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Neue Schulen braucht das Land

22.02.2008


Verschiedene Studien der letzten Zeit -allen voran PISA, TIMSS und IGLU - haben gravierende Schwächen des deutschen Schulsystems offen gelegt und den Reformbedarf verdeutlicht. Es ist klar geworden, dass es neuer Konzepte bedarf, um Korrekturen vorzunehmen. Viele Fachleute und Institutionen - so auch die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung - fordern grundlegende Reformen am Schulsystem.

Aber warum hat der so genannte "PISA-Schock" nicht längst zu grundlegenden Reformen geführt? Was macht eine Reform des deutschen und vor allem des bayerischen Schulsystems so schwierig? Und in welche Richtung muss sich Schule überhaupt entwickeln, um unseren Kindern eine gute Grundlage für ein selbst bestimmtes Leben zu bieten? Wie könnte eine solche "neue" Schule aussehen?

Sybille Volkholz wies in ihrem Referat auf die veränderten Anforderungen bzgl. der Bildungsprozesse und die damit einhergehende veränderte Rolle von Institutionen hin. Sie formulierte als demokratisches Postulat: "Bildung als Stärkung der Zivilgesellschaft" und ging auf die Frage ein, warum eine solche Entwicklung so lange dauere. Die Klischee-Anforderungen und der unproduktive, lang anhaltende Stellungskrieg zwischen den Parteien müsse überwunden werden. Wichtig sei es, hohe Anforderungen an die Schüler zu stellen, Leistung positiv zu besetzen und ihnen ein großes Zutrauen entgegenzubringen. Eine große Reformbremse bestehe darin, dass viele Erwartungen und Anforderungen oft auf "Dritte" abgewälzt würden. Die starke Außensteuerung hätte zu einer Entfremdung vom Bildungsprozess geführt. Die zentrale Frage lautet für Sybille Volkholz: "Wer übernimmt die Verantwortung für Bildungsprozesse?" "Wer übernimmt die Verantwortung für das Schulversagen?". Dieser Frage werde nun auch bei PISA und IGLU nachgegangen. In anderen Ländern spiele die Kategorie der Rechenschaftslegung eine große Rolle.

Sybille Volkholz erläuterte zudem die Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung (die Chancengleichheit, ein veränderter Umgang mit Heterogenität, eine Veränderung des Bildungskanons hin zu Bildungsstandards, ein anderes Verständnis von Professionalität und Ethos, mehr pädagogische Freiheit für Schulen usw.). Sie wies darauf hin, dass Reformen mit Anreizen für die Akteure verbunden werden sollten. Reformen könnten nur im Konsens gelingen.

Gele Neubäcker ging auf die Situation in Bayern ein. Sie vertrat die Meinung, Schule sollte die Würde aller berücksichtigen und das gehe nur im Rahmen einer Gesamtschule, im Sinne von Förderung versus Aussonderung. Es bedürfe einer Struktur, die die Förderung von Sozialkompetenz verkünde. Als positives Beispiel nannte sie deutsche Schulen in Südtirol.

Waltraud Lucic äußerte die Ansicht, Reformen würden nicht gelingen, weil die Gesellschaft das dreigliedrige Schulsystem akzeptiere. Sie plädierte für die "Wohlfühlschule", die allen Schülern das gebe, was sie brauchen. Als entscheidenden Aspekt sieht auch sie die positive Besetzung von Leistung. Es gehe um die Erziehung zu selbständigen und verantwortlichen Menschen. Wichtig sei dabei die Entwicklung neuer Lernkulturen, die eigenständiges Lernen und eine ganzheitliche Bildung und Erziehung fördern. Frau Lucic hob hervor, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, zudem plädierte sie für eine höhere Wertschätzung des Lehrerberufs in der Öffentlichkeit. 

Sabine Krieger erläuterte in ihrem Statement das Konzept für eine Reformschule in München. Sie stellte die Leitziele des Konzepts dar.  Als erstes nannte sie den Abbau sozialer Ungerechtigkeit. Deshalb sei die Schule als öffentliche Schule geplant, sowie als Ganztags- und Gesamtschule mit Sprachförderung und einem Schwerpunkt auf interkulturellem Lernen. Als zweites Leitziel führte sie die Wahrnehmung der Heterogenität als Chance an. Als drittes die individuelle Förderung durch Lehrer und Psychologen. Dies solle durch Diagnostik, kein Sitzenbleiben, evtl. keine Noten, Dokumentation von individuellen Leistungsfortschritten usw. verwirklicht werden. Als vierten Punkt nannte sie Demokratie und Verantwortung als wichtige Kompetenzen, die in der Schule gelebt und gefördert werden sollten. Und schließlich die Verankerung der Schule in ihrem Umfeld (hier der Stadt München). 

Für das Gelingen einer solchen Schule sei mehr Personal und ein System für Fort- und Weiterbildung vonnöten. Die Schule solle nach außen wirken. Es sollen sich Netzwerke bilden, in dessen Rahmen die Schule mit anderen kooperieren kann. Vorgesehen sei zudem eine wissenschaftliche Begleitung in Form von Langzeitstudien.

 

ReferentInnen

Sybille Volkholz
Berliner Senatorin für Schulwesen, Berufsbildung und Sport a.D. Koordinatorin der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin

Waltraud Lucic
Vorsitzende des Münchner Lehrer und Lehrerinnenverbands

Sabine Krieger
Lehrerin, Münchner Stadträtin Bündnis 90/die Grünen

Gele Neubäcker 
Stellvertretende Vorsitzende GEW, Landesverband Bayern



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