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03.08.2008
1. Tag Dublin 4.8.08
Besuch des Trinity College und Dublin Castle.
Am Abend Treffen mit Martin Alioth, Korrespondent der NZZ und des Tagesspiegel.
Thema: Referendum in Irland über Lissabon-Vertrag mit Nein -> zu Recht?
2. Tag: Dublin 5.8.08
Besuch beim deutschen Botschafter Christian Pauls, der seine Sicht zu vielen Irland-Themen zum Besten gab. Hier einige seiner Statements:
Nordirland-Konflikt ist „beigelegt“.
Die Katholiken in Nordirland wachsen anteilmäßig in der Bevölkerung, erreichen bald 50%, viele wollen im United Kingdom bleiben.
Nordirland wird (immer noch) von London subventioniert, 40% der Beschäftigten sind im öffentlichen Dienst tätig.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit Nordirlands mit der Republik Irland nimmt zu.
Lissabon-Verträge: die Wähler haben sich nicht genug informiert, seien durch Lobby-Gruppen gegen die Verträge aufgehetzt worden. Beispiel: ein Referendum für die Todesstrafe wäre auch erfolgreich, wenn gerade ein Mord geschehen wäre.
Pauls plädiert für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, gegen „Partikularinteressen“ wie z.B. ein Abtreibungsverbot.
Aktuelle Situation Irlands: schlechte berufliche Bildung, hohe private Verschuldung, „Gastarbeiter“ aus Polen sind besser ausgebildet und fleißig, gehen aber jetzt wieder zurück nach Polen.
Schulsystem: Grundschule 6 Jahre, katholisch. Wissensaufbau nach französischem Muster.
Bezahlung: hohe Gehälter im öff. Dienst, Arbeitslosenquote 6-7%, Inflation 5 %, kein Umweltbewusstsein, Familienegoismus. Ökohaus und dergleichen in weiter Ferne. Keine Kernkraftwerke, Strom wird aus England importiert. Eigene Torfkraftwerke sind abgeschaltet.
Gesundheitswesen: wie England, schlecht. Fachärzte als Konsultants der Kliniken verdienen 3x so viel wie deutsche Oberärzte, viel Geld geht im Medizinbetrieb an das Personal, wenig wird für die Patienten getan, schlechte Apparate.
Danach: Besuch im irischen Parlament und Treffen mit dem grünen Senator Dan Boyle und drei grünen Abgeordneten, darunter Mary White, die offensichtlich Engagierteste unter allen. Es gibt im irischen Parlament 166 Abgeordnete, davon 23 Frauen, verteilt auf 6 Parteien, von denen 3 die Regierungskoalition bilden. Den Hauptteil der Regierungskoalition bilden die 78 Abgeordneten der Fianna Feil, dazu kommen 6 Grüne (davon 2 Frauen) und eine weitere kleine Partei, die Progressive Democrats.
3. Tag Belfast 6.8.08
Besuch bei Corrymeela
Christliche Organisation, gegründet vor Ausbruch des Nordirlandkonflikts.
Aufgaben: Konfliktlösung, Konflikt-Management, Migranten, Asylbewerber.
Paradox: „no guns“, d.h. der Nordirlandkonflikt ist beigelegt, was die militärische Aktion betrifft. Aber es gibt die „kleine“ Gewalt. Es werden in Belfast noch Mauern gebaut an den Grenzen (interfaces) zwischen den Siedlungsgebieten der verfeindeten Parteien.
Vergangenheitsbewältigung: Lernen, wie die andere Seite ihre Vergangenheit sieht und lehrt.
Zeitfaktor: Für die Kinder aus bürgerlichen Kreisen sind die Unruhen Geschichte, während die Arbeiterkinder den Konflikt als Gegenwart erleben.
Belfast: Industriestadt im Niedergang, z.B. waren im Schiffbau 40.000 Menschen beschäftigt, jetzt sind es nur noch 100.
Wohnviertel: separat für Katholiken und Protestanten. Soziale Ungleichheit, schon im 17 Jh. Unterschiede im Landbesitz, weil das Land an englische Einwanderer bzw. Adlige als Lockmittel, sich in Irland zu engagieren, vergeben wurde (Kolonialpolitik). Von daher rühren die sozialen Unterschiede, die noch heute den Konflikt anheizen. Inzwischen gibt es auch einen verarmten Protestanten-Anteil, die „working class protestants“. Deren Kinder, vor allem Jungs, sind die Verlierer des industriellen Wandels; sie sind schlecht ausgebildet (es gibt kein „duales System“ der beruflichen Bildung). Die Diskriminierung der Ausländer ist unter ihnen am stärksten.
Die Mauern in Belfast werden von Staats wegen gebaut, aus Sicherheitsgründen. Sie schützen die Wohnviertel vor Übergriffen, sind aber gleichzeitig Anziehungspunkte der Gewalt.
Besuch bei NICHS
Anschließend fuhren wir zur wesentlich kleineren Hilfsorganisation NICHS = Northern Ireland Children Holiday Service. Eine Organisation, die seit 1972 besteht und die sich um Kinder kümmert, die Opfer von Gewalt geworden sind. Inzwischen arbeiten sie mit Kindergruppen, die aus den ärmeren Stadtvierteln stammen, Religion spielt keine Rolle, die Identifikation mit einer bestimmten Seite des Konflikts ist nicht das Ziel von NICHS.
Im Kaffeeraum ist eine Dokumentation des Nordirlandkonflikts an die Wand gepinnt.
4. Tag Derry/Londonderry 7.8.08
Nach einer länglichen Busfahrt unter sehr tief hängenden Wolken mittags Ankunft in Derry, einer hübschen Stadt mit umlaufender Stadtmauer.
Bloody Sunday 1972: die englische Armee schießt auf unbewaffnete Nationalisten und IRA-Leute, die aus der Kirche kommen und tötet vierzehn. Höhepunkt der Eskalation, die englische Botschaft in Dublin wird niedergebrannt. Heute ist das Viertel neu aufgebaut, die Giebelwände sind mit Szenen aus dem Bürgerkrieg bemalt.
Weiterfahrt bis Bundoran, unserem nächsten Übernachtungsort, an der irischen Westküste.
Bundoran ist ein eher hässliches Seebad, viele Hotels und Ferienhäuser entlang einer allerdings romantischen Küste. Am Strand Jahrmarktsbuden, im Ort viele Spielkasinos und Amusement Shops.
5. Tag Fahrt von Bundoran nach Achill Island 8.8.08
Ab jetzt beginnt der mehr landschaftliche Teil der Reise, die „politischen Tage“ sind vorbei. Wir besichtigen am Wegesrand als erstes ein prähistorisches Grab, ca. 3000-4000 Jahre alt (Neusteinzeit). Es ist ein Steinkreis mit mehreren inneren Abteilungen, Vorhöfen und Kammern, die nur als Mauerreste zu erkennen sind; kein Dolmen.
Zweite Station auf der Fahrt nach Achill Island ist Drumcliffe, genauer der Friedhof von Drumcliffe. Dort ist William Butler Yeats begraben. Vor dem Friedhof ist zu seinen Ehren eine Bronzeplastik aufgestellt, mit einem knienden Mann, der ein Tuch vor sich ausbreitet, und dem Text eines Gedichts mit dem Titel:
„He wishes for the cloths of heaven“
Drumcliffe liegt zu Füßen eines auffälligen Berges, des Ben Bulben, in einer dramatisch schönen Landschaft. Die Kirche ist gebaut auf den Resten eines Klosters, das von St. Columban persönlich etwa im Jahr 575 n.Chr. gegründet worden ist.
Die Fahrt durch den Nordwesten Irlands bis an die Küste zur Insel Achill Island ist sehr eindrucksvoll. Die Landschaft ist karg, Felsen und Wiesen mit kurzem Gras, kein Baum, selten ein Strauch, wie im höheren Gebirge in Mitteleuropa. Ein schmales Sträßchen windet sich durchs Land, keine Häuser oder gar Dörfer in Sicht.
Jetzt ist August, wie muss es hier im November sein?
Gelegentlich reißt der Himmel auf, die Sonne kommt kurz hervor, alles leuchtet plötzlich auf. Das Meer ist wild, weiß schäumende Brandung direkt vor uns.
Der Ort Achill Sound liegt teilweise auf dem Festland, die Brücke auf die Insel ist im Bau, ein etwas ernüchternder Anblick nach all der Romantik der wilden Küste.
6. Tag Achill Island 9.8.2008
Besuch im Cottage von Heinrich Böll und Rundfahrt auf Achill Island.
Das Ferienhaus der Bölls ist jetzt ein hübscher Ort zur Entspannung und zum zurückgezogenen Arbeiten für Künstler, die dort als Stipendiaten der Heinrich Böll Association einen zwei- bis vierwöchigen Aufenthalt bezahlt bekommen. Einige der Arbeiten solcher Künstler sind dort ausgestellt, das Gästebuch bietet weitere „Werke“.
Die Fahrt geht anschließend zum „Deserted Village“, einem verlassenen Dorf in der Nähe, dessen Ruinen bequem zu besichtigen sind.
Das „deserted village“ wurde während der Hungersnot verlassen, auch weil man meinte, die Felder seien für immer verseucht und nie mehr bebaubar. Später wurden sie dann von einem Dorf einige Kilometer entfernt aus doch wieder teilweise bewirtschaftet.
Die Rundfahrt über die Insel ging weiter nach Keel, einem kleinen Ort an der Westküste mit einem prachtvollen Sandstrand. Dort waren überraschend viele Ferienhäuschen zu sehen, offensichtlich in den letzten Jahren neu gebaut, eine Folge des irischen Wirtschaftswunders.
Zweite Übernachtung in Achill Sound, am nächsten morgen wieder Regen.
7. Tag Fahrt durch Connemara nach Galway und Gort 10.8.2008
Beginnend mit einem Besuch am Fuß des Croagh Patrick.
Auf den Croagh Patrick wandert ein Strom von Menschen hinauf, es ist Sonntag und für hiesige Verhältnisse gutes Wetter (d.h. es gibt gelegentlich einen Schauer, der Gipfel des Berges ist in Wolken). Der Berg ist über 700 m hoch, beginnend auf Meereshöhe, im oberen Bereich kahl, voller Geröll, grau, unwirtlich.
Der Berg wird von vielen als Heiliger Berg betrachtet, weil St. Patrick hier gelebt und gewirkt hat und vielleicht auch einmal hinaufgestiegen ist.
Am Fuß des Berges steht in einem kleinen abgegrenzten Areal neben der Straße ein unsägliches Monument zur irischen Hungersnot.
Die zweite Station war Kilmore Abbey, ein Märchenschloss, im vorletzten Jahrhundert von einem Dubliner Chirurgen als Hochzeitsgeschenk für seine Braut gebaut und später von der Kirche als Kloster und Schule gekauft. Jetzt ist es ein Fototermin für japanische Irlandtouristen, vergleichbar mit Neuschwanstein, zahlreiche Busse und riesige Souvenirgeschäfte verstellen die Zufahrt.
Dann ging’s weiter nach Galway, einer schönen Stadt an der Westküste, mit alten Gassen, Fachwerkhäusern, vielen Touristen und einer modernen Kathedrale. Diese Kathedrale fiel insofern ins Auge, als sie ein nagelneues Bauwerk war, aber im alten Stil, also eine Basilika, aus Natursteinen gebaut, mit Marmorfußboden und bunten Glasfenstern, die in dramatischen Bildern die biblische Geschichte darstellen sollen. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die an die in alten Kirchen erinnert, aber zugleich an einen modernen Versammlungssaal.
Übernachtung in einem Straßenhotel in Gort, etwas südlich von Galway.
8. Tag Rückreise nach Dublin und Heimflug 11.8.2008
Wieder Regen, der Himmel grau mit ein paar lichten Flecken. Das Hotel längs der belebten Straße in Gort war nachlässig geführt, wenig gepflegt, unlustiges Personal.
Nach der dreistündigen Fahrt zurück nach Dublin noch gut zwei Stunden Wartezeit am Flugplatz.
Verabschiedung von Peter Wachs: er war ein guter Reiseführer, wenn auch zuweilen etwas zu beredt und zu wenig auf die Fragen und Kommentare der Reisenden bedacht. Er hat uns mit einer solchen Fülle von Wissen über Geschichte, Politik, Wirtschaft und Natur Irlands voll gestopft, dass wir oft, erschöpft vom Zuhören, gar nichts mehr wissen wollten, erstmal verdauen und über das Gehörte nachdenken mussten.
Partner
Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg
Europa Zentrum Baden-Württemberg
Art der Veranstaltung
Bildungsreise
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