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27.11.2005
Die Veranstaltung begann um 19.30 Uhr mit der Vorstellung der Gäste durch Karima Strobl vom Arbeitskreis Tschetschenien. Es waren ca. 60 Interessierte erschienen. Geladen und anwesend waren Kerstin Nickig und Sacita, Regisseurin und Hauptdarstellerin des Films "Lieber Muslim", sowie
Sabine Böhlau vom Bayerischen Flüchtlingsrat sprach zunächst in einem Vorwort zum Film über die derzeitige Situation von Flüchtlingen in Europa, besonders betonte sie die Verschlechterung der Situation seit den EU-Verordnungen Dublin II. Flüchtlinge seien nun europaweit registriert, wobei das Land, in dem der Asylantrag gestellt und bearbeitet wird, allein für den Verbleib oder die Abschiebung der Flüchtlinge verantwortlich sei. Da tschetschenische Flüchtlinge meist in den neuen osteuropäischen Mitgliedsstaaten ihren Asylantrag stellen, müssen sie demnach unter den dortigen Bedingungen ihren endgültigen Bescheid abwarten, wobei dort, aber auch in westeuropäischen Ländern, in letzter Zeit immer mehr Asylanträge abgelehnt werden. Die oft traumatisierten Menschen bekommen z.B. in Polen keinerlei medizinische oder psychologische Betreuung und werden oft in Nacht-und-Nebel-Aktionen wieder abgeschoben. Für die Verhältnisse in Deutschland nannte Frau Böhlau das Beispiel einer Frau aus dem Kosovo, die direkt nach der Entlassung aus einer Psychiatrischen Klinik abgeschoben werden sollte. Der Pilot des Linienfluges weigerte sich jedoch, die Frau mitzunehmen, worauf extra ein weiteres Flugzeug gechartert wurde.
Nach dieser Einführung begann die Vorführung des Films "Lieber Muslim", die Abschlussarbeit der Regisseurin Kerstin Nickig an der Staatlichen Filmhochschule in Lodz. Der Film zeigt das Schicksal eines tschetschenischen Ehepaares mit ihrem Sohn, die sich nach ihrer Flucht in einem Flüchtlingslager in Polen aufhielten und dort auf die Bearbeitung ihres Asylantrags warteten. Sowohl der Ehemann als auch seine Frau wurden in Tschetschenien politische verfolgt, da sie mehrere Jahre Filmaufnahmen von Bombenangriffen der russischen Armee und von der Situation in Einheiten des tschetschenischen Widerstands angefertigt hatten. Nach den Verhaftungen des Vaters und des Bruders der Hauptdarstellerin wurden die versteckten Videoaufnahmen gefunden, worauf weitere Familienmitglieder verhaftet wurden, die teilweise bis heute verschwunden sind.
Satica floh daraufhin mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Polen. Der Filmtitel spielt auf eine Art "Brief" an, den die Hauptdarstellerin ihrem Sohn im und durch den Film hinterlässt. Sie spricht dabei auch immer wieder von der Kultur und der Geschichte des tschetschenischen Volkes und die enge Verflechtung mit dem jahrhundertelangen Widerstand gegen die russische Besetzung. Es wurden außerdem immer wieder Aus-schnitte aus dem Videomaterial des Ehepaares gezeigt.
Nach dem Film sprach Frau Nickig zunächst über ihre Eindrücke der Flüchtlingslager in Polen und betonte, dass nur ca. 10 Prozent der tschetschenischen Flüchtlinge in Polen einen "positiven" Asylstatus bekämen, 90 Prozent wären lediglich "geduldet" und müssten dann von neun Euro im Monat leben. Aus Verzweiflung würden letztendlich einige sogar wieder nach Tschetschenien zurückkehren.
In der anschließenden Diskussion wurde gefragt nach derzeitigen Fluchtalternativen z.B. in muslimische Staaten des Nahen Ostens oder auch innerhalb Russlands.
Satica beschrieb die enge Zusammenarbeit des russischen Geheimdienstes mit arabischen Staaten, und das dort immer wieder politisch aktive Tschetschenen verschwinden oder umgebracht werden. Diese Länder seien "nicht sicher". Innerhalb Russlands gelten Menschen kaukasischer Herkunft als Menschen zweiter Klasse, die sich in Moskau sogar Jacken- und Hosentaschen zunähen, damit ihnen bei Polizeikontrollen nicht Drogen und Waffen untergeschoben werden können.
Eine andere Frage betraf die Aufnahme als Flüchtlinge in Polen, ob die Lager bewohnbar seien und wie die polnische Bevölkerung auf die Flüchtlinge reagiere. Satica beschrieb, dass sie und ihr Mann zunächst froh waren und sind, dass sie nach der Flucht überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Das Zimmer sei eventuell etwas klein, aber das sei nicht besonders wichtig. Sie äußerte Verständnis für die seltenen, negativen Reaktionen der Bevölkerung, da die Lager vor allem in strukturschwachen Regionen errichtet werden, wo die Einwohner selbst nur mir Mühe ihren Lebensunterhalt verdienen. Eine letzte Frage betraf die Zukunft und die Hoffnungen der Tschetschenen für ein Ende des Konflikts. Satica beschrieb ihre eigenen Hoffnungen als sehr gering, sie denke eigentlich nur noch für die Gegenwart und plane nach ihren Erlebnissen in Tschetschenien nichts mehr für die Zukunft. Die Situation ließe sich wohl nur durch äußeren Einfluss z.B. durch die UNO oder die Europäische Union in absehbarer Zukunft lösen. Ansonsten gebe es nach zwei furchtbaren Kriegen im letzten Jahrzehnt für die meisten Tschetschenen nur die Alternativen zu fliehen oder zu kämpfen. Die politische Struktur unter den Tschetschenen sei nach dem Tod des gewählten Präsidenten Maschadow praktisch nicht mehr vorhanden und würde innerhalb des Landes nur noch durch die pro-russische Administration vertreten. Die Leute leben in einem permanenten Ausnahmezustand und in der Angst vor willkürlichen Verhaftungen.
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