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11.04.2011 - 19:30
In den Zuckeranbaugebieten Nicaraguas sind in den letzten Jahren über 4.000 Arbeiter an Nierenversagen gestorben. Zwei RepräsentantInnen der Organisation ANAIRC berichten über die Hintergründe dieser Situation. ANAIRC ist eine Vereinigung betroffener ehemaliger Zuckerrohrarbeiter, die durch den langjährigen Pestizideinsatz an chronischer Niereninsuffizienz leiden.
Die Zuckerbetriebe, die zu den einflussreichsten Unternehmen Zentralamerikas gehören, weisen jede Schuld an den Erkrankungen zurück, erkrankte Arbeiter werden einfach entlassen. Durch den Agrosprit-Boom werden sich diese untragbaren Zustände weiter verschärfen. Denn die Europäische Union setzt zunehmend auf die Beimischung von Ethanol zum Kraftstoff. Seit Anfang des Jahres ist das ökologisch höchst umstrittene Benzin E 10 mit einem Ethanolgehalt von 10 Prozent auf dem Markt. Dies steigert die Ethanolimporte der EU, auch aus Nicaragua, wo inzwischen immer mehr Zucker zu Ethanol verarbeitet wird.
ReferentInnen
Carmen Rios
Vorsitzende des Verbandes, der von chronischen Nierenerkrankung Betroffen in Nicaragua (ANAIRC).
Camilo Navas
studiert Journalismus und engagiert sich in einer Unterstützergruppe von ANAIRC
Veranstaltungsort
München, EineWeltHaus, Schwanthalerstr. 80, Weltraum U09
Kosten
Eintritt frei!
Partner
Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit
Umweltinstitut München e. V.
Münchner Umwelt-Zentrum e.V.
Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion
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23.03.2011 - 20:00
2011 jährt sich das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland zum 50. Mal. Das Filmfestival Türkei / Deutschland widmet diesem besonderen Jubiläum ein Sonderthema und wird das Zusammenleben von Deutschen und Türken in den letzten fünf Jahrzehnten auf kulturpolitischer Ebene beleuchten.
Wie sieht die kulturpolitische Bilanz nach 50 Jahren Gastarbeiteranwerbung aus? Welche Spuren haben türkische Einflüsse in der Kulturszene Deutschlands hinterlassen? Wie steht es um den Kulturaustausch zwischen beiden Ländern? Welche kultur- und gesellschaftspolitischen Konzepte sind notwendig, um Potentiale weiterzuentwickeln? Welche Rolle spielt dabei ein Festival wie das Filmfestival Türkei / Deutschland?
Der berühmte türkische Schauspieler und Regisseur Tunçel Kurtiz wird im Rahmen des Sonderthemas seinen Film „E5 – Die Gastarbeiterstraße - E5 Ölüm Yolu“ (1978) und die Dokumentation „In fremder Erde - Yabancı Topraklarda“ (2001) von Ayhan Salar vorstellen und mit dem Festivalpublikum diskutieren.
ReferentInnen
Tunçel Kurtiz
Die graue Eminenz des Theaters und Kinos steht seit fast 50 Jahren auf der Bühne, spielte in zahlreichen Theaterstücken, inszenierte selbst Werke und schrieb Drehbücher.
Auf der internationalen Kunstbühne ist der facettenreiche Wanderschauspieler ein gern gesehener Gast und spielte in großen Projekten von Peter Brook, Peter Stein und Yilmaz Güney. Als Schauspieler überrascht er in verschiedensten Rollen und Sprachen immer wieder das Publikum. 1978 drehte er den Dokumentarfilm "E5 – Die Gastarbeiterstraße" über die sogenannte Gastarbeiterroute, die bis 1985 als E 5 bezeichnet wurde, und u. a. türkische Arbeitsmigranten, mit ihrer Heimat verband. Dem deutschen Publikum ist der wandernde Geschichtenerzähler vor allem durch seine Hauptrolle in Fatih Akıns "Auf der anderen Seite" bekannt.
Veranstaltungsort
Nürnberg, Künstlerhaus, Festsaal
Partner
16. Filmfestival Türkei / Deuschland
Art der Veranstaltung
Film und Gespräch
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15.03.2011 bis 31.03.2011
Vortrag: Mangos gegen Kinderprostitution, Zucker gegen Armut
Kurzfristig ergab sich die Möglichkeit, einen aktuellen Bericht von der im Frühjahr stattgefundenen Projektreise zu Partnern des Fairen Handels auf den Philippinen mit ins Programm aufzunehmen. Ute Michallik, Geschäftsführerin des Weltladens und Teilnehmerin der Reise, berichtete von der Arbeit der Produzenten Alter Trade (Zucker), der Preda-Stiftung und kleinerer, vor allem kunsthandwerklich tätiger Produzenten. In Wort und Bild zeigte sie auch Einblicke in politische, kulturelle und wirtschaftliche Strukturen des Landes sowie die Chancen, die Fairer Handel den Menschen eröffnet.
Vortrag: Die Kultur des Alten und neuen Korea
Der Vortrag der neuen Stadtbücherei zeigte Aspekte Koreas aus erster Hand: Die Referentin Jung-Ja Holm ist selbst in Korea geboren und lebt seit mehreren Jahren in Augsburg
Ein Tag für Tibet
Aus kalendarischen Gründen und wegen der Ferienzeit fand der Tibet-Tag dieses Mal erst in der Woche nach dem Internationalen Tibettag am 10. März statt. In den Räumen der Neuen Stadtbücherei haben dazu Infostände, Filmbeitrag und ein Vortrag stattgefunden. Bereits im Vorfeld wurde mit Info-Aktionen im Weltladen und dem hissen der Tibetischen Flagge auf die Situation in Tibet aufmerksam gemacht.
Der Referent Winfried Pfeffer, Tibet-Kenner und Leiter des Kailash-Haues in Freiburg, ging auf die aktuelle Situation in Tibet im Spannungsfeld zwischen Politik und dem Weg des Dalai Lama ein. Dabei kamen Umweltfragen ebenso zur Sprache wie die derzeitigen Veränderungen der die politischen Strukturen. Am 20. März, einen Tag nach der Veranstaltung, haben die Exil-Tibeter einen neuen Premierminister (Kalon Tripa) und ihr Parlament (Chithui) gewählt. Der Jurist Lobsang Sangay wird sein Amt als neu gewählter Ministerpräsident voraussichtlich am 14. August 2011 antreten. Der Dalai Lama hat sich zurückgezogen und ist nur noch geistliches Oberhaupt der Tibeter.
Konzert: Gesang der Stille
Der bekannte Musiker und Künstler David Lindner kam über die Vermittlung des Fairtrade-Importeurs Akar nach Augsburg. Er ist bundesweit unter anderem mit zahlreichen Buchveröffentlichungen zum Thema Klangschalen bekannt. Kompetent führte er in die faszinierende Welt der Klangschalen ein und berichtet über seinen Besuch einer Manufaktur in Nepal, wo Klangschalen noch auf traditionelle Weise gefertigt werden. Weiter stellt er das Instrument in die kulturellen Zusammenhänge und informiert zum Beispiel, wie sich Tibetische Klangschalen von Japanischen unterscheiden. Die Goldschmiede-Kapelle der Anna-Kirche boteinen ansprechenden Rahmen für diese Veranstaltung.
Dia-Vortrag: Eindrücke Chinas
In Bildern und Berichten wurde hier die aktuelle Situation in China mit kulturellen, sozialen und politischen Hintergründen beleuchtet. Referenten waren Margarete und Martin Aulbach, die aktuell von einer China-Reise zurückgekehrt sind. Die beiden Pädagogen informierten anhand von anschaulichen Beispielen und Eindrücken ihrer Reise und forderten zur Auseinandersetzung auf. Neben prägnanten Fotos und einer ansprechenden Präsentation waren es auch die politischen und kulturellen Hintergrundinformationen, die zur Diskussion einluden.
Info-Abend: Asien in tausend TönenDie ehrenamtliche CD-Gruppe des Weltladens veranstaltete im Zeitraum der Asientage einen Info-Abend zu konkreten Beispielen der Weltmusik aus Asien mit Hörbeispielen.
Lesung: Mit dem Wind fliehen von Ranjith Henayaka
Kurzfristig konnte der Autor Ranjith Henayaka Arachchi für einen Vortrag in Augsburg gewonnen werden. Er schildert in seinem Buch in bewegender Form das Schicksal des jungen Tamilen Nathan und seiner Familie. In den Machtkämpfen tamilischer Guerillagruppen wird er ebenso mit dem Tod bedroht wie von der Gewalt der offiziellen Machthaber. Nathan gelingt die Flucht nach Deutschland. Der Autor gibt in seinem Buch einer Wirklichkeit ein Gesicht, die viele nur aus Medienberichten kennen. Er zeigt, was es heißt, um Leib und Leben fürchten zu müssen. Und er entlarvt eine Politik, die in Deutschland und Europa auf dem Rücken von Flüchtlingen betrieben wird.
Veranstaltungsort
Augsburg
Partner
Werkstatt Solidarische Welt e.V. und Weltladen GmbH
amnesty international Augsburg
Bündnis 90/ Die Grünen
Kino Liliom
Neue Stadtbücherei Augsburg
Stadt Augsburg
Tür an Tür e.V.
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Was in Tunesien begann, scheint sich unaufhaltsam in den Ländern der arabischen Welt auszubreiten: autokratische Regimes und deren zum Teil seit gefühlten Ewigkeiten regierenden Herrscher werden vom Volkszorn weggefegt. Was passiert da eigentlich?
Wir versuchen, auf dieser Seite Ursachen, Hintergründe und Perspektiven aufzuhellen und stellen hier Hinweise auf Analysen zur Verfügung, die über die jeweiligen Tagesaktualitäten hinaus interessant sein dürften.
Bahman Nirumand: Der Unterschied zwischen der iranischen und der ägyptischen Revolution
http://www.boell.de/weltweit/nahost/naher-mittlerer-osten-unterschiede-revolution-aegypten-2011-iran-1979-11229.html
Michael Krätke: Ein Brandbeschleuniger der Wut
http://www.freitag.de/politik/1105-ein-brandbeschleuniger-der-wut
Robert Misik: Der arabische Frühling
http://www.misik.at/sonstige/der-arabische-fruhling.php?
Inge Kloepfer/Konrad Mrusek: Aufstände - Die Früchte des Hungers
http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E7FAB1F63266D49109BCE10077E8BA469~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Muriel Asseburg/Stephan Roll: Ägyptens Stunde Null? - Akteure, Interessen, Szenarien
http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2011A10_ass_rll_ks.pdf
Fawwaz Traboulsi: Letzte Hoffnung Jasmin
http://www.boell.de/weltweit/afrika/afrika-tunesien-jasminrevolution-11051.html
Interview mit der algerischen Schriftstellerin Maissa Bey zur aktuellen Lage in Algerien: "Wir erwarten von europa nichts mehr"
http://www.boell.de/demokratie/geschlechter/feminismus-geschlechterdemokratie-algerien-interview-maissa-bey-11333.html
"Der bisherige Erfolg der arabischen Revolutionen - der Sturz der Despoten - ist zuallererst der Verdienst der mutigen Bevölkerungen. Die EU muss sich nun fragen, warum sie so lange an der Zusammenarbeit mit diesen Herrschern festgehalten hat und nicht konsequenter demokratische Reformen eingefordert hat." - Eine Analyse der Politikwissenschaftlerin Dr. Isabel Schäfer, Senior Researcher in International Relations und Mediterranean Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin.
http://www.boell.de/weltweit/europanordamerika/europa-nordamerika-revolution-eu-tunesien-libyen-aegypten-mittelmeerunion-11388.html
Adrian Rosenthal: Digitale Geburtshelfer der Revolution
http://www.politik-kommunikation.de/artikel/digitale_geburtshelfer_der_revolution/1
Nach dem Referendum: Ägyptens steiniger Weg zur Demokratie
http://www.boell.de/weltweit/nahost/naher-mittlerer-osten-aegypten-steiniger-weg-demokratie-referendum-11651.html
Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema
Eine sehr hilfreiche Zusammenstellung von Artikeln, Analysen und Links zum Thema gibt es auf dem Informationsportal "Politische Bildung":
http://www.politische-bildung.de/tunesien_aegypten.html
Heinrich-Böll-Stiftung: People's Power - The Arab World in Revolt - Democracy
Eine umfassende Sammlung von Kommentaren und Analysen zur Lage in Arabien. 264 Seiten, englisch.
http://www.boell.org.il/downloads/02_Perspectives_ME_2011_The_Arab_World_in_Revolt.pdf
Heiko Flottau: Von Kairo bis Damaskus: Die Rückkehr des Volkes
http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2011/juni/von-kairo-bis-damaskus-die-rueckkehr-des-volkes
Chérifa Magdi: Das Gewicht von sechzig Jahren. Ägyptens stockende Revolution
http://www.oeko-net.de/kommune/kommune-2011/kommune-2011-03/amagdi.htm
Diese Seite wird laufend aktualisiert!
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06.02.2011 - 15:00
Die Münchner Sicherheitskonferenz 2011
Unmittelbar nach Ende der 47. Münchner Sicherheitskonferenz wollen wir mit Teilnehmenden der Konferenz über neue sicherheitspolitische Diskurse, über veränderte Perspektiven und neue sicherheitspolitische Chancen und Allianzen diskutieren. Wie in den Vorjahren soll damit etwas mehr Transparenz gegenüber der kritischen Öffentlichkeit geschaffen werden.
Diese Themen werden die vom 4.-6. Februar in München stattfindende Sicherheitskonferenz bestimmen.
Seien Sie im Anschluss mit dabei !!!
ReferentInnen
Dr. Jackson Janes
Executive Director am "American Institute for Contemporary German Studies" der John Hopkins Universität in Washington, DC
Renate Grasse
Projektgruppe "Münchner Sicherheitskonferenz verändern" e.V.
Ralf Fücks
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Conrad Tribble
US-Generalkonsul, München
Moderation:
Gregor Enste
Referent Außen- und Sicherheitspolitik der Heinrich-Böll-Stiftung
Veranstaltungsort
München, Künstlerhaus am Lenbachplatz, Lenbachplatz 8
Kosten
Eintritt frei!
Partner
Heinrich Böll Stiftung
Art der Veranstaltung
Podiumsdiskussion
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Dokument
Ein Kommentar zur Revolution in Tunesien
Von Fawwaz Traboulsi
Die Jasminrevolte hat gesiegt, der Diktator ist geflohen. Das tunesische Volk hat mit dem Beginn des Jahres 2011 für sich selbst und die ganze arabische Welt ein strahlendes Stück Geschichte geschrieben.
Es war eine tunesische Jugendrevolte, die ein arbeitsloser Akademiker ausgelöst hat, indem er sich anzündete und damit ein ganzes Land erleuchtete. Eine Revolte, die sich aus dem armen ländlichen Süden in die Binnenstädte fortpflanzte, bevor sie die Hauptstadt Tunis erfasste, wo sich ihr Gewerkschaften, Berufsverbände, Parteien und Intellektuelle anschlossen.
Es war eine Revolte von Menschen, die ihre Angst überwanden und entdeckten, dass jenseits davon alles möglich wird. Sie widerstanden Waffengewalt, Gefängnis und Mord, und vereitelten die Versuche des Diktators, sich an die Macht zu klammern oder sie nach einer Phase des Vakuums wieder an sich zu reißen. Diese Revolte siegte ohne ausländische Unterstützung oder Einmischung, ja sie siegte trotz der Unterstützung des Auslandes für den Diktator! Das Frankreich von Präsident Sarkozy entsagte seinem engsten Verbündeten erst, als alles entschieden war, und erst dann auch stellte sich das Amerika Obamas auf die Seite des tunesischen Volkes und seines „Rechts auf die Wahl seiner Führer“. Und es ist mehr als bezeichnend, dass Ben Ali sich gerade nach Saudi-Arabien absetzte. Damit bekräftigte er eine Einheit der arabischen Regime, die auf dem Schulterschluss republikanischer (Erb-)Diktaturen mit konservativen Herrscherdynastien beruht. Allein Gaddafi scherte aus dem arabischen Chor des Schweigens und des halbherzigen und ängstlichen Stammelns von Glückwünschen an das tunesische Volk aus. Der dienstälteste Staatschef der Welt drückte seinen „Schmerz“ über den Sturz Ben Alis aus, nachdem er ihm lebenslange Regentschaft gewünscht hatte. Und meinte wohl sich selbst damit.
Das Bedeutsame an Volksaufständen ist, dass sie die Mechanismen eines Gesellschaftssystems in ihrer Tiefe aufdecken und herrschende Vorstellungen auf den Kopf stellen. Und dementsprechend hat die tunesische Revolte die Demokratiedebatte in unseren (arabischen) Ländern entschieden. Denn hier wetteifern zwei Gruppen, die beide der Illusion anhängen, der Westen wolle uns die Demokratie aufdrängen. Die einen hoffen auf ein westliches Eingreifen, und sei es auch mit Panzern, während die anderen im Namen nationaler und religiöser Besonderheiten und aus einer Trotzhaltung gegen den kolonialistischen Westen die Demokratie ablehnen. Die westlichen Mächte ihrerseits haben am Beispiel Tunesiens einen weiteren Beleg dafür geliefert, dass die Demokratie in Europa und Amerika ein reines Lokalprodukt ist, das nicht zum Export vorgesehen ist, ja mehr als das: das davon lebt, indem man Kriege gegen andere Völker führt, deren Ressourcen kontrolliert und ausbeutet, und indem man deren dynastische Tyrannenregime unterstützt.
Der Aufstand des tunesischen Volkes dagegen ist Beweis dafür, dass die Demokratie auf der Straße liegt und dass sie unter Opfern, um den Preis von Blut und durch Entschlossenheit erkämpft werden kann, wenn man seinen Gegner kennt. Keinerlei Identitäts-, Authentizitäts- oder Kulturkomplexe gab es hier. Wir sprechen von einem Land, das sich als erstes in der Region 1861 eine Verfassung gab, die erste moderne Zeitung herausgab, das sich von den Ideen seiner großen Denker wie denen von Abul-Qasim ash-Shabbi und dem Vordenker der Befreiung der Frau, Tahar Haddad, inspirieren lässt; von einem Land, das sein Momentum aus seinem Unabhängigkeitskampf bezieht. Wir sprechen von einem Land, das sich auf die Tradition eines säkularen Staates und eines fortschrittlichen Zivil- und Familiengesetzes beruft, einem Land, in dem Frauen im öffentlichen Leben ihren Platz einnehmen und in dem die Gewerkschaften eine historische Rolle bei der Verknüpfung des nationalen Kampfes mit dem für soziale Gerechtigkeit gespielt haben.
Der tunesische Umsturz geschah nicht aus heiterem Himmel. Bereits zuvor gab es in mehreren arabischen Ländern einen unabhängigen, demokratischen, von den Massen getragenen Kampf. Tunesien ist lediglich der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Volkserhebungen für Brot, Arbeit und Freiheit. Allein diesen ist es zu verdanken, dass es in nicht wenigen arabischen Staaten heute Parteien- und Pressepluralität gibt, dass zunehmend öffentliche Freiheiten gewährt wurden, dass gewählte Institutionen mehr Kompetenzen bekamen und dass es zu Machtwechseln kommt. In diese Reihe von Erhebungen gehörte im Wesentlichen der „ägyptische Januar 1977“, der algerische Aufstand der „Herumhänger“ sowie die Brotrevolten in Marokko und im Süden Jordaniens. Und das war alles nur der Anfang.
Brot, Arbeit, Freiheit, ausgewogene regionale Entwicklung, soziale Gerechtigkeit: Es ist nicht zu übersehen, was alle diese Forderungen vom Golf bis zum Atlantik vereint. Aus ihnen bildet sich eine Welle sozialer Reaktionen auf eine neoliberale Globalisierung, durch die die Preissubventionierung für Lebensmittel wegfiel, durch die Marktkräfte entfesselt und öffentliche Dienstleistungen wie Wasser, Strom, Gesundheit und Bildung privatisiert wurden. Ganze Wirtschaften wurden auf Kosten produktiver Sektoren umgewandelt zu profitablen, konsumorientierten Märkten mit einem Bildungssystem, das Arbeitslose mit Abitur und Diplom produziert. Im Ergebnis wachsen Unterbeschäftigung, Ausgrenzung und Unterschiede zwischen Klassen und Regionen.
Die tunesische Revolte ist eine Revolte der Armen, der Ausgegrenzten und der Arbeitslosen. Und sie wird sich nicht blenden lassen von Begriffen, wie Frau Clinton sie gegenüber arabischen Herrschern benutzt: Man müsse Korruption bekämpfen und Reformen umsetzen. Genau dies ist die trügerische Sprache des Neoliberalismus, die die Armen als eine Plage ansieht und die dazu aufruft, kleine bestechliche Beamte zu bestrafen und die korrupten Kapitalisten, Mafiosi und Petrokraten laufenzulassen, die ihre politische Macht dazu benutzen, sich wirtschaftliche Vorteile aufzubauen und gestohlene Reichtümer im Ausland anzuhäufen oder sie dort anzulegen. Die Tunesier liegen dagegen völlig richtig mit ihrem Korruptionsfokus: Sie fordern, den ehemaligen Präsidenten, seine Familie und sein Gefolge vor Gericht zu stellen und seinen Geldern und Besitztümern, die bis nach Argentinien verstreut sind, nachzuspüren.
Insofern ist der tunesische Umsturz auch eine Kritik an der neoliberalen Praxis in unseren (arabischen) Ländern und eine klare Warnung an Nichtregierungsorganisationen und ihre Illusion, man könne auch außerhalb der Politik etwas erreichen, indem man die Belange der Menschen in getrennte Bereiche aufspaltet: Jugend, Frauen, Umwelt, Menschenrechte, Kleinkredite, Kultur, Bildung, neue Geschäftsfelder, Sicherheit und Frieden undsoweiter, womit Rechte und Staatsbürgertum ihrer Bedeutung insofern beraubt werden, als man an ihre Stelle Dienstleistungen und Almosen setzt und man mit der Bezeichnung „Menschenrechte“ wirtschaftliche und soziale Rechte durch Individualrechte ersetzt.
In Tunesien, aber auch anderswo in der arabischen Welt, wird mit den Revolten der Grundstein gelegt für die Erhebung einer dritten, unabhängigen soziopolitischen Kraft, die gegen die bestehenden Regime kämpft, sich aber in islamischen Bewegungen nicht wiederfindet, da diese sich nicht vom Neoliberalismus befreien können. Diese Kraft unterstützt weder Neoliberalismus noch Islamismus. Im Internet wie auf der Straße kann man sie wachsen sehen. Ihre Parolen sind „heute Ben Ali, morgen Husni Mubarak“, und „heute Ben Ali, morgen Ali Abdallah Saleh“. In Jordanien fordert die Bewegung vorerst nur die Absetzung des Ministerpräsidenten als Bauernopfer anstelle des Königs. Aber Demonstrationen gegen überhöhte Preise und für Arbeit finden nun auch dort statt, wo man sie bisher nicht kannte: in den palästinensischen Autonomiegebieten oder in der saudischen Hauptstadt Riad, wo Arbeitslose Sitzstreiks veranstalten.
Der Aufstand von Tunesien war beinahe spontan. Keine der Oppositionsparteien im Inland führte sie an (die ernstzunehmenden, radikalen wie die Kommunistische Arbeiterpartei waren ohnehin in den Untergrund abgedrängt), und nur wenige Nichtregierungsorganisationen nahmen daran teil. Seine Spontaneität war seine große Stärke und droht jetzt seine große Schwäche zu werden. Denn in Tunesien ist ein Diktator gestürzt worden, aber noch nicht die Diktatur. Diese hat noch Kraft, auch wenn sie erschüttert ist. Sie hat noch Unterstützer, besonders in den Sicherheitskräften und in der Armee, von ihren Komplizen in Paris und Washington einmal ganz abgesehen. Sie setzt auf das Chaos.
Die Schlacht ist noch nicht vorbei. Der Kampf für eine Verwandlung der Revolte in eine Revolution hat begonnen. Es ist an der Zeit, die Märtyrer zu rühmen und aufmerksam zu beobachten, wohin die Dinge sich entwickeln und was die Gegner und Feinde tun. Und es ist Zeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Und schließlich ist es an der Zeit, etwas neue Hoffnung zu schöpfen. Hoffnung, die uns eine Jasminrevolte im Lande des Jasmin verspricht.
Fawwaz Traboulsi ist Professor für Geschichte und Politik an der Lebanese American University in Beirut. Er war als Gastprofessor an der Columbia University in New York tätig und ist momentan Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. Er publiziert zu arabischer Geschichte, Politik und sozialen Bewegungen.
Übersetzung aus dem Arabischen: Günther Orth
Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung
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22.01.2011
Zur Reichweite eines UNO-Konzepts
Der nach dem Kosovo-Krieg heftig umstrittene Begriff der "humanitären Intervention" wurde durch das so genannte "Prinzip der Schutzverantwortung" (Responsibility to Protect) abgelöst und von den Vereinten Nationen im Jahre 2005 anerkannt. Danach stehen zwar Prävention und Wiederaufbau im Vordergrund. Eine Kurzzusammenfassung dieses Konzepts finden Sie in der PDF-Datei, die Sie herunterladen können.
Andrea Behm erläutert das Konzept "Responsibility to Protect".
Gleichzeitig aber wird die internationale Staatengemeinschaft in die Pflicht genommen, bei gravierenden Menschenrechtsverletzungen gegebenenfalls auch gewaltsam einzugreifen. Damit wird ein Ausweg aus dem Konflikt zwischen humanitär gebotenem Menschenrechtsschutz und völkerrechtlich zwingendem Gewaltverzicht versucht.
Wie aber kann die Quadratur des Kreises gelingen? Kann das hohe moralische Ziel des Menschenrechtsschutzes nicht zur Tarnung eines Kolonialismus benutzt werden? Werden Verantwortung und Hilfe nicht von machtpolitischen, wirtschaftlichen und strategischen Eigeninteressen überlagert und schlagen dann schnell in Einmischung und Entmachtung um?
Wir näherten uns diesen kontroversen Fragen, indem wir das Thema "in den Raum stellten": Die Teilnehmenden bildeten – unterstützt von Fachexperten – stellvertretend für die Konfliktbeteiligten deren Ziele, Interessen und Bedürfnisse räumlich ab.
.
Eine ausführliche Zusammenfassung der Aufstellung, ihrer Dynamik und der Ergebnisse wie auch der Reaktionen der Teilnehmenden können Sie ebenfalls als PDF-Datei herunterladen.
Downloads zum Artikel
ReferentInnen
Dr. Ruth Sander
Supervisorin, systemische Beraterin, "Politik im Raum"
Dr. Winrich Kühne
Jurist, ehem. Direktor des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze, Berlin
Christiane Ernst-Zettl
Berufssoldatin
Andrea Behm
Juristin, Regionalforum Ziviler Friedensdienst Südbayern
Partner
Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik (AGFP)
Evangelische Stadtakademie München
Heinrich-Böll-Stiftung
Frauensicherheitsrat
Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit
Regionalforum ZDF Südbayern
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12.01.2011
Von Wissenschaft bis Praxis:
Tagung zu aktuellen Problemfeldern am Hindukusch
Das Kernstück der Tagung waren die Workshops, die zu Themen aus Wissenschaft und Praxis Konfliktlinien in Afghanistan nachzeichneten. Um die Teilnehmer/innen angemessen auf diese komplexe inhaltliche Arbeit vorzubereiten, wurde unter der Leitung von Dr. Andreas Bock eine Einführungsveranstaltung am Vorabend abgehalten, in der versucht wurde, den Studierenden ein erstes Verständnis für die vorherrschenden Konflikte und deren Faktoren zu vermitteln.
Im Rahmen der Workshops konnte sich am darauf folgenden Tag jede/r Teilnehmer/in intensiv mit einem Teilaspekt des Afghanistan-Konflikts beschäftigen. In der Arbeitsgruppe, die von Florian Kühn geleitet wurde, lernten die Teilnehmenden die Problematik des Statebuilding in Afghanistan kennen. Schon im Voraus setzten sich die Studenten/-innen mit Texten zu diesem Thema auseinander, sodass zügig ein intensiver und inhaltlich spannender Austausch stattfinden konnte. Florian Kühn, der an der Helmut- Schmidt-Universität in Hamburg lehrt und sich schon lange mit dem Afghanistankonflikt auseinandersetzt, reflektierte mit den Teilnehmern/-innen eigene Thesen und wissenschaftliche Analysen zur Situation in Afghanistan.
Einen ganz anderen, aber nicht minder relevanten Ansatz verfolgte Laila Noor. Die gebürtige Afghanin beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Frauensituation in Afghanistan und setzt mit ihrer Organisation Afghan Women Association bei der Förderung von Bildungsarbeit an. Durch den Bau von Schulen in der Region und den Einsatz für verbesserte Bildungschancen junger Mädchen leistet sie wertvolle praktische Konfliktbearbeitung. Mittels ihrer eigenen Erfahrungen verschaffte Frau Noor den Teilnehmern/-innen einen ganz besonderen, persönlich-authentischen Einblick in die Probleme des Landes.
Malte Gaier, der momentan an der Universität Erfurt promoviert, setzte sich in seiner Arbeitsgruppe aus wissenschaftlicher Perspektive mit Pakistans Rolle im Afghanistan-Konflikt auseinander. Diese Dimension, der oftmals nicht genügend Beachtung geschenkt wird, wurde von den Partizipierenden beleuchtet und spannende Erkenntnisse wurden gemeinsam herausgearbeitet. Besonders an diesem Thema wird deutlich, dass sich die Studierenden in der Planung bewusst für einen weiten Fokus auf den Afghanistan-Konflikt entschieden haben und damit eine breite Auswahl an Workshopthemen bereitstellen konnten.
Die umfassende Betrachtungsweise der Situation veranschaulicht auch der Workshop von Nicole Birtsch. Sie arbeitet im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes an der Universität Kabul und baut dort ein Netzwerk für Friedens- und Konfliktforschung auf. Sowohl ließ sie die Workshopteilnehmer/innen an ihren persönlichen Erfahrungen teilhaben, als auch an der Idee hinter dem Aufbau der Friedensforschung an der Universität Kabul. Dieser für die Studierenden sehr neue Ansatz zur Friedensarbeit stieß auf viel Interesse und Anklang.
Im Anschluss an den intensiven Austausch in den Workshops fand resümierend eine gemeinsame Diskussionsrunde statt, um den jeweils anderen Arbeitsgruppen einen Einblick in die verschiedenen Perspektiven zu gewähren. Ein besonderer Gast des Plenums war PD Dr. Jochen Hippler, der zu den führenden Afghanistanforschern in Deutschland zählt und gerne die Diskussion um seine Expertise ergänzte.
Veranstaltungsort
Augsburg
Partner
Universität Augsburg
Art der Veranstaltung
Tagung
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19.12.2010
Die europäische Flüchtlingspolitik verfolgt seit mehreren Jahren ein neues Ziel: MigrantInnen sollen schon in den Transitländern wie Marokko und dem Senegal aufgehalten werden, ohne je die EU-Außengrenzen zu erreichen. Mit unserer Veranstaltung sollte für die dramatische Situation von MigrantInnen in Nord- und Westafrika und die Verantwortung der europäischen Länder dafür sensibilisiert werden. Gleichzeitig sollte über die Menschenrechtsarbeit afrikanischer NGOs informiert werden um Kooperationen und Unterstützung mit bzw. für diese anzustoßen.
Zum Einstieg wurde der Kurzfilm „Ein Traum von Europa“ von Steffen Weber gezeigt. Es folgten zwei Vorträge. Miriam Edding arbeitet seit Jahren eng mit der marokkanischen Menschenrechtsorganisation ABCDS zusammen und zog als Teilnehmer der internationalen Konferenz "5 Jahre Ceuta und Melilla, 5 Jahre Frontex", die im Oktober in Oujda (Marokko) stattfand, Bilanz. Die Auswirkungen der EU-Migrationspolitik, die aktuelle Situation von Flüchtlingen und der zivilgesellschaftliche Widerstand in Marokko waren Thema des Vortrags. Hans Georg Eberl ist langjähriger Aktivist der Karawane München und berichtete von der migrantischen Selbstorganisation in Nord- und Westafrika und der Flüchtlingskarawane zum Weltsozialforum (WSF), an deren Vorbereitung er beteiligt ist.
Besonders erfreulich sind zwei Folgeanfragen von TeilnehmerInnen: Zum einen von einer Gymnasiallehrerin welche ein Schulprojekt zum Thema durchführen möchte und zum anderen durch Attac-München, die eine Parallelveranstaltung zum WSF mit den Referenten durchführen möchte.
Empfohlene Weblinks
Veranstaltungsort
München / Nürnberg
Partner
KARAWANE
Bayerischer Flüchtlingsrat
HINTERLAND REDAKTION
Art der Veranstaltung
Film, Vorträge & Diskussion
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02.12.2010 - 19:00
Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern
"Die meisten Israelis und Palästinenser, die der deutschen Öffentlichkeit bekannt sind, neigen dazu, sich in einem endlosen Konflikt zwischen Gut und Böse zu sehen, und denken in Schwarz-Weiß-Klischees. Alexandra Senffts fesselnde Begegnungen in Israel und Palästina lassen uns Stimmen des Zweifels und der Vernunft, der Kritik und des Mutes hören." (Tom Segev).
In ihrem Buch schreibt sie über Begegnungen, in denen Palästinenser und Israelis nach der Methode "Storytelling in Conflict" des israelischen Psychologen Dan Bar-On über äußere und innere Grenzen hinweg Dialoge führen.
ReferentInnen
Alexandra Senfft
Islamwissenschaftlerin und Publizistin, war Nahostreferentin im Bundestag und UNO-Mitarbeiterin in den palästinensischen Gebieten und im Vorstand des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten
Veranstaltungsort
München, Evangelische Stadtakademie, Herzog-Wilhelm-Str. 24
Kosten
6,- / erm. 5,- Euro
Partner
Evangelische Stadtakademie München
Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München
Art der Veranstaltung
Vortrag und Diskussion
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