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14.06.2012
Der Vortrag wurde dialogisch moderiert anhand von Fragen, die abwechselnd an Sheema Kermani und ihren Partner und Autor Anwar Jafri gestellt die Thematik schrittweise aufrollten. Sheema Kermani erläuterte zu Beginn, warum sie sich als Tänzerin gleichzeitig für Menschenrechte und insbesondere Frauenrechte engagiert. Dieses Engagement ergibt sich für sie aus der kulturpolitischen Situation Pakistans, wo Tanz nie gefördert und seit der Militärdiktatur unter Zia-ul-Haq sogar verboten wurde und wo die kulturelle Selbstbestimmung ethnischer Gruppen sowie die Identifizierung mit der überlieferten Tradition des indischen Subkontinents unterdrückt wurden. Künstlerischer Ausdruck mit diesen Bezügen und insbesondere klassische subkontinentale Tanzformen wurden insofern per se zu einem Statement des Widerstands gegen die herrschende Politik. Tanz als starke und selbstbewusste weibliche Form des Ausdrucks legte in diesem Kontext nahe, dass Sheema Kermani ihn auch nutzte, um Unterdrückung und Selbstbefreiung der Frauen zu thematisieren.
Anwar Jafri erläuterte auf die Frage hin, warum er als Mann zu einer Tanz- und Theatergruppe mit dem Namen Tehrik-e-Niswan, also „Frauenbewegung“ gestoßen ist, dass in der Gruppe von Anfang an Frauen und Männer zusammenarbeiteten. Für ihn und die anderen männlichen Mitstreiter war klar, dass Selbstbestimmung und Gerechtigkeit für die pakistanische Gesellschaft nur möglich sind, wenn auch Männer und Frauen gleichberechtigt zusammenleben und arbeiten.
Beide schilderten, wie sich die Stadt Karachi seit den Anfängen als zunächst pakistanische Hauptstadt und deshalb auch kulturelles Zentrum des Landes im Laufe der Jahrzehnte veränderte. Einen großen Einfluss übte der Krieg in Afghanistan seit Ende der 70er-Jahre aus, u.a. durch die Zuwanderung zahlreicher, oft ausschließlich männlicher Flüchtlinge und durch die zunehmende Rolle der Hafenstadt als zentrale Station des Drogen- und Waffenhandels. Armut und Gewalt bestimmten immer mehr auch das kulturelle Klima der Stadt.
Aus dieser Situation begründeten die Referentin und der Referent schließlich die Notwendigkeit ihrer künstlerischen Arbeit und des großen Projekts ihrer Gruppe: ein Kulturzentrum für Karachi zu schaffen. Hier sollen Künstlerinnen und Künstler Raum zur Entfaltung finden, hier sollen Jugendliche die Möglichkeit erhalten, zu lernen, ihre Zeit sinnvoll zu füllen, sich produktiv mit politischen Problemen zu befassen und kreativ und selbstbestimmt auszudrücken.
Zur Illustration des Gesagten zeigte Anwar Jafri noch die von ihm verfasste Filmdokumentation über die Arbeit und Ziele von Tehrik-e-Niswan, die extra für unsere Veranstaltungen deutsch untertitelt worden war. Durch diesen Film konnten die Inhalte des Vortrags anschaulich und sehr gut nachvollziehbar gemacht werden.
ReferentInnen
Sheema Kermani
Sheema Kermani ist eine vielseitige Kulturschaffende: Sie hat den klassischen indischen Tanz in Pakistan wieder eingeführt und dabei ihren ganz eigenen Stil entwickelt. Tänze wie Odissi, Khatak oder Bharatanatyam versteht sie auch als Tradition Pakistans, das aus der Teilung Indiens hervorgegangen ist.
Seit 30 Jahren tritt sie im Land und auf zahlreichen Festivals weltweit auf und unterrichtete in Karachi bereits mehrere Generationen künftiger Tänzerinnen. Außerdem gründete sie 1979 die politische Theatergruppe Tehrik-e-Niswan (zu deutsch „Frauenbewegung“). In einer Mischung verschiedener Formen von Tanz und Theater wendet sich die Gruppe regelmäßig politischen Themen zu und greift insbesondere Probleme pakistanischer Frauen auf. Sie führt sowohl vor bürgerlichen Kreisen Karachis als auch in den Vorstädten und Slums auf und produziert außerdem politische Fernsehstücke.
Anwar Jafri
Politischer Autor, schreibt seit einigen Jahren für die Theatergruppe von Sheema Kermani.
Veranstaltungsort
München
Partner
Interkulturelles Forum e.V.
Kulturreferat der Landeshauptstadt München
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion
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