Schriftgröße ändern

Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Veranstaltungen und Dokumente

21.05.2013 bis 31.05.2013

Georgien: Auf dem Weg nach Europa?

 


Georgien liegt am äußersten Rand Europas und hat eine Geschichte, die wechselvoll war und ist. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion gewann das Land seine Unabhängigkeit wieder, die es vor vielen Jahrhunderten erst an Perser und Türken, dann an den russischen Zaren, verloren hatte.

Georgien ist heute eine demokratische Republik mit einem starken Präsidialsystem und zentralisierter Verwaltung. Zuletzt fanden am 1. Oktober 2012 freie Wahlen in Georgien statt, denen erstmals in diesem Kaukasus-Land ein friedlicher Machtwechsel folgte. 

Ziel der georgischen Außenpolitik ist eine Festigung der Beziehungen zur Europäischen Union und auch zum Europarat, dem es seit 1999 angehört. An diesem Ziel hält auch die neue pro-westliche Führung von Premierminister Iwanischwili fest, der Georgien weiter in die EU und die Nato führen will.

Die politischen Gegebenheiten, einzigartige Baudenkmäler, grandiose Landschaften, ein mildes Klima und seine gastfreundlichen Bewohner machen Georgien zu einem ganz besonderen Reiseziel. Unser Reiseprogramm sah so aus:

Mittwoch, 22.5.2013

Stadtführung durch Tbilissi
Tbilissi ist die Hauptstadt Georgiens und kultureller Mittelpunkt des Landes (ca. 1.5 Mio. Einwohner*nnen). Besichtigung der 2004 fertiggestellten Sameba-Kathedrale, die als Symbol der nationalen und religiösen Wiedererstehung Georgiens gilt. Bei einem Spaziergang durch die Altstadt konnten sowohl die renovierten Viertel bewundert, als auch die protzigen Glaspaläste der Postmoderne bestaunen aber auch noch sehr schöne alte aber baufällige Gebäude betrachtet werden.

Besuch der Heinrich Böll Stiftung
Gespräch mit Nino Lejawa, Leiterin des Büros der HBS in Tbilissi mit vielen Informationen über die Geschichte und die aktuelle Situation des Landes, sowohl unter innenpolitischen Gesichtspunkten als auch unter dem Aspekt der ungebrochenen Westorientierung der georgischen Eliten und weiter Bevölkerungsteile, wie sie sich nicht zuletzt in der allgegenwärtigen Präsenz der Europäischen Flagge manifestiert.

Donnerstag, 23.5.2013

Besuch der Deutschen Botschaft
Gespräch mit Botschafter Ortwin Henning. Themen waren u.a. die Perspektiven Georgiens bezüglich einer weiteren Annäherung an die Europäische Union, die Zukunft der deutsch-georgischen Beziehungen und die europapolitische/internationale Ausrichtung der neuen Regierungspartei.

Besuch des kaukasischen Hauses
Gespräch mit Naira Gelashvili
Fahrt mit der Seilbahn auf den Hausberg von Tbilissi; Abstieg zu Fuß mit Besichtigung einer Kirchenanlage.

Freitag, 24.5.2013

Fahrt nach Kutaissi mit Zwischenstationen
Besuch von Mzcheta, der historischen Hauptstadt Georgiens
In Gori wurde das Stalin Museum besichtigt
Besichtigung der Höhlenstadt von Uplisciche – Ende des 2. Jahrtausends vor Christus nutzte ein einheimischer Völkerstamm erstmals die natürlichen Höhlen als Wohnungen. Im Mittelalter beherbergte die Stadt 20.000 Menschen. Erst im 18. Jahrhundert verließen die letzten Bewohner dieses Felsendomizil, dessen Reste sehr beeindruckend sind.
Abends Ankunft in Kutaissi, der zweitgrößten Stadt Georgiens und seit kurzem Sitz des georgischen Parlaments.

Samstag, 25.5.2013

Vormittags Stadtbesichtigung Kutaissi: Festung, Bagrati Kathedrale,
malerischer Markt, Synagoge, Altstadt,
Anschließend fand ein Ausflug zur Klosteranlage nach Gelati statt, dem Kloster des berühmtesten georgischen Königs David. Die Anlage beheimatet auch eine alte Akademie und einen berühmten Weinkeller, in dem die Marani-Krüge - große, henkellose Tonamphoren, die in den Boden eingelassen sind – bewundert wurden.

Sonntag, 26.5.2013

Fahrt nach Mestia in Swanetien, der „Krone des Kaukasus“
Eine Reise nach Swanetien ist immer etwas Besonderes, es ist so etwas wie eine
Zeitreise in eine archaisch anmutende Welt; die Fahrt ging durch das Enguri-Tal und endete in Mestia, berühmt für die Wohn- und Wehrtürme, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören

Montag, 27.5.2013

Ausflug nach Uschguri, dem höchsten Ort Europas. Die Fahrt auf der engen Bergstraße durch die Dörfer war ein echtes Kaukasus-Erlebnis. Da der Reisebus, diese Strecke nicht fahren kann, wurden für den Ausflug mehrere kleine Busse benutzt.

Dienstag, 28.5.2013

Fahrt von Mestia nach Batumi
Die Reise wurde unterbrochen in Poti, einem ehemals wichtigen Handelsort am schwarzen Meer. Bei einem Gespräch mit dem Bürgermeister und einigen städtischen Abgeordneten bekam die Gruppe einen Einblick in die aktuellen Probleme der Region.
Am Abend wurde Batumi erreicht, eine lebhafte, eher türkisch anmutende Provinzhauptstadt mit schönen Stränden.

Mittwoch, 29.5.2013

Stadtrundfahrt Batumi mit Besichtigung der Gonio Festung und des botanischen Gartens.

Donnerstag, 30.5.2013
Am Vormittag wurden individuell die Bademöglichkeiten erkundet. Am Nachmittag Besuch der Zeitung Batumelebi , Gespräch mit Eter Turadze und Nana Kvachadze über die Rolle der Medien in Georgien, die Geschichte der Zeitung sowie die Pressefreiheit vor Ort.

Veranstaltungsort
Georgien


Partner

Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

08.05.2013 bis 12.05.2013

festival contre le racisme

 

Das Festival verband die Vergangenheitsbewältigung mit der Gegenwart. Gerade in Niederbayern stößt man im Alltag in den Köpfen der Bevölkerung wie in den institutionellen Strukturen immer wieder auf wenig bekannte und verschwiegene Verbindungen bis ins "Dritte Reich". Um hier einen Diskurs anzustoßen, sollten sowohl Studierende als auch Passauer/innen angesprochen werden.

Der Fokus des Festivals lag auf Themen, die in unterschiedlicher Weise mit dem Gesamtthema Rassismus befassen und die Verbindung von Vergangenheitsbewältigung mit der Gegenwart herstellen. Die dabei angesprochenen Themenbereiche waren: 

  • Neue Rechte
  • Alltagsrassismus
  • Kolonialgeschichte
  • die extreme Rechte in Bayern, speziell in Niederbayern
  • Geschichtsaufarbeitung mit lokalem Bezug
  • Philosophiegeschichte
  • Islamophobie

Einen ausführlichen Bericht über die einzelnen Veranstaltungen im Rahmen des Festifals können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Veranstaltungsort
Passau


Partner

AStA/SprecherInnenRat (Studierendenvertretung) der Universität Passau


Art der Veranstaltung
Festival



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

29.04.2013 - 18:30

Populismus und Fremdenfeindlichkeit in Skandinavien

 

Der Streit um eine Schließung der dänischen Grenzen, der Wahlerfolg der finnischen Rechtspopulisten, die Attentate von Oslo und Utøya – in den vergangenen Jahren gab es einige Schlagzeilen, die dem Bild vom weltoffenen, idyllischen Norden widersprechen. Schnell konnte der Eindruck entstehen, dass die Region politisch nach rechts driftet. Aber wie viel Einfluss haben rechte Strömungen und Parteien tatsächlich? Und welche Auswirkungen hat der Terror vom 22. Juli auf die skandinavischen Gesellschaften ? Wie gehen unsere nordischen Nachbarn mit der Herausforderung von populistischen fremdenfeindlichen Strömungen um?

Das waren die Ausgangsfragestellungen unserer Podiumsdiskussion im Münchner Gasteig. Besondere Aktualität erhielt die Debatte durch die bevorstehende Eröffnung des NSU-Prozess vor dem Bayerischen Oberlandesgericht. Hier ergaben sich in der Diskussion spannende Fragen, zum Beispiel die nach den Möglichkeiten und Grenzen eines Strafprozesses gegen neonazistische Gewalttäter.  Von Jan Lewenhagen wurde  herausgestellt, dass die Rechtspopulisten in Norwegen und in den anderen skandinavischen Ländern vor allem Zulauf von Zuwanderungsgegnern bekommen. Deren Angstkampagne vor einer angeblichen „Islamisierung“ Skandinaviens wie Europas findet bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung Anklang. So liege die norwegische Fortschrittspartei bei Umfragewerten von ca. 30 Prozent. Auch den rechtspopulistischen „Schweden-Demokraten“ gelang im vergangenen September erstmals der Sprung in den schwedischen Reichstag. Anika Hamrud, profunde Kennerin dieser Partei, betonte, die durchaus unterschiedlichen Ursprünge und Traditionen der diversen rechtspopulistischen Parteien und  Strömungen in Skandinavien. Geminsam sei ihnen neben der Angst vor Zuwanderung, vor allem auch die Skepsis gegen die Europäische Union. Jüngstes Beispiel dafür sind die Erfolge der Euro-Skeptiker bei den finnischen Wahlen. Gunnar Herrmann fasste diesen Teil der Diskussion zusammen: Auch wenn rechtspopulistisch nicht gleich rechtsextrem bedeutet, so zeigen viele aktuelle Entwicklungen, wie aus rechtspopulistischen Einstellungen in der Mitte der skandinavischen Gesellschaften ein Nährboden für rechtsextremes Gedankengut erwachsen konnte. 

 

ReferentInnen

Jan Lewenhagen
Deutschlandkorrespondent der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter  

Ali Esbati
Berater der norwegischen Linkspartei und Überlebender des Anschlags auf Utøya

Annika Hamrud
Journalistin und Autorin eines Buches über die Schwedendemokraten  


Moderation:
Gunnar Herrmann
ehemaliger Skandinavien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung

Veranstaltungsort
München, Gasteig Black Box, Rosenheimer Str. 5


Kosten
Eintritt frei!


Partner

Münchner Stadtbibliothek


Art der Veranstaltung
Podiumsdiskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

13.04.2013

Volkes Stimme?

Ein Praxistag voller Strategien gegen Rechtspopulismus

Rechtspopulisten profitieren von Krisen, von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, die immer weniger überschaubar sind. Als selbst ernannte „Stimme des Volkes“ tragen sie aber nicht zu Transparenz und Klärung bei, sondern schüren vielmehr vorhandene Ängste und Unsicherheiten in der Bevölkerung. Dabei bedienen sie sich zumeist rechtsextremer, rassistischer und nationalistischer Hetze. 

Wie man Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln nehmen kann, mit Argumenten, pfiffigen Ideen und konsequentem Handeln, wurde an diesem Praxistag in vier Workshops vermittelt. Neben grundlegenden Informationen boten diese Workshops viel Platz zum Ausprobieren und für eigene Ideen.

Ein ausführlicher Bericht über die Veranstaltung erschien in der Juni-Ausgabe der DDS, der Monatszeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie können den Bericht hier als PDF-Datei herunterladen.

Veranstaltungsort
München


Partner

Bayernforum der Friedrich-Ebert-Stiftung

Projektstelle gegen Rechtsextremismus (Bad Alexandersbad)

DGB Bildungswerk München

Evangelische Stadtakademie München

Fachinformationsstelle gegen Rechtsextremismus

Kreisjugendring München Stadt

Evangelische Jugend München


Art der Veranstaltung
Workshop



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

22.03.2013 bis 24.03.2013

Gewaltfrei im Schatten von Gewalt

Tagung des Bundes für Soziale Verteidigung

Die Tagung befasste sich anhand von drei sehr unterschiedlichen Ländern (Weißrussland, Syrien und Ägypten) mit der Frage, wie AktivistInnen im Schatten von Gewalt und Repression arbeiten, welche Strategien sie entwickelt haben, wie sie mit der eigenen Gefährdung umgehen und welche Rolle internationale PartnerInnen in Unterstützung und Schutz spielen können. Die Veranstaltung wandte sich an verschiedene Gruppen und deren Mitglieder: Organisationen und Vereine, die sich mit den Themen der Menschenrechte, Friedenssicherung und Konfliktbearbeitung (lokale Bürgerinitiativen, NROs und Kirchengemeinden) beschäftigen, sollten ebenso angesprochen werden wie PolitikerInnen auf lokaler und Bundesebene. Die Tagung war in erster Linie interessant für Menschen, die sich selbst aktiv in der Zivilgesellschaft betätigen, sei es, dass sie unter Repression leidende AktivistInnen anderenorts durch Solidaritätsarbeit begleiten, sei es, dass sie als Bürgerrechts- und oder FriedensaktivistInnen selbst unmittelbar mit den angeschnittenen Themen und Herausforderungen zu tun haben.

Die ReferentInnen und Referenten der Tagung stellten auf eindruckvolle Weise dar, welchen Formen der Repression sie sich ausgesetzt sehen. Sie alle beleuchteten durchgängig, wie diese Repression eingebunden ist in die internationalen Strukturen, d.h. inwieweit andere Akteure, besonders Akteure des globalen Nordens oder mächtige Nachbarländer, eine (kausale oder zumindest fördernde) Rolle bei der Repression spielen.

Immer wieder spielte auch das Thema "Gender" eine Rolle, etwa wenn im Falle von Belarus davon berichtet wurde, dass es dort ein neues Gesetz gibt, demzufolge Frauen bestimmte Berufe nicht ausüben dürfen, wogegen von zivilgesellschaftlicher Seite eine große Kampagne läuft. "Unser Haus" macht darüber hinaus gezielte Arbeit zu Gewalt, die von Seite der Polizei gegen Frauen ausgeübt wird. Im Falle Syriens beschrieb der Referent Aziz Ramadan, wie gerade mit zunehmender gewaltsamer Repression von Seiten des Staates die Rolle der Frauen im zivilen Widerstand immer zentraler wurde. (Während diejenigen, die sich dem bewaffneten angeschlossen haben, weitgehend Männer sind.) So sind und waren es oftmals Frauen, die solche zivilen Aktionen planten und durchführten, weil sie von den Sicherheitsorganen seltener verdächtigt und kontrolliert wurden.

Ein anderer Punkt war die auf dem abschließenden Podium aufgerissene Frage, welche Rolle internationale Unterstützung (von staatlicher wie zivilgesellschaftlicher Seite) bei dem Schutz vor und Widerstand gegen Repression spielen. Hier wurde deutlich, dass es vielfältige positive Formen der Unterstützung gibt, aber solche Unterstützung sorgfältig unter dem Aspekt der Frage geprüft werden muss, ob sie nicht den zu Unterstützenden auch schaden kann - zum Beispiel, wenn sie dadurch im Inland als "Verräter" gebrandmarkt werden, oder wenn staatlicherseits (wie in Russland) Sanktionen für ausländische Unterstützung drohen.

Aziz Ramadan und André Find mit  Übersetzerin Christine Schweitzer

In dem Feedback zur Tagung wurden immer wieder zwei Punkte betont: Erstens der tiefe Eindruck, den die Phantasie, der Mut und die Konsequenz der AktivistInnen in ihrer Arbeit für Demokratie und Menschenrechte unter Bedingungen der Repression gemacht hat. Viele drückten aus, dass sie einen besseren Eindruck davon bekamen, was gewaltfreier Widerstand und Arbeit für Bürgerrechte unter solchen Umständen bedeutet. Und zum zweiten wurde mehrfach davon gesprochen, dass sie selbst neue Ideen und Motivation bekommen hatten in Bezug darauf, was sie selbst tun könnten, um solche Arbeit zu unterstützen. Greifbares Resultat war die Gründung einer neuen Arbeitsgruppe zum Thema "Syrien", die sich dann am 24. April das erste Mal in Hannover getroffen hat.


Die Irak-Theatergruppe unter Leitung  von Ali Kareem führt ihre Ergebnisse auf.

Eine Dokumentation der Tagung mit Vorträgen und Aufsätzen ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich im Sommer erscheinen. 

Empfohlene Weblinks

www.soziale-verteidigung.de

Veranstaltungsort
Würzburg


Partner

Bund für Soziale Verteidigung (BSV)


Art der Veranstaltung
Tagung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

05.03.2013

Recht auf Stadt

Demokratische Gestaltung von Stadtentwicklung und Stadtplanung

Wem gehört die Stadt?

Ausgehend von Hamburg und Freiburg formiert sich die urbane Bewegung 'Recht auf Stadt'. 'Recht auf Stadt' wendet sich gegen die Unterordnung städtischen Lebensraumes unter das Diktat kommerzieller Interessen. Die Bewegung fußt auf der Philosophie des französischen Soziologen Henri Lefebvre. Lefebvre fordert für alle Bevölkerungsschichten das Recht auf Zugang zu allen kulturellen und sozialen Institutionen sowie das Recht auf Mitgestaltung ihrer Stadt.

Derzeit findet in Deutschland ein Immobilienboom statt. Wohlhabende Anleger und Fonds investieren in sicheres Beton-Gold - in Gebäude und Grundstücke. 2011 wechselten in Nürnberg für 1,6 Milliarden Euro Grundstücke und Häuser den Besitzer. In erster Linie werden Eigentumswohnungen gebaut. Großanleger investieren in Büro- und Gewerbekomplexe. Die Folgen: Verknappung günstiger Mietwohnungen, Anstieg der Wohnungsmieten und ein Überangebot an Büroflächen. Derzeit stehen in Nürnberg 237.900 qm an Büroflächen ungenutzt  leer. Dagegen wurden 2011 nur 92 neue Sozialwohnungen fertiggestellt. 'Recht auf Stadt' wendet sich gegen Gentrifizierung - die Vertreibung einkommensschwacher Bevölkerung durch Stadtteilsanierung, Mieterhöhung und Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen.

Recht auf Stadt' tritt für kulturelle und soziale Zwischennutzungen in leerstehenden Gebäuden ein. Das ehemalige Arbeitsamt am Altstadtring steht seit zwanzig Jahren leer. 2003 wurde die Paketposthalle in der Bahnhofstraße abgerissen um Platz für ein Sportkaufhaus zu schaffen. Viele Bürger und Architekten sahen in dem markanten Bau ein erhaltenswertes Denkmal.  Nach dem Abriss sprang der Investor ab und seitdem erstreckt sich eine ungenutzte Brache. Der Denkmalschutz steht oft auf verlorenem Posten, wenn es um kommerzielle Interessen geht. So wurde auch das denkmalgeschützte Milchhofgebäude (1930 errichtet, Architekt Otto Ernst Schweizer) 2008 abgerissen.

'Recht auf Stadt' fordert transparente Planungsprozesse und die frühzeitige Einbeziehung der Bürger bei Stadtentwicklung und Bauprojekten.  

Vor diesem Hintergrund beschäftigte sich die veranstaltung damit, wie Stadtplanung und Stadtentwicklung demokratisch gestaltet werden können - um die Meinung und Wünsche der Bewohner ernst zu nehmen und einzubeziehen. Themen waren: Lebensqualität im urbanen Raum, bezahlbarer Wohnraum und Gentrifizierung, Leerstand und kulturelle Zwischennutzungen.  Andrej Holm stellte das Konzept der Bewegung 'Recht auf Stadt' dar. Er  forderte insbesondere den Zugang  aller Bevölkerungsschichten zu allen kulturellen und sozialen Einrichtungen . 

Anschließend erläuterte Siegfried Dengler den rechtlichen Rahmen der Bürgerbeteiligung bei Stadtentwicklung und Bauprojekten. Er stellte dar, dass und wie die Stadt Nürnberg versucht, neue Wege bei der Einbeziehung der Bürger zu gehen.

 

ReferentInnen

Andrej Holm
Sozialwissenschaftler und Buchautor

Siegfried Dengler
Stadt Nürnberg,  Leiter des Stadtplanungsamtes

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner

Medienladen e.V., Nürnberg


Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

04.01.2013

"Die Hure muss brennen" - Ideologiekritisches zu Reggae und...

 

Wenngleich Reggae wohl überwiegend wegen des Grooves so populär und einflussreich sein dürfte und heute eher eine Art Traditionsveranstaltung bildet, haben auch die transportierten Inhalte immer gewirkt: aufwiegelnd und kraftspendend für viele Ausgeschlossene, aber auch verheerend als Futter fürs Bedürfnis nach Glauben, Abgrenzung und Selbsterhöhung.

Daniel Kulla versuchte in seinem Vortrag, für die Diskussion um Reggae einige Navigationshilfen durch das Dickicht aus Bass & Babylon, christlichem Endzeitkult & Widerstand gegen Rassismus, Homophobie & Frauenfeindlichkeit zu geben. Das selbstverwaltete Zentrum „Z“ in Rosenheim war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das große Interesse des überwiegend jungen Publikums dürfte auf die breiten Diskussionen der vergangenen Jahre über die Auftritte homophober Musiker beim Chiemsee Reggae Festival zurückzuführen sein. 

Der Referent thematisierte zwar auch diese aktuelle Debatte. Der Schwerpunkt des Vortrags war jedoch die dahinterstehende Ideologie des Rastafarianismus. Rastafari ist, so der Berliner Autor, Sänger und Blogger, eine relativ junge, aus dem Christentum entsprungene Glaubensrichtung. Diese Religion der vom Kolonialismus ausgebeuteten Menschen weist jedoch nicht immer emanzipatorische Inhalte auf. Zentral für diese Religion ist die biblische Bedeutung von Babylon, welche von Kulla ausführlich und sehr kritisch dargestellt wurde. In den Interpretationen vieler Rastas gehe es zunächst darum, die angeblich "wahren Interessen" zu "enthüllen", die hinter der prunkvoll erscheinenden Fassade Babylons versteckt liegen sollen, ehe die "Hure Babylon" erniedrigt und dann unter der Anleitung Gottes vernichtet werden soll. Eine "Kollaboration" mit Babylon, welches oftmals als die „westliche Welt“ gesehen wird, ist unter den Rastas weiterhin sehr verpönt. Trotzdem sei laut Kulla die Annahme verfehlt, die Rastas selbst würden im Sinne ihrer Vernichtungsphantasien handeln. Jedoch erzeugen sie ein ideologisches Muster, das anderen als handlungsleitend gilt. 

Nicht nur im Kampf gegen Babylon weist der Rastafarianismus viele alttestamentliche Bezüge auf, sondern auch bei dem oft wörtlich aus der Bibel übernommenen Bild von Frauen, welche als „unrein“ gelten. Oft sind sie weiträumig marginalisiert, müssen sich an strenge Kleidervorschriften halten, sind vom rituellen Ganja-Rauchen ausgeschlossen und werden in bestimmten orthodoxen Gruppen wie den Bobos, denen so populäre Reggaekünstler wie Sizzla angehören, zeitweise in Menstruationshäuser verbannt.

Trotz seiner Religonskritik warnte der Referent davor, alle Rastas als Fundamentalisten zu sehen, und argumentierte für einen differenzierten Blick auf die Thematik. Auch war ihm wichtig zu betonen, dass die Essentialisierung von Geschlechterrollen keine Spezifika des Rastafarianismus sei, sondern in vielen Religionen und Gesellschaften weit verbreitet ist. In Bezug auf die aktuelle Kritik an homphoben Reggae Acts warnte er vor einer Selbsterhöhung gegenüber einer „schwarzen Musik aus der Karibik“, welche nicht zu einer Entlastungsstrategie werden dürfe, um von Homophobie und Sexismus in der eigenen Gesellschaft abzulenken. Er sei selbst kein „Boykottmensch“, sondern er empfahl vielmehr die „positive Aufwiegelungstradition, welche im Reggae zu finden ist“ aufzugreifen. Für Daniel Kulla sollte es nicht darum gehen, die Früchte der Zivilisation zu zerstören, sondern sich diese anzueignen und für alle Leute zugänglich zu machen.

Empfohlene Weblinks

infogrupperosenheim.tk

z-rosenheim.net

ReferentInnen

Daniel Kulla 
Autor, Sänger und Blogger aus Berlin

Veranstaltungsort
Rosenheim


Partner

infogruppe Rosenheim



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

07.12.2012 bis 08.12.2012

Zwischen Akzeptanz und Widerstand – Energiewende und neue...

 

Das epochale nationale Projekt „Energiewende“ teilt das Schicksal vieler anderer Großprojekte: Kaum wandelt sich die Idee in konkrete Vorhaben, schon gesellt sich zur Euphorie Zurückweisung und Widerstand. Windräder werden abgelehnt, neue Stromleitungen ebenso, weil sie das Landschaftsbild verschandeln. Die Befürworter argumentieren mit der Notwendigkeit, die Gegner bestreiten diese. Die Konfliktlinien zu sortieren und danach zu fragen, wie Energiewende-Projekte gestaltet sein müssen, damit sie tatsächlich akzeptiert werden, waren nur zwei Aspekte einer Tagung, die wir in Zusammenarbeit mit der Akademie für Politische Bildung Tutzing veranstalteten.

Prof. Dr. Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gab einleitend einen umfassenden Überblick über Stand und Perspektiven der Energiewende. Er wies darauf hin, dass die eigentliche Ursache und Hauptbeweggrund für die Energiewende der bevorstehende und in Gang befindliche Klimawandel sei. In den nächsten fünf Jahren entscheidet sich nämlich, ob das Ziel, eine Erderwärmung von 2 Grad Celsius nicht zu überschreiten, überhaupt noch erreichen lässt. Derzeit befinden wir uns eher auf einem Trend, der auf 4° Erwärmung hinweist. Die Katastrophe von Fukushima, die eine breite gesellschaftliche Neubewertung der Kernenergie mit sich brachte, brachte insofern nur einen zusätzlichen Schub für die Notwendigkeit der Energiewende. Denn – und das unterscheidet Deutschland und Japan voneinander, wie Fischedick betonte - in Deutschland stand seit den 1970er Jahren die systematische Beschäftigung mit alternativen Energiekonzepten auf der Agenda, während Japan nie ernsthaft Alternativen zur Atomenergie erwogen habe. Allerdings sollte – so Fischedick - bei der derzeitigen Fokussierung auf den Atomausstieg und der damit einhergehenden Diskussion über Alternativen bei der Stromerzeugung nicht vergessen werden, dass ein hauptsächliches Handlungsfeld die Steigerung der Energieeffizienz und das Energiesparen sein muss.

Um die Energiewende voranzubringen, braucht es laut Fischedick Vorreiter auf allen Ebenen: auf der EU-, Bundes- und Länder-Ebene ebenso sehr wie auf der kommunalen. Hier sind die Beschlüsse in mittlerweile rund 130 Kommunen und Regionen getroffenen Beschlüsse, sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu 100% aus regenerativen Energien versorgen zu wollen, ebenso zu erwähnen wie die bereits eingeleiteten Maßnahmen für eine erneuerbare Energieversorgung und forcierte Effizienzstrategien.

Fischedick plädierte auch dafür, neben der technologischen Innovation und der Anpassung der Infrastrukturen die soziale Innovation nicht zu vergessen: Damit sind u.a. neue Geschäftsmodelle, Beteiligungsmuster, aber auch Änderungen im Konsumverhalten gemeint. Das Ziel ist durchaus ambitioniert: Will man beispielsweise den Energieverbrauch von Gebäuden bis 2050 um 80 % verringern – nichts anderes sieht das nationale Energiekonzept vor – , so müsste in knapp vierzig Jahren der gesamte deutsche Gebäudebestand einmal komplett durchsaniert werden. Dass dies zu schaffen sei, zeigte sich Fischedick durchaus optimistisch, auch wenn es nicht leicht werden wird.

Hinsichtlich der augenblicklichen Kostendiskussion konstatierte Fischedick ein „schräges Bild“. Die steigenden Strompreise würden nämlich vornehmlich den Privathaushalten und den Klein- und Mittelunternehmen aufgebürdet. „Schuld“ an diesen Strompreiserhöhungen sind aber in nur geringem Maße (nämlich zu rund einem Drittel) der Ausbau der regenerativen Energien und seine Förderung durch das EEG, sondern v.a. die Ausnahmeregelungen für Stromgroßverbraucher. Zudem könnten die Mehrbelastungen durch konsequente Einsparbemühungen in Haushalten und Gewerbe kompensiert werden.

Die „neue Protestkultur“ stellte Felix Butzlaff vom Göttinger Institut für Demokratieforschung auf den Prüfstand. Er stützte sich dabei auf aktuelle Forschungsergebnisse einer qualitativen Studie. Der Protest-Prototyp ist dabei folgendermaßen charakterisiert: überwiegend männlich, Mitte 40 bis Mitte 70, Souveränität über das eigene Zeitbudget (z.B. Selbstständige), sozial gut vernetzt, kirchlich nicht gebunden (und wenn doch, dann eher protestantisch), ressourcenstark. Auffällig sei zudem, so Butzlaff, dass die technischen Berufe stark vertreten seien, was dazu führe, dass die Herangehensweise an Probleme durch eine gewisse „kompromisslose Objektivität“ gekennzeichnet sei. Diese Einstellung passe aber nicht zur Eigenart von (Volks-) Parteien, die auf Kompromiss und Interessenausgleich geeicht seien. Es sind also nicht in erster Linie die gesellschaftlichen und sozialen Randgruppen, sondern die Erfolgreichen und gut Situierten, die sich mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein einbringen. Dies resultiert auch daher, dass sie einiges an lebensgeschichtlicher „Selbstwirksamkeitserfahrung“ mitbringen.

„Energetingen“ hat Maximilian Knogler von der Münchner TUM School of Education das u.a. von ihm entwickelte Planspiel genannt. Die Gemeinden (z.B. Schulklassen) in diesem fiktiven Landkreis werden vom Landrat aufgefordert, sich an der Entwicklung eines tragfähigen Energiekonzepts zu beteiligen. Den Weg zum fertigen Konzept markieren Aufbau von Expertenwissen, Meinungsaustausch, Abstimmungsprozesse – kurzum: alles, was einen demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess ausmacht. Das Planspiel, bisher mit über 1000 Schülerinnen und Schülern erfolgreich durchgeführt, eignet sich aber auch z.B. für Kommunalpolitiker, die Entscheidungsprozesse vorab einmal „durchspielen“ wollen.

Der Frage, wie Akzeptanz für Energiewendeprojekte geschaffen werden könne, widmeten sich Irina Rau (Forschungsgruppe Umweltpsychologie der Universität des Saarlands, im Foto unten links) und Dr. Hannah Büttner (rechts) von der Beratungsagentur IFOK. 

Irina Rau machte mit ihrem Überblick über die empirische Erforschung der Akzeptanz von Energiewendeprojekten deutlich, dass die Energiewende nur von 3.2% der Bevölkerung aktiv bekämpft wird. Demgegenüber stehen über 70% Befürworter und sogar zusätzlich noch 10,8%, die die Energiewende mit aktivem Engagement unterstützen. Als wesentliche Einflussfaktoren auf die Akzeptanz von Energiewendeprojekten nannte Irina Rau neben dem Standort (Landschaftsveränderungen, Ortsbindung und -identität) und der Technologie (Umweltverträglichkeit, Lebensqualität) die regionale Wertschöpfung und ein faires Beteiligungsverfahren. Beim Verfahren selbst sei es wichtig, dass die Betroffenen so früh wie möglich beteiligt werden und dass das Verfahren zumindest zu Beginn ergebnisoffen ist. Die Informationen müssten dabei allgemein zugänglich sein. Entscheidend für die Akzeptanz eines Vorhabens ist aber der Gerechtigkeitsaspekt. Und zwar nicht nur im Hinblick auf das Verfahren selbst, sondern auch auf die Verteilungsfrage (regionale Gerechtigkeit) und hinsichtlich des höflichen und respektvollen Umgangs miteinander. Gerade Politiker müssten sich aber davon verabschieden, zu glauben, Beteiligung sei eine automatische Garantie für Akzeptanz. Als Beispiel für ein sehr gelungenes Beteiligungsprojekt nannte sie den Windpark Druiberg (Gemeinde Dardesheim), wo durch vielfältige Aktivitäten die Anlage zu einem Bestandteil der Dorfgemeinschaft geworden sei.

Dr. Hannah Büttner, Senior-Beraterin der IFOK GmbH, berichtete über den Bürgerdialog „Energietechnologien für die Zukunft“, mit dem im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung versucht werden sollte, Hinweise aus der Bürgerschaft für die konkrete Gestaltung der Energiewende zu gewinnen. Auch sie plädierte nachdrücklich dafür, Beteiligungsprozesse nicht erst in Gang zu setzen, wenn es zu spät sei. Nur zu oft, so Büttner, werde sie eingeschaltet, wenn ein Konflikt bereits eskaliert sei. Dann gehe es vornehmlich darum, die verschiedenen Akteure miteinander wieder ins Gespräch zu bringen, das Verfahren zu versachlichen und konstruktiv zu begleiten. Der Bürgerdialog „Energietechnologien für die Zukunft“ ist ein Weg, um den Bürgern „Orientierung in der Informationsvielfalt“ zu geben, mit den Bürgern „auf Augenhöhe mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft Chancen und Herausforderungen zu diskutieren“ sowie Meinungsbilder und Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu formulieren, wie die Energiewende trotz bestehender Zielkonflikte gestaltet werden kann. Die Ergebnisse der Konsultation dokumentieren Wünsche und Anforderungen der Bevölkerung. Diese müssen nun von der Politik und den Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft (insbesondere die Mitglieder des Beraterkreises) in ihrem Handeln einbezogen werden.

Viele verschiedene Wege geht die Bürgerstiftung Energiewende Oberland, die von Vorstandsvorsitzendem Prof. Dr. Wolfgang Seiler (im Foto oben in der Mitte zwischen Dr. Gerd Rudel von der Petra-Kelly-Stiftung und Dr. Manfred Schwarzmeier von der Akademie) vorgestellt wurde. Als Ziel haben sich die beteiligten Landkreise gesetzt, bis 2035 mit einer dezentralen Energieversorgung ohne Einsatz fossiler Energieträger auszukommen. Dabei spielen Kraftwerke, die Bürgern gehören, ebenso eine Rolle, wie der Einsatz neuester Technologien (z.B. Smart Grid). Und auch für das Problem der Speicherung von Energie denkt man innerhalb der Bürgerstiftung intensiv nach: Methanisierung lautet hier das Stichwort. Auch Seiler mahnte mit Nachdruck, dass das Thema Energiewende nicht nur auf den Bereich Strom reduziert werde, sondern auch Wärme und Mobilität umfassen müsse. Überhaupt sei es wichtig, das Thema umfassend anzugehen. Obwohl man im Oberland schon viel bewegt habe, so Seiler ernüchternd, sei die Energiewende bei einer wünschenswerten Maximalgeschwindigkeit von 100 km/h auch dort nur mit geschätzten 12 km/h unterwegs.

Auch Dr. Martin Pehnt (Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, ifeu) ging auf die Energieeffizienz ein, die er als die „vernachlässigte Säule der Energiewende“ bezeichnete. Wie wichtig dies ist, verdeutlichte er anhand folgender Zahlen: Beim Einsatz von 100 % Primärenergie werde in Deutschland lediglich 33 % Nutzenergie erzeugt. Aber obwohl sich alle im Grunde dafür aussprechen, Energie zu sparen und effizient einzusetzen, gibt es jede Menge Gegenargumente, sobald es konkret wird. Die energetische Sanierung wird dann als „Dämmwahn“ abgewertet, gegen Energiesparlampen spricht ihr schlechtes Lichtspektrum, die Einführung von Einsparzielen für Unternehmen mittels Steuererleichterungen wird wegen der angeblichen Überbürokratisierung abgelehnt. Und sogar die längst der Vergangenheit angehörenden ineffizienten Nachtspeicherheizungen feiern als Möglichkeit, „Überschusswindstrom“ zu verbrauchen, ein unschönes „Come-back“.

Pehnt sprach sich nachdrücklich dafür aus, für Effizienzanstrengungen durch das Ordnungsrecht (Verbote, Grenzwerte, Nutzungsgebote etc.) entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Glühbirnenverbot habe z.B. gezeigt, wie rasch sich bei entsprechenden rechtlichen Vorgaben Erzeuger wie auch Konsumenten umstellen.

Ein wichtiger Beitrag für die Akzeptanz von Energiewendeprojekten ist die regionale Wertschöpfung. Dabei kann Wertschöpfung in Form der Produktion von Anlagen, durch Planung oder auch Installation und Wartung anfallen, wie Katharina Heinbach vom Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, iöw, darstellte. 2011, so hat ihr Institut errechnet, beläuft sich die Wertschöpfung durch dezentrale EE in Deutschland im Jahr 2011 auf 15,3 Mrd. Euro, davon verbleiben 10,1 Mrd. auf kommunaler Ebene. Dies lässt Heinbach schlussfolgern, dass die regionale Wertschöpfung ein wichtigerer „Treiber“ für den Ausbau der erneuerbaren Energie wird. Die Produktion von EE-Anlagen weist hohe Wertschöpfungseffekte auf, ist wichtig für den Industriestandort Deutschland und kann durch steigende Exporte noch erhöht werden. Aber die Wertschöpfungseffekte durch vor- und nachgelagerte Dienstleistungen (von Planung über Betrieb bis Rückbau) übersteigen die Effekte aus der Produktion bereits. Diese sind im Gegensatz zur (zentralen) Produktion größtenteils in fast jeder Region möglich – was einen weiteren Vorteil der Dezentralität der erneuerbaren Energien darstellt. Auch hier gilt: Die ökonomische Teilhabe (sprich: finanzielle Beteiligung) der Bevölkerung vor Ort ist ein wesentlicher Akzeptanzfaktor.

Die Frage, ob die Energiewende zentral oder dezentral organisiert werden kann, debattierten zum Abschluss der Tagung Dr. Andreas Kießling von der E.ON AG und Dr. Eva Stegen von den Elektrizitätswerken Schönau. Kießling stellte fest, dass auch E.ON zu einem beachtlichen Teil bereits dezentral aufgestellt sei. Er gab allerdings zu bedenken, dass – betrachte man den Netzausbau – Dezentralisierung auch mit Entsolidarisierung einhergehe. Den Grund dafür sah er darin, dass Photovoltaik-Betreiber sich nicht an den Kosten des Netzes beteiligten. Dr. Eva Stegen von den Elektrizitätswerken Schönau vertrat dezidiert die dezentrale Position, für die diese von den „Schönauer Stromrebellen“ initiierte Energiegenossenschaft fast schon symbolhaft steht. Vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe In Tschernobyl wurden aus den AKW-Gegnern dort sukzessive Stromversorger. Am Anfang standen Stromsparbemühungen und das Plädoyer für die Reaktivierung alter Wasserkraftwerke, die Förderung von Kraft-Wärme-Kopplung und die Initiierung von Solar-Gemeinschaftsanlagen. Die Übernahme des Stromnetzes in Schönau wurde nach der Liberalisierung des Strommarktes vom Einstieg in die Stromerzeugung ergänzt. Auch dafür gilt das Schönauer Motto „Energie in Bürgerhand“. Dass dies der richtige Weg sei, dafür stehe ihr bürgereigenes Unternehmen, das inzwischen 135.000 Kunden habe. Inzwischen, so Stegen, kämen sogar japanische Delegationen nach Schönau, um sich über die Möglichkeiten regenerativer Energieerzeugung zu informieren.
Manfred Schwarzmeier/Gerd Rudel

 

Literaturhinweise und weiterführende Links:

ForschungsVerbund Erneuerbare Energien: Forschung senkt Kosten der Energiewende. 10.10.2012
http://www.fvee.de/fileadmin/publikationen/Politische_Papiere_FVEE/12.10.EE_Kosten/2012_10_10_FVEE_stellungnahme_kosten.pdf

Olaf Bandt: Den Mutbürger bei der Energiewende beteiligen – die Zivilgesellschaft stärken. eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 10/2012 vom 25.05.2012
http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_bandt_120525.pdf

Franz Walter: Ende oder Fortgang der “Wutbürgerei”?
http://www.demokratie-goettingen.de/blog/ende-oder-fortgang-der-wutburgerei

Ralf Dunker: Warum ist Bürgerbeteiligung an der Energiewende erforderlich und wie kann die Beteiligung gestaltet werden? eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 10/2012 vom 25.05.2012
http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_dunker_120525.pdf

Bruno Burger/Harry Wirth: Photovoltaik in Deutschland – Missverständnisse in der öffentlichen Diskussion. Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme. Berlin 2.2.2012
http://www.fraunhofer.de/content/dam/zv/de/forschungsthemen/energie/Photovoltaik-in-Deutschland_Missverstaendnisse-in-der-öffentlichen-Diskussion.pdf

Burghard Flieger: Wirtschaftlich ausrichten oder ehrenamtliches Engagement stärken –(Energie-)Genossenschaften nutzen Unterstützungsstrukturen. eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 16/2012 vom 31.08.2012
http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_flieger_120831.pdf

Swantje Küchler/Lena Reuster: Mehrkosten für private Haushalte durch die Begünstigungen der stromintensiven Industrie. Kurzanalyse im Auftrag der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Berlin, September 2012
http://www.foes.de/pdf/2012-10-Verguenstigungen_Industrie_Mehrkosten_Haushalte.pdf

Swantje Küchler und Bettina Meyer: Was Strom wirklich kostet. Vergleich der staatlichen Förderungen und gesamtgesellschaftlichen Kosten von Atom, Kohle und erneuerbaren Energien. Studie im Auftrag von Greenpeace Energy e.G.. Forum ökologische Marktwirtschaft. Berlin, August 2012
http://www.greenpeace-energy.de/uploads/media/Stromkostenstudie_Greenpeace_Energy_BWE.pdf

Craig Morris/Martin Pehnt: German Energy Transition. Arguments for a renewable energy future. Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin 2012
http://energytransition.de/wp-content/themes/boell/pdf/German-Energy-Transition.pdf

Michaele Hustedt: Runde Tische als Instrument der Mediation in der Energiewende – Chancen und Grenzen am Beispiel des Pumpspeicherwerks Atdorf. eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 20/2012 vom 26.10.2012
http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_hustedt_121026.pdf

Claudia Löhle: Direkte Demokratie – Motor oder Bremse für die Energiewende? eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 10/2012 vom 25.05.2012
http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_loehle_120525.pdf

Reinhard Loske: Energie in Bürgerhand. In: Blatter fur deutsche und internationale Politik 12/2012, S. 29-33
http://www.blaetter.de/download/pdf/25373

Martin Pehnt (Hrs.): Energieeffizienz. Ein Lehr- und Handbuch. Heidelberg u. a. 2010

Kerstin Schnelle/Matthias Voigt: Energiewende und Bürgerbeteiligung. Öffentliche Akzeptanz von Infrastrukturprojekten am Beispiel der Thüringer Strombrücke. Erfurt. Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen 2012
http://germanwatch.org/fr/download/4135.pdf

Gerd Rosenkranz: Das sabotierte Jahrhundertprojekt. Wie die Bundesregierung die Energiewende hintertreibt. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2012, S. 101-110
http://www.blaetter.de/download/pdf/25322

Hannes Rudzik: Bürgerbeteiligung beim Netzausbau – Das Internetportal Höchstspannend.de. eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 20/2012 vom 26.10.2012
http://www.netzwerk-buergerbeteiligung.de/fileadmin/Inhalte/PDF-Dokumente/newsletter_beitraege/beitrag_rudzik_121005.pdf

Marc Brost/Dagmar Rosenfeld/Fritz Vorholz: Grüne Energie - Lüge auf der Stromrechnung. In: DIE ZEIT. 31.08.2012
http://www.zeit.de/2012/35/Gruene-Energie-Energiewende-Strompreisluege

Wolfgang George/Thomas Berg (Hrsg.): Energiegenossenschaften gründen und erfolgreich betreiben. Pabst, Lengerich/Berlin/Wien 2011

C.A.R.M.E.N. e.V. (Hrsg.): Akzeptanz erneuerbarer Energien. Ein Leitfaden. Straubing 2012

Stefan Haug/René Mono: Akzeptanz für Erneuerbare Energien – Akzeptanz planen, Beteiligung gestalten, Legitimität gewinnen. 100 prozent erneuerbar stiftung. Berlin 2012

Bernd Hirschl/Steven Salecki/Timo Böther/Katharina Heinbach: Wertschöpfungseffekte durch Erneuerbare Energien in Baden-Württemberg. Endbericht. Berlin 2011
http://www.um.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/91392/Anlage_Endbericht.pdf?command=downloadContent&filename=Anlage_Endbericht.pdf

Andreas Kießling/Thomas Kästner: Energie in 60 Minuten. Ein Reiseführer durch die Stromwirtschaft. Wiesbaden 2009

Umweltbundesamt: Aufbruch ins neue Zeitalter – Elemente einer nachhaltigen Energieversorgung. In: Schwerpunkte 2012
http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4213.pdf

http://relaunch.100-prozent-erneuerbar.de/ 

http://www.100-ee.de/ 

http://www.100-ee-kongress.de/ 

http://www.deenet.org/ 

http://www.ee-regionen.de/ 

http://www.eneff-stadt.info/ 

http://www.bioenergiedorf.info/

http://www.kommunal-erneuerbar.de/ 

http://www.regiosolar.de/ 

http://www.wege-zum-bioenergiedorf.de/ 

http://www.energiegenossenschaften-gruenden.de/67.html

Empfohlene Weblinks

www.apb-tutzing.de

ReferentInnen

Dr. Hannah Büttner
Senior-Beraterin IFOK GmbH
Tal 21
80331 München
Fon: 089/2422352-11
Mail: hannah.buettner@ifok.de

Ihre Präsentation kann als PDF-Datei bei uns bestellt werden.

Felix Butzlaff
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Göttinger Institut für Demokratieforschung
Weender Landstraße 14
D-37073 Göttingen
Fon: 0551/39-1701-17
E-mail: felix.butzlaff@demokratie-goettingen.de
http://www.demokratie-goettingen.de/

Zusammenfassung der Studie, auf der der Vortrag beruhte

Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick
Vizepräsident und Forschungsgruppenleiter, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt , Energie
D-42004 Wuppertal
Fon: 0202/2492-109
Fax: 0202/2492-198
manfred.fischedick@wupperinst.org
http://www.wupperinst.org

Die Präsentation ist als PDF-Datei bei uns erhältlich.

Katharina Heinbach
Dipl.-Geoökologin, wiss. Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) GmbH
Nachhaltige Energiewirtschaft und Klimaschutz
Potsdamer Str. 105
10785 Berlin
Fon: 030/884594-66
Fax: 030/8825439
katharina.heinbach@ioew.de
www.ioew.de/wertschoepfung

Die Präsentation kann als PDF-Datei bei uns bestellt werden.

Dr. Andreas Kießling
Political Affairs and Corporate Communications, Energy Policy Affairs, E.ON AG
Brienner Straße 40
80333 München
Fon : 089/1254-1467
Fax: 089/1254-1543
Mobil: +49 160-7150587
andreas.kiessling@eon.comPräsentation als PDF-Datei

Maximilian Knogler
TUM School of Education
Schellingstraße 33
D-80799 München
Fon: 089/289-24373
E-mail: maximilian.knogler@tum.de
www.gympaed.edu.tum.de/mitarbeiterinnen/maximilian-knogler/planspiel-energetingen

Die Präsentation ist als PDF-Datei erhältlich.

Dr.-Ing. Martin Pehnt 
Dipl.-Physiker,  ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH, Fachbereichsleiter Energie, Mitglied des Wissenschaftlichen Vorstands
Wilckensstr. 3
D-69120 Heidelberg
Fon: 06221/4767-36
Fax: 06221/4767-19
E-Mail: martin.pehnt@ifeu.de
www.ifeu.de

Die Präsentation können Sie als PDF-Datei bestellen.

Irina Rau
Dipl.-Psych., Forschungsgruppe Umweltpsychologie, Universität des Saarlandes mit Außenstelle an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
irina.rau@fg-upsy.com
http://fg-umwelt.de/

Präsentation als PDF-Datei

Prof. Dr. Wolfgang Seiler
Direktor i.R., Institut für Meteorologie und Klimaforschung (IMK-IFU)
Vorstand Verein Energiewende Oberland
Fon: 08856/80536-0
Fax: 08856/80536-29
Mail: info@energiewende-oberland.de
http://energiewende-oberland.de/

Textliche Zusammenfassung der Präsentation

Dr. Eva Stegen
Elektrizitätswerke Schönau Vertriebs GmbH
Friedrichstr. 53-55
79677 Schönau
Fon: 07673/8885-22
Fax: 07673/8885-19
Mail: e.stegen@ews-schoenau.de
http://www.ews-schoenau.de

Die Präsentation ist als PDF-Datei bei uns erhältlich. 

Veranstaltungsort
Tutzing


Partner


Art der Veranstaltung
Tagung



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

03.11.2012

„good night – white pride“

 

Schon zum zehnten Mal fand unter dem Motto „good night – white pride” in der Rosenheimer Vetternwirtschaft ein antifaschistisches Hardcorekonzert  statt.  Hardcore - das ist eine Musikrichtung zwischen Punk und Metal. 


Infostand am Rande des Konzerts

„good night white pride” ist eine Kampagne von Mitgliedern der Hardcoreszene, die sich gegen Rassismus und Faschismus wendet. In diesem Jahr traten SNIFFIN GLUE (siehe Bild unten) , SLAMDAMN und SWALLY OR SPIT  (Rosenheim)  auf.

Weitere Eindrücke von Konzert:

http://www.flickr.com/photos/89642794@N04/sets/72157631928945912/

und

http://www.flickr.com/photos/89642794@N04/sets/72157631925411975/


Empfohlene Weblinks

www.goodnight-whitepride.de.tf

Veranstaltungsort
Rosenheim


Partner

infogruppe rosenheim


Art der Veranstaltung
Konzert



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.

23.10.2012

Kommunalparlamente "mit Migrationshintergrund?"

Chancen und Probleme für eine bessere politische Partizipation

In Bayern haben rund 2,4 Millionen Menschen – und damit ca. ein Fünftel der Bevölkerung – einen "Migrationshintergrund". In Großstädten liegt dieser Anteil teilweise bereits bei fast 40 Prozent. Inklusionsspolitik ist deshalb eine der entscheidenden Zukunftsaufgaben, gerade weil die Altersstruktur der Menschen mit Migrationshintergrund sehr jung ist.

Die politischen Prozesse müssen zugänglicher werden, damit Partizipation an politischen Entscheidungen möglich wird. Bisher ist es damit eher schlecht bestellt. Zwar sind fast 9 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund wahlberechtigt, bei den Kommunalwahlen kommen dazu noch die EU-Ausländer/innen. Aber in den Parlamenten, gerade auch in den Kommunalparlamenten, sind Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe immer noch eine Ausnahmeerscheinung.

Prof. Dr. Karen Schönwälder gab einführend einen sehr informativen Überblick über die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die Kommunalpolitik. Die Zahl der Migrantinnen und Migranten in den Räten deutscher Großstädte steigt: Gab es in den zwischen 2001 und März 2006 gewählten Stadträten 116 Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund, so ist in den zwischen September 2006 und März 2011 gewählten Räten ihre Zahl auf 198 gestiegen. Auch die Zahl der Kandidatinnen und Kandidaten hat sich erhöht. Noch aber sind alle Stadträte weit davon entfernt, die Vielfalt der städtischen Bevölkerungen widerzuspiegeln. 4 Prozent der insgesamt 4670 Ratsmitglieder sind Migrant/inn/en oder Migranten. Über ein Viertel der Bevölkerung der Großstädte jedoch hat einen Migrationshintergrund – diese Bevölkerungsgruppe ist also in der städtischen Politik weiterhin eklatant unterrepräsentiert. Keine Großstadt erreicht eine Repräsentation der Migrantinnen und Migranten im Rat, die deren Bevölkerungsanteil entsprechen würde.

Die politischen Parteien sind unterschiedlich offen bzw. unterschiedlich attraktiv für Migrant/inn/en. Gemessen an der Gesamtzahl der Mandate der Partei erreichen die Grünen und die Linke mit jeweils 8 Prozent den höchsten Anteil von Einwanderern, gefolgt von der SPD mit 5 Prozent, während bei CDU/CSU und FDP nur knapp 2 Prozent der städtischen Ratsmitglieder einen Migrationshintergrund haben.

Interessant sind folgende Details:

  • Der Anteil von Frauen bei den Ratsmitgliedern mit Migrationshintergrund ist mit 40% höher als der Frauenanteil in den städtischen Räten insgesamt (33%).
  • 38% der migrantischen Ratsmitglieder sind türkischer herkunft. Diese ethnische Gruppe ist damit weit überrepräsentiert – was wiederum das Vorurteil widerlegt, dass die türkeistämmigen Bürgerinnen und Bürger eine besonders integrationsunwillige Gruppe seien.
  • Die kommunale politische Karriere gelingt überwiegend den formal hoch Gebildeten. 66% der migrantischen Ratsmitglieder besitzen einen Hochschulabschluss.

Karen Schönwälder machte deutlich, dass die Defizite in der politischen Repräsentanz der Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Vergleich zu anderen europäischen Staaten (Niederlande, Frankreich) in Deutschland erheblich höher sind. 

José Luis Ortega Lleras berichtete aus seiner eigenen langjährigen Erfahrung als Mitglied des Erlanger Ausländerberats und als Stadtrat in Erlangen. Er stellte die Frage, ob die politischen Parteien tatsächlich ernsthaft an einer Integration der Migrant/inn/en in den politischen Prozess interessiert seien und betonte, dass er daran durchaus Zweifel habe.

Wolfgang Bosswick, Geschäftsführer des“ europäischen forums für migrationsstudien“ (efms) an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, betonte die Bedeutung der kommunalen Zivilgesellschaft für die Integration von menschen mit Migrationshintergrund in den vergangenen Jahrzehnten – trotz aller immer noch existierender Defizite. Die kommunale ebene ist aus seiner Sicht ein „Laboratorium für die Aufnahmegesellschaft“. Bossfeld forderte jedoch Veränderungen beim Wahlrecht, wenn die Beteiligung am politischen Prozess verbessert werden solle. Notwendig seien ein aktives wie auch passives Wahlrecht für die Wohnbürger/innen einer Kommune ohne Ansehen der jeweiligen Staatsbürgerschaft.


Auf dem Podium (von links nach rechts): José Luis Ortega Lleras, Jochen Menzel (Moderation), Prof. Dr. Karen Schönwälder und Wolfgang Bosswick  

Kontrovers diskutiert wurde – unter sehr engagierter und lebhafter Beteiligung des Publikums - vor allem die Frage, ob eine bessere Beteiligung an der Kommunalpolitik durch eigenständige Listen oder Parteien erreicht werden könne, auf denen vorwiegend oder ausschließlich Menschen mit mit Migrationshintergrund kandidieren. Solche „Ausländerparteien“ wurden zum einen als legitim und vielleicht sogar notwendig bezeichnet. Durch sie werde auch Druck auf die „etablierten“ Parteien ausgeübt, sich der Thematik und den Menschen mit Migrationshintergrund als Kandidat/inn/en zu öffnen. Auf der anderen Seite stand der Appell, sich in den vorhandenen demokratischen Parteien zu engagieren und die Befürchtung, solche rein ausländisch geprägten Listen würden sogar kontraproduktive Wirkungen entfalten.

Die Studie "Vielfalt sucht Rat", die die empirische Grundlage für unsere Veranstaltung bildete, ist bei der Heinrich-Böll-Stiftung unentgeltlich erhältlich. Eine Kurzfassung der Studie ist hier zu lesen:
http://www.boell.de/demokratie/multikultur/integration-kurzfassung-studie-vielfalt-sucht-rat-13694.html

Die komplette Stiudie gibt es auch zum Herunterladen als PDF-Datei.

Kontaktadressen:

Prof. Dr. Karen Schönwälder
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften
Hermann-Föge-Weg 11
D-37073 Göttingen
Fon: 0551/4956-129
Fax: 0551/4956-170
E-mail: schoenwaelder@mmg.mpg.de
Internet: http://www.mmg.mpg.de/

Wolfgang Bosswick
europäisches forum für migrationsstudien (efms)
Institut an der Universität Bamberg
Katharinenstr. 1
D-96052 Bamberg
Fon: 0951/932020-13
Fax: 0951/932020-20
E-mail: wolfgang.bosswick@uni-bamberg.de
Internet: www.efms.de

Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY) 
Gostenhofer Hauptstraße 63
D-90443 Nürnberg
Fon: 0911/923189-90
Fax: 0911/923189-92
E-mail: agaby@agaby.de
Internet:  http://www.agaby.de/

 

In Verbindung stehende Veranstaltungen
Alle inklusiv? Zwischen Ausgrenzung und Inklusion: die Stadt als sozialer Raum


ReferentInnen

Prof. Dr. Karen Schönwälder
Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut zur Erforschung mulitreligiöser und multiethnischer Gesellschaften; Professorin an der Universität Göttingen; Verfasserin der Studie "Vielfalt sucht Rat"

José Luis Ortega Lleras
Projektmanager für Übersetzungen Siemens AG, Stadtrat in Erlangen, Mitglied im Bayerischen Integrationsrat

Wolfgang Bosswick
Geschäftsführer, europäisches forum für migrationsstudien (efms) an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Moderation:

Jochen Menzel
Filmemacher, transfers film, Fürth

Veranstaltungsort
Nürnberg


Partner

Evangelische Stadtakademie Nürnberg

Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY)



Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Besuchen Sie dazu diesen Link und kopieren Sie anschließend den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.