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05.03.2009
Die Ausstellung in der Stadtbücherei Erlangen erinnert an die heute (fast) vergessene revolutionäre Aufbruchstimmung und den räterepublikanischen "Freistaat Baiern". Fotos, Kurzbiografien, zeitgeschichtliche Dokumente und Quellentexte geben Auskunft über den "liberalsten Staat, den es je auf deutschem Boden gab" (Willi Winkler, SZ vom 14.7.08). Auch die Ereignisse in der Region - z. B. die Ausrufung der Räterepublik in Fürth - werden dargestellt.
Der 90. Jahrestag der Ausrufung der Räterepublik in Bayern bietet einen guten Anknüpfungspunkt, um sich mit dieser Episode der bayerischen Geschichte zu befassen. Der große zeitliche Abstand ermöglicht es vielleicht auch, sich dieser Zeit etwas vorurteilsloser zu nähern und Schluss zu machen mit der Dämonisierung, die die bayerische Räterepublik zumeist erfahren musste.
Besonders interessant am Ausstellungskonzept ist der lokal und regional orientierten Ansatz: die Ausstellung beleuchtet nicht nur die Ereignisse in München, sondern befasst sich bewusst auch mit den Erscheinungsformen der Räterepublik in der "fränkischen Provinz". Verdienstvoll ist auch der Versuch, speziell die Rolle der Frauen in der Räterepublik zu thematisieren.
Rätedemokratische Prinzipien - das zeigt der Blick in die Geschichte - kommen immer wieder zum Tragen in Zeiten gesellschaftlichen und politischen Umbruchs. Das war nicht nur 1919 der Fall, sondern (zum Beispiel) auch in der antiautoritären Studentenbewegung der 60er Jahre oder in den sog. Neuen Sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre. Auch da wurde über imperatives Mandat, Rotationsprinzip und Abwählbarkeit diskutiert. Die Druckwellen dieser Diskussionen ereichten bekanntlich sogar noch die damals neu gegründete Partei "DIE GRÜNEN", deren erste Bundestagsfraktion nach zwei Jahren fast komplett "rotierte" und ausgetauscht wurde. Dass von einer Rotation der MandatsträgerInnen heute auch bei den GRÜNEN so gut wie gar nicht mehr die Rede ist (Ausnahmen bestätigen die Regel!), zeigt aber auch, dass sich solche rätedemokratischen Regeln auf Dauer nur schwer durchsetzen lassen, wenn sie in einem ansonsten traditionell parlamentarisch strukturierten Umfeld nur von einer einzelnen Partei praktiziert werden.
Dennoch: In einer Zeit, in der die Wahlbeteiligung auf dramatische Tiefen sinkt, in der die allseits zu beobachtende Partei- und Politikerverdrossenheit in eine Demokratieverdrossenheit umzuschlagen droht, verdienen alle Maßnahmen und Instrumente verstärkte Aufmerksamkeit, die eine lebendige Demokratie und eine echte Einbeziehung der BürgerInnen in politische Entscheidungsprozesse ermöglichen. Vor diesem Hintergrund verdienen auch rätedemokratische Ansätze wieder mehr Beachtung.
Die Ausstellung in Erlangen (und ihre Begleitveranstaltungen) bietet insofern nicht nur historisch interessanten "Stoff", sondern auch Anknüpfungspunkte für aktuelle demokratietheoretische Diskussionen.
Weitere Informationen auf der Homepage zur Ausstellung.
Einige Eindrücke von der Ausstellungseröffnung und der Ausstellung selbst können Sie in unserer Bildergalerie gewinnen.
Partner
Verein zur Förderung alternativer Medien e.V., Erlangen
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