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Die Wahrheit über Teschetschenien

17.12.2006


In Erinnerung an die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja

"In Memoriam Anna Politkovskaja"

Gezeigt wurde zuerst eine etwa 5 minutenlange Fernsehaufzeichnung eines Kulturjournals, in der die Buchvorstellung von Anna Politkovskaja "Die Wahrheit über den Krieg" gezeigt wurde mit einem eingeschalteten Direktinterview. Schon damals wurde Anna Politkovskaja gefragt, ob sie Angst davor hätte, getötet zu werden. Diese Sendung wurde vor etwa 1,5 Jahren ausgestrahlt.

Nach diesem Vorspann eröffnete Andrea Buder vom AK Tschetschenien die Veranstaltung und begrüßte die Referentinnen. Nochihres Todes und die Bedeutung Anna Politkovskajas für die authentische Berichterstattung v.a. im Tschetschenienkrieg hingewiesen. Mainat Abdulajeva berichtete, wie sie Anna Politkovskaja kennen gelernt hatte – sie war eine enge Kollegin von ihr und sie war befreundet mit ihr – als damals im ersten Tschetschenienkrieg die Flüchtlingstrecks versuchten, in die Nachbarrepublik Inguschetien zu gelangen. Die Trecks wurden bombardiert. Unter diesen Bedingungen lernten Mainat Abdulaeva und Anna Politkovskaja sich kennen.

Weiter führte Mainat Abdulaeva aus, welche Bedeutung Anna Politkovskaja insbesondere für die Tschetschenen hatte: Viele Angehörige von Verschwundenen, Gefolterten und zu Unrecht Arrestierten, die keine Hoffnung auf die dortigen Behörden hatten, zogen es vor, sich direkt an Anna Politkovskaja zu wenden, denn diese Journalistin gab ihnen mehr Vertrauen und Interesse als die zuständigen offiziellen Stellen. Sie war ein Hoffnungsträger für das tschetschenische Volk, da sie als eine der wenigen ihre Stimme für sie erhebt. Oft gab es Warteschlangen vor ihrer Bürotüre in Moskau, wo Tschetschenen um ihre Aufmerksamkeit baten, wenn man sie länger nicht in Tschetschenien gesehen hatte.

Weiter wurde die Frage behandelt, "wer kommt nach Politkovskaja". Es ging um die Position der Nowaja Gaseta (der Zeitung, für die Anna Politkovskaja schrieb) nach ihrer Ermordung und die Lage der Journalist/innen in Russland.
Aktuell brachte Frau Zekri den Fall der Journalistin Trebugova ein, die jetzt in Deutschland ihr Buch über den Kreml vorstellen sollte und aus Angst die Interviews abgesagt hatte und faktisch mehr oder weniger untergetaucht ist. Frau Abdulajeva wurde gefragt, wie denn die russische Öffentlichkeit mit dieser Situation umgehe (Frau Zekri erwähnte auch zu Anfang, jeden Tag werden in Moskau 3 Menschen per Auftragsmord getötet). Denn die Initiative von dem Ex-Schachweltmeister Kasparow, der am Wochenende 3.000 Putin-Gegner mobilisieren konnte, sei eigentlich nicht viel. Mainat Abdulajeva sagte daraufhin, es tut ihr leid, das sagen zu müssen, aber dem russischen Volk sind die ganzen massiven Verletzungen der Pressefreiheit wohl einfach nicht wichtig. Zu der Ermordung sagte sie, eines der erschreckenden Dinge sei eben auch, dass Anna Politkovskaja am helllichten Tag mitten in der Stadt erschossen hat werden können. Frau Zekri fasste noch einmal die ganzen letzten Ereignisse seit der Ermordung von Anna Politkovskaja zusammen und wie viele Oppositionelle in den letzen Jahren und Monaten bereits ausgeschaltet wurden. "Alles führt letztlich nach Tschetschenien" – die Ermordung von Litwinienko, der Beweise sammelte, dass die damaligen Bombenanschläge auf die Moskauer Wohnhäuser 1999 direkt vom FSB initiiert wurden, die Ermordung von Anna Politkowskaja mit ihren langjährigen und ausführlichen Recherchen – und die immer beleidigten Reaktionen von Präsident Putin auf sämtliche Fragen auf Reisen in den Westen, was Tschetschenien angeht. Der Verdacht liegt nahe, dass Putin in Tschetschenien sehr viel zu verbergen hat.

Und er ist ja letztlich durch den zweiten Tschetschenienkrieg an die Macht gekommen. Immer wieder sei Putin einerseits vehement darauf bedacht, stets zu behaupten, der Tschetschenienkrieg sei lange schon vorbei. Andererseits sprechen die Tatsachen eine andere Sprache. Warum haben es die russischen Behörden nötig wie erst am letzten Samstag, einen deutschen Journalisten von der Deutschen Welle des Landes zu verweisen mit der Begründung, er sei ohne die OMON-Milizen (die Miliz, oder die Aufpasser) widerrechtlich unterwegs gewesen. Bereits vor einigen Wochen wurde ein Schweizer Team aus Tschetschenien festgenommen und von Tschetschenien nach Moskau zurückgebracht, ebenfalls mit solchen "Begründungen", obwohl alle offiziellen Genehmigungen vorhanden waren.

Nach dem etwa 1-stündigen Podiumsgespräch wurde die Runde erweitert und die Fragen des Publikums gehört und beantwortet. Eine Frage war z.B., wie die derzeitigen Aggressionen gegen Georgien einzuschätzen seien (Frau Abdulajeva erzählte Beispiele des Rassismus in Moskau gegen Tschetschenen und auch mittlerweile Georgier anhand von der Bedrohung von Grundschülern in Moskau, die aus diesen Regionen stammen).

Frau Zekri beschrieb die Lage in Georgien, von welchem Land sie eben erst zurückgekehrt sei, ein Land das sich eben gen Westen orientiert und sich von Russland losgesagt hat. Ebenso die Ukraine wurde erwähnt, jedoch muss man einfach sagen, dass diese neuen Regierungen wie auch die russische Opposition ein oft sehr schwacher Zusammenschluss aller möglicher Vorstellungen und ihrer Vertreter sind, und die wirtschaftliche Lage dieser Länder sei immer noch katastrophal – jedoch wagten sie das Fünkchen Demokratie. Weitere Themenschwerpunkte waren die allgemeine Situation in Tschetschenien ("der Krieg geht unverändert weiter", so Abdulajewa), die Hoffnungen auf Veränderung mit dem Beitrittsgesuch von Russland auf Aufnahme in die WTO(worauf Mainat Abdulajewa antwortete, als 1995 Russland in den Europarat aufgenommen wurde, hat ganz Tschetschenien – damals mitten im ersten Krieg – gehofft, dass damit der Krieg und die Menschenrechtsverletzungen aufhören werden – aber schon damals stellte sich dies als eine Illusion heraus, dass Russland in irgendeiner Art und Weise auf europäische Forderungen eingeht oder eingehen muss), die absehbare Machtübernahme von Ramsan Kadyrow, der direkt als Handlanger von Putin zu sehen ist und welche Chancen auf Änderungen bestehen, wenn Putin nicht mehr an der Spitze der Regierung ist. Zuletzt wurden Fragen gestellt, was man von hier aus tun könnte, russischen und tschetschenischen Journalist/innen zu helfen und sie zu schützen, damit sie ihre Arbeit weitermachen können.


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Interkulturelles Forum München



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