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22.11.2008
Risiken älter werdender Kernkraftwerke
Welchen Anteil an der Krebsentstehung hat die radioaktive Strahlung und auf welche Ursachen sind die Ergebnisse der bun-desweiten Kinderkrebsstudie zurückzuführen?
Dies diskutierten im ersten Teil der süddeutschen Fachtagung "Atomkraftwerke und die Folgen" Umweltschützer und Ärzte. Der Ulmer Facharzt für Allgemeinmedizin Reinhold Thiel stellte die Ergebnisse der Kinderkrebsstudie vor. Diese im Auftrag der Bundesregierung gemachte Untersuchung hat die Hauptfragestellung:
Verursachen radioaktive Emissionen aus den deutschen Kernkraftwerken eine Zu nahme von Krebserkrankungen bei Kleinkindern?
Da man praktisch nicht messen kann, mit wie viel Strahlung ein Mensch in der Vergangenheit belastet wurde, einigten sich die Experten darauf, die Entfernung zwischen den Wohnorten der Kleinkinder und den Kernkraftwerken als Ersatzgröße für die Strahlenbelastung zu messen.
Ergebnis der Studie:
Je näher ein Kleinkind an einem Kernkraftwerk wohnt, desto größer ist die Gefahr, dass es an Krebs, speziell an Leukämie erkrankt. Die meisten Formen der Leukämie gelten aber gerade als strahleninduziert.
Die Kernkraftwerke und ihre Wissenschaftler sagen jedoch, dass die radioaktiven Emissionen ihrer Atomanlagen weit unter den Grenzwerten lägen und insofern nicht die Ursache der überhöhten Zahl von Krebserkrankungen in der Nachbarschaft der Kernkraftwerke sein könnten.
Hier setzte der Vortrag des Münchner Mediziners und Professors für Strahlenbiologie Edmund Lengfelder ein: Es ist schärfsten zu rügen, dass die Grenzwerte nicht vorrangig dem Gesundheitsschutz dienen und dass sogar Wissenschaftler zu Fälschungen bereit waren, um die Folgen der Kernkraftwerke zu verschleiern. Neben Pestiziden und Benzol verursache auch die natürliche Strahlung viele Krebskrankheiten. Als Strahlung teffe uns sowohl die aus dem Weltall kommende Höhenstrahlung, wie auch die aus der Erde kommende terrestrische Strahlung. Beide verursachten zweifelsohne Tumore. Hinzu käme aber auch in beträchtlichem Maße die aus technischen Anlagen rührende Strahlung. Zu viel Röntgen sowie die radioaktiven Gase und Abwässer aus den Kernkraftwerken seien in Deutschland für jährlich hunderte von Krebserkrankungen verantwortlich.
Heftig kritisierte Professor Lengfelder anhand von Zitaten der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP), dass bei der Festlegung von Grenzwerten für die Atomanlagen sowohl die Gefahr von Krebserkrankungen vernachlässigt wird als auch dem geschäftlichen Interesse der Anlagenbetreiber ein skandalös hohes Gewicht zugebilligt würde. Leitlinie für die Bestimmung der Strahlengrenzwerte sei die Gefahr von Missbildungen der nächsten Generation bei Eltern bis 3o Jahren gewesen, nicht aber der Schutz der Bevölkerung vor Strahlenkrankheiten.
Die Hintergründe der Festlegung der Grenzwerte für die Strahlenbelastung durch die Atomanlagen war den meisten Tagungsbesuchern neu und löste heftige Reaktionen aus.
Der Berliner Physiker Wolfgang Neumann stellte dar, dass die radioaktiven Emissionen von den Kernkraftwerken selber gemessen werden. Der Staat kontrolliere lediglich und messe einige Immissionswerte. Veröffentlicht würden jedoch nur zusammengefasste Werte, keine Spitzenwerte. Einblick in Einzelmessungen und Messprotokolle würden unter dem Vorwand "Geschäftsgeheimnis" verweigert.
Sie werden älter, sie werden gefährlicher
Im zweiten Teil der Tagung schilderte der Physiker Neumann, der auch in Ausschüssen der Reaktorsicherheitskommission mitgearbeitet hat, dass die heute noch laufenden alten Atomkraftwerke auf Konzepten der 1960er Jahre basieren. Damals hat man beispielsweise versucht, die Anlagen gegen den Absturz von Starfightern zu wappnen. Die Bedrohung durch den Absturz heute im Verkehr befindlicher Flugzeugtypen wie auch durch Terrorangriffe rühre aus erheblich größeren "Kalibern". Diesen seien fast alle deutschen Kernkraftwerke nicht gewachsen.
Auffällig sei auch, dass in den alten deutschen Atomkraftwerken bei den im abgeschalteten Zustand möglichen Untersuchungen immer wieder Risse und Korrosion an unerwarteten Stellen in den Rohren und Armaturen gefunden würden. Selbst die mit der Zeit nachlassende Isolationswirkung von Kabeln bereite Sorgen. Diese habe bisher schon zu mehreren Bränden in Atomkraftwerken geführt.
Da in Kernkraftwerken die Materialien wie in anderen technischen Anlagen durch die Temperaturen und Drücke sowie deren Veränderungen belastet würden, und zusätzlich noch der materialschwächenden Neutronenstrahlung ausgesetzt seien, würden die Störungen in den alten Anlagen zunehmen, wie die AKW in Biblis, Brunsbüttel und Krümmel drastisch gezeigt hätten.
Veranstalter der Tagung war die Bürgerinitiative FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik e.V., die Ärzteorganisation IPPNW, der Bund Naturschutz und die Petra Kelly Stiftung.
R.K.
ReferentInnen
Professor Dr. med. Dr. h.c Edmund Lengfelder
Strahlenbiologe und Arzt
Reinhold Thiel
Facharzt für Allgemeinmedizin
Dr. Alfred Körblein
Physiker und Statistikexperte
Wolfgang Neumann
Diplomphysiker
Raimund Kamm
FORUM und BN Augsburg
Christine Kamm
MdL, Petra-Kelly-Stiftung
Partner
FORUM
Bund Naturschutz
IPPNW
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