Schriftgröße ändern

Ein Forum für neue Ansätze in Politik, Wirtschaft und Kultur

Das Web 2.0 und seine Folgen

16.10.2010


Auswirkungen neuer Nutzungsformen im Internet auf Politik und Medien

Twitter, Blogs, soziale Netzwerke wie Facebook und viele weitere Dienste bieten neuartige Möglichkeiten der Kommunikation und ein ungeahntes Potenzial – auch für politische Aktivitäten und Kampagnen. Obamas Wahlkampf und die Rolle von Twitter im Iran sind dafür nur zwei Beispiele von vielen.

Ihre Relevanz gewinnen diese neuartigen interaktiven Kommunikationsformen vor allem dadurch, dass sie es – einfach und kostengünstig – ermöglichen, aus Rezipienten von Medieninhalten Produzenten werden zu lassen.

Die Tagung brachte einen intensiven Diskurs über die Rolle des Web 2.0 und seine Folgen für Politik und Medien, an der sich nicht nur unsere Panel-DiskutantInnen, sondern auch zahlreichen TeilnehmerInnen engagiert beteiligten. Insofern sind die folgenden Ausführungen nicht mehr als Schlaglichter aus einer sehr breit geführten Debatte und nicht einmal ansatzweise repräsentativ für den gesamten Tagungsverlauf.

Im ersten Panel ginge es unter dem Motto „Zeitung ade?“ um die Auswirkungen des Web 2.0 auf die „alten“ Medien. Leif Kramp von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation beobachtet, dass das Web 2.0 bei JournalistInnen und Zeitungen noch nicht wirklich „angekommen“ ist. Partizipative Elemente, die auf Zeitungsportalen integriert würden, gingen sehr selten über eine Kommentarfunktion bei einzelnen Artikeln hinaus.

Michael Husarek von den „Nürnberger Nachrichten“ verwies darauf, dass die Web 2.0-Aktivitäten von Zeitungen wie der seinen noch recht bescheidene Reichweiten hätten. Dadurch würden sich natürlich Refinanzierungsprobleme ergeben. Immerhin: Die „Nürnberger Zeitung“ (die „kleine Schwester“ der NN) ist bei Facebook aktiv, die NN twittert. Und es gibt etliche NN-Blogs und einen neu gestalteten Online-Auftritt.

Die Medienberaterin Katja Riefler: „Wenn ein Medium seine Zielgruppe erreicht, dann ist es erfolgreich.“ Und: „Es gibt keinen ‚Qualitätsjournalismus’. Es gibt entweder Journalismus oder Schrott.“

Im zweiten Panel gingen wir der Frage nach, ob „social media“ wie Twitter und Facebook tatsächlich Einfluss haben auf die Politik und wie sich dieser gegebenenfalls auswirkt. Alfons Pieper vom Blog „wir-in-nrw“ berichtete über die Entstehungshintergründe und die Erfolgsvoraussetzungen dieses Blogs. Getrieben von der Unzufriedenheit mit der Hofberichterstattung der Medien in NRW sollte dieser Blog ein Gegengewicht herstellen. Da die Macher des Blogs über Informanten aus den Schaltstellen der CDU-Zentrale verfügten, konnten sie hervorragend recherchierte Meldungen bringen, an denen auch die „etablierten“ medien schließlich nicht mehr vorbei kamen. Dies potenzierte die Wirkung des Blogs, dessen Nutzungszahlen in ungeahnte Höhen stiegen.

Dr. Christoph Bieber vom Institut für Politikwissenschaft an der Uni Gießen lobte das „Innovationsplus“ des Web 2.0. So ermöglicht z.B. Twitter eine politische „Echtzeitkommunikation“. Er betonte, dass das Web 2.0 immer stärker auch Funktionen der klassischen Medien übernehme. Als Beispiele nannte er Bilder und Filme von Demonstrationen oder anderen politischen Aktionen. Darüber hinaus seien manche politische Aktionen (wie z.B. die Mahnwachen in vielen deutschen Städten nach den gewalttätigen Ausschreitungen der Polizei im Konflikt um S21) ohne die Medien des Web 2.0 überhaupt nicht denkbar.

Dieter Janecek, Landesvorsitzender der Grünen in Bayern, stellte fest, dass man in Bayern noch „etwas hintendran“ sei bei der Nutzung des Web 2.0. Er selbst wolle mit der Nutzung von Facebook, Twitter und mit seinem Blog vor allem die Transparenz seines politischen Handelns steigern und Feedback dafür erhalten. Der Blog ermöglicht es ihm auch, programmatische Ideen zu lancieren und zu diskutieren, ohne dass dies gleich Mehrheitsmeinung in der Partei sein müsse. Janecek betonte aber auch, dass das Web 2.0 Politik nicht ersetzen, sondern nur ergänzen könne.

Übereinstimmend wurde betont, das Web 2.0 sei prinzipiell nur ein Instrument, das politisch durchaus unterschiedlich genutzt werden könne. Dies zeige sich u. a. in der verstärkten Nutzung von Twitter, Facebook und dem Internet allgemein durch rechtsextremistische Kreise.

Das Web 2.0 enthält aber Beteiligungselemente, die die parlamentarische Demokratie ergänzen könnten (Janecek). Hier habe das Web 2.0 eine wichtige Funktion. Offenbar befinden wir uns derzeit in einer Übergangsphase, in der sich die „Konstruktion der politischen Kommunikation“ (Bieber) verändert. Das Feld der medialen Kommunikation befindet sich in einem massiven Wandel. Insofern signalisiere das Web 2.0 eine mediale Öffnung im Vergleich zu anderen politischen Aushandlungsprozessen. Dieter Janecek: „Die Zeit der Leitmedien ist vorbei, und das ist gut so!“ Und Alfons Pieper: „Auch für den Journalismus im Web 2.0 muss gelten: Immer schön recherchieren, das ist die Maxime!“

Im letzten Panel setzten wir uns mit der Hoffnung auseinander, dass das Web 2.0 nennenswerte Demokratisierungs- und Emanzipationspotenziale enthalte. Prof. Dr. Caja Thimm, Medienwissenschaftlerin von der Universität Bonn,  wies darauf hin, dass Kinder und Jugendliche keineswegs die „digitale Generation“ in dem Sinne wären, dass sie immer alles verstünden oder gar durchschauten, was sie da im Internet alles machen. Die ältere Generation (Eltern, Lehrer) habe immer noch eine sehr große Verantwortung. Es müsse vermittelt werden, dass das Internet „nichts vergisst“. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Instrument Internet müsse gelernt werden. Thimm: „Die Medienkompetenz als vierte Kulturtechnik (neben Lesen, Schreiben, Rechnen) fehlt immer noch!“ Insofern sei sie sehr skeptisch, ob das Web 2.0 tatsächlich zu Partizipation und mehr Demokratie beitrage.

Jörg Eisfeld-Reschke, Gründer des Instituts für soziale Medien in Berlin, betonte demgegenüber die demokratischen Potenziale des Web 2.0. Noch nie sei es so leicht möglich gewesen, für die eigenen Ziele zu mobilisieren: „Die Tools dafür stehen zur Verfügung.“ Auch für „niedrigschwellige“ innerparteiliche Diskussionen könnten diese Tools genutzt werden. Er sei dankbar dafür, dass diese Instrumente unentgeltlich zur Verfügung stünden. Er nehme dafür auch gerne in Kauf, dass dies nur möglich sei, weil die „social media“ werbefinanziert seien. Das Web 2.0 – so Eisfeld-Reschke – sei ein Instrument, und als solches könne es nicht besser sein als die Welt, in der es existiere.

Dr. Bernd Graff, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, stellte die Qualität der Produkte im Web 2.0 in Frage. Im Gegensatz zu den „klassischen“ Medien seien die Veröffentlichungen dort nicht recherchiert und insofern wenig vertrauenswürdig.

Einigkeit bestand darin, dass die Gefahr der Datensammlung über Web 2.0-Anwendungen bestehe und diese Gefahr noch dadurch verschärft werde, dass wenige große Internet-Firmen das Geschäft in und mit dem Netz beherrschen. Die Medien- und Technikkompetenz der NutzerInnen hinke demgegenüber weit hinterher.

Bernd Graff abschließend: „Die Menschen müssen miteinander reden, und sie werden es auch in Zukunft tun!“

 

 

Literatur und Links

Thimm, Caja &/Anastasiadis, Mario (Hrsg.): Web2.0: Blogs, Communities und Virtuelle Welten. Bonner Beiträge zur Medienwissenschaft Bd. 11. Frankfurt/New York: Lang. 2010

Christoph Bieber: Politik Digital – Online zum Wähler. Blumenkamp-Verlag, 2010

Christoph Bieber/Martin Eifert/Thomas Groß/Jörn Lamla (Hrsg.): Soziale Netze in der digitalen Welt – Das Internet zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Macht. Gießen 2009

Stephan A. Weichert/Leif Kramp/Hans-Jürgen Jakobs: Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert. Vandenhoeck & Ruprecht 2009

Stephan Weichert/Leif Kramp/Alexander von Streit: Digitale Mediapolis. Die neue Öffentlichkeit im Internet. Halem 2010

Stephan Weichert/Leif Kramp/Hans-Jürgen Jakobs: Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert. Vandenhoeck & Ruprecht 2010

http://blog.dieter-janecek.de/

http://www.wir-in-nrw-blog.de/

Jörg Eisfeld-Reschke/Jona Hölderle: Social Media Policy für Nonprofit-Organisationen. ikosom
Download: http://www.allesbesser.com/_sonst/E-Book-Social_Media_Policy_fuer_NPOs.pdf

Ulrike Wagner/Niels Brüggen/Christa Gebel: Persönliche Informationen in aller Öffentlichkeit? - Jugendliche und ihre Perspektive auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte in Sozialen Netzwerkdiensten. JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München, 2010
Download: http://www.blm.de/apps/documentbase/data/pdf1/JFF-Bericht_Datenschutz_Persoenlichkeitsrechte.pdf

Jan Schmidt/Beate Frees/Martin Fisch: Themenscan im Web 2.0. media perspektiven 2/2009, S. 50-59
Download: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2009_Schmidt.pdf

Berendt, Bettina/Martin Schlegel/Robert Koch: Die deutschsprachige Blogosphäre: Reifegrad, Politisierung, Themen und Bezug zu Nachrichtenmedien. In: Zerfass, Ansgar/Martin Welker/Jan Schmidt: Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 2: Strategien und Anwendungen, S. 72-96. Köln, Herbert von Halem Verlag 2008
Download: http://www.halem-verlag.de/info/downloads/leseprobe/9783938258682_berendt.pdf

Ingmar Hagemann: Kampagne versus Dialog? NGOs, Web 2.0 und die Weiterentwicklung kommunikativer Strategien

Download: http://www.ingmar-hagemann.de/doc/hagemann_kampagne%20versus%20dialog_endversion.pdf

Katrin Kiefer: NGOs im Social Web. Eine inhaltsanalytische Untersuchung. Potenzial von Social Media für die Öffentlichkeitsarbeit von gemeinnützigen Organisationen
Download: http://netzwerkpr.de/wp-content/uploads/2010/04/Kiefer_NGOs-im-Social-Web.pdf

newthinking communications: Zwischen Strategie und Experiment. Politik im Web 2.0, Kurzstudie, Juli 2009
Download: http://www.netzpolitik.org/wp-upload/kurzstudie-politik-im-web-2-auflage5.pdf

Johannes Bohnen/Jan-Friedrich Kallmorgen: Wie Web 2.0. die Politik verändert. In: Internationale Politik, Juli-August 2009
Download: http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang-2009/juli-august-2009-/download/1de64aac70ce99464aa11deb6c785d25d2244e244e2/original_ip_07_bohnen_kallmorgen.pdf

Brigitte Reiser: Welche Chancen bietet Web 2.0 dem bürgerschaftlichen Engagement? In: Newsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 14/2009
Download: http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_reiser_090717.pdf

Hanns-Jörg Sippel: Online-Kommunikation und bürgerschaftliches Engagement. In: Newsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 14/2009
Download:
http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_sippel_090619.pdf

Markus Beckedahl/Geraldine de Bastion: »I don’t think we can« – Eine nüchterne Betrachtung der Nutzung des Internet zur politischen Kommunikation im Wahlkampfjahr 2009. In: Newsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 14/2009
Download: http://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_beckedahl_bastion_090717.pdf

Hendrik Heuermann/Ulrike Reinhard (Hrsg.): REBOOT_D – DIGITALE DEMOKRATIE. Alles auf Anfang
Download: http://www.netzpolitik.org/wp-upload/Reboot-D-Digitale-Demokratie-Alles-auf-Anfang.pdf

Flash ist Pflicht!

Kurze Video-Dokumentation mit Statements aller TeilnehmerInnen der drei Panel-Diskussionen



Partner

Stiftung Journalistenakademie



Link zur Bildergalerie


Empfehlen Sie diese Veranstaltung oder dieses Dokument weiter!
Kopieren Sie dazu den Link aus der Adresszeile in eine Email. Bitte beachten Sie, einen gültigen Adressaten anzugeben.