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30.06.2005
In Krisenregionen arbeiten Friedenfachkräfte an der Aufgabe, verfeindete Bevölkerungsgruppen dabei zu unterstützen, (wieder) zu lernen, im Alltag in den gemeinsam bewohnten Gebieten zusammen zu leben und zivilgesellschaftliche Mitwirkung zu stärken. In deutschen Städten und Gemeinden arbeiten PädagogInnen und SozialarbeiterInnen an der Aufgabe, ein Zusammenleben der Mehrheitsgruppe und verschiedener Minderheitengruppen zu ermöglichen und demokratisch zu gestalten. Wieviel wissen die Akteure in den unterschiedlichen Handlungsfeldern voneinander? Lassen sich einerseits vergleichbare Probleme, andererseits spezifische Unterschiede identifizieren?
Ein Austausch über die Erfahrungen müsste doch bereichernd für beide Seiten sein. So die These der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik, die als Mitglied in der Regionalgruppe Bayern des forumZFD die beiden in Mazedonien arbeitenden Friedensfachkräfte, Heike und Heiko Harms mit entsprechenden Fachleuten aus München zusammenbrachte, zum Bespiel einer Mitarbeiterin eines kirchlichen Jugendzentrum in einem sozialen Brennpunkt, einer iranischen Koordinatorin einer Arbeitsstelle für interkulturelle Konflikte, einer bosnischen Mitarbeiterin einer NGO und gleichzeitig Mitarbeiterin in einem internationalen Jugendzentrum und der Kinderbeauftragten des Kreisjugendrings.
Der Austausch könnte in der Tat bereichernd sein, aber er war zu kurz. Da die in München tätigen KollegInnen Zivilen Friedensdienst praktisch nicht kannten, musste dieses Arbeitsfeld erst einmal vorgestellt und erklärt werden. Untereinander waren die Einrichtungen und ihr spezifisches Aufgabenfeld auch nur bedingt bekannt. München ist groß und das Spektrum der in Jugendhilfe und Sozialarbeit tätigen Träger breit und alles andere als frei von Konkurrenzdenken und -handeln. Vielleicht ist dies eine ähnlich ambivalente Rahmenbedingung wie die Präsenz von unterschiedlichen internationalen Institutionen in Mazedonien.
Obwohl es also eine Diskussion unter Unbekannten war, wurden Ähnlichkeiten im Arbeitsansatz entdeckt und es kristallisierten sich gemeinsame Fragen heraus.
Zivilen Friedensdienst beschrieb Heiko Harms als gewaltfreie Konfliktaustragung zur Gewaltprävention oder Nachsorge in ehemaligen Kriegsgebieten. Das Forum ZFD hat seine Schwerpunkte im Südbalkan und in Israel und Palästina. Projekte sind z.B. Trauma-Arbeit, Stärkung und Unterstützung von NGOs, aber auch Bildungsarbeit.
In Mazedonien arbeiten Heike und Heiko Harms mit Bildungseinrichtungen zusammen, d.h. mit Kindergärten, Grundschule, weiterführende Schulen, in der Lehrerausbildung und mit dem zuständigen Ministerium. Die Strategie ist: An der Basis anfangen, um Erfahrungen zusammeln und die Erfahrungen in die Struktur zu tragen mit dem Ziel, Veränderungen zu bewirken. Dieses Projekt des Zivilen Friedensdienstes arbeitet also mit Schülern, Lehrern, Direktoren und dem zuständigen Ministerium. Direktoren und NGOs, die im Bildungsbereich tätig sind, werden beraten, gemeinsam mit ihnen werden Konfliktanalysen erstellt, auf dieser Grundlage gemeinsam ein Plan entwickelt und Zwischenziele formuliert. Dieses Vorgehen stößt oft zunächst auf Unverständnis. Direktoren erwarten eher, dass die Mitarbeiter von ausländischen Organisationen ein Projekt machen wollen und / oder Geld mitbringen. Dass sie selber in das Projekt einbezogen werden, schafft Unsicherheiten. Uns MitarbeiterInnen von der Münchner Arbeitsgemeinschaft erinnerte das an die Schwierigkeiten, den Arbeitsansatz unserer Fachstelle pro-Streitkultur zu vermitteln. Unser Angebot ist auch, gemeinsam mit den vor Ort tätigen Teams Konzepte für die Arbeit an und in den Konflikten mit und unter den Kindern und Jugendlichen zu entwickeln, während die Erwartung eher dahin geht, dass wir fertige Konzepte mitbringen, Im Sinne der Nachhaltigkeit ist jedoch die gemeinsame Arbeit mit PädagogInnen sinnvoller.
Spannend wurde die Diskussion bei der Frage nach dem Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien. In Mazedonien, so berichtete das Ehepaar Harms, sind ungefähr 20% der Bevölkerung Albaner, 8% Roma, 4-5% Türken und der große Rest slawische Mazedonier. Die Türken in Mazedonien stellen eher die wohlhabende Mittelschicht und stehen außerhalb des Konflikts zwischen Mazedoniern und Albanern. Städte sind unterschiedlich ethnisch gemischt – mit Auswirkungen auf die Arbeitsmarktsituation. Die Ethnie spielt im Bewusstsein der Bevölkerung eine große Rolle, und das hat Auswirkungen auf das soziale und öffentliche Leben. Man lebt räumlich nebeneinander, aber nicht miteinander. Auch in multiethnischen Schulen werden die Kinder nicht miteinander unterrichtet, sondern getrennt voneinander zu unterschiedlichen Tageszeiten. Die Frage kam auf: Was machen eigentlich die Mazedonier und Albaner, wenn sie nach Deutschland kommen und gemeinsam in die Schule gehen müssen. Oder gar in eine "Gemeinschaftsunterkunft" gesteckt werden? Erklärt die Gewohnheit des Getrennt-Seins in den Herkunftsländern einen Teil der Gewalt an Schulen? Auf jeden Fall wird noch einmal verständlicher, warum die proklamierte Multikulturalität in deutschen Großstädten in der Freizeit oft auf Ablehnung stößt. Sind die meisten jugendlichen BesucherInnen eines Freizeitheims beispielsweise türkischer Herkunft, bleiben Jugendlichen aus anderen Herkunftsländern fern, suchen sich lieber einen anderen Ort.
Daran schloss sich eine Zieldiskussion an: Was sollen, was dürfen wir wollen? Ist die Vermischung der Ethnien das Erstrebenswerte? Müssen wir nicht den Wunsch nach Getrennt-Sein als Wunsch nach Wahrung der Identität – erst recht in einem fremden Land - akzeptieren? Aus Iran wurde uns von einem Beispiel eines gelungenen und friedlichen Nebeneinanders unterschiedlicher Ethnien berichtet. Einigkeit herrschte, dass die Probleme oft da anfangen, wo es Ressourcenkonflikte gibt, die dann ethnisiert werden. Ziel ist also nicht primär, dass alles gemeinsam sein soll, sondern, wie Heike Harm es formulierte: Was auch immer gewollt und gemacht wird, es muss ohne Gewalt passieren.
In der Arbeit an und in Konflikten ist es wichtig eine Sprache zu pflegen, die auf offene oder subtile Abwertung des Gegenübers verzichtet. Dies ist ein zentraler Lerninhalt der Trainings, die MitarbeiterInnen des mazedonischen Projekts des Zivilen Friedensdienstes mit Schülern und Lehrern durchführen. Dass sich auch bei uns diese Sprachkultur beim pädagogischen Personal noch keineswegs durchgesetzt hat, wurde nur am Rande diskutiert. Viel mehr Emotionen kochten bei der Überlegung hoch, wie viel Aufwand in Beziehungsarbeit fließen "darf", die allemal mehr Zeit in Anspruch nimmt als "Unterrichtung". Beziehungsarbeit, so beispielsweise die Beobachtung der bosnischen Journalistin und Sozialarbeiterin, ist aber die Voraussetzung dafür, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Ethnien gemeinsam ein Jugendzentrum nutzen. Und sie ist auch notwendig, um Lehrkräfte in Mazedonien zu befähigen, das mit dem Orchider Vertrag eingeführte Lehrfach "Frieden, Toleranz, Sicherheit" mit Inhalt zu füllen, dass das alte Lehrfach "Zivilschutz" abgelöst hat. Bei Leistungsbilanzen gegenüber Geldgebern aber kommt Beziehungsarbeit immer ein wenig "mager rüber" gegenüber Veranstaltungen mit vielen TeilnehmerInnen. Dieses Problem kannten – und beklagten – die Münchner KollegInnen.
Eine in der Arbeit in Deutschland oft vernachlässigte Herausforderung in der Arbeit mit Zielgruppen aus Kriegsgebieten wurde beim Fachgespräch am Vormittag angesprochen und am Abend vertieft: Das Zulassen und Anerkennen des Schmerzes als Schritt zur Heilung und Voraussetzung zur Versöhnung. Heiko und Heike Harms berichteten sehr eindrücklich von der Elternarbeit in mazedonischen Schulen. Auch die Elterngruppen werden getrennt eingeladen. "Bewegung" in die starren Fronten kommt, wenn Eltern von erlittenem Leid erzählen, dass sie zum Beispiel Angst um ihr Kind haben, da es von Kindern der anderen Ethnie geschlagen wurde. Über Gefühle zu kommunizieren ist in den Kulturen fremd und passiert nicht schnell und nicht von selber. Die Fremden, die dritte Partei, also das Ehepaar Harms können diese Schmerzerfahrungen in die andere Gruppe hinein vermitteln und umgekehrt. Über das Wahrnehmen des Leides der anderen wächst in winzigen Schritten die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für Kinder der mazedonischen Gesellschaft anzunehmen. Für diesen ersten Schritt, die Wahrnehmung des erlittenen Schmerzes, haben in Deutschland arbeitende PädagogInnen noch wenige Instrumente und könnten viel von den Friedensfachkräften lernen, die in Krisenregionen arbeiten. Das kann auch so interpretiert werden: Für die soziale und pädagogische Arbeit in Deutschland mit Kindern und Jugendlichen aus Krisenregionen könnte die Kompetenz der Friedensfachkräfte eine wesentliche und wichtige Bereicherung sein. Bei der Diskussion von Perspektiven für RückkehrerInnen sollte das betont werden.
Partner
Forum Ziviler Friedensdienst, Regionalgruppe Bayern
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