdeckt. Wesentlich effizienter und ökologischer als das konventionelle Betreiben von klassischen Klimaanlagen mit Strom, wird gerade ein System der Nahkälteversorgung (district-cooling) aufgebaut, bei dem hauptsächlich auf das ohnehin relativ kalte Meerwasser als Kältemittel zurückgegriffen wird.

Gewissermaßen "nebenbei" konnten wir bei unserem Besuch im HOFOR-Hauptquartier auch einen Einblick bekommen in die dänische Arbeitswelt: Wir wurden zum Lunch-Buffet eingeladen, das den Angestellten dort für einen äußerst geringen Obolus (umgerechnet rund 45 Euro pro Monat) werktäglich zur Verfügung steht: von Sushi über Roastbeef mit Spargel bis hin zu Thai-Kost und traditionellen dänischen Speisen: alles sehr frisch zubereitet und super lecker. Und an einem Obst-Wagen (Bild links) kann man sich tagsüber kostenlos bedienen. Vorbildlich!

Die umfangreiche Präsentation von Morten Stobbe finden Sie hier als PDF-Datei.

Ergänzend dazu eine Präsentation zum Thema Windenergie von Simon Riis-Sørensen.

Moderne Kunst am Meer

Rund 35 Kilometer nördlich von Kopenhagen, am Rande von Humlebæk, liegt eines der unbestritten schönsten Kunstmuseen der Welt: das "Louisiana Museum of Modern Art". Dieses Museum ist – wie wir auf unserer Führung erfahren konnten – das Werk von Knud Jensen, der Ende der 50er Jahre das schon arg ramponierte ehemalige Herrenhaus eines dänischen Offiziers erworben hatte und nach und nach zu heutiger Pracht umbaute und erweiterte. "Louisiana" heißt das Museum, weil dieser letzte Besitzer mit drei Damen namens Louise verheiratet war. Im Laufe der Jahre wurde das Museum immer wieder erweitert. Der erste Flügel (von den dänischen Architekten Bö und Wohlert entworfen) wurde an das alte Haus gefügt und über die Wiese und durch den Park gezogen. Es folgten: ein Ausstellungsraum, ein Konzertsaal, ein weiterer großer Ausstellungsraum, 1982 dann ein ganz neuer Flügel für die Sammlung und 1991 ein unterirdischer Trakt für die graphische Sammlung und Zeichnungsausstellungen sowie in den Jahren 1994-1998 ein Kinderhaus, das – wie wir sehen konnten – rege für museumspädagogische Aktivitäten genutzt wird. So wurde der Nord- mit dem Südflügel verbunden, und heute kann man  den Rundgang  durch das Museum trockenen Fußes (angesichts des Wetters für uns nicht ganz unwichtig!) erledigen. Das Wechselspiel zwischen Kunst, Natur und Architektur, den Blick aufs offene Meer oder den Teich, auf die in die Natur eingepassten Skulpturen im Garten (siehe Bild unten links), die einen wesentlichen Reiz dieses Museums ausmachen, sind so auch von innen zu genießen. Den Rundgang durch den Skulpturenpark sollte man aber auch bei Regenwetter nicht auslassen, erst hier erschließt sich der Reiz des Geländes wirklich.

Das Museum, das ursprünglich der modernen Kunst Dänemarks gewidmet sein sollte, präsentiert mittlerweile – nicht zuletzt durch einen Besuch Jensens auf der documenta in Kassel im Jahr 1959 angeregt – Werke vieler international renommierter Künstler/innen. Dazu zählen: Yves Klein, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Georg Baselitz, Max Ernst, Joan Miró, Henry Moore, Alberto Giacometti und natürlich der wichtigste dänische Modernist Asger Jorn (im Bild oben rechts eine Gemälde von ihm, daneben unsere Führerin).

Kommunalpolitik in Kopenhagen

Am Schluss unserer Reise stand ein Besuch im Kopenhagener Rathaus – das sich uns wegen des dänischen Nationalfeiertags  ausnahmsweise komplett menschenleer (Bild unten links) zur Besichtigung präsentierte. In diesem monumentalen „Prachtbau“, der 1905 eröffnet wurde, erwartete uns im Sitzungssaal (Bild unten rechts) des Stadtrats Peter Thiele, umweltpolitischer Sprecher der SF-Fraktion. Die "Socialistisk Folkeparti" (SF) ist seit 2014 Mitglied der europäischen Grünen, ihre Mitglieder im EU-Parlament waren schon seit jeher Teil der grünen-alternativen Fraktion in Brüssel. Thiele erläuterte Zusammensetzung und Funktionsweise des Stadtparlaments und gab uns Einblicke in die Arbeitsweise. Der Kopenhagener Stadtrat hat 55 Mitglieder, die SF-Fraktion umfasst sechs Personen. Es gibt im Stadtrat seit Jahrzehnten eine linksorientierte Mehrheit. Derzeit wird sie von Sozialdemokraten, der linken "Einheitsliste" und der grünen SF gebildet. Seit 2010 ist der Sozialdemokrat Frank Jensen Oberbürgermeister.

Aus den Reihen des Stadtrats werden für bestimmte Zuständigkeitsgebiete sechs weitere Bürgermeister gewählt, die aber ihr Mandat als Stadtratsmitglieder behalten. So ist Ninna Thomsen von der SF-Fraktion Bürgermeisterin für Gesundheit und Pflege. Die Stadtratsmitglieder arbeiten ehrenamtlich und gehen weiterhin ihren Berufen nach. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung von ca. 2.000 Euro monatlich. Die Stadtratssitzungen finden in der Regel einmal im Monat am späten Nachmittag (Beginn zumeist um 17:30 Uhr) statt und sind öffentlich. Sie werden auch per Live-Stream übertragen. Die Fachausschüsse, in denen die eigentliche Sacharbeit geleistet wird, tagen dagegen in nicht-öffentlicher Sitzung.

Ein kurzes Fazit: Kopenhagen ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Beispiel für eine konsequent an Nachhaltigkeit ausgerichtete Stadtpolitik. Dazu trägt nicht nur eine über Jahrzehnte stabile Mehrheit im Stadtrat bei, die diesen Weg verfolgt, sondern auch eine kompetente Stadtverwaltung und kommunale Gesellschaften wie die Stadtwerke arbeiten hier mit viel Energie und Kompetenz mit, um Kopenhagen zu einer grünen, lebenswerten Stadt zu machen. 

 

Unsere Gruppe: am Mittwoch vor der Rad-Tour (Bild: Teresa Inclan)

 

Weiterführende Links und Hinweise:

City of Copenhagen: Copenhagen - Carbon Neutral by 2025, Kopenhagen 2012

dies.: Copenhagen - City of Cyclists. The Bicycle Account 2014, Kopenhagen 2015

dies.: Action Plan for Green Mobility. Short Version. Kopenhagen o.J.

dies.: Good, Better, Best. The City of Copenhagen's Bicycle Srategy 2011-2015. Kopenhagen2011

HOFOR: District heating in Copenhagen: Energy-Efficient, Low-Carbpn, and Cost-Effective. Kopenhagen o.J.

European Commission: Copenhagen - European Green Capital 2014. Luxembourg 2013

Informationen zur Kommunalpolitik in Dänemark (engl.) - PDF-Datei

Übersicht: COPENHAGEN CITY GOVERNMENT 2014-2017 (engl.) - PDF-Datei

Urban Gardening in Nörrebro

Klaus Bondam: The Greatest Invention. In: The Indedendent 04.06.2015

Cycling Embassy Of Denmark

Martin Randelhoff: Kopenhagen: ein Paradies für Radfahrer

Copenhagen Growing. The Story of Ørestad. CPH City & Port, Kopenhagen 2011 (PDF-Datei)

Thomas Franke/Wolf-Christian Strauss: Management gebietsbezogener integrativer Stadtteilentwicklung. Ansätze in Kopenhagen und Wien im Vergleich zur Programmumsetzung „Soziale Stadt“ in deutschen Städten. Berlin 2005  (PDF-Datei)

Britta Tornow: Wohnungsgenossenschaften in Dänemark - Akteure in der sozialen Quartiersentwicklung. Informationen zur Raumentwicklung. Heft 4/2007, S. 263-274 (PDF-Datei)

Lea Olsson/Jan Loerakker: The Story Behind Failure: Copenhagen’s Business District Ørestad 

Wer sich für die "Planungsphilosophie" interessiert, die hinter vielen Veränderungen in der Stadtplanung und Verkehrspolitik der Stadt Kopenhagen steht (vielleicht mit Ausnahme der Entwicklung in  Ørestad), dem sei die Lektüre dieses Buchs empfohlen:

Jan Gehl: Städte für Menschen. Berlin, jovis Verlag 2015  

Für eine etwas kürzere Information empfehlenswert:

Jan Gehl im Interview: "Die Menschen in Bewegung setzen". In: brand eins, Nr. 12/2014


ReferentInnen

Monica Belling Magnussen
Project Manager - International Visitor Coordinator Municipal Development
CITY OF COPENHAGEN
Technical and Environmental Administration
Citywide Strategies Department
Njalsgade 13
Postboks 259
DK-2300 Copenhagen
Mobil: +45 23706519
Mail: cw06@tmf.kk.dk

Maria Helledi Streuli
Mobility & Urban Spaces City of Copenhagen
The Technical & Environmental Administration City Development
Njalsgade 13
2300 Copenhagen S
Mobil: +45 4019 7822
Email: zl9x@tmf.kk.dk

Kurt K. Christensen
Chefkonsulent, arkitekt maa
Kigkurren 8 M, 3. sal
2300 København S
www.sbsby.dk
Mail: kkc@sbsby.dk
Tlf. 8232 2500 / Direkte 8232 2540
Handy: 0045 24225350

Line Maria Bram
GoGreen Copenhagen
Tel.: +45 30 34 20 96
Mail: info@gogreencopenhagen.dk

Lars Testman
Tel.: 0045 51 61 36 07
Mail: LRT@ramboll.dk

Michaela Wahlmüller
Mail: w.michaela@gmail.com

Morten Stobbe
Forsyningschef Fjernvarme
Bygas og Kraftvarme Direkte
tlf: 2795 4696
E-mail: msto@hofor.dk

Peter Thiele
Mail: Peter_Thiele@br.kk.dk


Veranstaltungsort
Kopenhagen


Partner

Heinrich-Böll-Stiftung NRW


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



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22.05.2015 - 19:30 bis 22:00

CETA, TTIP, TISA

Folgen der Freihandelsabkommen für: Verbraucherschutz & Arbeitswelt, Mittelstand und Kommunen

Rückblick

Von Hermann Eschenbeck

„Bei den geplanten Freihandelsabkommen geht es im Grunde nicht um Freihandel“, so die These von Dr. Stefan Beck. Die Zölle würden beim wirtschaftlichen Austausch zwischen EU und USA kaum noch eine Rolle spielen und technische Regulierungen, wie z.B. Sicherheitsnormen für Pkws ließen sich zwischen den betroffenen Industriesparten auch ohne ein umfassendes Abkommen vereinbaren. Das Ziel der EU-Kommission und der amerikanischen Seite sei vielmehr, in einem horizontalen Ansatz alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche im höchstmöglichen Maß zu liberalisieren und den Gesetzen des freien Marktes zu unterwerfen. Dies konkurriere mit nationalstaatlichen Regulierungen, mit denen die Regierungen Wohlfahrt, Gesundheits- und Bildungswesen, das kulturelle Leben, den Umwelt und Verbraucherschutz steuern und entwickeln wollten. Sinn des Freihandels sei es nicht, Sozial- und Umweltstandards zu heben, sondern den Handel zu liberalisieren. Es sei kein Wunder, dass die Protestbewegung gegen die Freihandelsabkommen von den Gewerkschaften über die Kommunen bis zum Deutschen Kulturrat reiche.

Für noch gefährlicher als TTIP hielt der Referent das TISA-Abkommen, bei dem es um die Liberalisierung des Dienstleistungsbereiches gehe. Hier drohe ein Eingriff in die kommunale Daseinsvorsorge, der die Selbstverwaltung in den Städten und Gemeinden in Frage stelle. Querfinanzierungen von gewinnbringenden Stadtwerken zu defizitären kommunalen Sektoren wären unter dem Regime der Freihandelsabkommen nicht mehr möglich. (Auf Nachfrage führte der Referent aus, dass z.B. bei dem bereits fertig verhandelten CETA -Abkommen sogar eine Privatisierung der Wasserversorgung möglich sei – Schutz vor dem Freihandel genieße nur „unbehandeltes“ Wasser.)

Das TISA-Abkommen enthielte Klauseln, nach denen ein einmal erreichter Stand der Liberalisierung nie wieder rückgängig gemacht werden dürfe. (Stillstands- bzw. Ratchet- Klausel.) Es sei also in Zukunft nicht mehr möglich, Stadtwerke zu rekommunalsieren, wenn man mit privaten Investoren schlechte Erfahrungen gemacht habe, wie derzeit in Berlin.

Der Referent zeigte sich skeptisch, bezüglich der Harmonisierung bzw. gegenseitigen Anerkennung von Produktstandards: So basiere etwa die deutsche und europäische Chemikalienpolitik auf dem Vorsorgeprinzip: Ein Stoff dürfe nur in Verkehr gebracht werden, wenn seine Unbedenklichkeit einwandfrei erwiesen sei. Die Nachweispflicht für die Ungefährlichkeit liege bei den Herstellern. In den USA könne der Staat die Herstellung oder Nutzung eines Stoffes erst verbieten, wenn seine Schädlichkeit zweifelsfrei belegt sei. Die Nachweispflicht für die Gefährlichkeit liege bei den Behörden. Diese beiden unter- schiedlichen Sicherheitsphilosophien seien eigentlich unvereinbar. Dazu komme noch, dass zwar das EU-Parlament nach wie vor hinter dem Vorsorgeprinzip stehe, die Kommission dieses aber inzwischen in Frage stelle. Die Gefahr einer Absenkung der europäischen Standards sei also real.

Einen breiten Raum in der öffentlichen Diskussion nehme zu Recht der sogenannte Investitionsschutz ein. Dabei gehe es um die Installierung einer Paralleljustiz für international agierende Unternehmen. Die Einlassung der TTIP-Befürworter, dass es Investitionsschutzklauseln schon seit über fünfzig Jahren gebe, sei nicht zielführend. Früher sei es um den Schutz ausländischer Investoren aus westlichen Industriestaaten vor korrupten Regimes in der Dritten Welt gegangen. Heute müssten Regierungen ihre Steuerzahler zur Kasse bitten, wenn sich international agierende Konzerne in ihren sogenannten „legitimen Gewinnerwartungen“ enttäuscht sähen. Dafür gäbe es international genug Beispiele von bereits entschiedenen Verfahren. Im bereits fertig verhandelten CETA-Abkommen sei der Investitionsschutz definitiv enthalten.

Abschließend charakterisierte der Referent die geplanten Freihandelsverträge TTIP, CETA und TISA als Veranstaltungen von Industrie und Handel. Gewerkschaften, Sozialverbände, Umwelt- und Verbraucherschützer säßen nicht mit am Verhandlungstisch. Das EUParlament und die nationalen Parlamente in Europa hätten ebenfalls kein Mitwirkungsrecht beim Verfahren und könnten nur die fertigen Verträge pauschal annehmen oder ablehnen.

In der sehr lebhaft und sachkundig geführten Diskussion wurden noch weitere kritische Punkte der geplanten Freihandelsabkommen angesprochen, wie etwa die unwürdigen Bedingungen unter denen sich Abgeordnete des EU-Parlaments Zugang zu Informationen über die Abkommen verschaffen müssten. Das durch die Freihandelsabkommen zu erwartende Wirtschaftswachstum sei selbst nach den von der EU in Auftrag gegebenen Gutachten eher dürftig. Aber sogar diese bescheidenen Wachstumsprognosen würden von den Befürwortern noch geschönt oder irreführend dargestellt. Ein fragwürdiges Argument sei auch, dass die EU und die USA die Standards für den Welthandel setzen müssten, weil dies sonst andere, wie z.B. die BRIC-Staaten tun würden. An diesem Argument sei allenfalls richtig, dass Entwicklungs- und Schwellenländer es unter einem TTIPRegime noch schwerer haben würden, wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Mehrere Diskutanten zeigten sich verwundert, dass der europaweite Protest gegen die Freihandelsabkommen bis jetzt kaum Resonanz bei den verantwortlichen Politikern ausgelöst habe. Hermann Eschenbeck (Bund Naturschutz) sagte dazu, der Widerstand sei jetzt schon eine Volksbewegung, vergleichbar mit den Demonstrationen gegen Wackersdorf und die Kernenergie in den 80er Jahren. Er müsse aber noch wachsen und der öffentliche Diskurs müssen weiter intensiviert werden.                                                                                

ReferentInnen

Dr. Stefan Beck
Studiengang Global Political Economy, Universität Kassel

Veranstaltungsort
Traunstein, Pfarrsaal St. Oswald, Bahnhofstr. 1


Kosten
Eintritt frei!


Partner

Bund Naturschutz Kreisgruppe Traunstein


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



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12.05.2015 - 19:00

Veränderungen in der Arbeitswelt durch den Digitalen Wandel

Veranstaltungsreihe: Digitaler Wandel

von links nach rechts:
Markus Schleifer (Rechtsanwalt, München, ehem. Personalleiter der ARAG Lebensversicherungs- AG München und der Lebensversicherung von 1871 a.G. München), Joscha Lautner (Unternehmer, Impact Hub Munich), Simone Burger (DGB, Regionsgeschäftsführerin und Vorsitzende DGB Kreisverband München) und Dieter Janecek (MdB, Wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion) diskutierten die Auswirkungen des Digitalen Wandels auf die Arbeitswelt.
(Moderation Birgit Mooser-Niefanger, Journalistin und Trainerin, Mitte).

Den Mitschnitt der gesamten Veranstaltung von Radio München können Sie hier nachhören.


ReferentInnen

Simone Burger
DGB, Regionsgeschäftsführerin und Vorsitzende DGB Kreisverband München
Dieter Janecek, MdB
Wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion
Joscha Lautner
Unternehmer, Impact Hub Munich
Markus Schleifer
Rechtsanwalt, München, ehem. Personalleiter der ARAG Lebensversicherungs- AG München und der Lebensversicherung von 1871 a.G. München
Moderation
Birgit Mooser-Niefanger, Journalistin und Trainerin

Veranstaltungsort
München, Orange Bar, Zirkus-Krone-Str. 10, 6. Stock


Kosten
Eintritt frei!


Art der Veranstaltung
Podiumsdiskussion



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28.04.2015 - 19:00

Share Economy als Chance für die ökologische Transformation und ein...

Veranstaltungsreihe: Digitaler Wandel

Mit Smartphone und App lassen sich inzwischen vielerorts Carsharing- und Leihfahrradangebote nutzen, günstige Übernachtungsmöglichkeiten in privaten Unterkünften organisieren, Second-Hand-Kleidung und Flohmarkt-Möbel tauschen. Doch bei Angeboten wie airBnB oder dem Fahrdienst Uber stellen viele die Frage, ob die verheißungsvolle Share Economy nicht den Kapitalismus als KAPPitalismus auf die Spitze treibt.

Welches Potenzial hat die Share Economy, vorangetrieben durch die Digitalisierung, wirklich für die ökologische Transformation? Welchen Beitrag leistet Share Economy zur Lebensstiländerung im Sinne der Nachhaltigkeit?

ReferentInnen

Verena Osgyan, MdL
Mitglied des Fraktionsvorstandes der Grünen im Bayerischen Landtag
Günes Seyfarth
Gründerin von mamikreisel.de
David Weingartner
Community & Sustainability Connector, ouishare.net
Moderation
Birgit Mooser-Niefanger, Journalistin und Trainerin

Veranstaltungsort
München, Orange Bar, Zirkus-Krone-Str. 10, 6. Stock


Kosten
Eintritt frei!


Art der Veranstaltung
Podiumsdiskussion



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14.04.2015 - 19:00

Green by IT - ökologische Transformation durch technische Innovation

Veranstaltungsreihe: Digitaler Wandel

2010 ermittelte die SMART 2020 Studie ein CO2-Reduktionspotential durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT-Lösungen) bis 2020 von mehr als 200 Millionen Tonnen. Mit ca. 80 Millionen Tonnen liegt der größte Hebel im Bereich IT und Logistik. Bislang ist aber nur ein Teil dieses Potentials erschlossen, Politik wie Unternehmen sind zögerlich.

Die im Herbst 2014 formulierte Digitale Agenda Baden-Württembergs (2020PLUS) erkennt das Potenzial der Digitalisierung für die ökologische Transformation und will das Bundesland durch effektive Nutzung von IKT bis 2020 zum „Musterländle“ für Nachhaltigkeit machen.

ReferentInnen

Andrea Lindlohr, MdL
wirtschaftspolitische Sprecherin, stellv. Fraktionsvorsitzende Grüne Landtagsfraktion Baden-Württemberg
Stefanie Sedlak
PR & Communication, tado° GmbH, München
Dr. rer. pol. Ralph Hintemann
Senior Researcher und Green IT Experte am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit
Moderation
Birgit Mooser-Niefanger

Veranstaltungsort
München, Orange Bar, Zirkus-Krone-Str. 10, 6. Stock


Kosten
Eintritt frei!


Art der Veranstaltung
Podiumsdiskussion



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24.03.2015 - 10:00 bis 16:00

Reformbedarf der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung - ...

 

Die zum 01.01.13 erfolgte Reform der Sozialversicherungsträger führt dazu, dass die Beitragslast deutlich umverteilt wird, insbesondere bei der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft: Weg von der Berechnung nach Flächenwerten hin zum kalkulatorischen Arbeitsbedarf. Begonnen mit der Umstellung wurde schrittweise bei der Unfallversicherung, aber auch bei Kranken- und Rentenversicherung gibt es Überlegungen, bei der Beitragsberechnung den Arbeitsbedarf zu Grunde zu legen.

Dabei ist wegen der Degressionsfaktoren eine Begünstigung hoch rationalisierter Großbetriebe zu erwarten. Da ein 250 Hektar Ackerbaubetrieb (75.000 € EU-Direktzahlungen) einen genauso hohen Arbeitszeitbedarf hat wie ein 25 Hektar Milchbetrieb mit 30 Kühen (8.000 € EU- Zahlungen), ist zu befürchten, dass gerade kleinere, vielfältige, viehhaltende Betriebe entgegen dem Solidaritätsprinzip, übermäßig belastet werden.

Weitere Themen sind die Altersrente/Hofabgabeklausel, die Integration in die allgemeinen Sozialversicherungssysteme sowie die aktuelle Reform des Sozialwahlgesetzes (Vorschlagslisten, Urwahlen - Friedenswahlen, künftige Zusammensetzung der Vertreterversammlung der SVLFG).  

Weitere Informationen und den detaillierten Programmablauf entnehmen Sie bitte dem Ausschreibungsflyer, den Sie hier als PDF-Datei herunterladen können.

Downloads zum Artikel

Flyer-AbL-Tagung_24-3-15.pdf176 K


ReferentInnen

Josef Biersack
SVLFG, Landshut (Arbeitsbereichsleiter Versicherung für Niederbayern-Oberpfalz und Schwaben)

Dr. Peter Mehl
Agrarsozialexperte am Johann-Heinrich von-Thünen-Institut

Josef Schmid
AbL-Bayern,  1. Vorsitzender

Veranstaltungsort
Forsting bei Ebersberg, Brauereigasthof Gut Forsting, Münchner Str. 21


Kosten
12,- / erm. (für AbL-Mitglieder) 10,- Euro


Partner

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V., Landesverband Bayern


Art der Veranstaltung
Tagung



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