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Westerwelle auf internationalem Parkett: Schwarz-gelber Zwist auch auf diesem Feld

Zwischenruf zur Außenpolitik

Von Joscha Schmierer

Der neue Außenminister ist mit sich zufrieden. Allenthalben bekommt er in der Presse bescheinigt, er habe grobe Fehler bisher vermeiden können. Ist doch was! Dabei war er zwischen Polen, den Niederlanden, Frankreich, den USA, Israel, der Türkei, der Golfregion und zuletzt Japan und China schon ganz schön viel unterwegs. "In den ersten Wochen bloß keinen Fehler machen!" hatte Nico Fried in der Süddeutschen Zeitung Ende November Westerwelles Motto auf eine Formel gebracht. Schon sind fast drei Monate verstrichen und noch ist nichts Schlimmes passiert.

Keinen Fehler zu machen, treffe auf "keinen Neuling jeder Regierung" so zu wie auf den Außenminister, der mit einem falschen Wort Staatskrisen entfachen könne, meinte Nico Fried weiter: "Und auf Guido Westerwelle trifft es ganz besonders zu, weil manche es schon für eine Staatskrise halten, dass er überhaupt in dieses Amt gekommen ist. Tatsächlich dürfte selbst unter Sympathisanten der FDP der Wunsch nach Steuersenkungen bei der Wahlentscheidung eher den Ausschlag gegeben haben als die Aussicht auf einen Außenminister Westerwelle."

Westerwelles Doppelrolle
Im Verhältnis von innenpolitischer Dogmatik und Kannegießerei einerseits und dem außenpolitischen Erfordernis andererseits, Umsicht und diplomatische Zurückhaltung zu praktizieren, liegt eines der Probleme für den neuen Außenminister. Man braucht nur Ausschnitte aus seinen Auftritten auf Parteiveranstaltungen zu Gesicht zu bekommen, damit es einem kalt über den Rücken läuft, wenn einem einfällt, dass dieser Mann ressortbedingt sich nun im Dickicht der internationalen Politik bewegen und bewähren muss. Ob es da beruhigt, wenn man hört und liest, dass sich Westerwelle selbst dieser Problematik bewusst zu sein scheint?

In einem ganzseitigen Interview in der FAZ hatten ihn Klaus Dieter Frankenberg und Berthold Kohler auf Afghanistan angesprochen und gefragt, ob "wir" dort Krieg führten. Westerwelle antwortete mit einer Mischung aus akademischem Vortrag und populistischem Unbehagen: "Krieg im Völkerrecht heißt, dass ein Land ein anderes angreift. Das ist hier nicht der Fall. Wir sind in Afghanistan, weil das afghanische Volk mit riesiger Mehrheit das will und weil die afghanische Regierung uns händeringend darum bittet, sie nicht nur beim wirtschaftlichen Aufbau, sondern auch bei der militärischen Sicherheit zu unterstützen. Ich muss aber zugeben: Wenn man zu Hause mit den Bürgern spricht, stößt man mit dieser semantischen und juristischen Unterscheidung, die ich als Außenminister vorzunehmen habe, nicht immer auf Verständnis." Es sei eben ein Unterschied, "ob man vielleicht beim Bier redet oder ob ich als Außenminister einer Zeitung ein Interview gebe, die in der ganzen Welt gelesen wird. Es hätte erhebliche internationale Konsequenzen, wenn ich da die falschen Worte wählen würde, nur um einer Stimmung beizupflichten, die ich nicht von der Hand weisen kann."  Der Mann ist auf der Hut.

Die Karten auf den Tisch
Man kann auch anders über Afghanistan reden, ohne durch falsche Worte "erhebliche internationale Konsequenzen" heraufzubeschwören. Dort in Afghanistan versuchen die Taliban mit Terror gerade auch gegen die Zivilbevölkerung in einem blutigen Bürgerkrieg ihr Regime wieder zu errichten, das große Teile der Afghanen, vor allem die Afghaninnen terrorisierte und – das war der völkerrechtliche Verstoß – Al Qaida die Gelegenheit bot, weltweit Terrorakte zu organisieren. Mit den Anschlägen in New York und Washington erreichten sie ein Ausmaß, das die UN auf den Plan rufen musste. Es ist keine leere Floskel, wenn der Sicherheitsrat in seinen Resolutionen von einer Bedrohung des Weltfriedens spricht, die von den Anstrengungen der Taliban ausgeht, in einem Bürgerkrieg erneut die Macht zu erobern. Deshalb ergreifen die UN hier anders als in anderen inneren Konflikten Partei. Sie können sich nicht aus einem Bürgerkrieg heraushalten, in dem die eine Partei nicht "nur" auf die eigene Bevölkerung keinerlei Rücksicht nimmt, sondern nach wie vor eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellt.

Zwei Drittel der Opfer in der Zivilbevölkerung vom letzten Jahr gehen nach einem jüngsten Bericht der UN auf Angriffe der Taliban zurück. So sieht ihr Kampf gegen die "ausländischen Besatzer" aus. Die Truppenverstärkung durch die USA und andere Teilnehmer der ISAF dienen ausdrücklich und glaubhaft dem Ziel, die in der Abwehr der Taliban die Gefährdung der Zivilisten durch riskante Luftangriffe zu reduzieren und möglichst zu vermeiden. Der semantische Eiertanz hat keine völkerrechtlichen Ursachen. Er erschwert es, notwendige Entscheidungen zu treffen und öffentlich zu begründen. So wird die Ablehnung der im Übrigen vergleichsweise geringen Beteiligung der Bundesrepublik an der UN-Mission weiter zunehmen. Das sind die Folgen mangelnder politischer Überzeugungsarbeit in einer Demokratie. Wer die Mission für falsch hält, sollte dafür plädieren, den ganzen Einsatz ohne Wenn und Aber abzublasen. Da ist Die Linke wenigstens konsequent. Wer die UN-Mission aber für notwendig hält, sollte die Kräfte mobilisieren, die einen Abzug erst ermöglichen können. Aussitzen kann man diese Entscheidung nicht. 

Streit wegen Kontinuität
Um Fehler zu vermeiden, setzt der neue Außenminister im Wesentlichen die Politik seines Vorgängers fort. Indem er versucht, Frau Steinbach den deutsch-polnischen Beziehungen zuliebe aus dem Rat der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" herauszuhalten, und der Türkei versichert, die Beitrittsverhandlungen zur EU würden ergebnisoffen geführt, gerät er freilich in Konflikt mit Teilen der CDU und der CSU-Führung. Berthold Kohler sah sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schon veranlasst, die Richtlinienkompetenz von Angela Merkel anzurufen. Zu klären sei – "und dafür gibt Westerwelles Türkei-Reise weiteren Anlass" – wer in dieser Regierung die "Richtlinien in der Außen- und in der Erinnerungspolitik bestimmt. Die Kanzlerin schweigt. Genießen kann sie es aber nicht, wie der Vizekanzler mit dem CDU-Vorstandsmitglied Steinbach, einem bedeutsamen Teil der Wählerschaft der Union und nicht zuletzt mit ihr selbst umspringt." (10.1.2010) Damit wird eine Neuauflage des "Koch und Kellner"-Spielchens angemahnt, in dem im Unterschied zu Joschka Fischer sich Außenminister Steinmeier in der großen Koalition nie herumschlagen musste. Noch hat Angela Merkel kein Interesse an diesem Gerangel.

Es sei frappierend, meint Kohler, dass ausgerechnet der gelernte Innenpolitiker Westerwelle die innenpolitische Rolle der causa Erika Steinbach nach Kräften ignoriere. Doch so frappierend ist das nicht, wenn man sich klar macht, wie sehr Westerwelles Erfolg in der Doppelrolle als dogmatischer Einpeitscher einer steuerpolitischen Lobbypolitik und besonnener Akteur auf der internationalen Bühne von der strikten Trennung von Innen- und Außenpolitik abhängt. So wies er die Kritiker seines Türkeiauftritts zurecht, was die CSU aufführe, sei Innenpolitik. "Das hat mit Außenpolitik nichts zu tun." (SZ 9.1.2010) Im Unterschied zur Innenpolitik ist sie von Ressentiments freizuhalten. So wies Staatsminister Hoyer den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der gemeint hatte, es sei klar, dass es bei den Verhandlungen zwischen der EU und der Türkei um "eine Partnerschaft" gehe, vehement zurecht: "Es ist politisch legitim, wenn Herr Dobrindt sich das wünscht, aber es zeigt, dass er von keinerlei Sachkenntnis getrübt ist." Westerwelle greift in diesem Zusammenhang gern auf ein lateinisches Zitat zurück, mit dem der CSU-Guru Franz Josef Strauß sich öfters aus der Affäre zog: Pacta sunt servanda, Verträge müssen eingehalten werden.

Was zu klären wäre
Falls es gelingen sollte, den Streit mit und um Erika Steinbach so zu beenden, dass kein außenpolitisches Porzellan zerschlagen wird, lassen sich die weiterreichenden Streitfragen in der EU und zwischen Polen und der Bundesrepublik hoffentlich nüchtern angehen: In erster Linie dreht sich der Streit immer noch um eine gemeinsame Politik gegenüber Osteuropa. Osteuropa meint die Staaten, die aus der Auflösung der Sowjetunion hervorgegangen sind und ob sie wollen oder nicht mit Russland mehr schlecht als recht verbunden bleiben. Vielleicht hat sich auf polnischer Seite inzwischen die trügerische Hoffnung gelegt, man könne dieses Problem durch Subtraktion lösen, indem man einen Staat nach dem anderen in die EU und die NATO hinüberzieht, bis schließlich Russland allein übrig bleibt. Aus vielen Gründen bleibt Osteuropa eine kompakte Realität, die sich den Verfahren der einfachen Mathematik entzieht. In der Ukraine und Weißrussland wie in Georgien ist der homo sovieticus genauso wie in Russland selbst kein bloßes Gespenst. Er agiert vor noch älterem zaristischem und orthodoxem Hintergrund. Doch wie ist dann das Wiedererstehen einer russischen Hegemonialmacht in Osteuropa zu verhindern? Das ist der richtige Kern des polnischen Misstrauens gegenüber einer kritiklosen Hinwendung zu Russland als größter osteuropäischer Macht. Hier ist natürlich auch Frau Ashton als Ideengeberin und Moderatorin einer gemeinsamen Außenpolitik der EU gefragt.

Im Verhältnis zur Türkei bleibt fraglich, wie in dem unvermeidlich sich länger hinziehenden Beitrittsprozess vermieden werden kann, dass sich die türkische Führung in osmanischer Tradition und aus Frust über die EU den Staat zunehmend als solitäre Regionalmacht mit hegemonialen Fähigkeiten begreift. Die Chancen einer EU-Integration wären verspielt. Neue Reibungsflächen in unmittelbarer Nachbarschaft der EU würden entstehen. Auch eine bloße Partnerschaft könnte dann sehr schwierig werden. Auch hier wäre Aussitzen keine Lösung.

Diese Probleme sind dem Auswärtigen Amt natürlich bewusst. Aber aus dem Auswärtigen Amt heraus werden solche Probleme nicht öffentlich zur Diskussion gestellt. Dafür braucht es die Minister. Kann man da von Westerwelle viel erwarten?

Es bleibt kompliziert
Manches spricht dagegen. Außenpolitisch scheint er dazu zu neigen, Widersprüche zu verschleiern und sich selbst ein X für ein U vorzumachen. So verkündete er im Zuge seiner Chinareise, die Interessen der deutschen Wirtschaft und das Eintreten für Menschenrechte ließen sich leicht unter einen Hut bringen, wenn man nur höflich auftrete. Das ist eine Illusion. Von Leichtigkeit kann keine Rede sein. Die Wirtschaft tickt anders als eine werteorientierte Außenpolitik. Die kann sich aber keinen Erfolg versprechen, wenn die Integration Chinas in den Weltmarkt nicht weiter vorankommt. Es bleibt also kompliziert.

Ein grundlegender Fehler liegt in Westerwelles Ansatz, Innen- und Außenpolitik systematisch auseinanderhalten zu wollen. Es ist sein Versuch mit seiner Doppelrolle zurechtzukommen: In der Außenpolitik muss er allgemeine Interessen vertreten, nicht nur die einer engen Klientel. In der Innenpolitik aber ist es seine Spezialität grenzwertig zu agieren, um die nötigen Prozente für eine Regierungsbeteiligung einzuheimsen.

Der sachliche Zusammenhang zwischen Innen- und Außenpolitik wird durch die Globalisierung immer enger, der politische Zusammenhang ist in der Demokratie begründet: Auf Dauer wird leidenschaftlich verfolgte innere Klientelpolitik sich nicht mit einer vernünftigen Außenpolitik überzeugend verbinden lassen. Von Anfang an macht Westerwelles Doppelrolle es ihm schwer, die so dringend nötige Diskussion über Deutschlands internationale Politik in einer globalisierten und zugleich von Chaos und Gewalt bedrohten Welt offen und öffentlich zu führen. Leerformeln helfen da nicht weiter.



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Über politisches Reden - Barack Obama und die Schulmeister

Joscha Schmierer. Foto: Joachim Loch

Zwischenruf zur Außenpolitik

Von Joscha Schmierer

Barack Obama ist ziemlich jung für ein Staatsoberhaupt und im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen ein mitreißender Redner. Da kommen sich manche deutsche Kommentatoren wie alte Hasen vor. Der junge Mann muss auf den Boden runter geholt und zurecht gestaucht werden. Man will Taten und schnelle Resultate  sehen, wo doch die erste Tat jedes demokratischen Regierungschefs die öffentliche Darlegung überzeugender Argumente für das Handeln seiner Regierung sein muss. Nicht umsonst hat sich die Kunst der politischen Rede mit der griechischen Polis und der römischen Republik entwickelt und knüpften die amerikanischen Gründerväter bewusst an diese Tradition wieder an. Öffentliches Reden war und ist eine unerlässliche Seite republikanischen Handelns.

Von Anfang an wurde der frühere Kandidat und jetzige Präsident Obama in das urdeutsche obrigkeitsstaatliche Dilemma von Geist und Tat verwickelt, während Obamas Reden doch immer den Willen zum Wechsel und zu einer anderen Politik ausdrückten. Sie wurden zu Recht als Signale des Wechsels verstanden. Der Kandidat wollte den Sieg und er sagte klar, was seiner Ansicht nach zu machen ist. In einer Demokratie muss man für jeden Aufbruch zunächst in vernünftiger Rede die Stimmen und dann immer  erneut die Kräfte sammeln. Und so begründete Obama Anfang Dezember auch seine Entscheidung, die Truppen in Afghanistan zu verstärken, mit einer Rede in West Point vor jungen Soldaten, denen der Einsatz zugemutet wird. Stets hatte er seine Kritik an dem Krieg im Irak verbunden mit dem Hinweis, er sei zu Lasten der notwendigen Stabilisierung Afghanistans vom Zaun gebrochen worden.

Das Privileg des Journalismus
Der naive, idealistisch von Verständigung und Frieden säuselnde, statt entschieden für eine Friedensordnung engagierte Obama ist eine Erfindung von Kommentatoren, die seine angeblich unvermeidliche "Ernüchterung" als Ergebnis ihrer realistischen Belehrung preisen oder als voraussehbaren Verrat an nur vorgetäuschten Idealen geißeln wollen. Obama aber war immer ein Mann der sofortigen Umkehr, der keinen Zweifel ließ, wie schwer sie fallen und wie lange sie dauern würde. Nie hielt er das Angebot von Verständigung schon für die Verständigung selbst. Den Schwierigkeiten beim Wenden in Sackgassen galten schon Zwischenrufe im letzten Jahr.

"Obama handelt nach langer Bedenkzeit in Afghanistan richtig" erklärte Josef Joffe in Die Zeit vom 11. Dezember 2009. Die Reifeprüfung war seine Kolumne überschrieben. Die lange Bedenkzeit brachte zwar Abzüge und die halbwegs befriedigende Note bezog sich nur auf Afghanistan, doch erteilte Joffe dem amerikanischen Präsidenten zur Abwechslung mal ein bisschen Lob, nachdem einen Monat zuvor Leser Detlef Holtermann Widerspruch eingelegt und Mehr Geduld! gefordert hatte (Die Zeit, 5.11.09). Obama brauche jetzt vor allem Zeit. Seit Wochen verfolge Joffe in seiner Kolumne die Mission, das Denken und Handeln von Barack Obama klein zu schreiben und das Scheitern des Präsidenten publizistisch vorwegzunehmen. "Mit der Attitude des konservativen Sehers ('Realisten'), der ja nur schreiben, aber nicht handeln muss, meint er uns Lesern klarmachen zu müssen, wie sehr Obama von Anfang an überschätzt wurde und wie klar jetzt schon abzusehen ist, dass er sich mit all seinen Vorhaben gewaltig übernimmt."

Diese Kritik trifft nicht nur Josef Joffe, sondern eine ganze Reihe von Kommentatoren in der deutschen Presse. Wenn Obama mal besser weg kommt und ihm von Josef Joffe zugestanden wird, "komplizierter" zu sein, als es das schlichte Schema von links und rechts, Pazifismus und Bellizismus zulasse, ist immer wieder Arroganz und Hochnäsigkeit aus den Kommentaren heraus zu hören. Da hat der Zeitleser schon recht: Diese Arroganz entspringt dem Privileg des Journalisten auf dem Papier immer schon besser entschieden zu haben als die verantwortlichen Politiker entscheiden, ohne selbst je wirklich entscheiden zu müssen.

Gelegentliche Grenzgänge zwischen Publizistik und Exekutive, wie sie in den USA nicht selten sind, könnten für diese allzu leicht überspielte Problematik sensibilisieren.

"Realismus" pauken
Auffällig schon in der Überschrift sind Kommentare, die Obama auf den "Prüfstand" schicken, ihn auf "Bewährung" oder vor einem "Test" sehen und ihn metaphorisch auf die Schulbank setzen, um die Reifeprüfung zu bestehen. "Nette Idee, schöner Traum" war ein Kommentar von Michael Rühle in der Süddeutschen Zeitung (11.4.09) zu Obamas Atomabrüstungsvorhaben überschrieben. Setzen und Realismus pauken empfahl der stellvertretende Leiter der Politischen Planungseinheit der NATO in Brüssel. Die Präsidentschaft sause dahin, meinte Stefan Kornelius im September (Süddeutsche Zeitung, 24.9.09): "Ein unbeholfen wirkender Fototermin mit den Nahost-Kontrahenten, ein zaudernder Obama in den Klimaverhandlungen, herausgefordert vom Kongress und vom Militär. Obama, ein Ankündigungsminister, kein Mann der Tat." Die Zeit der großen Reden und der hehren Appelle sei vorbei. "Eine UN-Rede voller Pathos wirkt lächerlich, wenn zu Hause der Dachstuhl brennt." Obama werde Härte und Mut beweisen müssen, wenn er glaubwürdig bleiben wolle. "Obamas Zauber wirkt nicht mehr", verkündete Gabor Steingart auf Spiegel-online am 2. Dezember 2009. Man weiß nicht recht, was als Vorwurf mehr zählen soll: der frühere Zauber oder dass er angeblich nicht mehr wirkt.

Die Jury des Friedensnobelpreises hatte Obama eine Aufgabe gestellt, die sie vielleicht so gar nicht stellen wollte: Wie kriegt er seine aktuelle Entscheidung, die Truppen in Afghanistan aufzustocken, auf einen Nenner mit der Verpflichtung durch den Friedensnobelpreis. Der Kriegsnobelpreisträger titelte Gabor Steingart auf Spiegel-online (2.12.09).

Obama ist nicht ausgewichen. Gleich zu Beginn seiner Rede sagte er, die Ehrung nehme er voll tiefer Dankbarkeit und in großer Demut an, wolle sich aber der Kontroverse um diese großzügige Preisvergabe stellen. Schließlich stehe er erst am Anfang seiner Bemühungen auf der Weltbühne. Verglichen mit den Taten der großartigsten Preisträger – er nannte Schweitzer und King, Marshall und Mandela – fiele, was ihm bisher gelungen sei, kaum ins Gewicht. Leute, die bekannt oder auch nicht, für ihre mutigen und engagierten Taten gelitten hätten, verdienten den Preis mehr als er. Die meiste Kritik an der Preisverleihung  entspringe freilich der Tatsache, dass er Oberkommandierender einer Nation sei, die sich in zwei Kriegen befinde. Schließlich sei er verantwortlich für den Kampfeinsatz von Tausenden junger Amerikaner in einem fernen Land. "Einige werden töten und einige werden getötet werden." Nach Oslo sei er im vollen Bewusstsein der Kosten bewaffneter Konflikte gekommen. Ganz beschäftigt sei er mit all den schwierigen Fragen nach dem Verhältnis von Krieg und Frieden und mit den Bemühungen, den Krieg durch den Frieden abzulösen.

Eine abwägende Moral
Obama sei in Oslo als "Prediger des gerechten Krieges" aufgetreten, stand in der Berliner Zeitung über einem Kommentar von Jutta Kramm (11.12.09) Tatsächlich aber hat er das Spannungsverhältnis ausgeleuchtet zwischen dem Prinzip der Gewaltlosigkeit, für die Martin Luther King und Mahatma Gandhi stehen, und den politischen Erfordernissen, vor die sich ein Staatschef gestellt sieht. Ohne Martin Luther Kings gewaltlosen Widerstand, wäre die Präsidentschaft eines Schwarzen sicher noch immer ausgeschlossen. Er selbst sei insofern ein lebendes Beispiel für die moralische Kraft der Gewaltlosigkeit. "Ich weiß, dass keine Schwäche, keine Passivität, keine Naivität im Engagement und  in Gandhis und Kings Leben zu finden sind." Aber als Staatschef könne er nicht allein durch ihr Beispiel geleitet werden. Wenn aber auf militärische Gewalt nicht unter allen Umständen verzichtet werden könne, müsse diese Wahrheit auch die andere anerkennen, dass im Krieg, so gerechtfertigt er sein möge, die menschliche Tragödie lauert.

Soll "Obamas Krieg" also, wie Jutta Kramm meint, die "Prinzipien der Gewaltlosigkeit und des friedlichen Miteinanders mit dem Mittel der äußersten Aggression zur Geltung bringen"? Die jetzige Aufstockung der Bodentruppen ist zwar für die US-Bevölkerung eine Eskalation der möglichen menschlichen Kosten, für Afghanistan selbst bedeutet sie die Möglichkeit, die Luftangriffe mit ihren zivilen Opfern zu deeskalieren, die Sicherheit des zivilen Aufbaus in größeren Teilen des Landes wiederherzustellen und diese Zonen auszudehnen. Dafür kann es bereits zu spät sein, wie etwa Michael Walzer in Dissent (3.12.09) befürchtet. Hier liegt aber die verbliebene Chance, den jahrzehntelangen Kriegszyklus in Afghanistan doch noch zu durchbrechen. Sehr groß ist sie nicht. Wie Michael Walzer schreibt, ist die realistische Möglichkeit, einen gerechten Frieden zu erreichen, aber ein Schlüsselkriterium für die Rechtfertigung eines Krieges. 2011 wird das Engagement in Afghanistan an diesem Kriterium gemessen werden.

Afghanistan liegt im Brennpunkt der Auseinandersetzung zwischen Staatenbildung und den islamistischen Absichten, ein imperiales Khalifat neu zu errichten. Staatenbildung hat die Eindämmung von Chaos und Gewalt als Bedingung. Umgekehrt steht es um die Voraussetzungen eines imperialen Islamismus. Sie bestehen in Chaos und Gewalt. Deshalb bleibt die klare Absage der USA unter Obamas Präsidentschaft an Folter und Verletzungen der Genfer Konvention eine grundlegende Kurskorrektur gegenüber der Bush-Administration. Letztere hatte sich in ihrem "Krieg gegen den Terror" vom Terror anstecken lassen. Obamas Korrektur kam sofort bei Amtsantritt. In Oslo sagte er jetzt, wo Gewaltanwendung unvermeidlich sei, sei es im eigenen moralischen und strategischen Interesse, sich an Regeln zu halten. "Das unterscheidet uns von denen, die wir bekämpfen. Das ist eine Quelle unserer Stärke".

Dass sich die Schließung von Guantanamo als schwierig erwies, hat Obama nie als Ausrede genutzt, um auf den St. Nimmerleinstag zu vertrösten. Woher kommt die Häme in manchen Kommentaren angesichts der Tatsache, dass in einer demokratischen Republik der Präsident die Gewaltenteilung nicht mit einem Federstrich außer Kraft setzen kann? Der Nobelpreis sei bisher kein Preis fürs Redenhalten gewesen, auch keine Auszeichnung für Ankündigen, kommentierte Gabor Steingart für Spiegel-online (10.12.09). "Nicht das Wort, auch nicht das geistreiche, das geschliffene Wort, sondern die Tat wurde bisher geehrt." Wenn aber die entscheidende Tat erst mal die Umkehr in der Sackgasse ist, dann gelingt sie nicht ohne überzeugende Rede. Die Nobelpreisjury hat die entschlossene Umkehr überzeugt, die hartnäckige Arbeit auf den vielen Baustellen, vor denen die USA und die Welt stehen, wollten sie ermutigen. Keins von beidem ist verkehrt.

Quelle: Heinrich Böll Stiftung



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EU mit mehr Schwung? - Die neuen Ämter sind besetzt

Zwischenruf zur Außenpolitik

Von Joscha Schmierer

In gewisser Hinsicht steht die EU vor einem Neubeginn. Sie hat einen neuen Vertrag und mit diesem Vertrag hat sie zwei neue Ämter geschaffen, besser gesagt, zwei alte Ämter sind neu verfasst worden: das Amt des Präsidenten des Europäischen Rates, der nun nicht mehr jedes halbe Jahr wechselt, und das Amt des Hohen Vertreters für die Außen- und Sicherheitspolitik der EU, also eine Art Außenminister, der nun zugleich Vizepräsident der Europäischen Kommission sein wird. Beide Ämter bleiben in ihren Funktionen von den Staats- und Regierungschefs abhängig. Der Präsident hat den Vorsitz des Europäischen Rates und vertritt ihn. Er bereitet dessen Sitzungen vor und leitet sie. Wenn er klug und geschickt agiert, kann er die Willensbildungsprozesse dieses immer noch prägenden Gremiums der EU moderieren. Der Rat steht für die Seite der Staatenunion in der EU während das Europäische Parlament die Unionsbürgerschaft repräsentiert. Im Geschick und der Überzeugungskraft, die Entscheidungsprozesse des Europäischen Rates zu moderieren, besteht auch eine Möglichkeit der Führung.

Es lebe der neue Ratspräsident!
Die Regierungschefs von 27 Staaten für Entscheidungen zu gewinnen, die mit der EU-Kommission vorbereitet und abgestimmt sind, und bei Mehrheitsentscheidungen im Rat auch die Kräfteverhältnisse im Parlament im Auge haben, ist eine anspruchsvolle Rolle. Ergebnisorientierte Moderation wird bereits die Fähigkeit zur Führung voraussetzen. Warum sollte man Herman van Rompuy, dem belgischen Ministerpräsidenten, nicht zutrauen, mehr als bloßer Diener des Rates, sondern dessen Sprecher zu werden, und ihn zu größerer Einheit zu führen? Die Einsetzung des Präsidenten sagt noch gar nichts, entscheidend wird sein, was er aus seinem Amt macht. Versagt er im Großen und Ganzen beschädigt er das Amt auch für die Zukunft, kann er was mit dem Amt etwas anfangen, verschafft er ihm mit seiner Kompetenz einen Rang, den ihm die Staats- und Regierungschefs vielleicht gar nicht zugedacht hatten.

Dass der Präsident jetzt seine Autorität aus der Wahl durch die Staats- und Regierungschefs zieht und nicht mehr aus dem Gewicht des Mitgliedslandes, dessen Regierung er führt, kann seine Position schwächen, wie Jochen Bittner voraussieht:

„Mehr Kontinuität bei der Themenstellung, so will’s die Lissabon-Theorie, soll der neue, auf zweieinhalb Jahre ernannte Sachwalter herbeikoordinieren. Doch die Praxis lehrt, dass die Regierungschefs nicht geneigt sind, sich von Zeremonienmeistern die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Sie müssen schließlich daheim wieder gewählt werden – der Ratspräsident hingegen von ihnen.“ (Hello, Mr. Europe?, Die Zeit 19.11. 2009)

Schon wahr, aber die Praxis lehrt auch, worauf Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ vom 19. November hinweist: „Doch wie immer in solchen Situationen wird der neue Präsident mit der Zeit ein machtpolitisches Selbstbewusstsein entwickeln und sich nicht mit der Rolle eines Protokollanten de luxe zufrieden geben. Er wird ein eigenes Gewicht beanspruchen (müssen).“ Die Erfahrungen der nächsten zweieinhalb Jahre werden interessanter sein als die Wahl selbst. Und hoffentlich werden sie der europäischen Öffentlichkeit zugänglicher sein, als die Motive und Prozeduren, die schließlich in diese Wahl mündeten.

Der neuen Außenministerin viel Glück!
Mit dem Amt eines “Außenministers“ der EU gibt es bereits Erfahrungen. Javier Solanas Bilanz ist gemischt. Während er in akuten Krisen gelegentlich hervortreten konnte, schien sein Einfluss bei länger anhaltenden Krisen ständig zu schwinden. So ging es ihm im Balkan, so ging es ihm in Afghanistan. Im Nahen Osten ist er nie wirklich in Erscheinung getreten. Gegenüber dem Iran und seinem Atomprogramm hatten die Außenminister der drei großen Mitgliedstaaten der EU, Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik die Initiative ergriffen mit dem Eröffnungszug zu Verhandlungen. Das Hickhack danach überließen sie dann weitgehend Solana. In seiner Verhandlungsführung blieb er ständig doppelt belastet: Einerseits waren die Europäer der US-Regierung unter Bush zu weit entgegen gekommen, indem sie vom Iran einen grundsätzlichen Verzicht auf jede Urananreicherung verlangten (Schurkenstaat!), andererseits führte dies aber keineswegs dazu, dass sich die USA aktiv an den Bemühungen um eine Verhandlungslösung beteiligten.

Mit der Präsidentschaft von Barack Obama hat sich das geändert: Die USA verlangen nicht mehr den vollständigen Verzicht auf Urananreicherung, sondern die Transparenz des iranischen Atomprogramms, die den verbalen Verzicht auf die Bombe erst glaubhaft machen würde. Sie erklärten sich zu einer direkten Beteiligung an den Verhandlungen bereit. Die Früchte, die in dieser neuen Situation heran reifen könnten, werden jedenfalls nicht mehr von Solana mit geerntet werden können. Vielleicht kam aber der Schwenk der US-Politik ohnehin zu spät. Jedenfalls zeigt die Iranpolitik, dass es nicht immer gut ist, der aktuellen Position der US-Politik möglichst weitgehend entgegenzukommen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass sich diese Position ändern kann und man auf eine solche Änderung auch hinwirken kann.
Der größte Erfolg Solanas und seines Stabes dürfte in der Vorbereitung der europäischen Sicherheitsstrategie bestehen, die der Europäische Rat 2003 verabschiedete, also in einer konzeptionellen Arbeit, die zu einer gemeinsamen Sicht auf die großen Sicherheitsfragen unter den Mitgliedsstaaten beitrug. Hier wurde an einer gemeinsamen Melodie der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik gearbeitet, statt sich der Illusion hinzugeben, die EU werde jemals mit einer Stimme sprechen. „Einheit in Vielfalt“, so ein Standardslogan europäischer Politik, lässt sich nur durch konzeptionelle Abstimmung zwischen EU-Institutionen und den Mitgliedsstaaten erreichen.

Strukturelle Schwächen werden überwunden
Die Arbeit des hohen Beauftragten litt unter den zwei strukturellen Schwächen des Amtes. Zum einen war er nicht direkt an der Verfügung über die finanziellen Hilfsmittel einer Außenpolitik der EU beteiligt. Über sie verfügt die Kommission. Man erinnert sich vielleicht an die Reibereien zwischen Chris Patten, dem früheren EU-Außenkommissar, und Javier Solana im Zusammenhang mit dem Balkan-Stabilitätspakt. Indem der Hohe Vertreter in Zukunft als Vizepräsident Mitglied der Kommission sein wird, wird seine Funktion gestärkt – auch gegenüber dem Europäischen Rat, von dessen einstimmigen (!) Beschlüssen er dennoch abhängig bleibt. Der Hohe Vertreter wird mit Catherine Ashton eine Vertreterin sein, eine Britin mit der Erfahrung eines Mitgliedes der Kommission. Mitglied der Kommission wird sie auch in ihrer neuen Funktion bleiben. Im Unterschied zu Javier Solana muss Catherine Ashton damit vom Europäischen Parlament bestätigt werden. Das wird ihre Legitimation erhöhen. Eine weitere Stärkung der Funktion besteht darin, dass die Vertretung der gemeinsamen Außen und Sicherheitspolitik in Zukunft über einen europäischen diplomatischen Dienst verfügen soll, den es in den kommenden Jahren aufzubauen gilt. Bisher hatte der „Außenminister“ keinen Zugriff auf die Vertretungen der EU-Kommission. Die Arbeitsbereiche dieser Vertretungen waren zudem vorwiegend wirtschaftlich ausgerichtet. Dass Solana über keinen diplomatischen Apparat verfügte, schwächte seine Rolle bei der Überwindung von Konflikten grundsätzlich. Er hatte niemand vor Ort. Wenn der diplomatische Dienst der EU wie vorgesehen schließlich ein Personal von rund 7000 Angestellten umfasst, wird Catherine Ashton sehr viel wirksamer tätig sein können als ihr Vorgänger. Der diplomatische Dienst der EU wird dann an die Größe der auswärtigen Dienste der großen Mitgliedsländer heranreichen. Er dürfte insbesondere für junge Diplomaten aus kleineren Mitgliedstaaten attraktiv sein. Auf diese Art könnte sich innerhalb der EU und ihrer Außenpolitik ein besserer Ausgleich zwischen den Gewichten der größeren und kleineren Mitgliedsstaaten ganz zwanglos ergeben.

Erstes Erfordernis: konzeptionelle Verständigung
Die Europäische Union ist in der Staatenwelt ein außenpolitisches Unikat. Selbst kein Staat, wird die Europäische Union in ihrem Inneren aus Staaten gebildet, die keineswegs bereit sind, auf eine eigene Außenpolitik zu verzichten. Erst recht außen hat es die EU mit Staaten zu tun. Vor allem im Verkehr mit den großen Staaten muss sie sich behaupten. Sie muss oft mit Anforderungen umgehen, denen sie nicht nachkommen kann. Ein scheinbar harmloses, aber unpassendes Ansinnen war die berühmte Frage von Kissinger, was denn die Telefonnummer der EU sei. Die Frage zielte auf die Existenzberechtigung der EU als Nicht-Staat unter Staaten. Auch jetzt wird sich nichts an der Dreifaltigkeit von Kommissionspräsident, Präsident des Europäischen Rates und der hohen Vertreterin ändern. Man sollte aber die internationale Rolle der EU nicht unterschätzen. Ohne sie gäbe es keinen internationalen Strafgerichtshof und die Klimapolitik wäre noch weiter als jetzt hinter den notwendigen Veränderungen zurück, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Wenn die neuen Amtsträger in den neuen Ämtern den Schwerpunkt ihrer Arbeit nicht auf konzeptionelle Klärungen legen, werden sie die Vorteile des Neubeginnens verspielen. Um nur ein paar außenpolitische Fragen zu nennen: Wie kann die EU ihr Verhältnis zur Türkei verbessern, mit der sie einerseits in Beitrittsverhandlungen steht und die sie andererseits immer wieder vor den Kopf stößt? Dabei setzt die türkische Regierung ihre mutige Reformpolitik auch aus eigenem Antrieb fort, im Moment vor allem gegenüber der kurdischen Bevölkerung in der Türkei. Mit Notenvergabe seitens der EU kann sie dabei eher rechnen als mit Unterstützung. Die türkische Regierung entfaltet eine selbstständige Regional- und Nachbarschaftspolitik. Die EU täte gut daran, sich um bessere Abstimmung zu bemühen und daraus Vorteile zum Beispiel für die Iranpolitik zu ziehen.

Kann die EU als wichtiger Geldgeber für den zivilen Aufbau in Afghanistan auch auf die militärische Strategie der NATO Einfluss gewinnen? Sind die neuen Töne aus der russischen Führung ernst zu nehmen und was kann die Außenpolitik der EU dazu beitragen, dass schöneren Worten auch Taten folgen? Wie kann die EU am besten zur Stabilität der Ukraine beitragen? Und vor allem: Wie begreift die EU ihre Stellung zwischen den großen Mächten, wie stuft sie ihre Beziehungen zu ihnen ein und stimmt sie diese Beziehungen aufeinander ab? Die EU bewegt sich ja nicht zwischen Polen, gleich weit von allen entfernt, während sie selbst sich als weiteren Pol versteht. Wie stark setzt die EU auf die Möglichkeiten globaler Governance über Clubs wie G 8 und G 20. Wie verhalten sich diese Clubs zum Rahmen der UN? Wie reagiert die EU auf „G 2“, also die wechselseitige Abhängigkeit von USA und China und die weltweite Sorge um das gedeihliche Verhältnis dieser Schlüsselmächte?

Die konzeptionelle Verständigung innerhalb der EU über diese und andere wichtige Fragen entscheidet über eine wirksame Außenpolitik der EU. Sie ist vom konstruktiven Zusammenwirken vieler Akteure abhängig: von der Zusammenarbeit von 27 Mitgliedstaaten und deren gutem Verhältnis zu ihrer dreifaltigen internationalen Repräsentanz durch Kommission, Ratspräsident und hohe Vertreterin der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Vorschusslorbeeren können Van Rompuy und Mrs. Ashton nicht erwarten, wohl aber faire Neugier.

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30.10.2009

Vorrang zivil!

Bei der Veranstaltung ging es um die Fragen, welche konkreten Erfahrungen mit ziviler Konfliktbearbeitung es heute schon gibt, welche Strukturen dafür sowohl auf deutscher als auch auf EU-Ebene bereits bestehen und wie mögliche nächste Schritte aussehen, um zivile Konfliktbearbeitung auf EU-Ebene voranzubringen.

Zunächst erklärte die IFFF-Vorsitzende Irmgard Heilberger, warum es aus Sicht der IFFF wichtig ist, sich nicht nur gegen Krieg und Militär, sondern mit gleicher Kraft für die Unterstützung aller gewaltfreien Ansätze der Konfliktbearbeitung einzusetzen: "Die IFFF beschäftigt sich seit über 90 Jahren mit der dauernden Völkerverständigung, der Überzeugung, dass internationale Streitigkeiten durch friedliche Mittel zu schlichten sind, mit dem, wie es in einem alten Aufruf von Lida Gustava Heymann heißt 'Krieg dem Kriege' und der besonderen Auswirkung der Militarisierung und Aufrüstung für Frauen und wir fordern seit langem, dass Frauen nicht nur als Opfer wahrgenommen, sondern als Akteurinnen des Friedens international einbezogen werden."

Dr. Ute Finckh-Krämer, die Vorsitzende des Bundes für Soziale Verteidigung, erläuterte die Vielfalt der Ansätze der zivilen Konfliktbearbeitung am Beispiel Kenia. Hier waren nach der Präsidentschaftswahl Ende 2007 massive Unruhen ausgebrochen, die schnell gewalttätig wurden und den Charakter ethnischer Auseinandersetzungen annahmen. Alle Ansätze, den Konflikt zu deeskalieren, waren strikt zivil. Für die Beendigung der Gewalt waren drei Faktoren entscheidend: am Frieden interessierte Gruppen innerhalb des Landes, die Fähigkeit des Vermittlers Kofi Annan, eine Lösung zu finden, die beide Konfliktparteien akzeptieren konnten und die von der großen Mehrheit der Bevölkerung für fair gehalten wurde, und massive Unterstützung sowohl der Vermittlungsbemühungen von Kofi Annan als auch der kenianischen Friedensakteure auf allen Ebenen durch externe Partnerorganisationen. Aufbauend auf diesem Beispiel erläuterte sie dann die drei Hauptelemente der zivilen Konfliktbearbeitung: "Friedensstiftung" (englisch "Peacemaking"), "Friedenssicherung" (englisch "Peace-keeping") und "Friedenskonsolidierung" (englisch "Peacebuilding") und die Strukturen, die es in diesem Bereich in Deutschland gibt.

Philipp Pacius, Kollegiat der Konrad-Adenauer-Stiftung in einem berufsbegleitenden Fachkolleg für Sicherheitspolitik, vertrat die These, dass rein ziviles Handeln in eskalierten Konflikten wie z. B. in Afghanistan nicht ausreicht und trat für den Ansatz der "vernetzten Sicherheit" ein. Unter vernetzter Sicherheit wird ein ressortübergreifendes Konzept verstanden, bei dem militärische und zivile Akteure eng zusammen arbeiten. Aus diesen Erfahrungen heraus stellte er vier Problembereiche zur Diskussion, die im Bereich der vernetzten Sicherheit auftauchen, sich allerdings auch bei dem skizzierten Ansatz "Vorrang Zivil" aus seiner Sicht noch stärker manifestieren würden:
1. Es gäbe massive Koordinierungsprobleme zwischen den militärischen und den zivilen Stellen, in denen sich auch unterschiedliche Kulturen im Umgang mit Hierarchien zeigen.
2. Vor allem auf ziviler Seite bestehen massive Rekrutierungsprobleme (z.B. Polizeiausbildung).
3. Afghanische Amtsträger wendeten sich lieber an die militärische statt an die formal gleichberechtigte zivile Leitung der "province reconstruction teams".
4. Das Militär könne die ihm zur Verfügung stehenden Informationen nur begrenzt teilen, da Geheimschutzgründe auch in der täglichen Arbeit im Wege stehen.

Barbara Lochbihler, neu gewählte Europaabgeordnete (Bündnis 90/Grünen) und Mitglied des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlamentes schilderte die Strukturen, die es auf EU-Ebene für zivile Konfliktbearbeitung gibt und gab insbesondere einen Überblick über die finanziellen Ressourcen im EU-Haushalt für diesen Bereich. Obwohl sie Initiativen wie "Europe, Vote for Peace!" und den Vorschlag, einen europäischen zivilen Friedensdienst einzurichten, begrüßt, sieht sie für den Menschenrechtsausschuss nur begrenzten Spielraum, friedenspolitische Initiativen zu ergreifen. Sie rät daher dazu, nach Verbündeten im Bereich der Ausschüsse für Auswärtige Angelegenheiten und für Sicherheit und Verteidigung zu suchen und dabei angesichts der Mehrheiten im Europäischen Parlament auch konservative ParlamentarierInnen anzusprechen.

Warnende Stimmen aus dem Publikum wiesen in der anschließenden Diskussion auf die Risiken einer direkten Zusammenarbeit von Militär und Hilfsorganisationen hin, der basisbezogene Ansatz des deutschen zivilen Friedensdienstes wurde hervorgehoben und die Möglichkeiten, die sich im nächsten Jahr aus dem zehnjährigen Jubiläum der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates zur Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen ergeben, wurden dargestellt.

Empfohlene Weblinks

www.wilpf.de

www.soziale-verteidigung.de


Partner

Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit

Bund für Soziale Verteidigung e. V.



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24.10.2009

2. Panafrikanismus-Kongress München

Am 2. Panafrikanismus-Kongress in München nahmen ca. 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedenster Nationalitäten aus ganz Deutschland, aus Europa, aus Kanada, den USA und aus Afrika teil.

Einen ausführlichen Bericht über den Kongress, seine Hintergründe, teilnehmer/innen und die wesentliche Inhalte der verschiedenen Redebeiträge können Sie auf der Internetpräsenz des Arbeitskreises Panafrikanismus München lesen.

Und hier finden Sie viele interessante Bilder von diesem Kongress.

ReferentInnen

John Jerry Rawlings
Ex-Präsident Ghanas (1981 – 2001)

Dr. Grada Kilomba
Psychologin, Schriftstellerin und Dozentin an Universitäten in Ghana und in Deutschland

Aziz Salmone Fall
Dozent für Politikwissenschaften und Anthropologie an der McGill Universität und an der UQAM Kanada, Mitgründer der GRILA (Groupe de recherche et d’initiative pour la libération de l’Afrique)

Providence Tuyisabe
Wirtschaftsingenieur FH,Vorsitzender RDGN - "Rwanda Diaspora Global Network,Germany", Vorstandsmitglied im Stiftungsprojekt "Memory Books – Perspektive für Kinder in Afrika"

Nuhu Ribadu
Stipendiat des St. Anthony's College, Oxford und des Center for Global Development Washington D.C.; ehemaliger Vorsitzender der Economic and Financial Crimes Commission, EFCC, Nigeria

Bob Brown
Ehemaliger Aktivist der Bürgerrechtsbewegung in den USA, Mitbegründer der "All African People’s Revolutionary Party", USA


Partner

Arbeitskreis Panafrikanismus München

Landeshauptstadt München, Kulturreferat

Goethe-Institut

Netzwerk München e.V.

Ghana International Airlines

Reiseservice SACCC

 



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14.10.2009

Michelle Obama - Die schwarze First Lady für das weiße Amerika

Michelle Obama

Christoph von Marschall schilderte in seinem Vortrag sehr anschaulich, wie die erste schwarze "First Lady" als Präsidentengattin lebt, woher sie kommt und was ihr Erfolgsrezept ist.

Den gesamten Vortragstext können sie jetzt bei uns als PDF-Dokument herunterladen.

ReferentInnen

Christoph von Marschall ist USA-Korrespondent des "Tagesspiegel" und Autor der Biographie Barack Obama: Der schwarze Kennedy. Sein neuestes Buch Michelle Obama: Ein amerikanischer Traum ist soeben im Orell Fuessli Verlag erschienen. 


Partner

Bayerisch-Amerikanisches Zentrum im Amerika Haus München e.V.



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Exitstrategien

Zwischenruf zur Aussenpolitik

Von Joscha Schmierer

Über Exitstrategien wird im Allgemeinen dann zu diskutieren begonnen, wenn sich zeigt, dass man es versäumt hat, die strategischen Ziele einer Intervention rechtzeitig und sorgfältig zu definieren sowie sich der Mittel zu vergewissern, wie die Ziele bei ausreichender Geduld und Beharrlichkeit aller Wahrscheinlichkeit nach erreicht werden können.

Was zum Beispiel jetzt als Exitstrategie für Afghanistan vorgeschlagen wird, ist der bessere und zielstrebigere Einsatz von Mitteln für Ziele, die immer schon bekannt waren, aber über nun acht Jahre lang nie mit der notwendigen Konsequenz verfolgt wurden: Der afghanische Staat sollte so geordnet und gestärkt werden, dass von seinem Territorium ausgehend nicht erneut ungestört terroristische Aktionen vorbereitet und angeleitet werden konnten, wie sie Al Qaida am 11.9.2001 in New York und Washington durchgeführt hatte.

Eine Restauration des Talibanregimes musste also dauerhaft ausgeschlossen werden, was eine Staatsverfassung und Regierung voraussetzt, ausreichende Sicherheitskräfte und eine Justiz, die den Anforderungen und Verpflichtungen einer UN-Mitgliedschaft gerecht werden. Und UN-Mitglied ist Afghanistan schon lange. Diese Ziele waren und sind hochgesteckt. Die Mittel, die für sie eingesetzt wurden, waren von Anfang an zu gering und schlecht koordiniert. Das rächte sich mit einem Neuerstarken der Taliban und eines vor allem paschtunischen Widerstands.

Es sind nicht nur die Taliban, die an einem funktionierenden staatlichen Gewaltmonopol und rechtstaatlichen Strukturen kein Interesse haben. Auf beidem musste der Schwerpunkt der Anstrengungen liegen, um die Voraussetzungen einer wirtschaftlichen Entwicklung zu schaffen. Letztere ist, worauf Paul Collier, Ökonom und Afrikaexperte, jüngst nachgewiesen hat, immer die eigentliche "Exitstrategie"(1). Stattdessen wurde Trost im Aufbau einer demokratischen Fassade gesucht. Wahlen, ohne hinreichende institutionelle Voraussetzungen, können Betrug und Korruption fördern und die Spannungen im Land erhöhen.

Erfolglose Jagd auf die Al Qaida-Führung

Das Ausgangsproblem in Afghanistan war: Eine entsprechende internationale Politik hätte die Führung durch die USA gebraucht. Die aber gaben sich in Afghanistan mit einer ineffektiven und bisher erfolglosen Jagd auf die Al Qaida-Führung zufrieden und bereiteten den nächsten Krieg im Irak vor. Insofern sind erst mit der jetzigen US-Regierung die Voraussetzungen gegeben, um die strategischen Ziele des internationalen Einsatzes mit angemessenen Mitteln zu verfolgen. Das kann man Exitstrategie nennen. Es geht darum, die strategischen Ziele zu erreichen, bevor man den Einsatz beendet.

Die Diskrepanz zwischen diesen Zielen und den Mitteln, mit denen sie verfolgt wurden, ist die Ursache für das drohende Desaster. Man kann versuchen, es abzuwenden, ihm aber nicht entgehen, indem man sich absetzt. Im Vortext zu einem Kommentar Peter Blechschmids in der Süddeutschen Zeitung heißt es: "In Afghanistan gibt es für die Bundeswehr nur zwei Möglichkeiten: Mehr Soldaten oder Abzug." Freilich geht es hier nicht um die Entscheidung der Bundeswehr, sondern um die des Parlaments. Es steht auch nicht einfach das Scheitern der Bundeswehr auf dem Spiel, sondern das der Vereinten Nationen und der internationalen Bemühungen, durch Staatsbildung die Freiräume des terroristischen Islamismus einzuengen.

Aber solange es bei der deutschen Verantwortung für den Norden Afghanistans bleibt, kann die Folgerung aus den jüngsten Entwicklungen nur lauten, "dass man die Bedingungen für den Einsatz grundlegend verändert. Die jetzt erlaubten 4500 Soldaten reichen nicht aus, die erstarkten Taliban erfolgreich zu bekämpfen. Vor allem reichen sie nicht aus, um befriedete Regionen dauerhaft zu sichern." Die militärische Schwäche ist ein Manko für die zivile Entwicklung: "Wenn Dorfälteste befürchten müssen, von nur zeitweilig vertriebenen Taliban wegen der Zusammenarbeit mit den Ausländern ermordet zu werden, dann werden sie zur Kooperation nicht bereit sein."(2)

Lehrstück Bosnien-Herzegowina

Richard Holbrooke ist heute der US-Sonderbeauftragte für Afghanistan. Im Buch über seine Balkanmission erinnerte er 1998 an das anfängliche Versagen der IFOR bei der Implementierung des Dayton-Abkommens von 1995. Das Dayton-Abkommen sanktionierte einerseits die durch den Krieg erzwungene ethnische Territorialisierung, indem es sie institutionalisierte. Andererseits beharrte es auf einem gemeinsamen Staat der neu geschaffenen "Entitäten", der Republica Srpska und der bosnisch-kroatischen Föderation. Im Rahmen dieses gemeinsamen Staates sollte auch die Rückkehr der Vertriebenen ermöglicht werden.

Beides, ethnische Territorialisierung und Rückkehr der Vertriebenen im Rahmen des gemeinsamen Staates, stand in Widerspruch. So musste die weitere Entwicklung zeigen, welche Seite den Vorrang einnahm. Das hing weitgehend vom Einsatz der IFOR ab. "Eingeschüchtert von dem Anblick  der 60.000 IFOR-Soldaten taten die drei Volksgruppen in Bosnien bis zur Katastrophe im März (1996) fast alles, was die IFOR anordnete." Die Katastrophe bestand in der ethnischen Säuberung der serbischen Viertel Sarajewos durch serbische Banden, die eindeutig von Karadzic und seinen Leuten gelenkt wurden. Wohnungen und Häuser wurden angezündet, serbische Familien, die bleiben wollten, wurden bedroht.

"Wir dürfen nicht zulassen, dass auch nur ein einziger Serbe in den Gebieten bleibt, die unter muslimisch-kroatische Kontrolle fallen", zitiert Holbrooke Gojko Klickvic, den Leiter des Umsiedlungsbüros der bosnischen Serben. Unter ihrem Kommandeur US-Admiral Smith sah IFOR diesem Wüten tatenlos zu. Polizeiaufgaben seien ihre Sache nicht, meinte Smith. So unternahm er auch nichts gegen Karadzic, der sich zu dieser Zeit noch frei durch Kontrollpunkte der IFOR bewegen konnte. "Wenn (die NATO) härter vorgegangen wäre, sähe die Lage jetzt anders aus", sagte UN-Sprecher Janowski. "Wir erleben zur Zeit mit, wie das multiethnische Bosnien das Klo hinuntergespült wird."

Gute Politik braucht eine gute Umsetzung

Holbrooke fasst zusammen: "Die Ereignisse von Mitte März (1996) boten ein Schulbeispiel für die Hartnäckigkeit und Rechtlosigkeit der Serben und für das Durcheinander unter den mit der Implementierung beauftragten Organisationen. Die Ereignisse veranschaulichen auch eine von Washingtons wichtigsten und zugleich am meisten missverstandenen Maximen: Wird eine gute Politik schlecht ausgeführt, so wird sie zu einer schlechten Politik."(3)  Als es später die Rückkehr der Muslime in den serbischen Teil Bosniens zu ermöglichen galt, wurde sie von serbischer Seite mit dem Hinweis auf die Ereignisse in Sarajewo, die sie selbst in Szene gesetzt hatte, sabotiert.

Dass bei entschlossenem Vorgehen von der Internationalen Gemeinschaft ein politisches Umfeld geschaffen werden konnte, in dem ein friedliches Zusammenleben von Bosniaken und Serben praktiziert werden konnte, zeigt ein Bericht der European Stability Initiative (ESI) über die Entwicklung im Kreis Doboj nahe der Grenze zwischen Föderation und Republica Srpska. Im August 1997 hatte SFOR dort die Kontrolle übernommen und die Einheiten der Spezialpolizei entwaffnet und aufgelöst, die bis dahin die Rückkehr der Flüchtlinge verhindert hatten. Eine Abteilung hatte sich der Neuorganisation verweigert. SFOR stürmte im November schließlich ihr Hauptquartier, beschlagnahmte alles, was sie fand, entwaffnete die Offiziere und entzog ihnen die Amtsbefugnis.

In den folgenden Jahren wurde die lokale Polizei mit Hilfe der von den UN gebildeten International Police Task Force (IPTF) umgeformt. Eine Priorität war es, alle Offiziere auszugliedern, die an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen waren. Die Auflösung der Strukturen der städtischen Polizei aus den Kriegsjahren machte die Rückkehr der Bosniaken möglich. Zum Zeitpunkt des Berichts waren mehr als die Hälfte der Bosniaken zurückgekehrt, die vor dem Krieg hier gewohnt hatten. Der Bericht nennt dies die unerzählte Geschichte Bosniens (4). 

Das Beispiel mag nicht typisch sein. Es zeigt jedoch, dass, wenn die internationalen Kräfte energisch auftreten und die kriminellen Strukturen aufbrechen, Wege der Verständigung eröffnet werden. Die ethnopolitische Repression scheint eher von oben institutionell gefördert als individuell verankert zu sein. In einer im Allgemeinen düsteren Lagebeschreibung nennen Patrice C. McMahon und John Western den selbstverwalteten Brcko District als eine weitere Erfolgsgeschichte. In Brcko hatten während des Krieges einige der schlimmsten Grausamkeiten stattgefunden, "aber heute leben dort die muslimischen, kroatischen und serbischen Communities in relativer Harmonie." Auch hier war das entschlossene und beharrliche Eingreifen der Internationalen Gemeinschaft entscheidend (5).

Und Afghanistan …

Meine Absicht hier ist nicht, die Situation in Bosnien-Herzegowina und in Afghanistan gleichzusetzen. Die Ausgangsbedingungen waren verschieden, die geopolitische Formation, in der sich diese Konflikte entwickelten, bleibt verschieden. Aber in beiden Ländern zeigt sich, dass die Probleme internationaler Interventionen weniger daraus entspringen, dass sie einen äußeren Eingriff darstellen als vielmehr aus dem spezifischen Charakter der Intervention. Halbherzigkeit, schlechte Vorbereitung und Ausrüstung, mangelhafte Koordination und ungenügende Kooperation zwischen den Kräften im Inneren, die an Stabilität, Gewaltverzicht und Friedensordnung interessiert sind, und den internationalen Interventionskräften, die Diskrepanz zwischen den hochgesteckten politischen Zielen und den geringen oder falsch und unkoordiniert eingesetzten Mitteln schaffen erst eine Lage, in der es nur noch um eine Exitstrategie zu gehen scheint. Und dies, weil der Intervention selbst keine Strategie zugrunde lag, die Ziele und Mittel in ein angemessenes Verhältnis gesetzt hatte.

Die gravierenden Anfangsfehler – und in dieser Hinsicht gibt es genug Parallelen zwischen Bosnien-Herzegowina und Afghanistan – können sich so auswirken, dass die Rettung der Mission nur noch im Verzicht auf die ursprünglichen Ziele gesehen wird. Es gibt genügend Beispiele für solches Rückgehen: Somalia etwa. Gegenüber Afghanistan fällt eine solche Haltung in der deutschen Politik umso leichter, als die Beteiligung an der internationalen Aktion immer in Begriffen des engen Selbstinteresses und der Verteidigung der deutschen Sicherheit unmittelbar am Hindukusch reflektiert und begründet wurde.

In dieser Unmittelbarkeit eines engen deutschen Interesses ist die Beteiligung nicht plausibel, als Aktion zur Sicherung des Weltfriedens hingegen, wie sie durch die UN-Sicherheitsratsbeschlüsse legitimiert ist, hat sie die Vernunft, das allgemeine Interesse und das Interesse der meisten Afghanen auf ihrer Seite. Sie muss dem allerdings gerecht werden. Vor allem muss sie Entwicklung und Verbesserung der Lage der Afghanen ermöglichen. Eine Bedrohung des Weltfriedens im Sinne der UN-Sicherheitsratsresolution gefährdet nicht unmittelbar unser Leben, wohl aber unsere postheroische Lebens- und Denkweise. Für den Einsatz der Bundeswehr heißt das, dass mangelnde Ausrüstung und fehlende politische Unterstützung durch individuelles Heldentum der Soldaten weder ausgeglichen werden kann noch ausgeglichen werden soll.

In Afghanistan wäre ein Abzug der Bundeswehr, wie ihn etwa die Partei Die Linke fordert, ein internationaler Skandal. Lafontaine kann lange Willy Brandt zitieren, dass von deutschem Boden nie mehr ein Krieg ausgehen dürfe. Der Krieg in Afghanistan geht nun wirklich nicht von deutschem Boden aus und der UN-mandatierte Einsatz, um die Bedrohung zu beenden, die von der Lage dort ausgeht, ist keine deutsche Entscheidung. Für die Stellung der Bundesrepublik in den UN wäre es eine politische Katastrophe, wenn die Entscheidung des Deutschen Bundestages, sich an dem Einsatz zu beteiligen, aus innenpolitischen Gründen einseitig rückgängig gemacht würde. In Bosnien-Herzegowina dagegen lässt sich ein deutsches und europäisches Wegschleichen denken, das erst auffallen wird, wenn erneut offene Gewalt ausbricht.

 

Bemerkungen:
1. Gefährliche Wahl. Wie Demokratisierung in den ärmsten Ländern der Erde gelingen kann, München 2009
2. Das Ende der Illusionen, SZ vom 12.9.09
3. Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien, München 1998, S. 513- 518
4. A Bosnian Fortress. Return, energy and the future of Bosnia, 19. Dezember 2007
5. The Death of Dayton. How to Stop Bosnia From Falling Apart, Foreign Affairs, Sept.-Oct. 2009, S. 69 – 83, hier S. 72



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Statt Entitäten und Provisorien: Zwei-Staaten-Lösung. Israel hat die Initiative

Zwischenruf zur Außenpolitik

Von Joscha Schmierer

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist vielleicht nicht der gefährlichste internationale Konflikt, sicher aber der komplizierteste. Mit der Spaltung der Palästinenser und der politischen Loslösung des Gazastreifens von der palästinensischen Administration im Westjordanland einerseits und mit der Dynamik der israelischen Siedlungsprojekte wird eine Lösung immer schwieriger. Man kann den Konflikt nicht im Schnelldurchgang und auf den letzten Drücker einer amerikanischen Präsidentschaft zu lösen versuchen. Dafür ließ man ihn viel zu lange schwelen. Mit ihren Last-Minute-Einsätzen als Friedensstifter sind Bill Clinton und Bush jeweils eindrucksvoll gescheitert. Bushs Ansatz mit der Annapolis-Konferenz und der Absichtserklärung noch vor Ende seiner Amtszeit eine Vereinbarung zwischen Israel und der PLO zustande zu bringen, war ohnehin mehr als Flankendeckung des Irakkriegs gedacht.

Gerade, weil eine Lösung immer schwieriger wird, verlangt sie eine entschlossene und zugleich ausdauernde Anstrengung. Zu ihr hat sich Präsident Obama gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft bereit erklärt. In seiner Kairoer Rede hat er die existenzielle Verbundenheit der USA mit Israel unterstrichen und zugleich einen sofortigen Siedlungsstopp gefordert.

Befristeter Baustopp?

Von israelischer Seite wäre ein Siedlungsstopp der entscheidende Schritt, um einen Verständigungsprozess in Gang zu bringen. Zwar nannte Barack Obama gegenüber dem ägyptischen Präsidenten unter einigen "ermutigenden Anzeichen" für Fortschritte im Nahen Osten auf dem Weg zu einer Friedensvereinbarung Berichte, dass seit März keine neuen Genehmigungen für Siedlungen im Westjordanland mehr erteilt worden seien. Doch diese Mitteilung wurde auf doppelte Weise sofort in Frage gestellt. Einerseits erhob sich inner- und außerhalb der Regierung heftiger Protest gegen einen angeblichen Siedlungsstopp. Zudem betonte Bauminister Attias, der Baustopp sei nur befristet und diene dazu, die internationale Unterstützung für den späteren Ausbau jüdischer Siedlungsblöcke zu erhalten, die Israel auch im Falle eines Friedensabkommens mit den Palästinensern weiter behalten wolle.

Andererseits bezeichnete Jariv Openheimer von Peace now die Baustopp-Berichte als einen "großen Bluff". So würden derzeit im Westjordanland 1000 Wohnungen errichtet. Außerdem erfolgten 60 Prozent der Bautätigkeiten in den jüdischen Siedlungen mit privaten Mitteln. Selbst wenn Netanjahu einen befristeten Baustopp angekündigt habe, beträfe dies nur 40 Prozent sämtlicher Bautätigkeiten in jüdischen Siedlungen.

Thorsten Schmitz von der Süddeutschen Zeitung, dessen Korrespondenz aus Tel Aviv hier gefolgt wird (s. "Ärger über angeblichen Baustopp für jüdische Siedlungen", SZ 20.08.09), meint, man könne auch mit eigenen Augen sehen, dass in jüdischen Siedlungen wie Beit El und Beitar Illit gebaut wird. Das Büro des palästinensischen Chefunterhändlers Saeb Erekat ließ erklären, dass die bereits genehmigten Projekte von einem befristeten Baustopp nicht betroffen seien. Es werde "überall gebaut".

Dynamik der Siedlungsbewegung

Ein befristeter Baustopp läuft also darauf hinaus, im Verlauf der Frist ungestört weiterzubauen. Er ändert nichts an der ungebrochenen Dynamik der jüdischen Siedlungsbewegung in den seit 1967 besetzten Gebieten. 300 000 Siedler leben bereits jetzt im Westjordanland, 200 000 im arabischen Ostteil Jerusalems. Es liegt im Wesen dieser Siedlungsbewegung, dass sie sich mit der wachsenden Zahl von Siedlern beschleunigt. Jede Siedlung bildet das Zentrum von neu vorgeschobenen Außenposten, die als Pilotprojekte weiterer Siedlungsschübe wirken.

In einer Besprechung von David Shulmans Aufzeichnungen "Dark Hope: Working for Peace in Israel and Palestine" bezieht sich der israelische Philosoph Avishai Margalit auf den Versuch, diese Dynamik zu beschreiben. Mit "intricate machine" werde das Zusammenwirken verschiedener Regierungsbehörden, darunter Armee und Polizei, und der zivilen Verantwortlichen bei der Verwaltung der West Bank auf den Begriff gebracht . Unter Berufung auf Shulmans Erfahrungen macht Margalit mit der Generationenfolge unter den Siedlern auf ein weiteres Moment der Dynamisierung aufmerksam: Die junge Generation von Siedlern, die isoliert in den Siedlungen aufgewachsen sei, hätte erfolgreich ihre Eltern radikalisiert. Diese seien nun bereit, sich der Polizei und der Armee in einer Weise zu widersetzen, wie sie es aus ideologischen Gründen früher nicht gewagt hätten. Das Straßennetz und die Sicherheitszonen um die Siedlungen und Außenposten bewirkten, dass die Ausweitung der israelischen Kontrolle nicht von der Zahl der Siedler, sondern vom Ausmaß der Schutzzonen, von denen Palästinenser ausgeschlossen sind, abhängig sei. So hat sich ein außerstaatlich-staatliches strategisches Vorfeld gebildet, das gerade wegen der Verwicklung von staatlichen Maßnahmen und gesellschaftlicher Bewegung nur unter größten Schwierigkeiten und innerisraelischen Erschütterungen zurückgenommen werden könnte.

US-Politik bleibt umstritten

Wie mit den jüdischen Siedlungen umzugehen sei, ist auch in der amerikanischen Politik unklar. Barack Obama hatte in seiner Kairoer Rede zwar einen sofortigen Siedlungsstopp verlangt, aber darauf verzichtet, die Siedlungen als illegal zu bezeichnen. Die früheren Stabsangehörigen des Nationalen Sicherheitsrates Flynt Leverett und Hillary Mann Leverett sehen in dieser Unterlassung die Fortsetzung der jahrzehntelangen erfolglosen Bemühungen, einen israelisch-palästinensischen Frieden herbeizuführen. Ihren Ausgangspunkt hätten sie in der Entscheidung der Reagan-Regierung von 1981, die israelischen Siedlungen auf besetzten arabischen Gebieten nicht länger als "illegal" zu bezeichnen. Damit sei der Boden der Genfer Konvention aufgegeben und der rechtlichen Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet worden. So fehle auch der Roadmap der klare Wegzeiger.

Die entgegengesetzte Kritik kommt etwa von Steven J. Rosen, einem früheren außenpolitischen Direktor des American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) und heutigem Direktor des Washington Project at the Middle East Forum. Er hält die Forderung nach einem sofortigen Siedlungsstopp für kontraproduktiv, weil sie Netanjahu jede Manövrierfähigkeit nehme. Stimme Netanjahu zu, verlöre er sein parlamentarisches Mandat. Netanjahu wisse, dass er in Fragen der Siedlungen Kompromisse machen müsse, er könne das aber nur, wenn auch Obama Kompromisse mache . In dem Maße, wie sich Obama hier nachgiebig zeigt, entzieht er der Kompromissbereitschaft auf palästinensischer Seite die Basis. Alle am Friedensprozess beteiligten Seiten stehen vor einem verteufelten Dilemma. Frömmigkeit hilft nicht heraus.

Ein deutscher Moralphilosoph nimmt das Wort

Der Rat Robert Spaemanns, eines philosophischen Fachmanns in Fragen der Moral, ließ nicht lange auf sich warten. Der Schlüssel liege in Amerika. Der Frieden in Nahost komme nicht zustande, "weil hier ein Grundgesetz des politischen Lebens ständig missachtet wird, das Gesetz des Zusammenhangs von Schutz und Gehorsam." Weil die USA ihren Schutz bedingungslos gewährten, bleibe es letztlich allein Sache der israelischen Regierung, ob sie die Ratschläge der Schutzmacht befolge oder nicht. "Wenn sie es nicht tut, setzt sie ihre Existenz nicht aufs Spiel." Und so könne Israel handeln wie ein "Halbwüchsiger, der deshalb nie erwachsen wird, weil, was auch immer er anrichtet, der Papa es schon richten wird und er nie die Suppe auslöffeln muss, die er sich eingebrockt hat. Nur Amerika kann Israel dazu verhelfen, erwachsen zu werden und den Realitäten ins Auge zu sehen." Das Wort "bedingungslos" hätte im politischen Raum nichts verloren.

Hindernisse für den Frieden seien die Besetzung fremden Territoriums und die völkerrechtswidrigen Siedlungsbauten, die nicht nur gestoppt, sondern auch beseitigt werden müssten. Außerdem müsse Israel auf die "ethnische Selbstdefinition" verzichten, die jeden Nichtjuden zum Fremden macht.

"Entscheidend ist, wer diese Hindernisse als Hindernisse definiert. Und das kann nur der sein, der die Bestandsgarantie gibt. Amerika hat eine Verantwortung für Israel, solange Israel von Amerika abhängig ist. Und es wird dieser Verantwortung nur gerecht, wenn es Bedingungen formuliert, von deren Erfüllung es die Bestandsgarantie abhängig macht. Das allein würde in Israel zum Erwachen eines Bewusstseins für die Realitäten führen, das die Voraussetzung eines Friedens im Nahen Osten bildet."

Diese radikale Vereinfachung eines komplizierten Problems gelingt nur durch Abstraktion von Kategorien der zwischenstaatlichen Beziehungen. Unterschiede des politischen Gewichts zwischen Staaten negieren nicht ihre Gleichheit als Staaten. "Schutz und Gehorsam" sind eben kein "Grundgesetz des politischen Lebens", sondern nur die extreme Form von Komplementaritäten, die im Verhältnis zwischen Staaten kategorisch ausgeschlossen ist. "Bestandsgarantie" und gehorsame Unterwerfung widersprechen nicht nur dem Gleichheitsverhältnis unter Staaten, sondern auch dem tatsächlichen Verhältnis zwischen den USA und Israel. Es ist eine völlige Illusion, die USA bräuchten nur auf den Tisch zu hauen und das "halbwüchsige" Israel müsse sich den Bedingungen der USA unterwerfen, wie sie Spaemann nicht nur Israel, sondern auch den USA verordnen zu können glaubt.

Was Israel fehlt

Das Grundproblem des Staates Israel ist nicht der mangelnde Gehorsam gegenüber den USA, sondern dass Israel sich damit eingerichtet hat, es im Verhältnis zu den Palästinensern nicht mit einem anderen Staat zu tun zu haben. Es gibt diesen Staat nicht und die israelische Politik will einen solchen Staat auch gar nicht. Es ist das gemeinsame Unglück dass die UN-sanktionierte Teilung Palästinas nicht mit einer parallelen Staatenbildung auf israelischer und palästinensischer Seite Hand in Hand ging. So ist die israelische Besatzung keine Besatzung fremden Staatsgebietes. So verlangt Israel zwar Gehorsam von den Bewohnern der besetzten Gebiete, sieht sich aber keineswegs gezwungen, den Schutz zu gewähren, der aus den Verpflichtungen der Genfer Konvention in Kriegen zwischen Staaten erwächst. Dass der größte Teil der Grenzen Israels keine Grenze zwischen Staaten ist, lässt Israel in den Grenzen von 1967 der israelischen Politik als Provisorium erscheinen. In diesem staatlichen Provisorium vor dem Hintergrund des mehr oder weniger ausgesprochenen zionistischen Anspruchs auf ganz Palästina entfalten sich die Siedlungsbewegung und der expansive Kontrollanspruch Israels.

Die fehlende palästinensische Staatlichkeit kann nicht durch eine illusorische arabische Staatengemeinschaft ersetzt werden, für die die palästinensischen Interessen doch immer nur Spielgeld im Konflikt untereinander und mit Israel waren und sind. Es ist also wahr: Die israelische Staatlichkeit hat etwas Provisorisches, das auf Grund der eigenen Überlegenheit in politische Unreife umschlagen kann. Es fehlt Israel die Selbstanerkennung als Staat in völkerrechtlich verbindlichen Grenzen und es fehlt ihm vor allem in Palästina an einem staatlichen Partner, mit dem Konflikte verbindlich auf dem Verhandlungsweg zu lösen wären.

Im Grunde kann sich nur Israel selbst von seinem provisorischen Charakter befreien. Mit der Losung "Land für Frieden" strebte die israelische Friedensbewegung das auch an. Aber auch dieser Prozess verlangt einen Partner, der zunehmend staatliche Form annimmt. Und die Losung hatte auch einen Schönheitsfehler: Land zurückzugeben, das man vorher besetzt hat, klingt generöser als es ist.

Solange Israel sein provisorisches Selbstverständnis nicht überwindet, läuft es Gefahr, den ganzen Nahen Osten als Provisorium zu belassen. Israel selbst hat das Interesse, dem Völkerrecht Geltung zu verschaffen und über einen Siedlungsstopp die Voraussetzungen für einen weitgehenden Rückzug auf die Grenzen von 1967 zu schaffen. Diese israelische Bereitschaft ist die Basis palästinensischer Staatsbildung. Die USA und die EU können diesen Prozess ermutigen und unterstützen. Erzwingen können sie ihn kaum. Äußerer Zwang würde auch kaum die erwünschte Stabilität erzielen.

Die Zweifel an der Zwei-Staaten-Lösung werden in letzter Zeit von unterschiedlichsten Seiten geäußert. Sie werden auch geschürt. Tatsächlich setzt die Zwei-Staaten-Lösung voraus, dass Israel sich als ein Staat unter Staaten versteht und deshalb alles daran setzt, in einem palästinensischen Staat den notwendigen Partner zu finden. Es fehlt nicht an Gehorsam, sondern an Einsicht. Wo sollte das Bewusstsein stärker sein als in Israel, dass man einen Staat machen muss, um gleichberechtigt zu sein? 

 



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30.08.2009

Bildungsreise: Serbien/Bosnien-Herzegowina

Der Reiseverlauf

Sonntag, 30. August
9:00 h: Treffpunkt Flughafen München, Terminal 2, Ebene 4, Infoschalter. Flug mit Lufthansa ab München 11:05 Uhr – an Belgrad 12:30 Uhr Fahrt zum Hotel. Nach dem Einchecken Begrüßungscafe, Vorstellung der Gruppe und des Programms. Danach kleine Tour durch Belgrad. Am Abend gemeinsames Essen mit Andrej Ivanji, Korrespondent der taz und des Wiener Standard in Belgrad, der uns in die politischen Verhältnisse Serbiens aus journalistischer Sicht einführte. Mit dabei waren auch Wolfgang Klotz, Leiter des hbs Büros in Belgrad und die Projektkoordinatorin der hbs in Belgrad, Paola Petric.  Übernachtung im Hotel Kasina in Belgrad.

Montag, 31. August
Ein ganzer Tag in Belgrad. Wir besuchten das königliche Gelände im Stadtteil Dedinje den königlichen sowie den weißen Palast. Am frühen Nachmittag gab es ein Gespräch in der deutschen Botschaft mit dem ständigen Vertreter des Botschafters, Hans-Ulrich Südbeck. Anschließend Treffen mit der Präsidentin des Helsinki Komitee für Menschenrechte in Serbien, Sonja Biserko in einem soziokulturellen Zentrum.
Abend zur freien Verfügung. Übernachtung im Hotel Kasina in Belgrad.

Dienstag, 1. September
Wir verlassen Serbien und passieren die Grenze zu Bosnien–Herzegowina. Gegen Mittag erreichen wir Srebrenica. Nach dem Mittagessen besichtigten wir das Memorial Center Potocari.
Am Nachmittag Gespräche mit Vertreterinnen der Vereinigungen „Mütter von Srebrenica“ und „Frauen von Srebrenica“ sowie dem stellvertretenden Bürgermeister Srebrenicas, Camil Durakovic und dem Vertreter der islamischen Religionsgemeinschafttt, Imam Damir ef. Imamovic. Der Vertreter der christlich-orthodoxen Religionsgemeinschaft, Pope Zeljko Teofilovic konnte seine Teilnahme leider nicht zusagen.
Anschließend Weiterfahrt nach Tuzla. Ankunft am frühen Abend.
Gemeinsames Abendessen im Hotel. Übernachtung im Hotel Tuzla in Tuzla.

Mittwoch, 2. September
Am Vormittag Gespräch mit Dzemila Agic (Leiterin) und Sabina Jukan (Umweltexpertin) beim Zentrum für Ökologie und Energie in Tuzla. Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Sarajevo. Unterwegs unternahmen wir einen kleinen Ausflug in die Sarajevo umgebenden Berge. Auf einer Wanderung mit gemeinsamem Picknick erkundeten wir die herrliche Natur um den mit 1524 Metern höchsten Berg der Umgebung, den Crepoljsko. Am späten Nachmittag Ankunft in Sarajevo.
Abend zur freien Verfügung.

Donnerstag, 3. September
Vormittags Stadtführung durch Sarajevo an die sich die Besichtigung des Sarajevo-Tunnels anschloss, der während der Belagerung der Stadt Anfang der 90er Jahre eigens zur Versorgung der Einwohner/innen und als Fluchtweg errichtet wurde.
Am Nachmittag gab uns die Leiterin des Böll Büros in Sarajevo, Mirela Grünther-Decevic einen Einblick in die Arbeit der Stiftung in Bosnien-Herzegowina. Danach Gespräche mit Sasa Madacki und Miroslav Zivanovic vom Menschenrechtszentrum der Universität Sarajevo sowie mit Srdan Dizdarevic vom Helsinki Komitee für Menschenrechte in BiH.
Abend zur freien Verfügung. Übernachtung im Hotel Bosnia in Sarajevo

Freitag, 4. September
Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg in die Herzegowina nach Mostar. Am Vormittag trafen wir bei einem Zwischenstopp in Konjic mit Amir Variscic einen Vertreter der Umweltorganisation „Grüne Neretva“. Ankunft in Mostar war am frühen Nachmittag. Nach dem Einchecken in Hotel besichtigten wir die zum UNESCO–Kulturerbe gehörende Altstadt.
Abend zur freien Verfügung. Übernachtung im Hotel Ero in Mostar

Samstag, 5. September
Vormittag: Gespräche mit ProjektpartnerInnen der Böll Stiftung, u.a. mit dem Schriftsteller Veselin Galato. Nachmittags Ausflug zu den in einer Karstlandschaft gelegenen Quellen der Buna.
Gemeinsames Abendessen mit Abschlussgespräch. Übernachtung im Hotel Ero in Mostar

Sonntag, 6. September
9:00 h: Nach dem Frühstück Fahrt mit dem Bus zum Flughafen nach Sarajevo.
Flug mit Lufthansa ab Sarajevo 13:00 Uhr – an München 14:30 Uhr


Partner

Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg e.V.


Art der Veranstaltung
Bildungsreise



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Amerikas neue politische Geografie

Die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten ist ohne Zweifel eine wichtige Zäsur in der Geschichte dieses Landes - sowohl innen- wie auch außenpolitisch.

Während die EuropäerInnen sich für ein eher konservatives Parlament entschieden haben, bläst in den USA den Republikanern der Wind heftig ins Gesicht. Die gegenwärtige Parteienlandschaft Amerikas und ihre Zukunftsperspektiven ein halbes Jahr nach der Präsidentschaftswahl analysiert von Klaus Linsenmeier, der das Büro Washington der Heinrich-Böll-Stiftung leitet.

Lesen Sie den gesamten Beitrag. 

Am Beispiel der Außenpolitik, speziell im Hinblick auf das Verhältnis der USA zum Iran, analysiert Joscha Schmierer in seinem jüngsten "außenpolitischen Zwischenruf" die Methodik des Regierungshandelns von Barack Obama. Schmierer zieht das folgende Fazit:

"Entschlossene Wende, umsichtiges Vorgehen ist Obamas Methode. Er verfolgt sie auf allen Feldern, auch bei der Schließung Guantanamos und dem Bruch mit den Folterpraktiken unter der vorigen Regierung. Das ist Pragmatismus im besten Sinn. Die Gegner der Wende werfen Obama Idealismus und Leichtsinn vor, die Gegner des umsichtigen Vorgehens klagen, es bleibe doch alles beim Alten. Beide lassen sich auf Obamas pragmatische Politik - seinen prinzipiengeleiteten Realismus - nicht ein, die einen aus Beschränkung, die anderen aus Unverständnis der Schwierigkeiten, einen großen Staat aus der Sackgasse herauszuführen. Der Erfolg Obamas wird davon abhängen, dass er sich weder von der einen noch von der anderen Seite aus der Bahn werfen lässt und weiterhin neuen Mut und neue Geduld verbindet."

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