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14.03.2006
Lesung mit Andrej Kurkow
Mit einer Lesung von Andrej Kurkow zum Auftakt der Reihe konnte ein Schriftsteller engagiert werden, der Literatur und Politik verbindet. Er las aus seinem letzten Roman "Die letzte Liebe des Präsidenten", der Monate vor der Orangenen Revolution geschrieben, diese bereits in einer Geschichte mit viel schwarzem Humor vorwegnahm. Andrej Kurkow pflegt seine Lesungen selbst musikalisch am Klavier zu begleiten und nimmt das Publikum spielerisch mit auf die Reise durch die Skurrilitäten des postsowjetischen Alltags in der Ukraine.
Keine Menschenrechte in Tschetschenien – kein Asyl in Deutschland
Mit Libchan Basajewa und Musa Sadulajew, die zurzeit bei der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte zu Gast sind, konnten zwei engagierte und profilierte Menschenrechtler/innen eingeladen werden, die mit beeindruckenden Bildern und Schilderungen aus Tschetschenien nachhaltig Betroffenheit erzeugen.
Sie vermitteln intensiv was Krieg bedeutet und sehen ihre Aufgabe darin, dazu beizutragen, den Konflikt zu beenden. Es ging jedoch nicht nur darum, dass in Tschetschenien Menschenrechte verletzt werden, sondern auch darum wie Flüchtlinge aus Tschetschenien in Deutschland behandelt werden. Dazu konnte Herr Dr. Hruschka vom UNHCR wertvolle Informationen liefern, die zeigten, dass noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit Flüchtlinge ausreichend Schutz in Deutschland gewährt wird.
Die Erfahrung des Widerstands
Tiefe Einblicke in die "russische Seele" und ihren Umgang mit dem Widerstand gegen Diktatur und der Entwicklung eines zivilgesellschaftlichen Engagements nach deren Ende gewährte Anna Schor-Tschudnowskaja. Selbst Mitglied der Organisation "Memorial" betonte sie die Wichtigkeit der Durchsetzung der Menschenrechte für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Es zeigte sich, dass Aktivist/innen in Russland anders an Probleme herangehen als die Besucher/innen der
Veranstaltung es erwarten würden. Es wurde deutlich, dass Fragen auch vom Erfahrungshintergrund abhängig sind, dass unsere Fragen in Russland so nicht gestellt werden. Das Wissen darum kann dazu beitragen, Missverständnisse zu vermeiden.
Russlands Blick auf den Islam
Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik stellte die Welten des Islam in Russland vor und machte deutlich, dass es in Russland nicht "den Islam" gibt, sondern sowohl die säkular orientierten Muslime als auch fundamentalistische Strömungen, die so genannten Wahabiten. Insgesamt ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Er gab auch einen Abriss über den Verlauf des Karikaturenstreits in den Islamischen Gemeinden in Russland. In Bezug auf den Konflikt mit Tschetschenien sieht Uwe Halbach Russland nicht in der Lage, eine Lösung mit der von ihm verfolgten Politik zu erreichen. Im Gegenteil hat sie den Konflikt erst islamisiert. Die Umdefinition des Krieges gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens in einen "Krieg gegen den Terrorismus" ist vor allem geeignet, internationale Kritik am Vorgehen Russlands im Keim zu ersticken. Fakt ist, dass das militärische Vorgehen der russischen Armee zu einer Zunahme von Anschlägen und Besetzungen (Nordost-Theater in Moskau, Schule in Beslan) führt.
Gefangen im Kaukasus
An der Eroberung Tschetscheniens nahm Leo Tolstoi als russischer Offizier teil und verarbeitete seine Erfahrungen in einer Erzählung. Regisseur Sergej Bodrov diente diese als Grundlage für seinen 1996 gedrehten Film "Gefangen im Kaukasus". Im Mittelpunkt des Filmes stehen vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen während dieses Krieges. In einer Einführung stellte Kay Osterloh den Zusammenhang zur aktuellen Situation dar.
89 Millimeter
Der Film "89 Millimeter" von Sebastian Heinzel vermittelt auf eindrucksvolle Weise das Lebensgefühl von jungen Menschen in Weißrussland. Er macht klar wie unterschiedlich die Situation empfunden wird. Während sich eine junge Journalistin total eingeengt fühlt, kann ein junger Soldat keinerlei Einschränkung ausmachen.
Sebastian Heinzel zeigt in seinem Film sechs Menschen auf der Suche nach ihrem Weg in die Zukunft – einfühlsam und ohne Bewertung. Maxim Grouchevoi, der Weißrussland vor einigen Jahren verlassen musste und nach seinem Studium in Deutschland für "Belarus News" arbeitet, kommentierte die vor kurzem stattgefundenen Wahlen und stellte seine Einschätzung der Oppositionsbewegung und ihre Verankerung in der belarussischen Bevölkerung zur Diskussion.
Konzert mit "La Minor"
Wie zu erwarten war das Konzert von La Minor die am besten besuchte Veranstaltung der Reihe. Das Interesse an osteuropäischer Musik, das sich bei den Parties des Russophobie-Party-Kollektivs immer wieder manifestiert, war auch an diesem Abend da. Den Musikern von La Minor gelang es, das Publikum mitzureißen und zu zeigen, dass auch widrige Lebensumstände nicht in der Lage waren und sind die Freude an widerständiger Musik zu brechen.
Lesung mit Sabine Adler
Zum Abschluss der Reihe war Sabine Adler zu einer Lesung aus ihrem Buch "Ich sollte als schwarze Witwe sterben" – die Geschichte der Raissa und ihrer toten Schwestern - eingeladen. Entsprechend dem Titel von Revolution in Orange (Lesung mit Andrej Kurkow) bis Witwen in Schwarz, wurde so der Kreis geschlossen.
Sabine Adler, die als Journalistin des DeutschlandRadios sehr oft und intensiv in Tschetschenien recherchiert hat, kennt beide Seiten des Konflikts. Diese stellt sie in ihrem Buch ohne Schwarz-Weiß-Malerei dar und zeigt die ganze Brutalität mit der die Zivilbevölkerung konfrontiert ist. Die Lesung war eine gute Ergänzung zu der Veranstaltung mit Libchan Basajewa und Musa Sadulajew, die den Blick von Innen mit dem Blick von Außen konfrontierte, aber letztendlich dasselbe sichtbar machte.
Veranstaltungsort
Nürnberg
Partner
Collegium Martin Beheim e.V.
Stadtteilzentrum DESI, Nürnberg
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