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70. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen

08.05.2015 bis 10.05.2015


Gedenkstättenfahrt

Text: Simona Uhlemann | Bilder: Jonas Jarass

Die Fahrt führte die rund 30-köpfige Reisegruppe zunächst von München nach Linz, wo in der Bildungsstätte Sankt Magdalena die Zimmer bezogen werden konnten.

Der erste inhaltliche Programmpunkt stellte das Fest der Freude auf dem Wiener Heldenplatz dar. Seit 2013 organisiert das Mauthausen Komitee Österreich auf dem geschichtsträchtigen Platz, auf dem Adolf Hitler am 15. März 1938 den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich proklamierte, ein buntes Fest, in dessen Zentrum die Rede eines Zeitzeugen steht. Neben hochrangigen Gästen aus Politik, Gesellschaft und Kultur wie Bundeskanzler Werner Faymann, sprach dieses Jahr die Zeitzeugin Helga Emperger. Anschließend folgte ein Open-Air-Konzert der Wiener Philharmoniker.

Besonders erfreulich am Fest der Freude ist nicht nur, dass Österreich im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus in einer großangelegten Gedenkfeier begeht und würdigt, sondern dass durch diese Veranstaltung auch das seit den 90er Jahren stattfindende sogenannte Totengedenken rechter Burschenschaftler auf dem Platz der Helden unterbunden werden konnte.

Der nächste Tag bot der Reisegruppe die Möglichkeit im Rahmen eines begleiteten Rundganges die KZ-Gedenkstätte kennen zu lernen. Das Konzentrationslager Mauthausen war das einzige KZ der Kategorie III auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, was Vernichtung durch Arbeit sowie besonders harte Haftbedingungen bedeutete. 

Inhaltlich war die Gedenk- und Befreiungsfeier in diesem Jahr dem Andenken der Opfer des Steinbruchs gewidmet. Der Steinbruch Wiener Graben war durch die sogenannte Todesstiege  - eine steile und gefährliche Treppe - mit dem Konzentrationslager verbunden. Über die 186 Stufen mussten die Häftlinge mehrmals täglich Granitblöcke nach oben tragen. Die Todesstiege war der Ort zahlreicher Morde. Eine Tafel gibt heute darüber Auskunft:

"Ihre heute gleichmäßigen und normal hohen Stufen waren zur Zeit des Konzentrationslagers willkürlich aneinandergereihte, ungleich große Felsbrocken der verschiedensten Formen. Die oft einen halben Meter hohen Felsbrocken erforderten beim Steigen größte Kraftanstrengung. Die SS vergnügte sich unter anderem damit, die letzten Reihen einer abwärts gehenden Kolonne durch Fußtritte und Kolbenhiebe zum Ausgleiten zu bringen, sodass sie im Sturze, ihre Vordermänner mitreißend, in einem wüsten Haufen die Stufen hinunterkollerten. Am Ende eines Arbeitstages, wenn der Aufmarsch ins Lager mit einem Stein auf der Schulter begann, trieben die den Abschluss bildenden SS-Leute Nachzügler mit Schlägen und Tritten an. Wer nicht mitkonnte, endete auf dieser Todesstiege."


Nach den vielen Eindrücken, aufwühlenden Gedanken und nur schwer zu verarbeitendem neuem Wissen stand der Reisegruppe im Anschluss des Besuches der Gedenkstätte der Abend zur freien Verfügung. Einige nutzten die Zeit um auf einem Spaziergang nach Linz das Gehörte und Gesehene zu reflektieren. Wer sich allerdings einmal mit dem Thema Zwangsarbeit und Steinbruch in Mauthausen auseinander gesetzt hat, der kommt an der Frage nicht vorbei, wer die Menschen waren, die beispielsweise die berühmte Linzer Nibelungenbrücke erbauten und woher der dazu benötigte Granit stammte. Nur einige Stunden zuvor waren die Teilnehmer*innen doch selbst noch die Todesstiege hinauf und hinab gestiegen. Österreichs Straßen sind mit Millionen von Steinen aus Mauthausen gepflastert.

Der dritte und letzte Tag der Bildungsfahrt stand ganz im Zeichen der Internationalen Befreiungsfeierlichkeiten. Delegationen aus der ganzen Welt von Israel über Polen, Russland und Griechenland bis hin zu Ländern wie Uruguay, Island oder Kuba trauerten und gedachten ihrer in Mauthausen inhaftierten und ermordeten Staatsangehörigen. Es dauerte über Stunden bis in alphabetischer Reihenfolge alle Delegationen eingetroffen, begrüßt sowie vorgestellt waren. Inmitten des langen Zuges befanden sich auch immer wieder Überlebende, die in ihrer Häftlingskleidung und durch ihre Anwesenheit zeigten, dass die Geschichte der Shoah und der Verfolgung und Vernichtung von Sinti und Roma, Kommunisten und Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und Homosexuellen, sogenannten Asozialen und allen anderen als unwertes Leben deklarierten Menschen alles andere als lang her ist.   

Vor dem offiziellen Einzug der Delegationen auf das KZ-Gelände fanden diverse Trauer- und Gedenkakte vor den jeweiligen internationalen Gedenkstätten auf dem ehemaligen SS-Gelände statt. Die bayerische Reisegruppe nahm gemeinsam mit dem Mauthausen Komitee Ost und dem Mauthausen Komitee Stuttgart an der Gedenkveranstaltung vor dem DDR-Mahnmal der Trauernden Mütter teil. Neben der Rede von Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestages, war es vor allem Gina Pietsch, die mit Liedern aus der Mauthausen Kantate von Mikis Theodorakis einen würdigen wie ergreifenden Beitrag beisteuerte.

Im Anschluss an die offizielle Gedenkveranstaltung traf sich die Gruppe aus Bayern gemeinsam mit der Berliner Reisegruppe der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie mit österreichischen Antifaschist*innen in Ried / Riedermark zum gemeinsamen Mittagessen. Anschließend folgte der letzte Programmpunkt: eine Kundgebung am Denkmal für die sowjetischen Ausbruchshäftlinge. Im Februar 1945 war rund 500 sowjetischen Häftlingen die Flucht aus dem Todesblock des Konzentrationslagers geglückt. In der Dunkelheit und eisiger Kälte schlugen sie sich in die umliegenden Dörfer durch. Die SS initiierte eine Großjagd, an der sich neben SS, Volkssturm, HJ und anderen Verbänden auch massiv die Zivilbevölkerung beteiligte und die in die Geschichte als sogenannte „Mühlviertler Hasenjagd“ einging. Nur sieben überlebten und vor allem zwei - Michail Rybtschinskij und Nikolai Zimkolo, die erfolgreich von der Familie Langthaler versteckt wurden, erlangten später durch den Film Hasenjagd – Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen Berühmtheit. Anna Hackel, Tochter der Langthalers, damals noch ein junges Mädchen, war bei diesem Gedenkakt ebenfalls anwesend und manifestierte beeindruckend, dass es auch in düsteren Zeit Menschen gab, die Widerstand leisteten und selbst unter Lebensgefahr für Menschlichkeit und Solidarität eintraten.     

Während unserer langen Fahrtzeiten hatten die Teilnehmenden nicht nur Gelegenheit sich untereinander kennenzulernen und manch persönliches Schicksal, das als Ausgangspunkt der Teilnahme an dieser besonderen Bildungsreise stand auszutauschen, sie hatten auch die Gelegenheit den Schwur von Mauthausen gemeinsam zu lesen, in dem es heißt:

Im Gedenken an das vergossene Blut aller Völker, im Gedenken an die Millionen, durch den Nazifaschismus ermordeten Brüder geloben wir, daß wir diesen Weg nie verlassen werden. Auf den sicheren Grundlagen internationaler Gemeinschaft wollen wir das schönste Denkmal, das wir den gefallenen Soldaten der Freiheit setzen können, errichten: DIE WELT DES FREIEN MENSCHEN.   Wir wenden uns an die ganze Welt mit dem Ruf: Helft uns bei dieser Arbeit. Es lebe die internationale Solidarität! Es lebe die Freiheit! 

Veranstaltungsort
Linz


Partner

Kurt-Eisner-Verein


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



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