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09.05.2006
Zu Beginn ihres Vortrags ließ Lipkhan Basaewa einige Fotos im Publikum herumgehen. Auf vielen sah man Waisenkinder. Frau Basaewa berichtete, dass vom Verlust eines oder beider Elternteile in Tschetschenien sehr viele Kinder betroffen sind. Meist kümmert sich ein anderes weibliches Familienmitglied, Oma, Tante usw. um die Kinder. Die finanzielle Situation dieser Familien ist besonders kritisch, da meist kein festes Einkommen vorhanden ist. Das Schicksal der Waisenkinder liege ihr besonders am Herzen, betonte Frau Basaewa.
Dann berichtete die Referentin über die derzeitige Situation in Tschetschenien. Im Großen und Ganzen hat sich an der Lebenssituation der Zivilbevölkerung seit Einstellung der offiziellen Kriegshandlungen nichts zum Positiven hin verändert.
Von einem Wiederaufbau des Landes von staatlicher Seite her kann keine Rede sein.
Frau Basaewa illustrierte das anhand eines typischen Beispiels: In einer Straße in Grozny wurden zwar Fassaden von Gebäuden wiederhergestellt, die Häuser selbst sind weiterhin unbewohnbar, durch die Fenster kann man in die Ruinen hinein sehen. Lediglich eine einzige Straße in der Hauptstadt ist bis jetzt repariert worden. Das Geld dafür haben die örtlichen Behörden aber unter Anwendung von Druck von den Kleinhändlern eingezogen.
Der Verbleib des vom Russland dafür transferierten Geldes sei unklar. Das passiert mit allen finanziellen Mitteln aus Moskau. Wird etwas wiederaufgebaut und instandgesetzt, dann geschieht das nicht mit den aus Moskau transferierten Mitteln, sondern allein durch die Initiative und die Gelder von Privatleuten und Hilfsorganisationen. Die staatlichen Gelder verschwinden in dunklen Kanälen.
Ebenso verhält es sich bezüglich des Bildungswesens:noch keine einzige Schule ist durch die Regierung Kadyrows wieder hergestellt worden. Dort wo Kinder nach elf Jahren endlich wieder Unterricht erteilt bekommen, da wurde alles durch die Initiative und Eigenbeteiligung der Eltern und durch Spenden ermöglicht.
Frau Basaewa betonte, dass die Kinder in Tschetschenien elf Jahre keinen durchgehenden Schulunterricht mehr hatten und wie wichtig aber gerade dies sei, um deren Zukunft zu sichern. Deshalb erzählte sie auch von der Dorfschule in Nochtschi-Keloi, die jetzt mit Hilfe von Spenden aus Deutschland vor der Fertigstellung steht und dass dort schon bald der Unterricht aufgenommen werden kann. Die Versorgung der ländlichen Gebiete mit Schulen ist besonders wichtig, da es der Landflucht vorbeugt, denn selbstverständlich haben die Eltern großes Interesse daran, ihren Kindern eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Das ist ein ganz wichtiger Beitrag zur Friedenserziehung.
Wie wichtig es ist, dass die Menschen in Tschetschenien, vor allem die Kinder, erfahren, dass es in Deutschland Menschen gibt, denen ihr Schicksal am Herzen liegt und die helfen wollen, zeigte uns Frau Basaewa anhand einer Begebenheit:
ein Schulmädchen aus München hatte ihr Erspartes gespendet und in ihrer Klasse Geld gesammelt, um den Wiederaufbau der Schule in Nochtschi-Keloi zu unterstützen. Die Kinder des Dorfes waren darüber sehr erstaunt und fragten, warum Menschen in Deutschland ihnen helfen würden. Frau Basaewa antwortete ihnen, weil wir alle Menschen seien und nicht allein auf der Welt. Dies zu erfahren ist für die Kinder in Tschetschenien von größter Wichtigkeit.
Die Referentin erzählte u. a. von dem Vorfall in einer Schule in Tschetschenien, bei dem es zu unerklärlichen Vergiftungserscheinungen bei Dutzenden Mädchen gekommen war. Bis heute ist der Fall ungeklärt und die Mädchen werden noch immer von der Außenwelt abgeschirmt, so dass eine Untersuchung durch unabhängige Ärzte nicht erfolgen konnte.
Kosten
keine
Partner
AK Tschetschenien im Interkulturellen Forum
Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion
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