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27.01.2012 bis 28.01.2012
Gebannt, erschüttert, hoffnungsvoll und auch voller Sorgen verfolgen wir die Aufstände und die politischen Veränderungsprozesse in vielen Ländern des arabischen Raums. Verstehen wir wirklich, was da passiert?
Sicher ist eins: Viele Bürgerinnen und Bürger der sogenannten westlichen Welt haben in den vergangenen Monaten mancherlei Vorstellungen von "der arabischen Welt" revidieren müssen, z.B. was das Bild der Frau und den Stellenwert von Demokratie und Menschenrechten betrifft. Ebenso sicher ist: Mit den Veränderungen im arabischen Raum wird die Welt eine andere. Ob es mehr Beteiligungsmöglichkeiten für alle Menschen geben wird, ob der Zugang zu Ressourcen gerechter geregelt wird, kurz: ob die Chancen für Frieden wachsen, das hängt nicht nur von den Aktivistinnen und Aktivisten in der Region ab. Entscheidend sind auch die externen Mächte und ihre Einflussnahme.
Freitag, 27.1.2011
"Arabellion – Syria and the Arab spring". Mit diesem Vortrag sollte die Studientagung der Petra-Kelly Stiftung eingeläutet werden. Leider fiel Professor Sadiq al-Azm kurzfristig aus, weshalb Prof. Dr. Stefan Stetter spontan für ihn einsprang. Er stellte die Gesamtheit der arabischen Aufstände in einen umfassenden regionalen Kontext. In diesem Zusammenhang führte er zunächst die Bedeutung der arabischen Umbrüche für den israelisch-palästinensischen Konflikt aus. Er zeichnete die einzelnen Entwicklungen in weiteren betroffenen Ländern nach und verband sie mit der aktuellen politischen Dynamik in der Region. Dies vermittelte den Zuhörerinnen und Zuhörern ein beispielsreiches und differenziertes Bild der neuesten Entwicklungen: Es würden sich ähnliche Ursachen für die Demonstrationen wie ein roter Faden durch die einzelnen Länder ziehen, jedoch seien die sich daraus ergebenden Veränderungen je nach Land sehr unterschiedlich und nur in unterschiedlichen Szenarien zu erfassen. Insgesamt gelang es Prof. Stetter, diese unterschiedlichen Entwicklungen mit Ihren Chancen und Risiken aufgrund regionalspezifischer Faktoren, umfassend und überzeugend darzustellen.
Samstag, 27.1.2011
Dr. Salam Said (Universität Erlangen) führte mit einem Vortrag zu den Entwicklungen in Syrien in den Studientag am Samstag ein. Sie gab zum Einstieg einen historischen Abriss, der 1973 im „Sozialstaat mit Planwirtschaft“ ansetzte und Syrien im Jahr 2001 eine liberalorientierte Wirtschaftspolitik und Marktöffnung attestierte. Diese Liberalisierungsmaßnahmen führten, so Said, in eine Klientelwirtschaft, welche eine ungerechte Einkommensverteilung und das Verschwinden der Mittelschicht mit sich brachten. Eben jene sozioökonomischen Probleme sowie zunehmende Armut sieht Said als Grund für die Revolte im Jahr 2011. Die Gründe für das Andauern des Aufstandes lokalisierte die Referentin u.a. in der Loyalität des Militärs sowie der Sicherheitskräfte gegenüber dem Assad-Regime, regionalen Verbündeten wie dem Iran, einem geringen internationalen Wirtschaftinteresse und in der gespaltenen Opposition in säkulare Demokraten, Linksdemokraten, liberale Konservative und junge Demonstranten/-innen. Als Konfliktlösungsmöglichkeiten für die aktuelle Lage in Syrien unterbreitete Said den nationalen Dialog, den Vorschlag der Arabischen Liga – Jemenitisches Modell – und internationale militärische Interventionen.
Im anschließenden Vortrag von Magdi Gohary zur Entwicklung in Ägypten machte der referent zunächst deutlich, dass der Prozess in Ägypten unumkehrbar sei und führte dafür drei wesentliche Ursachen an: In seinen Augen ist es zu einer Veränderung des ägyptischen Persönlichkeitsbildes gekommen, weiterhin ist eine kritische Öffentlichkeit, die einen Rechenschaftsbericht fordertet, entstanden und schließlich ist das Ende der politischen Monopolisierung in Ägypten eingetreten. Die im Anschluss folgende Diskussion mit den ExpertInnen beantwortete u.a. Fragen zum gegenwärtigen Einfluss der Salafisten auf das ägyptische Volk und zur aktuellen Rolle des Militärs als Übergangsregierung.
Die Schwerpunkte in den Arbeitsgruppen waren die Rolle der Frauen, der Jugend, des Militärs und Gewalt/Gewaltfreiheit; auch hier wurden die TeilnehmerInnen von verschieden ExpertenInnen durch den Nachmittag geführt und bekamen vertiefte Einblicke in die jeweiligen Schwerpunkte. Nach Kaffeehaus-Gesprächen, in denen sich die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppen über ihre Eindrücke austauschen konnten, folgte die abschließende Podiumsdiskussion mit hochgradiger Expertenbesetzung.
Die Podiumsdiskussion: „Kontinuität oder Neubeginn? Europas Umgang mit der arabischen Welt“ wurde von Esther Saoub (SWR) moderiert, die den Diskutanten/-innen Prof. Dr. Stephan Stetter (Universität der Bundeswehr), Michael Lüders (Journalist), Dr. Salam Said (Universität Erlangen) und Magdi Gohary (Ägypten-Experte) Fragen zur Rolle des Militärs, der Unterstützung der Golfstaaten im demokratischen Wandel, die Rolle der Türkei als strategischer Partner und zur Einbezugnahme von religiösen Parteien im Wandlungsprozess stellte. Um die differenzierte Beantwortung der Fragen durch die ExpertenInnen hier nur anzureißen, soll die Antwort von Michal Lüders zur Frage nach der Rolle der Golfstaaten im Prozess vorgestellt werden: Saudi-Arabien hätte, so Lüders, keine Interesse am „Arabischen Frühling“ und kaufe die Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung, besonders im Konflikt von Sunniten und Schiiten, durch verschiedenste Zuwendungen auf.
Eine Bildergalerie zur Veranstaltung finden Sie auf der Homepage unseres Kooperationspartners, des Homepage unseres Kooperationspartners, des Alumnievereins e.V..
ReferentInnen
Magdi Gohary
Ägypten-Experte, langjährige Tätigkeit in der chemischen Forschung, politisches und soziales Engagement in der Friedensarbeit und in der Gewerkschaft
Michael Lüders
Journalist und Politikberater, Autor von "Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt", langjähriger Nahostkorrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT
Kerstin Müller
MdB, außenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN
Dr. Salam Said
Wirtschaftswissenschaftlerin, Lehrbeauftragte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Stephan Stetter
Professor für Internationale Politik und Konfliktforschung, Universität der Bundeswehr, München
Prof. Dr. Christoph Weller
Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung, Universität Augsburg
Veranstaltungsort
München
Partner
Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik
Evangelische Stadtakademie München
Frauensicherheitsrat
Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit
Regionalforum ZFD Südbayern
Lehrstuhl für Global Governance and Public Policy am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft in München
Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg
Lehrstuhl für Internationale Politik und Konfliktforschung, Universität der Bundeswehr München
Alumniverein Sozialwissenschaftliche Konfliktforschung Augsburg e.V.
Art der Veranstaltung
Vortrag und Studientag
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